Kaniak-Urban, Christine/Lex-Kachel, Andrea: Wenn Geschwister streiten

Kösel (Juli 2005)
ISBN-10: 3466306957
ISBN-13: 978-3466306954
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Bewertung: 4 von 5 Raben

Das Buch beginnt mit einem Blick auf das sogenannte Familienhaus, das in unterschiedliche Zimmer für die unterschiedlichen Netze von Beziehungen unterteilt wird. Diese Räume beinhalten nicht nur die verschiedenen Personengruppen, sondern haben auch bestimmte Funktionen zu erfüllen, die für das Familienleben wichtig sind.

Auch dieses Buch beschäftigt sich mit der Position und der Rangfolge von Geschwistern, vertritt aber erfreulicherweise nicht die Ansicht, dass diese so enorm wichtig für das Verhältnis untereinander sind, wie in anderen Ratgebern behauptet wird. Im Gegenteil wird in diesem Buch vor allem die Bedeutung der Familienatmosphäre und das Verhalten der Eltern für die Beziehung der Geschwister herausgearbeitet.

Es geht unter anderem darum, die Individualität der Kinder zu erkennen und zu akzeptieren und die eigene Herkunft und damit einhergehende (destruktive) Botschaften aufzuarbeiten, um das eigene Kind richtig sehen zu können. Eltern werden angehalten, den Fokus auf die positiven Verhaltensweisen ihres Kindes zu legen, "richtig" zu loben, Rollenzuschreibungen (auch die in der Herkunftsfamilie), Rollenzwänge und Erwartungen kritisch zu betrachten, weil Kinder sich danach verhalten und damit Rivalität und Kampf unter den Geschwistern hervorgerufen werden.

Interessant finde ich die Beschreibung der Kindertypen, die die Autorinnen herausarbeiten und die, je nach Wesen und Eigenart, auch in unterschiedlichen Konfliktsituationen das bevorzugte Verhalten verstärken und einsetzen. So gibt es zum einen die Wir-Experten, die noch einmal in Seelchenkinder, die durch besonderes Feingefühl und Intuition bestechen und Pflichtkinder, die sich vor allem stark an anderen ausrichten und anpassen, unterteilt werden. Zu den Ich-Experten zählen Abenteurerkinder, die vor allem Naturerlebnisse, Sinneswahrnehmungen und Action brauchen und die Schlaukopf-Kinder, die durch Wissen und Intelligenz und deren Einsatz bestechen.

Streitsituationen werden nicht durch Sanktionen, sondern durch Vermitteln und Verstehen gelöst. Dazu gehört, dass die Eltern analysieren, was der Auslöser war, ob es Sieger und/oder Verlierer gibt und welche Rollenzuschreibungen und -erwartungen existieren. Eltern sind nicht Schiedsrichter, sondern vermitteln, indem sie alle Parteien verstehen und wertschätzend Grenzen setzen. Es wird aufgefordert, Konfliktgespräche zu führen, in denen es nicht um Wertung oder (Ver)urteilen geht, sondern um eine gewaltfreie Kommunikation, die die beiden Seiten einander näher bringt. Als eher letzte Lösung bei andauernden und wiederkehrenden Konflikten sollen Elemente aus der Verhaltenstherapie eingesetzt werden, von denen die Autorinnen selbst sagen, dass es teilweise mit Dressur zu tun hat.

Ich finde dieses Buch erfrischend, weil es einen völlig anderen Blickwinkel hat, in dem es nicht um unabänderliche Positionen geht, sondern um den Blick auf das System und die unterschiedlichen Rollen darin. Vor allem zum Schluss fällt mir auf, dass auch viele verblüffend simple Praxistipps enthalten sind, die gar nicht ausschließlich etwas mit Geschwistern und deren Streits zu tun haben, sondern einfach der Entlastung der Familienmitglieder dienen, womit dem gesamten Netzwerk sehr geholfen wird.

2 Kritikpunkte gibt es dennoch:
Zum einen die Anwendung einiger Methoden aus der Verhaltenstherapie, die im Widerspruch zum sonst ausgesprochen liebe- und verständnisvollen Konzept des Buches zu stehen scheinen. Zum anderen ist an einigen Stellen die Rede von negativen Konsequenzen und Strafen, die in "Schmerzhaftigkeit und Härte" (was darunter verstanden wird, wird nicht weiter ausgeführt) verhältnismäßig sein sollten. Deshalb gibt es einen Raben Abzug.
Ines

Bewertung: 4 von 5 Raben

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