Schenk, Herrad: Wieviel Mutter braucht der Mensch?

Rowohlt Tb, 6., Aufl. (März 1998)
ISBN-10: 3499603764
ISBN-13: 978-3499603761
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Bewertung: 5 von 5 Raben

Herrad Schenk beleuchtet den Mythos von der guten Mutter kritisch und differenziert. Für platte Argumentationen ist sie sich zu schade. Der Weisheit letzter Schluss sind ihre Thesen nicht. Sie gibt zu bedenken: " Vermutlich würden manche meiner Thesen anders ausfallen, wenn ich selbst Mutter wäre." Ein sympathischer Einwand, wie ich finde.

Wie sah Mutterschaft am Ende des 19. Jahrhunderts aus? Herrad Schenk forscht in ihrer eigenen Familie nach. Da gab es Großmutter Else, die aus wohlhabenden Verhältnissen stammte und es absurd gefunden hätte, einem Beruf nachzugehen. Ihre beiden Kinder ließ sie mehrere Male im Jahr, auch bereits wenige Wochen nach der Geburt, bei einer Amme zu Hause zurück, um mit ihrem Mann auf Reisen zu gehen. Die Kinder waren ja in guten Händen. Großmutter Else konnte nicht stillen. Oder wollte nicht? Die Wirkung des Stillens, so hieße es, würde den Busen ruinieren. Studien, die belegten, Stillen sei das Beste für Mutter und Kind, gab es zur damaligen Zeit nicht, und so stillten die Mütter gar nicht oder ab, ohne die Spur schlechten Gewissens. Großmutter Franziska musste im Geschäft ihres Mannes mitarbeiten. Ihre Zeit reichte nicht aus, um sich um die 7 Kinder zu kümmern. So wurden 3 schon im Kleinkindalter an alleinstehende Tanten abgegeben, die sie wie ihre eigenen aufzogen - war es doch zum Besten der Kinder. Hatte Großmutter Franziska Zeit, mit ihren Kindern zu spielen? Eine völlig überflüssige Frage.

Heute sind die meisten Mütter ihr eigenes Dienstmädchen, findet Herrad Schenk. Sie ist der Meinung, dass der Emanzipationsprozess durch die Mutterrolle, so wie sie sich in den letzten 3 Generationen entwickelt habe, wieder zurück genommen werde. An dieser These ist mehr Wahres dran, als Müttern lieb sein kann, finde wiederum ich. Gerne zitiere ich noch ein paar Thesen, weil sie so schön (böse) sind:

"Unsere Wirtschaftsordnung hat aus der Fortpflanzung, die früher eine soziale Selbstverständlichkeit und zugleich ökonomische Notwendigkeit war, eine Privatangelegenheit des Paares (und manchmal sogar nur der Frau) gemacht - gewissermaßen ein Hobby, das die einen sich etwas kosten lassen, während die anderen eben andere Hobbys vorziehen."

"Kinder zu bekommen wird immer mehr als Abenteuer erlebt, als Aufbruch ins Unbekannte, der zwar mit Anstrengungen und Risiken verbunden ist, bei dem aber auch neue Gefühle und Erlebnisse von großer Intensität als Belohnung winken."

"Der Beruf ist langweilig oder unerfreulich, die Liebesbeziehung trägt nicht, andere positive Lebensperspektiven werden nicht gesehen. Vom Kind wird dann all das erwartet, was jetzt fehlt, es soll die Löcher füllen und Wunden heilen."

"Für die Entscheidung, ob man Kinder haben will oder nicht, hat man wohl oder übel das "falsche Bewusstsein", nämlich das kinderlose."

"Früher glaubte man nicht, dass Frauen, nur weil sie Kinder zur Welt bringen, auch am besten befähigt seien, Kinder zu betreuen. Vor allem hielten die Frauen sich selbst nicht qua Geschlecht allesamt für geduldige Kindermädchen und begnadete Pädagoginnen."

"Ich habe dieses Kind nicht zur Welt gebracht, um es den ganzen Tag in eine Krippe, einen Hort oder eine Ganztagsschule abzuschieben. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Ich habe es zur Welt gebracht, es ist mein Kind, ich will es solange wie möglich in meinem Einflussbereich halten."
"Das eigene Kind ist zum Selbstverwirklichungsprojekt mancher Frau geworden."

"Die ExpertInnen-Ratschläge gehen fast immer dahin, die Mütter im Bewusstsein zu stärken, - Ihre Mutter (Schwiegermutter) muss lernen, dass sie sich aus der Erziehung rauszuhalten hat! - Wenn sie nicht einsichtig ist, gibt es eben Enkelentzug."

"Viele Mütter erleben jede Reaktion auf ihr Kind, die nicht positiv oder gewährend ist, als kinderfeindlich. Das hängt mit der Überidentifikation mit dem Kind zusammen, die wiederum das Ergebnis ihrer Alleinzuständigkeit ist. Kritisiert eine andere Person das Kind, so fühlt sich sofort die Mutter kritisiert - die ja alleinverantwortlich für das Kind und damit auch für jedes Fehlverhalten von ihm ist. In solch einer Situation empfindet die Mutter keineswegs erzieherisch auf ihr Kind einzuwirken, sondern sie bekommt Aggressionen gegen die "kinderfeindliche Umwelt"."

"Die Idealisierung der Mutterliebe und die Aufwertung der Kindheit haben sich in den letzten 3 Jahrhunderten vollzogen; das eine hat das andere bedingt und gefördert. Der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Vollzeitmutterschaft für das Einzelkind - die Eins-zu-Eins-Betreuung eines einzigen Kindes durch seine Mutter, rund um die Uhr."

"Dieser Idealisierung der Mütterlichkeit ging im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit eine Spaltung des alten archaischen Bildes der Großen Mutter in eine "gute" und eine "böse" Mutter voraus: Die sichtbarsten sozialen Symptome dieser Spaltung waren Marienkult und Hexenwahn."

Ich könnte noch weiter und weiter machen ... Die Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen, scheinen mir wie pure Giftpfeile mitten ins Herz einer Rabenmutter zu sein. Mich hat die Lektüre des Buches gut unterhalten, stellenweise fühlte ich mich ertappt, dann wieder fand ich, nee, so stimmt das nicht und hier und da musste ich still vor mich hin grinsen - ja, ja, eulalie, aus dieser oder jener Rabenmutterphase bist du längst heraus gewachsen. Auf jeden Fall sind meine Gehirnzellen in Wallung geraten und haben meine ein oder andere "schräge" Perspektive aufgemischt. Jetzt muss ich erst mal wieder eine neue Ordnung schaffen.

Am Schluss des Buches hat Herrad Schenk eine Wunschliste an die Politiker formuliert -> Elternschaft darf nicht nur Privatvergnügen sein. Sie hat aber auch eine Wunschliste an die Adresse der Mütter parat, unter anderem dies:
"Es wäre gut, wenn viele Frauen verstehen würden, dass die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, sie nicht von der Notwendigkeit enthebt, weiterhin für sich selbst nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Kinder sind gewiss eine Antwort auf die Frage nach einem sinnerfülltem und befriedigendem Leben, aber keineswegs die einzige und weder kurz- noch langfristig eine hinreichende Antwort. Wie belastend muss es für ein Kind sein, wenn es spürt: Außer mir hat die Mutter nichts in der Welt."

Gut gebrüllt Löwin!
eulalie

Bewertung: 5 von 5 Raben

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