 |
"Teilzeit-Windelfrei"
Zum ersten Mal las ich von der Möglichkeit, Babys ohne Windeln
aufwachsen zu lassen, als Alma ca. 1 Jahr alt war. Ich fand den
Gedanken durchaus nachvollziehbar, leicht abgedreht, faszinierend
und für uns völlig undurchführbar.
Während meiner zweiten Schwangerschaft wurde ich immer neugieriger
auf einen Versuch. Ich informierte mich gründlicher und verfolgte
gespannt die Diskussionen in unserem Rabeneltern-Windelfrei-Forum.
Die ersten Tage mit neuem Baby gestalteten sich jedoch ganz anders,
als ich mir das so vorgestellt hatte. Ich versuchte zwar, das Baby
möglichst viel ohne Windeln zu lassen, jedoch war er so klein,
dass ich nicht wusste, wie ich ihn abhalten sollte und er pinkelte
alles voll – im 5-Minuten-Rhythmus.
Nach ungefähr 10 Tagen hatte ich meine erste Krise. Dass Babys
am Anfang so undicht sind, hatte ich vergessen. Florian kümmerte
sich nicht im Geringsten darum, dass Babys im Tragetuch „eigentlich“
nicht pieseln – er tat es trotzdem. Auch im Schlaf pinkelte
er munter vor sich hin – und wachte zu allem Überfluss
davon auf. Und obwohl die Geburt leicht gewesen war, war ich in
meinen Reaktionen oft einfach nicht beweglich und schnell genug.
Einzig die Tatsache, dass Florian einmal täglich ins Waschbecken
kackte, beflügelte mich, weiterzumachen; immer mit der latenten
Sorge, dass „schon“ alles zu spät sein könne,
wir DEN Anfang verpasst haben könnten.
Nach ca. 10-12 Wochen spielte sich langsam ein für mich erkennbarer
Rhythmus ein, ich begann, die Signale meines Kindes wahrzunehmen.
Er begann zu strampeln, wenn er im Tragetuch musste. Und pinkelte
nicht mehr im Schlaf. Vor allem aber zeigte er uns ganz deutlich,
dass er die Windel unbequem fand und lieber ohne sein wollte. Es
überraschte mich immer wieder, wie viel mobiler und fröhlicher
der kleine Kerl ohne Windel war.
Inzwischen ist Florian 6 Monate alt und wir haben uns langsam aufeinander
eingespielt, unsere Vorstellungen und den Alltag mit zwei Kindern
mehr oder weniger in Einklang gebracht. Im Haus ist er tagsüber
windelfrei. Draußen und nachts trägt er Windeln. Das
Thema „nachts abhalten“ haben wir jetzt erst in Angriff
genommen, da er uns nachts inzwischen deutlich signalisiert, dass
er abgehalten werden möchte. „Draußen windelfrei“
habe ich auf die wärmere Jahreszeit verschoben.
Überhaupt war (und ist) das für mich eines der größten
„Herausforderungen“ beim Thema Windelfrei: Festzustellen,
dass in unserer Lebenssituation windelfrei nur begrenzt möglich
ist und zu akzeptieren, dass Kompromisse nötig sind - und entsprechende,
für uns umsetzbare Lösungen zu finden. Nach wie vor ist
„unser windelfrei“ oft eine Gratwanderung zwischen dem
Wunsch meines Sohnes, ohne Windel zu sein (er zeigt sehr deutlich,
dass er ohne glücklicher ist) und äußeren Zwängen,
aufgrund derer er doch (zu) oft gewickelt wird. Könnte ich
die Zeit zurückdrehen, so würde ich am Anfang allerdings
sehr viel gelassener an die Sache herangehen. Ich habe mir rückblickend
aus Unsicherheit heraus doch viel unnötigen Stress gemacht.
Auch wenn wir meilenweit von einem wirklich windelfreien Leben
entfernt sind, ist uns eines klar: Windelfrei stellt für alle
Beteiligte eine Bereicherung dar und macht Spaß. Unsere Beziehung
ist viel facettenreicher und sowohl mein Mann als auch ich stellen
fest, dass wir unseren teilzeitwindelfreien Sohn anders (kompletter!)
wahrnehmen, als dies mit einem komplett gewickelten Baby der Fall
ist. Und unsere Tochter ist der Ansicht: „Unser Baby ist pippifrei“.
Gundula für Rabeneltern.org, Februar 2005
|