 |
Ein paar weit verbreitete Mythen und Vorurteile
zu "Windelfrei" oder auch "TopfFit" (zum Teil
aus eigener Erinnerung ;-))
Der Schließmuskel
Ich dachte ja immer, sobald ich meinem Baby die Windel ausziehe,
bin ich einem völlig unberechenbaren Schwall von Urin und Stuhl
ausgesetzt, der über mich hereinbricht, wann immer Blase oder
Darm des Babys ein gewisses, von außen nicht erkennbares Füllungslevel
erreicht hat. Ungefähr als würde man eine von diesen fütterbaren
Puppen mit Wasser füllen. Irgendwann läuft es dann unten
heraus. Die Mütter, die ihren Kindern keine Windeln um den
Po packen, sind diesem "Irgendwann" schutzlos ausgeliefert
und unterwerfen ihren gesamten Tagesablauf - was sag ich - ihr gesamtes
Leben! dem perfekten Timing. Entweder müssen sie telepathisch
erahnen, wann das Füllungslevel erreicht ist oder sie müssen
mit stoischer Hingabe Pfützen aufwischen.
Auch wenn ich von "Signalen" und "Anhalten-Können"
las, sickerte die Bedeutung dieser Wörter nie richtig zu mir
durch.
Fakt ist aber, dass Babys meist merken, wenn sie müssen. Und
Fakt ist auch, dass sie, wenn sie erfahren haben, dass sie dafür
besondere Gelegenheiten angeboten bekommen, durchaus eine Zeit lang
anhalten können - wie wir auch.
nach oben
Die Babys müssen ständig nackt sein und dürfen keine
Windeln tragen (und sind demzufolge entweder ständig erkältet
oder holen sich Infektionen im Genitalbereich, da die schützende
Windel fehlt)
Quatsch.
Es hilft natürlich vor allem am Anfang, wenn das An- und Ausziehen
nicht extrem umständlich ist. Bodys sind auch nicht so toll,
denn geht mal was daneben, hat man einfach mehr Arbeit. Und zuhause
finde ich es z.B. oft wirklich praktischer, meiner Tochter nur eine
Unterhose anzuziehen, keine zusätzliche Hose. Aber bei Kälte
oder wenn wir unterwegs sind, ist sie immer "normal" angezogen.
Sie trägt auch manchmal Windeln, nämlich dann, wenn ich
weiß, dass es schwierig werden könnte, sie abzuhalten
(z.B. längere Autobahnfahrt) oder wenn ich weiß, dass
ich zu fremden Leuten zu Besuch gehe und einfach nicht riskieren
möchte, dass etwas daneben geht (-> Die Windeln bleiben
übrigens meistens trocken, denn sie zeigt trotzdem, wenn sie
muss und dann bringe ich sie aufs Klo. Ist halt nur umständlicher
als ein schlichtes Unterhöschen).
Und sie war bisher übrigens noch nie erkältet und hatte
auch keinerlei Infektionen.
nach oben
Die Mütter müssen ständig auf ihre Babys achten
Hmm. Ich finde, sie müssen nicht mehr auf ihre Babys achten
als man wohl ohnehin tun muss. Am besten gefällt mir hierzu
der Vergleich mit dem Stillen: Irgendwie weiß ich, wann meine
Tochter Durst hat. Es geht eindeutig aus ihren "Signalen"
und meinem "Timing" hervor. Aber ich muss sie dafür
nicht pausenlos im Auge haben.
Gut, sollte ich das Signal des "Ich-will-jetzt-Stillens"
missdeuten oder übersehen, wird sie es einfach vehementer vermitteln,
während sie im Falle des Pinkeln-Müssens wohl einfach
in die Hose machen würde. Aber: You live and learn :-)
An dieser Stelle soll auch nicht verheimlicht werden, dass es am
Anfang durchaus ein sehr großes Maß an Aufmerksamkeit
erfordert, wenn entgegen aller gesellschaftlichen Tradition das
Baby plötzlich von Anfang an ins Töpfchen machen darf.
Die ersten Wochen, in denen ich beschloss, meiner Tochter keine
Windeln anzugewöhnen, waren schon eine Herausforderung. Aber
zu einem großen Teil lag das daran, dass ich mir all das Wissen
zum Thema erst aneignen musste. Wäre es in unserer Kultur ganz
normal vorhanden, hätte ich die Sache bestimmt viel gelassener
angehen können.
nach oben
Die Wohnungen der praktizierenden Windelfrei-Familien erkennt man
am Geruch
Das kann ich nicht beurteilen: Ich wohne ja hier und hab mich daran
gewöhnt. :-)
Spaß beiseite, ich gebe zu, bei meinem ersten Kind war das
einer der Hauptgründe, wieso ich diese Windelfreigeschichte
nicht ausprobieren wollte: Ich wollte einfach nicht, dass unsere
Wohnung zu einer Siffhalde verkommt. Ich war früher sowohl
im Krankenhaus als auch in der Altenpflege tätig und weiß
aus dieser Erfahrung, wie schnell z.B. Bettwäsche anfängt
zu riechen, wenn man es mit der Hygiene nicht sehr genau nimmt.
Aber das sind ganz andere Voraussetzungen. Ich müsste lügen,
wenn ich behaupten würde, meine Tochter habe noch nie eine
kleine Pfütze auf dem Teppich oder auf dem Sofa hinterlassen.
Aber mit viel Wasser ist das schnell weggewischt.
Doch derartige Pfützen sind erstens die Ausnahme und zweitens
riechen sie nicht mal ansatzweise so schlimm wie ich erwartet habe.
Und sie hinterlassen auch keinerlei Spuren.
nach oben
Die Supermarktschlange
Das Lieblingstotschlagargument der Skeptiker: Was passiert, wenn
frau gerade mitten in der Supermarktschlange steht und das Kind
signalisiert, dass es muss. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht,
denn meine Tochter hat das in ihren 10 Lebensmonaten noch nicht
getan (und ich steh oft in Supermarktschlangen mit ihr). Aber es
gab natürlich schon Situationen, in denen ich dachte: "Och
nee, nicht jetzt!". Doch wir hatten immer noch genug Zeit,
ein Klo, einen Busch oder das Auto (mit Töpfchen im Kofferraum)
aufzusuchen, so dass es wirklich kein Problem ist. Denn Babys können
wirklich und wahrhaftig anhalten. Weiß das Baby, dass es regelmäßig
die Gelegenheit bekommt, zu pinkeln, ist es in der Regel sehr geduldig!
Ist zumindest meine Erfahrung.
Weiß ich allerdings, dass ich irgendwohin gehe, wo ich keinerlei
Gelegenheit haben werde, meine Tochter abzuhalten oder nicht sicher
sein kann, dass ich spontan auf sie reagieren kann, ziehe ich ihr
zur Sicherheit eine Windel an, um allen Beteiligten Unannehmlichkeiten
zu ersparen. Doch ich erwähnte bereits, dass die meist eh trocken
bleibt. Babys scheinen die Fähigkeit zu haben, ihr Ausscheidungsbedürfnis
aufzuschieben...
nach oben
Man kommt gar nicht mehr raus und unter normale Leute
Doch, es war wirklich so: Ganz am Anfang, meine Tochter war vielleicht
6 oder 8 Wochen alt, war ich wirklich am allerliebsten zuhause:
Alles war zur Hand, ich musste das Baby nicht umständlich anziehen,
hatte mich nicht mit fremden Toiletten und Badezimmern herumzuschlagen.
Gingen wir mal weg und die Kleine trug Windeln, war ich in Gedanken
ständig damit beschäftigt, ob sie vielleicht doch muss,
ob die Gastgeber es wohl seltsam fänden, wenn ich innerhalb
von 20 Minuten zum vierten Mal mit ihr ins Bad tappe usw.
Aber das waren wirklich nur Anlaufschwierigkeiten. Und genau betrachtet
ist es sowieso sehr entspannend, mit Neugeborenen nicht ständig
auf Achse zu sein, sondern eine Runde auf dem Sofa zu kuscheln.
Nach wenigen Wochen war das wirklich kein Problem mehr und ich bin
sicher, würde ich nun ein weiteres Baby bekommen, wäre
ich da schon von Anfang an souveräner. Das soll heißen:
Es ist nicht das "Windelfrei" an sich, dass die Sache
mit einer Aura von Umständlichkeit umgibt, sondern nur unsere
fehlende Erfahrung mit dieser Idee.
nach oben
Wir leben doch nicht im Urwald
Ja, doch. Auch gern zitiert. Klar, juckt es den Eingeborenen wenig,
wenn eine Pfütze auf dem Lehmboden seiner Hütte landet,
während der teure Perser, die luxuriöse Matratze und das
Ledersofa da schon anders reagieren.
Aber es geht trotzdem!!!
Zeitgleich mit meinen ersten Erfahrungen mit meinem windelfreien
Neugeborenen, gewöhnte sich mein größerer Sohn die
Windeln ab. Und rückblickend sehe ich keinen Unterschied, was
die Beeinträchtigung der Möbel betrifft. Beide Kinder
hatten Ausrutscher, aber bei keinem von beiden war es die Regel.
Und im Bett eine wasserfeste Unterlage zu haben, ist ja auch nicht
verboten (Wobei ich sagen muss, dass wir in den Nächten so
gut wie keine Unfälle haben. Allerdings weiß ich, dass
meine Tochter garantiert in der Nacht, in der ich einmal keine Unterlage
ins Bett legen sollte, vor lauter Zahnen o.ä. das Pinkeln verschlafen
würde...;-))
Ach ja, und ich vertrete übrigens nicht unbedingt die Ansicht,
dass alles, was in Naturvölkern praktiziert wird, auch hier
bei uns Sinn macht. Aber ich sehe bei diesem Thema keinen alltagspraktischen
Grund, die jahrhundertealten Erkenntnisse nicht bei uns anzuwenden.
Außer, dass die Windelindustrie es natürlich gar nicht
lustig fände, wenn plötzlich nicht für jeden Erdenbürger
automatisch ab Geburt ein 3-Jahres-Windelvertrag abgeschlossen würde.
nach oben
Die Babys erleiden psychische Schäden
Das hab ich nicht einmal geglaubt, als ich noch total gegen Windelfrei
war. Schäden erleidet ein Kind, wenn es nicht geliebt wird,
gequält, misshandelt, verachtet und gewaltsam zu Dingen gezwungen
wird, die es nicht tun will.
Wenn ich meinem Baby anbiete, in ein Töpfchen zu pinkeln statt
in einen chemischen Gelkern, so kann ich das eigentlich ganz gut
mit meinem Gewissen vereinbaren.
Und will mein Baby in diesem Moment nicht pinkeln oder war sie so
vertieft beim Spielen unterm Tisch, dass sich einfach dort erleichtert
hat, mache ich sie deswegen nicht zur Schnecke, sondern ziehe sie
einfach wieder an oder um.
Nee, nee, Herr Freud :-)
Ist ja schön und gut, aber mein Baby gibt keine sogenannten
"Signale"
Ganz so einfach ist es dann leider doch nicht, dass Mutter sich
schlau macht und das womöglich schon ein halbes Jahr oder länger
normal gewickelte Baby beherrscht von Stund an einen Geheimcode
und besteht auf sein Töpfchen... Babys sind extrem lernfähig
und akzeptieren nach einigen Wochen oder Monaten, dass es offenbar
Usus in unserer Welt ist, dann zu pinkeln, wenn der Po verpackt
ist. Die typischen, sogenannten "Unfälle", dass das
Baby nämlich genau dann loslegt, wenn die Windel weg ist, werden
immer seltener, Baby hat gelernt, um die Ausscheidungen kein Tamtam
zu machen, sondern sie sang- und klanglos in die Windel zu drücken.
Je eher man ihm beibringt, Tamtam zu machen ;-), desto weniger Aufwand
ist es: Das Baby ist sich seiner Ausscheidungen bewusst, zeigt dies,
erfährt Reaktion darauf... das Team spielt sich ein. Je später
man anfängt, desto mehr Geduld erfordert es. Man kann also
ausgehend von z.B. einem 8 Monate alten, normal gewickelten Säugling,
der ohne mit der Wimper zu zucken die Windel füllt, nicht folgern,
"windelfrei" funktioniere nur bei auserwählten, anderen
Babys. Nach acht Monaten Wickeln dauert es aber gewiss mehr als
einen Nachmittag, verdrängte Zusammenhänge zwischen Ausscheidungsbedürfnis
und kindlicher Wahrnehmung wieder herzustellen.
Es funktioniert nicht
Doch, tut es :-)
Molly, Ines und ... für Rabeneltern.org |