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Julis Tragegeschichte
Der Mensch ist ein Tragling. Das hat Mathis uns
in beeindruckender Weise bestätigt - und tut es eigentlich
immer noch...
Die ersten paar Wochen hat er auch im Kinderwagen gelegen, aber
dafür hätten wir uns das teure Ding nun wirklich nicht
kaufen müssen. Als Mathis zwei Monate alt war, haben wir einen
Urlaub in Südtirol gemacht und dafür einen Baby-Tragegurt
angeschafft. Ich weiß wirklich nicht, ob ein so kleines Kind
schon die Alternativen Tragegurt und Kinderwagen durchschauen kann
oder ob es Zufall war, aber nach den ersten "getragenen"
Spaziergängen war der Kinderwagen abgemeldet. Mathis hat jedes
Mal geschrien wie am Spieß, wenn man ihn damit herumfahren
wollte, und sobald er auf dem Arm war, hörte das Weinen schlagartig
auf. Oma und wohlmeinende Freunde äußerten natürlich
Bedenken. Dem Kind fehle doch offensichtlich nichts, und man gewöhne
ihm nur daran, dass er immer herausgenommen werde. Zur selben Zeit
hatte ich Liedloffs Plädoyer für das Tragen gelesen ("Auf
der Suche nach dem verlorenen Glück", siehe Bücherliste)
und war anderer Meinung. Natürlich fehlte Mathis ganz offensichtlich
etwas - auch der Körperkontakt gehört zu den Grundbedürfnissen.
Selbst mein Mann unternahm irgendwann einen Versuch nach dem Motto
"er wird schon wieder aufhören zu weinen". Tat er
aber nicht, und die Elternherzen schrieen mit.
Also wurde Mathis von da an durch die Welt geschleppt. Kommentare
wie "Aber Du kannst ihn doch nicht immer tragen" widerlege
ich (fast) bis heute - mit 14 Kilo ist er allerdings mittlerweile
wirklich sehr schwer... Damals aber habe ich täglich ausgiebige
Hundespaziergänge mit Tragegurt und etwas später mit dem
mir besser geeignet erscheinenden Tragetuch gemacht. Und auch die
Wohnung hat Mathis von meinem Arm aus erforscht. Die zuständigen
Muskeln wuchsen wohl einfach mit dem Kind mit. Natürlich tat
mir manchmal der Rücken weh, aber im großen und ganzen
waren wir beide mit der Lösung sehr glücklich. Man kann
natürlich nie sagen, wie sich ein Kind unter anderen Umständen
entwickelt hätte und ob seine Ausgeglichenheit und sein Selbstbewußtsein
teilweise auf das Tragen zurückzuführen sind. Was ich
für sicher halte, ist, dass unsere intensive Beziehung zum
Teil damit zusammenhängt. Mathis ist sehr anlehnungsbedürftig,
kommt oft zum Schmusen und bringt seine Zuneigung zu uns gern körperlich
zum Ausdruck.
Ganz von irgendwelchen Konsequenzen abgesehen hatte ich gar keine
ander Wahl, denn Mathis blieb standhaft. Auch der Sportwagen, der
ja den meisten Kindern dank der Sitzposition gut gefällt, wurde
von ihm rundweg abgelehnt, und seinen Willen brechen wollte ich
nach wie vor nicht. Stattdessen schafften wir also irgendwann eine
Rückentrage an.
Mein Mann hat neulich gefragt, ob wir den Wagen nicht einfach verkaufen
sollen. Selbst wenn wir noch ein zweites Kind bekämen, steht
für uns beide schon fest, dass das Tragen einfach dazu gehört.
Wir behalten ihn erstmal, vielleicht bietet er ja doch gewisse Vorteile.
Aber Mathis verbringt immer noch einen Teil des Tages auf meinem
Arm, und ich genieße es!
Juli
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