Rabeneltern.org Logo Schrift www.rabeneltern.org

Diese Seite drucken

Suchmaschine

  Rabeneltern.org Logo BildRabeneltern.org Logo Rubrik Tragen:
Erfahrungsberichte
Platzhalter
zurück
(Rayans) Papas Plädoyer fürs Tuch

Schon vor Rayans Geburt dachten wir aus dem Bauch heraus und vom Abgucken bei anderen Eltern, dass im Tuch tragen eine gute Sache sein könnte. Erst später lasen wir dann auch in Büchern wie "Dein Baby kann's" (von Rita Messmer) und "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" (von Jean Liedloff) über die entwicklungsfördernde Wirkung des Tragens und seine zentrale Rolle bei der Babypflege in sogenannten "nicht zivilisierten" (aber meist viel kinderfreundlicheren) Kulturen, besonders in den ersten zehn bis zwölf Monaten.

Wir tragen unseren Sohn Rayan, geboren im Mai 2002, seit er vier Wochen alt ist, und wir finden es einfach total schön, praktisch und sind überzeugt davon, dass es ihm für seine Entwicklung sehr gut getan hat und auch immer noch tut. Dass wir überhaupt richtig mit dem Tragen anfingen, war zum Teil auch (großes!) Glück. Wir hatten ein Tuch geschenkt bekommen, das für die besten Tragetechniken zu kurz war, und mit Hilfe der reichlich dürftigen Bindebeschreibung von Didymos ¹ haben wir dann rumexperimentiert und eine für Rayan wie für uns ziemlich unbequeme Kreuztrage hinbekommen, die wir kaum länger als eine halbe Stunde aushielten. Vor allem bei mir drohte Rayan - mangels stützender Brüste! - tatsächlich seitlich herauszukippen und die Knoten am Rücken und an der Seite drückten. Vermutlich hätten wir wie viele Eltern die Sache so bald aufgegeben.

Zum Glück trafen wir aber bald darauf im Mütterzentrum unseres Wohnorts eine junge Mutter und begeisterte Tuchträgerin - inzwischen eine Freundin - , die Tragetuchkurse anbietet (dafür eine spezielle Ausbildung gemacht hat!) und gleichzeitig Tücher verkauft und einen kompetent berät. Ein paar Tage später standen wir bei ihr auf der Matte, machten für 10 Euro den ersten (!) Kurs für die Tragetechniken bis vier Monate und kauften gleich anschließend ein richtig gutes und ausreichend langes (5,20 m) und gemessen am praktischen Wert mit 82 Euro im Rückblick lächerlich billiges Tuch.
So einen Kurs kann ich jedem, der sein Kind mit einem Tuch tragen will, nur wärmstens empfehlen! Da bekamen wir jede Bindetechnik erst mal langsam demonstriert und erklärt, übten dann "trocken" mit einer Puppe und schließlich "nass" und "ernstfalltauglich" mit Rayan höchstpersönlich, so lange, bis wir uns die Sache auch allein bzw. zu zweit zutrauten. Bei Problemen und Nachfragen bei der Anwendung im Alltag konnten wir kostenlos noch mal "Nachhilfe" bei unserer Kursleiterin nehmen, was später für das "auf den Rücken schmeißen" auch einmal nötig war.
Wir sehen immer wieder Mütter und Väter auf der Straße, die ihr Kind mit einer jämmerlichen und oft sogar schädlichen Bindetechnik im Tuch tragen, weil sie es offenbar nie richtig gezeigt bekommen haben. Solche Eltern sind dann oft prädestiniert, diese für Eltern und Kind gute Sache bald wieder aufzugeben, weil es schlicht zu anstrengend und zu unbequem ist; und sie fördern die Vorurteile von vielen Leuten, dass das doch schädlich für Rücken oder Kind sei.
Ganz wichtig ist z.B., dass das Tuch gut auseinander gezogen und verteilt wird, und nicht, wie man es leider oft genug sieht, nur auf 10 cm zusammengerafft ist und dem Kind die Genitalien und dem Träger die Schultern einschnürt und zusammendrückt. Wenn das Tuch richtig gebunden ist, ist es sowohl für Kind wie auch für den Träger absolut bequem und verursacht keine Verspannungen, weil das Gewicht gut verteilt ist. So ist das Tragen eines Babys bis zu drei oder vier Stunden kein Problem.

Seit dem Kurs trugen wir Rayan regelmäßig, etwa drei bis fünf Stunden am Tag, und hatten immer den Eindruck, dass es ihm extrem gut tut. Rayan hat von Anfang an nur wenig geschrieen, hatte selten Probleme beim Einschlafen, hatte selten Blähungen (und wenn er sie hatte, kam er ins Tuch und konnte sie so gut ertragen und "verarbeiten"), hat mit knapp vier Monaten durchgeschlafen und war und ist ein ausgesprochen ausgeglichenes und selbständiges Kind. Meine Frau und ich genossen es immer, ihn im Tuch zu haben, besonders auf dem Bauch als er noch ein Baby war, und man ihn ständig küssen und beschnuppern konnte, hmmmm! Da schlief er oft selig und schnaufte leise und war danach total erfrischt und gut drauf.
Außerdem war und ist das Tragen extrem praktisch: Wir konnten immer einen großen Teil der Hausarbeit (meine Frau und ich teilen uns Berufstätigkeit und Kindererziehung/Haushalt halb halb) problemlos mit Rayan im Tuch erledigen, später als wir ihn auf dem Rücken trugen sogar z.B. Boden saugen und wischen. Rayan konnte so die Welt und unseren Alltag viel besser entdecken und mitbekommen als irgendwo herumliegend. Wenn ihm die Eindrücke zuviel wurden oder er müde wurde, legte er einfach den Kopf zur Seite und machte ein Nickerchen. Wenn wir ihn dann aus dem Tuch herausnahmen, lag er meistens total entspannt auf dem Rücken und spielte so bis zu einer Stunde lang.
Dank des Tragetuchs fühlen wir uns auch viel mobiler als mit Kinderwagen, der übrigens bald nur noch alle paar Wochen mal benutzt wurde, meistens für Spaziergänge mit den Großeltern. Wir haben kein Auto und sind mit Rayan im Tuch mit Bus, Bahn, Fahrrad und zu Fuß mobil. Besonders im Bus fanden wir immer problemlos einen Platz, wenn die dritte Mutter mit Kinderwagen sich mit Mühe noch reinquetschen musste. Mit dem Tuch sind auch Bahn- und Flugreisen viel problemloser und generell Treppen kein Problem. Mit Rayan haben wir so schon vier Auslandsreisen und bestimmt ein Dutzend längere innerdeutsche Bahnreisen gemacht. Auch fanden wir es schön, dass wir durch irgendwelche Unternehmungen nie seinen natürlichen Schlafrhythmus stören mussten wie viele Eltern, die ihr Baby alle paar Stunden in den Maxi Cosi rein und raus tun und es dabei mal eine Viertelstunde schläft und dann wieder aufwacht.
Besonders gut tat Rayan das Tragen, wenn er irgendwelche Schmerzen hatte oder mal heulig drauf war. Seien es Blähungen, Zahnungsbeschwerden oder sonst was, im Tuch war Rayan fast immer ruhig und zufrieden. Auch große Menschenmengen (wie z.B. beim Kirchentag) haben ihn vom Tuch aus nie erschreckt.
Mir tut es immer im Herzen weh, wenn ich ein kleines Baby schreiend im Kinderwagen liegend herumgefahren und -geschuckelt sehe und mir denke, im Tuch oder sonst wie getragen wäre es wahrscheinlich zufrieden und geborgen. Oder jetzt im Winter, wenn Babys dick eingepackt und völlig von der Umwelt isoliert im Kinderwagen liegen, denke ich wie kuschelig könnten sie es bei Mama oder Papa unter der Jacke haben.

Das schönste am Tragen ist nämlich der direkte Körperkontakt mit Rayan, ganz besonders jetzt im Winter, wenn wir ihn als große Wärmeflasche auf dem Bauch bzw. inzwischen Rücken haben. Zum Glück passt ein weit geschnittener Winteranorak von meiner Frau immer noch gerade für beide zusammen (auch bei mir). Diese Variante empfehle ich sehr gegenüber dem über der Jacke tragen und Kind warm einpacken. Es ist einfach viel kuscheliger und praktischer, denn es reicht, dem Kind ein Mütze und evtl. wärmere Socken oder Schuhe anzuziehen, Jacke über beide und fertig. So gab es bei uns schon oft schon "Streit" darüber, wer den wärmenden Rayan tragen darf.

Als Rayan etwa fünf Monate alt war, machten wir den "Nachfolge"-Tragetuchkurs für die Techniken zum auf der Hüfte und auf dem Rücken tragen (möglich, sobald das Baby den Kopf sicher selbst trägt), die unser Repertoire noch stark erweiterten. Den Hüftsitz liebte Rayan sehr, weil er so schön nach vorne und hinten schauen konnte und noch besser mit bekam, was wir mit unseren Händen machten.
Das auf den Rücken befördern braucht in der Tat etwas Übung, aber war nach etwa drei Wochen auch kein Problem mehr und bald eine Sache von zwei Minuten. Besonders hierbei ist ein kompetentes Gezeigt-Bekommen extrem wichtig. Da schaute Rayan dann stolz wie ein König hinunter und konnte noch mehr sehen, was um ihn herum abging. Die andere Methode um das Kind auf den Rücken zu befördern, indem man es auf ein Sofa o.ä. legt, sich davor setzt, hinten überbeugt und dann die Tuchenden über die Schultern legt, ist zwar weniger "waghalsig", aber wir fanden sie für einen guten Sitz des Tuchs weniger geeignet und z.B. irgendwo unterwegs mangels Sitzmöbel nicht anwendbar.
Ein paar Monate später fingen wir dann auch an, mit Rayan auf dem Rücken kürzere Strecken Fahrrad zu fahren, mit Helm selbstverständlich. Das fand er dann noch toller, mit der Nase im Fahrtwind durch die Gegend zu fahren und es erweiterte unseren "Mobilitätsradius" noch mehr. Manchmal bin ich auch mit Rayan auf dem Rücken Roller gefahren, ab damit in den Bus, rein in den Baumarkt, durch die Gänge und zurück. Die Aufmerksamkeit und das amüsierte Grinsen der Leute war uns sicher!
Inzwischen wiegt Rayan etwa zwölf Kilo, und auf dem Rücken tragen wir ihn immer noch regelmäßig, besonders für kurze Wege mit dem Fahrrad ², und uns graust vor dem Tag, wo das irgendwann nicht mehr geht und wir jedes Mal den Anhänger rausziehen müssen. Aber zum Glück kommt im Juni das zweite Kind, das wir natürlich ganz viel tragen werden und uns speziell darauf schon riesig freuen!

Ein Wort noch zum Vergleich des Tragetuchs mit anderen Traghilfen: Wir finden ein Tuch deutlich praktischer, weil es die einzige Traghilfe ist, die "mitwächst" bis das Kind zwei Jahre oder noch älter ist, weil es viel variabler ist, weil es (korrekt gebunden) niemals drückt und scheuert wie irgendwelche noch so breiten Trägergurte, weil es extrem kompakt mitzunehmen und auch noch multivalent z.B. als Decke oder Badelakenerweiterung (besonders wichtig für Grass hassende Kinder wie Rayan) zu gebrauchen ist. Ich möchte allerdings davor warnen, sich ein Tragetuch selbst zu schneidern, denn der Stoff ist nicht ein x-beliebiger sondern speziell elastischer, der sich nur diagonal aber nicht in Längs- oder Querrichtung dehnt.
Mitgewachsen sind übrigens auch unsere Rückenmuskeln, genauso allmählich wie Rayans Gewicht. Im Gegensatz zu früher habe ich fast nie Rückenbeschwerden von langer Schreibtisch- und Computerarbeit. Ebenso meine Frau, die bei der ersten Schwangerschaft große Rückenbeschwerden hatte, alle möglichen Massagen und Einrenkungen brauchte und etwa ab dem 4. Monate kaum noch einen Einkaufsbeutel mit vier Kilogramm einseitig tragen konnte ohne dass die Wirbel durcheinander sprangen, trägt nun in der z.Z. 19. Schwangerschaftswoche Rayan auf dem Rücken und hebt ihn auf die Hüfte und hat auch sonst keine Rückenprobleme! Und ich bin jetzt schon überzeugt, dass das Tragen das Betreuen von zwei Kindern gleichzeitig wesentlich erleichtern wird. Der Kinderwagen, der schon lange bei den Großeltern steht, wird dort auch bleiben.


¹ Anmerkung von Rabeneltern.org: Die Firma Didymos hat mittlerweile ihr Anleitungsheft vollständig überarbeitet und legt zudem jedem Tuch eine DVD bei. Eine Vorstellung der Anleitung findet man hier: Tragetuchvorstellung und Herstellerinformation


² Anmerkung von Rabeneltern.org: Wir empfehlen nicht, das Kind beim Fahrradfahren im Tragetuch zu transportieren, sondern stattdessen auf geeignete Kindersitze bzw. Fahrradanhänger zurückzugreifen.
Platzhalter
zurück
 
Platzhalter
Navigation unten Home Nutzungsbedingungen Rabeneltern.org e.V. Impressum Fehlerteufel Seite empfehlen
Platzhalter
© Rabeneltern.org