Wo gestillt wird, da
lass dich ruhig nieder ...
von
Rabeneltern.org
Jeder,
der in der Kindererziehung alternative Wege einschlägt, bekommt sie früher oder
später zu hören, die Vorhaltungen: „Waaas, du stillst noch?“, oder: „Lass es mal
schreien, das kräftigt die Lungen.“, und: "Ein dicker Brei zum Abend, und es
würde auch durchschlafen.“
Die
Beispiele lassen sich beliebig erweitern oder durch persönliche Erlebnisse
anreichern.
In der
Tat, wir scheinen noch, oder wieder, einer Minderheit anzugehören. Je
zivilisierter, hochtechnisierter und wohlständiger ein Land ist, desto weniger
und kürzer werden Kinder gestillt und um so mehr haben sie sich den Bedürfnissen
der Erwachsenen anzupassen, wozu der ungestörte Elternschlaf nach spätestens
einigen Monaten und die Unabhängigkeit der Mutter von Stillzeiten oftmals
gehören.
So findet
jede von uns in ihrem direkten Umfeld auch in der überwältigenden Mehrheit nur
Mütter, die aus den unterschiedlichsten Gründen nach spätestens sechs Monaten
abgestillt haben und mit meist einiger Anstrengung auf ein pulverisiertes
Kuhmilchprodukt umgestiegen sind. Die genannten Gründe sind vielfältig: Die
Brustwarzen haben sich so stark entzündet, das Stillen war zu schmerzhaft. Oder,
wenn diese Anfangsschwierigkeiten überwunden wurden: Ich war so angebunden, ich
wollte mal wieder weggehen können. Und: ich kam mir vor wie eine Milchkuh.
Dies sind
noch Beispiele der ehrlichen Gründe. Vielfältig sind auch die vorgeschobenen
Erwiderungen: Ich hatte keine Milch mehr und: Mein Kind wollte die Brust nicht.
Auch zum
Thema Schlafen und rigorosen Erziehungsmethoden lassen sich zahlreiche Beispiele
von Argumenten finden, für die wir keine Akzeptanz aufbringen möchten.
Woran
liegt es dass junge Frauen ihre natürlichen Instinkte dem Baby gegenüber nicht
wahrnehmen und im Gegenteil das Widernatürliche für den normalen, besseren Weg
halten? Warum wird es beispielsweise pervers genannt, wenn das einjährige
Stillkind am Pulli der Mutter zupft, um zu zeigen, dass es an die Brust möchte?
Wie kann das natürliche Bedürfnisse eines geliebten Kindes, für das die Natur
das Stillen definitiv vorgesehen hat, pervers genannt werden? Aus welchen
Gründen wird dagegen das Füttern von industriell gefertigter Nahrung auf Basis
der Milch eines anderen Säugetieres als der normale, also „unperverse“ Weg
betrachtet?
Einerseits hat die Babyindustrie eine riesige Lobby. Unermüdlich wird uns in der
Werbung das Bild der liebevollen, glücklichen Mutter präsentiert, die ihr Baby
mit Produkten eben dieser Industrie versorgt. Da werden schon Babies mit
überzuckerten oder überwürzten Konservenprodukten gefüttert und ein zufrieden
lächelndes Baby macht glaubend, dass es genau das Richtige für das kleine
Menschlein ist und die Muttermilch hier sicher nicht mehr ausreichen würde, um
das Baby glücklich zu machen.
Andererseits haben auch unsere Vorfahrengenerationen einen immensen Einfluss. Da
wird von der Großmutter über die Mutter an die Tochter weitergegeben, dass
„unserer Generation der Klaps und die Tracht Prügel zur rechten Zeit auch nicht
geschadet hat“ und „du hast auch mit fünf Wochen Deinen ersten Brei bekommen und
es hat Dir geschmeckt und nicht geschadet“. Oder: „Man darf ein Baby nicht
verwöhnen, es gewöhnt sich nur Unarten an“, und, und, und.
Unsere
Altvorderen haben tatsächlich den größten Einfluss, bewusst und unbewusst werden
wir von diesen tradierten Vorstellungen geleitet und sind oft genug dafür
verantwortlich, dass wir das Langzeitstillen eher im stillen Kämmerlein pflegen
oder über das Familienbett nicht in der Öffentlichkeit sprechen. Nicht zu
vergessen, dass wir ja auch Produkte dieser Erziehungsmaßstäbe sind und so
mancher innerer und äußerer Kampf gefochten wird, sich davon so gut wie möglich
zu befreien.
Warum
kommen wir so schlecht gegen diese Argumente an? Tatsächlich gibt es genügend
Beispiele, die scheinbar geeignet sind, den Klaps und andere rigorose Methoden
zu rechtfertigen. Da ist der erfolgreiche Arzt, der unter strengem Regiment groß
wurde und „da sieht man ja, das aus dem was geworden ist“.
Es ist
schwer dagegen anzukommen, denn wer mag behaupten, dass es einem solchen
Menschen trotzdem geschadet hat, in seiner Kindheit nicht die größtmögliche
liebevolle Zuwendung erfahren zu haben?
Machen
wir eine Bestandsaufnahme der hochzivilisierten Industrienation Deutschland,
eines der materiell reichsten Länder der Erde:
-
Die Zahl der Menschen, die
sich in der Bundesrepublik während eines Jahres das Leben nehmen, ist
wesentlich höher als die der Verkehrstoten. Einschließlich der Suizidversuche
erreicht die Zahl der Personen, die eine Selbstmordhandlung begehen, immer
noch eine Größenordnung, die an die Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt
heranreicht.
-
4 Millionen Menschen gelten
als alkoholgefährdet, 2,5 Millionen Menschen als alkoholabhängig. 500000 davon
sind Kinder und Jugendliche.
-
Vier
Millionen Menschen in Deutschland leiden an depressiven Störungen. Neueren Studien
zufolge dürften die Erkrankungszahlen noch höher liegen.
-
Fast
jeder zehnte Deutsche leidet an einer klinisch relevanten Angststörung.
Man kann
die traurige Epidemiologie noch um etliche Zahlen erweitern und Fakt ist, dass
diese Zustände sich durch alle Bevölkerungsschichten ziehen. Und da finden wir
dann vielleicht, dass für den erfolgreichen Arzt die zackige Erziehung eben doch
traurige Folgen hatte. Glück lässt sich nicht am materiellen Wohlstand messen,
eine banale Weisheit, die wir uns aber insbesondere in Bezug auf unsere Kinder
immer wieder bewusst machen sollten.
Wir
jungen Eltern haben es in der Hand, uns von überholten Erziehungsvorstellungen
und verkaufsstrategischen Indoktrinationen zu befreien. Bringen wir die Kraft
und den Mut auf, der Generation, die wir aufwachsen lassen, eine gesunde,
glückliche Zukunft zu bieten.
So gut
wie alle Mütter und Väter lieben ihre Kinder über alles, noch mehr als sich
selbst und das sollte Motivation genug sein, immer kritisch und aufmerksam zu
hinterfragen, was auf bewusstem und weniger bewusstem Wege in unser Denken Einzug
zu halten versucht.
Verstecken wir uns nicht und resignieren nicht vor der scheinbar erdrückenden
Menge Menschen, die nicht abrücken wollen von all den angeblich bewährten
Erziehungsmethoden. Gehen wir statt dessen selbstbewusst und offensiv mit
unseren Überzeugungen in die Welt und geben auch anderen Eltern den Mut, ihre
unbedingte Liebe zu ihren Kindern und die naturgegebenen Instinkte ihnen
gegenüber ohne Rechtfertigungszwang zu leben.