Stillen - Neue Forschungsarbeiten
Zusammengestellt und teilweise übersetzt von Dorothea Rüb,
mit herzlichem Dank
an Christian F. Freisleben für seine Anregungen
Veröffentlicht bei
Rabeneltern.org mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion Österreichische
Hebammenzeitung,
Archiv: 9.Jg, Ausg. 1/03, Februar 2003
Gestillte Kinder: gesündere Herzen - weniger Übergewicht
Gestillte
Säuglinge haben als Erwachsene laut einer Untersuchung von C. Owen, Tooting,
niedrigere Cholesterinwerte und gesündere Herzen. Muttermilch führt in den
ersten Lebensmonaten zunächst zu hohen Cholesterinwerten und später zu einem
besseren Fetthaushalt und Cholesterinspiegel (Pediatrics Nr. 110, S. 597).
Außerdem sind Kinder, die gestillt wurden, seltener übergewichtig. Forscher um
John Reilly von der Universität Glasgow haben in einer Studie an 32.000
schottischen Kindern bis 4 Jahren herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit
für Übergewicht bei gestillten Kindern im Schnitt um 30% niedriger liegt als bei
nicht gestillten (Lancet Nr 359, S. 2003).
Im Teenageralter sind ehemalige Brustkinder um 20% weniger fettleibig. Dies hat
Matthew Gillman von der Harvard Medical School an 15. 000 Mädchen und Jungen im
Alter von neun bis vierzehn Jahren festgestellt (Journal of the American
Medical Association May 16 2001,
www.med.harvard.edu/publications/Focus/2001/May18_2001).
Stillen schützt Mütter vor Arthritis und Brustkrebs
Wissenschaftler der Brigham Frauenklinik Boston fanden heraus, dass Frauen, die
länger als ein Jahr gestillt haben, deutlich seltener an rheumatoider Arthritis
erkranken als Mütter von Flaschenkindern. Über 100.000 Frauen wurden in die
Studie einbezogen
(http://www.medical-tribune.de/GMS/nachrichten/StillenArthritis).
Eine große Analyse von 47 epidemiologischen Studien in 30 Ländern mit 50 302 an
Brustkrebs erkrankten und 96 973 gesunden Frauen zeigte den schützenden Effekt
des Stillens auf das Brustkrebserkrankungsrisiko.
Wie schon durch andere Studien bekannt, hatten erkrankte Frauen weniger Kinder
(2,2 vs 2,6). Mütter, die ein Mammakarzinom entwickelten, hatten aber auch
seltener gestillt (71% vs 79%) und die gesamte Lebensstillzeit war kürzer Das
relative Brustkrebssterberisiko sank um 4,3% (95% CI 2·9-5·8; p<0·0001) für je
12 Monate und um 7,0% für jede Geburt. Der Schutz durch Stillen war signifikant
für Frauen unabhängig vom Lebensraum Industrie- oder Entwicklungsland, vom Alter
beim ersten Kind oder der ethnischen Zugehörigkeit.
Die vergleichsweise kurze Stillzeit von Frauen in reichen Ländern hat
entscheidenden Einfluss auf die Inzidenz von Brustkrebs. Langes Stillen könnte
zu einer Reduktion um bis zu 2/3 beitragen (Lancet 2002; 360: 187-95).
Muttermilch HIV-infizierter Frauen schützt Säugling vor Ansteckung
Die
Muttermilch HIV-infizierter Frauen enthält Abwehrzellen, die das Aids-Virus
angreifen und abtöten. Entgegen bisheriger häufiger Empfehlungen abzustillen
sollten HIV - infizierte Mütter ihre Kinder voll stillen, obwohl die Milch Viren
enthält. Wissenschaftler aus Sambia und dreier amerikanischer Universitäten
hatten Milchzellen von Frauen aus Afrika und den USA getestet. Nur die Zellen
HIV-infizierter Frauen konnten auf HIV und seine Bestandteile durch Immunzellen
reagieren. Diese Zellen gelangen über die Milch in den Blutkreislauf des
Neugeborenen. Sie schützen es vor Ansteckung und senken wohl auch die Virenlast
in der Milch, schreiben die Forscher im Journal of Virology 2002, Vol. 76, S.
7365- 7373.
Spiegel online 16.07.2002
Mütter brauchen bessere Unterstützung beim Stillen
Bis zum 4.
Lebensmonat stillen in Deutschland nur ein Drittel der Mütter ausschließlich. M.
Kersting und Kollegen vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund
haben in den Jahren 1997/98 das Personal von 177 deutschen Geburtskliniken zu
den dortigen Stillbedingungen befragt und 1717 Mutter-Kind-Paare ein Jahr lang
beobachtet.
Die Ergebnisse der SuSe-Studie (Stillen und Säuglingsernährung) wurden in der
Monatsschrift Kinderheilkunde 150, 2002, S.1196 bis 1202 veröffentlicht.
91% der Säuglinge bekamen zunächst nur Muttermilch.
Innerhalb der ersten Wochen ging die Stillquote deutlich zurück - auf 33 bzw.
10% im 4. und 6. Lebensmonat. 9 Monate lang wurden nur 1% der Kinder gestillt.
Nur 59% der Kliniken verzichteten gemäß den Empfehlungen der Nationalen
Stillkommission auf routinemäßiges Zufüttern. 10% wandten alternative
Fütterungsmethoden an, ebenfalls 10% der Kliniken hatten 24-Stunden-Rooming-in.
Anlegen in der ersten Stunde nach der Geburt und Stillen nach Bedarf waren in
über 90% der Klinken möglich.
Zufüttern in den ersten drei Lebenstagen war mit einer kurzen Stilldauer
assoziiert. Bei niedrigem Ausbildungsstand, unklarer Stillabsicht und
Stillproblemen innerhalb der ersten 14 Tage nach der Geburt stillten die Mütter
früh ab.
Zwei Drittel der Frauen hatten zu Hause Probleme wie Milchstau, wunde
Brustwarzen oder Ängste wegen der Milchmenge. Dies sei auf unzureichende
Information und mangelhafte Anleitung zurückzuführen. In der Schwangerschaft
haben nur etwa die Hälfte Informationen zur Säuglingsernährung eingeholt. Auch
nach der Geburt stammen die Informationen vorwiegend aus Büchern und
Zeitschriften.
Frauen sollten in der Klinik besser über Nachsorge-Hebammen informiert werden.
Stillgruppen nach skandinavischen Vorbild sollten gefördert werden. Frauen- und
Kinderärzte sollten das Stillen ansprechen und bei Problemen weiterhelfen
können.
www.springer.de/medic-de/zeitschriften/pdf/moki10-02.pdf
Keine Risiken durch Blei und Quecksilber in Muttermilch
Claudia
Gundacker, Beate Pietschnig und weitere Wissenschafter haben u.a. am Institut
für Medizinische Biologie der Universität Wien, Wilhelminenspital und
Kinderklinik Glanzing Wien, LKH Tulln, und Landeskinderklinik Linz Muttermilch
auf Schwermetalle untersucht. Dabei wurden je ca 50 Proben aus ländlichen,
städtischen und Industriegegenden herangezogen.
Die Konzentrationen von Blei und Quecksilber waren niedrig (Hg: 1.59 ± 1.21
1g/l, n = 116; Pb: 1.63 ± 1.66 6g/l, n = 138). Nur 8% der Proben lagen über dem
Screeninglevel von 3.5 µg/L für Hg. Die Schadstoffbelastung der Muttermilch in
Österreich ist also sehr zurückgegangen, keine kritischen Konzentrationen wurden
festgestellt. Die Autoren schließen theoretische Risken durch Hg oder Pb für
gestillte Kinder aus. Pediatrics Vol. 110 No. 5 November 2002, pp. 873-878
Stillen und Allergierisiko
Eine
prospektive Geburtenkohortenstudie mit 4089 Kindern wurde in Stockholm, Schweden
I Kull, M Wickman et al mittels Eltern-Fragebogen durchgeführt, als die Babys 2
Monate, 1 und 2 Jahre alt waren. Es wurden anamnestische und Daten und
allergische Symptome sowie Fütterungsmethoden erhoben.
Es zeigte sich, dass 2jährige Kinder, die 4 Monate ausschließlich gestillt
wurden weniger zu Asthma neigten (7.7% v 12%), seltener atopische Dermatitis
hatten (24% v 27%), und seltener an allergischer Rhinitis (6.5% v 9%, ORadj =
0.7, 95%) erkrankt waren. Teilweises Stillen über den 6. Lebensmonat hinaus
hatte noch einen weiteren allergiemindernden Effekt. Der schützende Effekt des
Stillens konnte auch für multiple allergische Erkrankungen nachgewiesen werden.
Archives of Disease in Childhood 2002;87:478-481