Bonding und erstes Stillen
von
Renate Mitterhuber
Der erste
ungestörte Kontakt von Eltern und ihrem Neugeborenen schafft die Basis für eine
dauerhafte, einzigartige Beziehung. Studien zeigen, dass das Unterbrechen des
Bondings durch Klinikroutine Konsequenzen hat auf Stillerfolg und Stilldauer,
auf den Zustand des Kindes und das fürsorgliche Verhalten der Mutter.
Das englische
Wort "Bonding" ist in viele Sprachen übernommen worden. Mit "Bonding" ist die
innere Gefühlsverbindung gemeint, die Eltern zu ihrem Baby entwickeln. Die
Mutter, der Vater verlieben sich regelrecht in ihr Kind. Dieses Verlieben ist
die Basis für eine dauerhafte, einzigartige Beziehung.
Die Liebe zu
ihrem Kind und die Verbundenheit mit den Eltern ist eine wichtige Voraussetzung
für die Sicherheit und das gesunde Gedeihen des Kindes. Diese Liebe stellt sich
nicht bei allen Müttern automatisch nach der Geburt ein. Die innere Bindung, die
Eltern zu ihrem Kind entwickeln, ist ein Prozess, der durch viele Einflüsse und
Erfahrungen geprägt wird.
Wie sich zwei
Menschen ineinander verlieben und sich zueinander verhalten, ist uns allen
vertraut: Blick- und enger Körperkontakt, Streicheln, Schmusen, Berührung,
intensives Sprechen miteinander und sich von anderen zurückziehen. Für Mutter,
Kind und Vater läuft diese erste Phase sehr ähnlich ab. Sie brauchen viel
Kontakt und Zeit miteinander.
Die Mutter-Kind-Beziehung ist die wichtigste Beziehung
in unserem Leben und hat Einfluss auf alle weiteren Beziehungen. Das Hormon
Oxytocin, das "Liebeshormon", versetzt die Mutter in die Lage, sich in ihren
Säugling so richtig zu verlieben. Der Oxytocinspiegel ist in der ersten Stunde
nach der Geburt ganz besonders hoch. Hautkontakt, Blickkontakt, Geruch, suchende
Bewegungen und Lautäußerungen von Seiten der Mutter wie des Kindes wirken
gegenseitig stimulierend.
Biologisch
gesehen sind Mutter und Kind bestens ausgerüstet, damit dieser Bindungsprozess,
der bereits in der Schwangerschaft begonnen hat, unmittelbar nach der Geburt
seine Intensivierung und Fortsetzung findet. Das Bindungsverhalten, von dem das
Stillen ein ganz wichtiger Teil sein kann, soll durch die Klinikroutine
unterstützt werden.
Jede Trennung
von Mutter und Kind muss gut überlegt werden.
Warum ist das
erste Stillen so wichtig?
- Die Mutter
erlebt ihr Kind aktiv und hat ein Gefühl von "Alles funktioniert"
- Die
Rückbildung der Gebärmutter wird unterstützt
- Der
Saugreflex ist besonders intensiv
- Saugen
stimuliert die Hormonproduktion (Prolaktin fördert mütterliches Verhalten)
- Das Baby
bekommt das erste Kolostrum; dies enthält sehr hohe Anteile an Immunfaktoren und
Zellanteile, die die Darmwände auskleiden und vor Allergien Schutz bieten
- Kolostrum hat
auch einen hohen Mineralgehalt, der ernsten Flüssigkeitsverlusten vorbeugt, und
enthält alle essentiellen Eiweiße und Fettsäuren
- Die Enzyme in
der Vormilch sind förderlich für die Verdauung, Hormone und Wachstumsfaktoren
für die Darmreifung. Sie stabilisiert die Bifidusflora im Darm und verhindert
das Wachstum von schädlichen Bakterien
- Das Kolostrum
fördert die Mekoniumausscheidung und verringert das Risiko einer
Neugeborenengelbsucht
- Das
Neugeborene kommt mit mütterlichen Keimen in Kontakt
- Die
Milchbildung wird durch Saugstimulation angeregt.
Eltern, die
die Bondingphase mit ihrem Baby nach der Geburt ungestört erleben können, fühlen
sich kompetenter und sind es auch. Sie sind achtsamer und selbstbewusster im
Umgang mit dem Baby. Mutter und Vater sind glücklicher und zufriedener, der
Blickkontakt mit dem Baby ist länger, Berührungen sind häufiger. Es gibt weniger
Probleme beim Stillen.
Frauen
sollten eine längere Zeit nach der Geburt fürsorglich und liebevoll betreut
werden. Eine Mutter entwickelt die Fähigkeit zur zärtlichen Fürsorge am besten,
wenn sie selbst achtsam und liebevoll betreut wird und man ihr das Gefühl gibt,
wie wichtig ihre Aufgabe als Mutter ist.
Zahlreiche
Studien belegen die Wichtigkeit des frühen Mutter-Kind-Kontaktes:
- Frühes
Berühren und/oder Saugen an der Brustwarze und Areola hat nicht nur Auswirkungen
auf Stillerfolg und Stilldauer, sondern kann auch zu einer erhöhten Interaktion
und engeren Bindung zwischen Mutter und Kind während des Aufenthaltes auf der
Wöchnerinnenstation führen. Hatten Neugeborene innerhalb der ersten 30 Minuten
nach der Geburt Gelegenheit, Brustwarze und Areola zu berühren, gaben ihre
Mütter sie auffallend kürzer im Kinderzimmer ab und sprachen am 4. Lebenstag
mehr mit den Babys als die Mütter, deren Babys durchschnittlich erstmalig acht
Stunden nach der Geburt die Brustwarze berührten.
Widstrom AM, et al.: "Short-term Effects of Early Suckling and Touch of the
Nipple on Maternal Behaviour", Early Human Development 21:153-163, 1990
- Righard und
Alade fanden heraus, dass die Trennung von Mutter und Baby vor dem ersten
Anlegen zusätzlich zu Saugschwierigkeiten führte. Diese Probleme traten selbst
dann auf, wenn die Trennung nur etwa 20 Min. dauerte. Von den 17 Babys der
Untersuchungsgruppe, deren Mütter während der Geburt keine Medikamente erhielten
und die nicht von der Mutter getrennt worden waren, tranken 16 gut an der Brust.
Von den 15 Babys mit einer Geburt ohne Medikation, die etwa 20 Min. lang zum
Wiegen und Messen von der Mutter getrennt worden waren, tranken nur sieben gut
an der Brust. Keines der 19 Babys, deren Mütter während der Geburt Medikamente
erhalten hatten und die kurzfristig von der Mutter getrennt worden waren, saugte
gut beim ersten Anlegen.
Righard, L., Alade, M.: "Effect of Delivery Room Routines on Success of First
Breast-Feed", Lancet 336 (1990): 1105-7
- Babys mit
Hautkontakt hatten 90 Min. nach der Geburt eine signifikant höhere
Körpertemperatur und höhere Blutzuckerwerte, und sie weinten auch weniger als
die Babys der Kontroll-gruppe, die im Kinderbettchen neben der Mutter waren.
Christensson K., et al: "Temperature, Metabolic Adaption and Crying in Healthy
Full-Term Newborns Cared for Skin-to-Skin or in a Cot", Acta Paediatrica, 81:
488-493, 1992
- Mutter - Kind
- Kontakt fördert fürsorgliches Verhalten. 134 Frauen aus einem sozial schwachen
Umfeld hatten zusätzlich zwölf Stunden Mutter-Kind-Kontakt in den ersten zwei
Tagen nach der Geburt. Die Kontrollgruppe von 143 Frauen, die aus einem
ähnlichen sozialen Milieu stammten, wurde nur der übliche begrenzte Kontakt mit
ihrem Neugeborenen zugestanden. Beide Gruppen hatten allerdings in der ersten
Stunde nach der Geburt keinen Kontakt mit ihren Neugeborenen. Bei nachfolgenden
Untersuchungen stellte sich heraus, dass in den ersten siebzehn Monaten in der
Gruppe ohne zusätzlichen Kontakt Misshandlungen, Aussetzen und
Vernachlässigungen der Kinder signifikant häufiger aufgetreten waren als in der
Gruppe, die den zusätzlichen Kontakt gehabt hatte, und zwar in dem Verhältnis
zehn zu zwei.
S.O‘Connor, et.al: Reduced Incidence of Parenting Inadequacy Following
Rooming-in Pediatrics 66 ( 1980) : 176-82 zitiert aus Klaus/Kenell "Der erste
Bund fürs Leben", Rowohlt 1997
"Wir haben
keine Hinweise darauf finden können, dass die Einschränkung der frühen
Mutter-Kind-Interaktion nach der Geburt, die bisher in Entbindungsstationen
üblich war, von Vorteil ist. Im Gegenteil, Ergebnisse von Untersuchungen lassen
darauf schließen, dass die Folgen solcher restriktiver Maßnahmen negativ sind.
Auf Grund der vorhandenen Daten läßt sich die plausible Hypothese aufstellen,
dass Frauen aus sozial schwächeren Schichten für die negativen Auswirkungen der
Restriktionen auf die Entstehung eines gesunden Kontakts mit dem Kind besonders
anfällig sind.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es immer mehr Hinweise auf eine kritische
Phase gibt, die für die Bindungserfahrung besonders wichtig ist. Es bedeutet
jedoch nicht, dass alle Mütter und Väter innerhalb von wenigen Minuten gleich
beim ersten Kontakt ein inniges Band zu ihrem Neugeborenen entwickeln. Die
Reaktion ist nicht vorhersagbar und hängt nicht nur von individuellen
Unterschieden zwischen den Betreffenden, sondern auch von den verschiedensten
Einflüssen aus ihrer Umgebung ab. Wenn Eltern jedoch in der ersten Stunde nach
der Geburt mit ihrem Neugeborenen allein sein können, wenn sie sich während des
gesamten Krankenhausaufenthaltes nicht von ihrem Baby trennen müssen, wenn ihnen
Unterstützung und Zuwendung zuteil wird, dann wird so eine Umgebung geschaffen,
in der das Bonding die besten Chancen hat."
Zitat aus dem
Buch "Der erste Bund fürs Leben" von Klaus/Kennell, S. 108 und 109.
Noch einige
Tipps aus der Hebammenpraxis:
- Bei leichten
Anpassungsschwierigkeiten des Kindes nach der Geburt führt der Hautkontakt und
die Wärme der Mutter zu einer Stabilisierung.
- Während der
Versorgung eines Dammschnittes oder -risses ist der beste Platz für das Kind der
Bauch der Mutter, Haut auf Haut.
- Nach
Kaiserschnitt Möglichkeit zum Hautkontakt (Baby ausziehen!) geben, sobald die
Mutter dazu in der Lage ist.
- Muss das Kind
verlegt werden, sollte vor der Trennung ein Kontakt möglich sein. Ein Foto vom
Kind machen und der Mutter sobald als möglich einen Besuch beim Baby
organisieren!
Literaturhinweise:
- Klaus/ Kennell: Der erste Bund fürs Leben, Hamburg Rowohlt 1997. (Das Buch ist derzeit
vergriffen. Annemarie Kern hat noch 50 Exemplare (Euro 21,20) lagernd.
Bestelladresse: 2362 Biedermannsdorf, Lindenstr.20 Tel. 02236 - 72336)
- Nancy Mohrbacher / Julie Stock: Handbuch für die Stillberatung. Deutsche Erstausgabe
1. Aufl. September 2000, La Leche Liga Deutschland e.V.
- VELB
Ausbildungsseminar 1, Annemarie Kern IBCLC
Quelle:
Österreichische Hebammenzeitung, Archiv: 9.Jg, Ausg. 1/03, Februar 2003
veröffentlich bei Rabeneltern.org mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion