„Was - Du stillst noch?“ Stillen des
„älteren“ Säuglings
Elizabeth Hormann,
IBCLC
Vortrag, gehalten
am Berlin-Brandenburgischen Stillseminar, Berlin, 25. Oktober 1997
Wenn wir die
Abstillkurven von 64 Gesellschaften (nicht USA und Europa) vergleichen, zu einer
Zeit, als wenig kommerzielle und westliche Einflüsse das traditionelle
Ernährungsmuster störten, so machen wir interessante Feststellungen: So gut wie
keine dieser Gesellschaften hat ihre Kinder vor einem Jahr abgestillt. Bis 2
Jahre war es ein relativ kleiner Prozentsatz der Kinder, der keine Muttermilch
mehr bekam. Dies stieg im nächsten halben Jahr rapid an. Bis zum dritten
Geburtstag wurden immer noch über ein Viertel der Kleinkinder gestillt; die
Restlichen stillten sich zum größten Teil im nächsten Jahr ab; einige wenige
haben erst im fünften Lebensjahr die Stillbeziehung ganz beendet.
Auch
in den USA gab es immer Langzeit gestillte Kinder, aber die Proportionen sind
ganz anders. Die überwiegende Mehrheit ist in den frühen Lebensmonaten ganz
abgestillt worden; bis zum ersten Geburtstag gingen 90% nicht mehr an die
Mutterbrust.
Die Beantwortung
der Frage, wie es dazu gekommen ist, dass Kinder in Industrieländern im
Vergleich zu denen in anderen Länder auf der Welt und im Vergleich zu den
meisten Kindern im Laufe der Geschichte der Menschheit so früh abgestillt
werden, würde den Rahmen dieses Referats sprengen. Sie besteht aus einer
Kombination von geschichtlichen, kulturellen und kommerziellen Faktoren.
Was ich hier
darlegen möchte, sind die wissenschaftlichen Begründungen für die Fortsetzung
des Stillens nach den ersten Lebensmonaten, in denen die Vorteile des Stillens
mehr oder weniger unbestritten sind.
Die ersten 6 Monate
Muttermilch hat
alles, was ein Baby braucht, um sich optimal körperlich und geistig zu
entwickeln. Es geht vor allem um die Entwicklung des Gehirns und nicht darum,
das möglichst größte Baby in kürzester Zeit zu produzieren.
Der niedrige
Eiweißgehalt der Muttermilch ist unter anderem dafür ein Vorteil. Aus der
Erfahrung mit künstlicher Babynahrung mit hohem Eiweißgehalt wurde festgestellt,
dass solche Nahrung nicht nur zum schnellen Körperwachstum - das erstrebte Ziel
- führte, sondern auch zu hohen Aminosäurewerten im Blut, die eine permanent
negative Auswirkung auf das Zentralnervensystem haben könnten (Cunningham 253).
DHA (Docosa
Hexanoic Acid), eine langkettige Aminosäure, einzigartig in der Muttermilch,
sammelt sich im Gehirn (und in der Retina) und ist für deren strukturelle
Entwicklung wichtig (Cunningham 254).
Diese und sämtliche
anderen wissenschaftlichen Entdeckungen sind die Theorie, aber wie sieht es in
der Praxis aus?
Stillende Mütter
haben immer geglaubt, dass ihre Kinder deswegen klüger seien als die
Nachbarskinder, die künstliche Babynahrung bekamen. Jetzt gibt es Forschungen,
die diese Behauptung zu bestätigen scheinen. Frühgeborene, die in den ersten
Lebenswochen die Milch der eigenen Mutter durch Sonde bekommen hatten, hatten
nach 8 Jahren durchschnittlich 10 Punkte mehr auf der 10 Skala als die Kinder
die künstlich ernährt worden waren (Cunningham 254). Weil diese Studie nur die
Muttermilchernährung ohne das Stillen an der Brust erfasst hat, hat sie effektiv
die Interaktionen zwischen Mutter und Kind als Faktor in der intellektuellen
Entwicklung ausgeklammert und dabei die Vermutung bestätigt, dass Muttermilch
per se das Wachstum des Gehirns und Zentralnervensystems positiv beeinflusst.
Das gestillte Kind
hat nicht nur ein ganz anderes Gehirn- und Zentralnervensystem; auch seine
Körperentwicklung verläuft anders. Gestillte Kinder haben eine Tendenz, etwas
weniger zu wiegen als künstlich ernährte Kinder. Das Fettpolster ist anders
aufgebaut und durch den natürlichen Sättigungsmechanismus lernen sie, ihren
Appetit zu steuern.
Haut und Muskulatur
fühlen sich bei Stillkindern anders an (Stuart-Macadam 20). Unterschiede im
Blutbild und in der Darmflora sind messbar.
Nicht nur dank den
nutritiven Komponenten, sondern auch wegen der bioaktiven Zusammensetzung -
Immunfaktoren, Enzyme, Wachstumsfaktoren und Hormonen, die in der Muttermilch
einzigartig sind - hat das Stillkind lebenslänglich einen anderen Körper als
seine nicht-gestillte Kohorte, also flaschenernährte Kinder.
Um nur einen Faktor
unter die Lupe zu nehmen: Die Rolle der Immunfaktoren ist auch in
Industrieländern nicht unerheblich. Kurzfristig und langfristig stimuliert das
Stillen den Aufbau und die Steuerung des Immunsystems des Kindes und bietet
Schutz gegen die Entwicklung sowohl von Autoimmun- und
Herzkranzarterienkrankheiten als auch vor Allergien.
All dies sind mehr
als genug Gründe, ein Kind 6 Monate voll zu stillen. Aber welche Vorteile hat
es, das Stillen danach fortzusetzen?
Stillen bis ca. ein Jahr
Ab Mitte des ersten
Lebensjahrs zeigt das Kind großes Interesse an dem, was seine Mitmenschen essen.
Wird es ihm nicht angeboten, drückt es sein Missfallen ganz deutlich aus - ein
intellektueller Sprung, aber auch eine Reaktion auf Körpersignale, dass die Zeit
gekommen ist, seinen gastronomischen Horizont etwas zu erweitern. Das heißt
aber nicht, dass Muttermilch plötzlich nicht mehr wertvoll ist. Sie bleibt
während dem ersten Lebensjahr - und oft darüber hinaus - das wichtigste
Nahrungsmittel, nach wie vor eine Quelle von hochwertigen Kalorien, Eiweiß,
Vitaminen und Mineralien. Die nächsten sechs Monate - oder länger - sind eine Kennenlernzeit, in der feste Nahrung Muttermilch ergänzt, aber nicht ersetzt.
Auch der
Immunschutz und die Entwicklung des Zentralnervensystems wird im zweiten
Halbjahr fortgesetzt. Hier gilt das Prinzip von dosisbezogener Auswirkung. Bei
der o.g. Studie mit Frühgeborenen war ein Verhältnis ganz eindeutig. Je mehr
Muttermilch, desto höher der IQ-Wert (Stuart-Macadam 18).
Die Verbindung
zwischen Muttermilchdosis und der Wahrscheinlichkeit der Entwicklung bestimmter
Krankheitsbilder ist noch klarer.
- Allergien - Kinder, die
6 Monate oder länger gestillt wurden, haben weniger Allergien (5%) als die,
die weniger als 6 Monate gestillt wurden (36%) (Strimas JH, Chi OS, 1988).
- Haemophilus
Influenza Typ B - Stillen länger
als sechs Monate schützt gegen diese Krankheit (Takala, AK et al 1989).
- Otitis media
-
Stillen länger als sechs Monate reduziert Otitis media drei- bis fünffach bis
zum Alter von 27 Monaten (Teei, DW, Klein, JO, Rosner, B, 1980).
- Malocclusion
- Als
die Stilldauer von 12 auf 3 Monate reduziert wurde, stieg die Prävalenz von
Malocclusion von 3% auf 16% (Labbok, MH und Hendershot, GE, 1987).
- Lymphoma in der
Kindheit - Für Kinder unter 15 Jahren ist das Risiko fünf- bis achtfach höher,
wenn sie weniger als 6 Monate (oder gar nicht) gestillt wurden (Davis MK,
Savitz, DA und Graubord, BI, 1988).
- Diabetes - Wenn Kinder
12 Monate oder länger gestillt wurden, ist die odds ratio für die Entwicklung
dieser Krankheit 0.54 im Vergleich zu nicht-gestillten Kindern.
- Multiple Sklerose
- Ein
zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Multiple Sklerose entsteht, wenn ein
Kind weniger als 7 Monate oder gar nicht gestillt wurde.
Stillen im zweiten Lebensjahr und danach
Was spricht für das
weitere Stillen nach dem ersten Geburtstag? Überraschend viel: Ernährung, z. B.:
Zwischen dem 6. und
24. Lebensmonat beträgt die Muttermilchmenge rund 500 ml täglich. Sie kann also
einen großen Teil der Kalorien, die ein Kind in diesem Alter braucht, liefern.
Im Notfall kann die Milchmenge gesteigert werden und auch ein Kind, das
normalerweise Beikost isst, kann wieder ausschließlich mit Muttermilch ernährt
werden.
Muttermilch liefert
70 Kilokalorien pro 100 ml - zweimal die Energiedichte eines Abstillbreis.
Kinder im zweiten Lebensjahr können ihren Energiebedarf zu 31% durch Muttermilch
decken. Stillkinder im Alter von 13-18 Monaten erhalten bei gleicher
Nahrungsmenge 25% mehr Energie als nicht-gestillte; ältere Kinder erhalten 17%
mehr. Je nach Studie gibt es auch Hinweise darauf, dass Muttermilch noch mehr
Energie im zweiten Lebensjahr liefern könnte. Eine Studie aus Uganda machte
deutlich, dass dort die Energiebedürfnisse in dieser Lebensphase durch
Muttermilch zu 53% gedeckt wurden. Wenn man daran denkt, wie wenig viele Kinder
im zweiten Lebensjahr essen - sie haben einfach keine Zeit; die Welt ist dafür
viel zu interessant - sind diese Ergebnisse nur logisch. Wenn ein Kind vor dem
zweiten Geburtstag abgestillt wird, braucht es selbstverständlich viel mehr
feste Nahrung als vorher - laut einer Studie wurden die anderen Nahrungsmittel
um 60% erhöht und auch das reicht nicht immer aus. Unter Umständen kann ein
abgestilltes Kind unter einem Energiedefizit leiden - einem 28%igen Defizit laut
einer Studie von 1982.
Eine andere Studie
zeigte, dass nicht-gestillte Kinder nur 84% der vorgeschlagenen Kalorieneinnahme
hatten, während noch gestillte Kinder 108% der optimalen täglichen Kalorien zu
sich nahmen.
Bioverfügbarkeit, Vitamine und Mineralien
Die Kalorien
der Muttermilch sind keine leeren Kalorien. „Muttermilch bleibt auch die
wichtigste Quelle an hochqualitativem Eiweiss, Vitaminen und anderen
Nährstoffen" (Helsing und King, 1982). Hochqualitativ und gut bioverfügbar.
Wie viel eines Nährstoffes in der Milch ist, ist nicht die interessante Frage.
Wir müssen danach fragen, wie bioverfügbar er ist. Es nutzt also nichts, wenn
der Nährstoff nur da ist und das Kind nicht darüber verfügen kann.
Eiweiss wird in der
Muttermilch besonders gut absorbiert. Im zweiten Lebensjahr deckt Muttermilch
die Eiweissbedürfnisse zu 38%.
Und die Ergebnisse
bei den Vitaminen und Mineralien sind noch eindrücklicher:
Vitamin A wird im zweiten
Lebensjahr 100%ig durch Muttermilch gedeckt. In Entwicklungsländern kann dies
besonders wichtig sein. Es wurde da festgestellt, dass nicht-gestillte Kinder
einem sechs- bis achtfach höheren Risiko an Xerophthalmie (einer Vitamin
A-MangelErkrankung des Auges) zu erkranken ausgesetzt sind als gestillte
Kinder. Der Schutz bleibt auch nach dem Abstillen erhalten.
Eine tägliche
Einnahme von 500 ml Muttermilch liefert 19 mg Vitamin C, 95% der Menge,
die Kinder im zweiten Lebensjahr brauchen (Armstrong, 1987). Gegen Ende des
ersten Lebensjahres ist die Vitamin CKonzentration der Muttermilch 3,3 mal
höher als im Blutplasma der Mutter. Selbst wenn die Mutter erniedrigte Vitamin
C-Werte hat, wird es in der Milch bis zu 6-12fach angereichert. Stillkinder
erhalten so höhere Konzentrationen an Vitamin C als Kinder, die mit Vitamin C
angereicherter künstlicher Babynahrung, Gemüse und Früchten ernährt werden.
Eisen ist zu 50% in der
Muttermilch im zweiten Lebensjahr erhalten, Kalzium zu 44%, Niacin
zu 41 %, Folsäurezu 26% und Riboflavin zu 21%.
Eisen ist eines der
wichtigen Beispiele der Bioverfügbarkeit. Es ist zwar niedriger in der
Muttermilch als in der Kuhmilch, nur wird es aus der Muttermilch zu rund 70%
absorbiert (vgl. 10% in Kuhmilch), so dass ein Stillkind besser mit Eisen
versorgt ist als ein nichtgestilltes Kind.
Immunfaktoren
Immunfaktoren sind
auch noch wichtig. Früher wurde angenommen, dass nur im Kolostrum sehr hohe
Anteile bereitstünden, die sich im Verlauf der Laktation zurückbildeten und
nach sechs Monaten nur noch von geringer Bedeutung seien. Heute ist bekannt,
dass die Immunglobulinmengen nach dem sechsten Monat steigen, offensichtlich
als Reaktion auf die absinkende Milchmenge. Mit 20 Monaten entspricht der
Spiegel von IgA und IgG der Höhe, die nach einer Laktationsdauer von zwei Wochen
gemessen wurde. Wenn wir darüber nachdenken, ist es auch ganz logisch, dass
einige Schutzfaktoren in dieser Zeit steigen, weil Kinder ab sechs Monaten sehr
mobil werden; sie kommen überall hin und stecken die unmöglichsten Dinge in den
Mund. Sie brauchen viel Schutz. Dieser Schutz erfolgt durch verschiedene
Immunfaktoren in der Muttermilch, darunter: Lysozym, ein unspezifischer
antimikrobieller Faktor wird in Muttermilch angereichert und erreicht in einigen
Fällen nach 12 Monaten die gleiche Menge wie im Kolostrum. Nach neueren
Untersuchungen weiss man, dass es bis zum 25. Lebensmonat des Kindes ansteigt und erst
dann abfällt. 1 ml Muttermilch enthält rund 4000 lebende Zellen (überwiegend
Lymphozyten und Makrophagen) , die das Wachstum von Bakterien, Viren, Pilzen und
Parasiten hemmen.
Der
Bifidusfaktor in der Muttermilch fördert nach wie vor das Wachstum des
Lactobazillus bifidus im kindlichen Darm, so dass sich Staphylokokken gar nicht
erst ausbreiten können. Interferon, ein antiviraler Faktor, und
Laktoferrin, das durch seine Eisenbindung ein Wachstum von E. coli,
Staphylokokkus aureus und einigen Candidapilzen verhindert, sind ebenfalls in
der Muttermilch enthalten. Laktoferrin zeigt kontinuierlich ansteigende Werte.
Wie wichtig ist dieser immunologische Aspekt für das
ältere Stillkind? Diesbezüglich ist die Studie von Chandra aus Kanada sehr
interessant, weil seine Studienobjekte gesunde Kinder der Mittelklasse in einem
gut entwickelten Industrieland waren. 60 Kinder wurden über einen Zeitraum von
24 Monaten untersucht. Im Hinblick auf drei übliche Erkrankungen fand er
erhebliche Unterschiede bei deren Auftreten bei gestillten und künstlich
ernährten Kindern:
- Atemwegserkrankungen auf 10 gestillte
Kinder kommen 23 Flaschenkinder
- Durchfall auf 10
gestillte Kinder kommen 35 Flaschenkinder
- Mittelohrentzündungen auf 10 gestillte
Kinder kommen 95 Flaschenkinder
Nach der Einführung
fester Nahrung, sind Stillkinder besonders in Entwicklungsländern für Durchfall
anfällig. In Bangladesch wurden noch-gestillte Kinder und nichtgestillte Kinder
zwischen 6 und 35 Monaten bezüglich Durchfallerkrankung verglichen. Die
Energieaufnahme bei nicht-gestillten Kindern fiel um 40%; bei gestillten Kindern
blieb sie fast unverändert. Die Stillkinder bekamen auch 2,5 mal soviel Eiweiß
wie die nicht-gestillten. Bei Durchfall ist ein Appetitverlust häufig - auch in
Industrieländern. Doch viele Stillkinder trinken sehr gerne, auch wenn sie sonst
keinen Appetit haben. Es wird vermutet, dass das hochqualitative Eiweiß in der
Muttermilch dazu führt, dass ein krankes Kind wieder Appetit auf Kohlenhydrate
hat, die für die Gewichtszunahme so wichtig sind (Armstrong, 1987) - und dies
ist bei unseren Kindern auch nicht unwichtig.
Das „natürliche" Abstillalter
Aus dem bisher
Gesagten ist klar geworden, dass Muttermilch ihre Nahrungs- und immunologischen
Werte behält, so lange sie produziert wird. Trotzdem muss die Stillbeziehung
irgendwann zur Ende kommen - aber wann?
Die Anthropologin
Katherina Dettwyler hat versucht, durch kulturvergleichende Studien und durch
Vergleiche der Säugetiere untereinander diese Frage in etwa zu beantworten. Ich
werde hier auf die Vergleiche der Säugetiere verzichten - obwohl sie hoch
interessant und überzeugend sind, und nur kulturenvergleichende Studien
berücksichtigen. Auf ihrer Suche nach einem „hominiden Entwurf" (hominide
blueprint) für das „natürliche" Abstillalter hat sie verschiedene Kriterien
angeschaut:
-
Alter, in dem das
Kind das Geburtsgewicht vervierfacht hat
-
Alter, in dem das
Kind ein Drittel des durchschnittlichen Erwachsenengewichts erreicht hat
-
Bezug auf das
Gewicht einer erwachsenen Frau (Abstillalter in Tagen = 2,71 mal das Gewicht
einer erwachsenen Frau in Gramm)
-
Vergleich zu
Schwangerschaftswochen (6 x Schwangerschaftswochen - auf vergleichenden
Primatendaten basiert.
-
Alter beim
Durchbrechen der ersten Backenzähne.
Nach keinem der
Kriterien würde ein Kind unter 2,3 Jahren abgestillt und die Grenzen reichen bis
6 Jahre für Mädchen und 7 Jahre für Jungen. Sechs Jahre übrigens ist der
Zeitpunkt, wann das eigene Immunsystem des Kindes reif und eigenständig wird.
Bis zu diesem Punkt, schreibt Dr. Dettwyler, können die Lymphokine in der
Muttermilch die aktive Immunantwort - sowohl im Serum als auch sekretorisch -
steigern (Dettwyler, 56).
Ist die Idee, dass
Muttermilch eine positive Auswirkung auf das Immunsystem des Kindes bis zu 6
Jahren haben könnte, so weit hergeholt? Ganz und gar nicht. Gespendete
Muttermilch als Behandlung für verschiedene Krankheitsbilder ist mittlerweile
weit verbreitet:
-
Marinkovich
(1988) behandelt IgA-lnsuffizienz mit 100ml frischer Frauenmilch täglich
-
Asquith berichtet
über den Einsatz von Frauenmilch bei der Therapie für Leukämie oder
Knochenmarktransplantation
-
Erichson (1990)
berichtet, dass verbrannte Kinder Frauenmilch besser vertragen als die übliche
hypermolekulare Nahrung und
-
Wright benutzt -
mit Erfolg - frische Frauenmilch für Erwachsene in den ersten Tagen nach
Lebertransplantation (Springer, persönliche Kommunikation, 1996).
Ist es so schwierig zu
glauben, dass die Milch der eigenen Mutter lange Zeit - bis ins Schulkindalter -
als effektiver Stimulus für das kindeseigene Immunsystem dienen kann?
Sollten wir unsere
Abstillvorschläge so hoch setzen? Nicht unbedingt. Die Vorschläge bleiben nach
wie vor die Gleichen: „Im Idealfall wird die Stillbeziehung fortgesetzt, bis
das Kind ihr entwachsen ist" (Grundsatz 6, La Leche Liga).
Das eine Kind
wächst aus seinem Stillbedürfnis früher, das andere später hinaus. Weil das
Stillen eine Partnerschaft ist, spielen auch die Bedürfnisse der Mutter eine
Rolle. Wir möchten hier keine neue Vorschriften erstellen, sondern durch das
Anschauen der wissenschaftlichen und anthropologischen Daten einen erweiterten
Blick für das „normale" Abstillalter - und eine größere Toleranz für die Mütter,
deren Stillpraktiken von der kulturellen Norm abweichen - schaffen.
Ich hoffe, mit
diesem Referat dazu beigetragen zu haben.
REFERENZEN
Bradley, J., Baldwin, S., Armstrong, H. Breastfeeding: a neglected
household-Ievel weaning-food resource. in Alnwick D., Moses S., Schmidt OG.
(eds.) Improving young child feeding in eastern and southern Africa'
Household-Ievel feod technology. International Development Research Centre.
Ottawa, Canada IDRC-265e 1988
Chandra, RK. Prospective studies of the effect of breastfeeding on incidence of
infection and allergy.
Acta
Paediatr Scand. 68 :691-694 1979
Cunningham, AS. Breastfeeding: adaptive behaviour for child health and longevity
in Stuart-Macadam P. and Dettwyler KA. Breastfeeding' Biocultural
Perspectives New York: Aldine de Gruyter, 1995.
Davis MK., Savitz
DA., Graubard BI.
Infant
feeding and childhood cancer I.an.cet 2: 365-3868 1988
Dettwyler
KA. A time to wean: The hominid blueprint fot the natural age of weaning in
modern human populations in StuartMacadam P. and Dettwyler KA.
Breastfeeding' Biocultural Perspectives NewYork: Aldine de Gruyter, 1995.
Helsing
E. and King FS.. Breastfeeding in practice Oxford University Press,
Oxford, UK. 1982
Labbok
MH., Hendershot GE. Does breastfeeding protect against malocclusion? An analysis
of the 1981 child health supplement to the National Health Interview Survey
Am J Prev Med 3: 227232 1987
Mayer
EJ., Hamman RF., Savitz DA. et sI. Reduced risk of insulin-dependent diabetes
mellitus (lDDM) among breastfed children Diabetes 37: 1625-1632 1988
Pisacane
AN., Impagliazzo M., Russo R. et sI.
Breastfeeding and multiple sclerosis British Medical Journal 308:
1411-1412 1994
Strimas JH., Chi DS.
Significance of IgE level in amniotic fluid and cord blood fot the prediction of
allergy. Ann Allergy 61: 133-136 1988
Stuart-Macadam P. Biocultural perspectives on breastfeeding in Stuart-Macadam P.
and Dettwyler KA. Breastfeeding: Biocultural perspectives. New York:
Aldine de Gruyter, 1995
Takala AK., Eskola J., Palmbren J. et sI.
Risk factors of invasive Haemophilus influenzae type b disease among children in
Finland J.Pediatr. 115:694-701 1989
Teele DW, Kleine JO., Rosner B. Beneficial effects of breastfeeding on duration of
middle ear effusion (MEE) after first episode of acute otitis media (AOM)
Pediatr. Res.
14:494 1980
Mit freundlicher Genehmigung von
Elizabeth Hormann, IBCLC bei
rabeneltern.org veröffentlicht.