Stilldauer und Elastizität der
Arterien bei jungen Erwachsenen -
eine Studie sorgt für Aufregung
von
Denise Both,
IBCLC
In der letzten Zeit wurden Eltern mit Berichten, dass "Stillen
mit Herzerkrankungen in Verbindung steht" verunsichert. Den Meldungen zu diesem
Thema lag eine im British Medical Journal veröffentlichte Studie ("Duration of
breast feeding and arterial distensibility in early adult life: population based
study" von C P M Leeson, M Kattenhorn, J E Deanfield, and A Lucas) zugrunde, die
auf einen Zusammenhang zwischen einer Stillzeit von mehr als vier Monaten und
einer Versteifung der Arterien hinweist. Die Aussagekraft der Studie ist jedoch
sehr fraglich.
Selbst die Autoren dieser Studie kamen zu dem Schluss, dass das Ergebnis ihrer
Studie KEINEN Einfluss auf die gegenwärtigen Empfehlungen zur Bedeutung des
Stillens hat und die derzeitigen Ernährungsempfehlungen für Säuglinge nicht
geändert werden. Die Autoren betonen, dass "sich aus den von uns erhobenen Daten
kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Stilldauer und
Herz-/Kreislauferkrankungen ergibt". Weiter heißt es "es gab keine direkten
Berichte über die Art der Ernährung der Säuglinge und die Dauer der jeweiligen
Ernährungsform". Nur die Erinnerung der Mütter diente als Informationsquelle
über die Ernährung im Säuglingsalter der inzwischen zwischen 20 und 28 Jahren
alten Probanden. Dabei wurde unterschieden zwischen "entweder ausschließlich mit
künstlicher Säuglingsnahrung gefüttert" oder "Muttermilch erhalten". Es stellt
sich die Frage, wie gut das Erinnerungsvermögen der Mütter ist und in wie weit
die befragten Frauen ihre Erinnerungen ein wenig zurechtgebogen haben.
Andere Faktoren, die das Ergebnis der Studie beeinflussen könnten, wurden nicht
in Betracht gezogen - zum Beispiel, ob ausschließlich oder nur teilweise
gestillt wurde, wann und welche Beikost eingeführt wurde.
Ein Schwachpunkt, der auch von den Autoren anerkannt wird: "es lagen nur
beschränkt Informationen zur Ernährung in der frühen Kindheit vor". Es stellt
sich daher die Frage, ob die Versteifung der Arterien nicht der westlichen
Ernährung anzulasten ist, da sich bei Untersuchungen in anderen Kulturen, in
denen deutlich länger gestillt wird, als es in Großbritannien üblich war und
ist, keine derartigen Veränderungen feststellen ließen.
Auch Zahl und Auswahl der Probanden ist zu beanstanden.
In anderen Studien wurde regelmäßig eine Verbindung zwischen dem Stillen und
einer Verringerung der Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen
festgestellt:
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"Babys, die mit Muttermilch ernährt werden, haben später als
Jugendliche niedrigere Blutdruckwerte als Säuglinge, die mit
Milchersatzprodukten ernährt wurden. Die Ernährung in den ersten Lebensmonaten
scheint einen wesentlichen Einfluss auf den Blutdruck zu haben."
aus: Atul
Singhal, Tim J Cole, Alan Lucas: Early nutrition in preterm infants and later
blood pressure: two cohorts after randomised trials.
The Lancet, Volume 357,
Number 9254 10 February 2001.
-
"Muttermilch wirkt sich
günstig auf die Serum Lp(a)-Konzentrationen beim Säugling aus. Durch das
Abstillen wird auf markante Weise die Serum Lp(a)-Konzentration beeinflusst,
was darauf schließen lässt, dass in der Muttermilch ein Lp(a)-senkender Faktor
enthalten ist. Da wir wissen, dass die frühesten Anzeichen von
Arteriosklerose, die Fettstreifen nämlich, sich in den ersten Lebensjahren
entwickeln können, kann eine potentiell günstige Wirkung von niedrigem Lp(a)
während der ersten 12 Lebensmonate nicht ausgeschlossen werden."
aus:
Routi,T. et al.: Effect of weaning on serum lipoprotein(a) concentration: the
STRIP baby study. Pediatr. Res.
1995; 38(4):522-27
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"Die Untersuchung von 14- bis 17-jährigen gesunden Jugendlichen
ergab, dass diejenigen mit einer kurzen Stilldauer ( sechs Monate) aufwiesen.
Die Stilldauer zeigte eine negative Korrelation mit TC und apo B."
aus: Bergstrom, E. et al.: Serum lipid values in adolescents are related to
family history, infant feeding, and physical growth. Atherosclerosis 1995;
117:1-13
In der Tat mehren sich die Anzeichen dafür, dass die frühe
Einführung von anderer Milch als Muttermilch bzw. von Beikost ein Faktor von
entscheidender Bedeutung für eine Zunahme der kardiovaskulären Risikofaktoren zu
sein scheint.
Erwähnenswert ist die Erklärung im Nachsatz: "Gegenläufige Interessen: Das
Zentrum hat bei seinen Studien zu Folgen der Ernährung mit der
Säuglingsnahrungsindustrie zusammengearbeitet".
Schlussendlich bleibt es dabei, dass in der Laienpresse mit der Schlagzeile
"Länger als vier Monate stillen schadet" eine Schlussfolgerung veröffentlicht
wurde, die so in der Studie nirgends gezogen wurde, allen bisherigen
Erkenntnissen zuwiderläuft und unzählige Eltern verunsichert hat.
Die komplette Studie "Duration of breast feeding and arterial
distensibility in early adult life: population based study" von C P M Leeson, M
Kattenhorn, J E Deanfield, and A Lucas kann unter BMJ 2001;322 643-647 oder
http://bmj.com/cgi/content/full/322/7287/643 nachgelesen werden.