Historisches – Impressionen zum Stillen
Wusstet ihr ...?
... dass bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehr
Kinder durch das Fläschchen gestorben sind als „Männer durch das Schießpulver“?
Römisches Reich - Ursprünge der Ammenmärchen?
Ärzte
„... auf dass die Mutter nicht vor der Zeit
altere, denn das tägliche Aussaugen der Brüste nimmt sie zu sehr mit“,
behauptete der Arzt Saranus von Ephesus
So ein Käse ...
Wird eine Frau während der Stillzeit erneut
schwanger, gerinnt ihre Milch zu Käse.
Überlieferte Rezepte zur Anregung der Milchbildung
Aus folgenden Inhaltsstoffen wurden Salben zur
Einreibung der Brüste hergestellt:
Behandlung eines Milchstaues
Auf die harte Brust wurden Pfannkuchen oder
Omeletts gelegt. Auch Umschläge aus Kohl, weichem Brot, Eigelb, Weinstein oder
zerstoßenen Kürbisblättern wurden empfohlen. Um die Verstopfungen in den
Milchdrüsen zu beseitigen, saugten statt des Babys Frauen, Männer oder gar junge
Hunde an der Brust.
Mittelalter
Bei den Bäuerinnen war Stillen nach Bedarf
üblich. Sie gaben zu jeder Tages- und Nachtzeit dem Säugling die Brust, sobald
er danach verlangte. Dafür unterbrachen sie die Haus- oder Feldarbeit oder ihren
Schlaf, den sie zusammen mit dem Kind in einem Bett verbrachten. Üblicherweise
wurden die Kinder 2 Jahre gestillt, bis die Mütter mit dem nächsten Kind
schwanger wurden. Man glaubte, dass sonst das Kind an den Füßen des kommenden
Kindes saugen würde.
Muttermilch galt als weißes Blut. Statt der
Menstruation, die ja bekanntlich während der Schwangerschaft in den aller
meisten Fällen ausbleibt, glaubte man, dass weißes Blut den Fötus ernähren
würde. Nach der Geburt sammelte sich dieses Blut in den Brüsten und trat aus den
Warzen als Milch aus, die wiederum das Neugeborene ernährte. Für die Menschen
gab es keinen Zweifel, dass über die Milch nicht nur Nahrung an das Kind
weitergeben wurde, sondern man war davon überzeugt, mit der Milch würde das Kind
auch die körperlichen und moralischen Eigenschaften der Mutter aufnehmen.
Die Frauen von Stand dagegen konnten ihrer
Pflicht, so viele Kinder wie möglich in kurzer Zeit zu gebären, nur nachkommen,
wenn sie das Stillen den Ammen überließen. Mit der Zeit schickte es sich nicht
mehr, überhaupt zu stillen. Gründe wie Schönheit, Bälle und Empfänge und nicht
zuletzt die Angst, sich lächerlich zu machen, waren dabei ausschlaggebend. Der
Glaube, dass auch sittliche Fehler der Amme über die Milch an das Kind
weitergegeben wurden, hinderte jedoch keine Frau von Stand daran, eine Amme für
ihr Kind zu engagieren.
Während der Stillzeit wurde von der Kirche und
vielen Ärzten den Frauen Geschlechtsverkehr strikt verboten. Nur wenige Ärzte,
wie z. B. Laurent Jouset, teilten diese Auffassung nicht, wenn auch zu vermuten
ist, dass es nicht ganz uneigennützig war:
„Die Frau, die ich über alles liebe, hat mehrere
Kinder genährt, solange sie Milch hatte und ich habe nicht aufgehört, bei ihr zu
schlafen und sie zu lieben, wie es ein guter Ehemann seiner besseren Hälfte nach
den Regeln der Ehe schuldig ist. Gott sei Dank wurden unsere Kinder gut ernährt
und haben sich gut entwickelt. Ich erteile anderen keine Ratschläge, die ich
nicht auch selbst befolge. Ein großes, ungestilltes Verlangen ist der Hauptgrund
für verdorbene Milch.“
Arcuccio – der erste „Babybalkon“
Erstmals anno 15. Jahrhundert in Aufzeichnungen
überliefert. In Florenz war der „Babybalkon“, eine extra angefertigte
Holzkonstruktion, die neben das Bett gestellt wurde, für Ammen vorgeschrieben.
Diese gesetzliche Maßnahme sollten den Kindstod durch Erdrücken eindämmen.
Hohe Säuglingssterblichkeit
Die tatsächlichen Gründe für die hohe
Säuglingssterblichkeit waren mit hoher Wahrscheinlichkeit in den meisten Fällen
andere. Die englische Historikerin Valerie Fildes mutmaßte in ihrer Studie
Breast, Bottles and Babies, dass Kinder, die früh von ihrer Mutter getrennt
würden, nicht in den Genuss der abwehrstoffreichen Vormilch kämen und so
besonders anfällig für Infektionen gewesen seien. Das traf insbesondere auf
Orten weit entfernt von ihrer Heimat zu, in denen ganz andere
Umgebungsbedingungen herrschten als zu Hause. Hinzu käme Trennungsschmerz und
Trauer, so wie die katastrophalen Transportbedingungen. Alle dies wären
Faktoren, die das kindliche Immunsystem insgesamt schwächten. Sie schließt
daraus, dass Kinder eher aufgrund dieser Rahmenbedingungen dem Kindstod oder
Infektionen zum Opfer fielen, als dass sie tatsächlich von ihren Ammen erdrückt
oder erstickt worden wären.
Das 18. Jahrhundert
Aufzeichnungen des Polizeipräfekten Lenoir, 1780
Paris:
- 21 000 Geburten, davon 1000 Kinder von den
eigenen Müttern gestillt, 1000 von Hausammen, 19000 von Ammen, die auf dem Land
zumeist als Bäuerinnen lebten –. Der Transport der Kinder aufs Land glich
Viehtransporten, dicht an dicht in Körben wurden die Kinder auf offenen Karren
oder in Sattelkörben auf dem Rücken von Eseln durch die Gegend geschüttelt. Die
Säuglingssterblichkeit war hoch. Das führte zu einem Umdenken. Da in den Städten
kaum Frauen gab, die sich als Ammen anboten, entstand ein Markt für einen neuen
Berufsstand: die Ammenverdingerin und der Ammenbesorger. Die Ammenverdingerin
warb auf dem Land Frauen an und der Ammenbesorger, vermittelte diese in die
Stadt, sobald die Ammenverbringerin einen Auftrag für das Stillen eines
Säuglings erhalten hatte.
Ludwig der XIV. regelte das Geschäft der Ammen
per Erlass. Amme durfte nur sein, wer vom Dorfpriester eine Identitäts- und
Moralbescheinigung ausgestellt bekommen hatte. 1769 wurde in Paris ein Hauptamt
für Ammenverdingung eingerichtet. Andere Städte in Europa folgten diesem
Beispiel: Versailles, Lyon, Stockholm, Hamburg. Bevor eine Amme ihren Job
beginnen konnte oder eben nicht, war es üblich, dass ein Arzt die Milch kostete
und ein Attest ausstellte:
-
gekostet und angenommen
-
gekostet und abgelehnt
Viele Eltern kümmerten sich bis zum zweiten oder
dritten Lebensjahres ihres Kindes nicht ein einziges mal um dessen Wohlergehen,
manche kamen nicht einmal zur Beerdigung. Nicht immer steckte Gleichgültigkeit
dahinter, denn Frauen wie Männer mussten hart für den Unterhalt ihrer Familie
arbeiten. Fürsorge und Erwerbstätigkeit ließ sich in vielen Fällen nicht
vereinbaren. Manches Zeugnis über die Sorge der Eltern ist überliefert wie z. B.
dieser Brief der Frau eines Pariser Handwerkers an den Bürgermeister des
Heimatdorfes ihrer Amme:
„Verzeiht die Belästigung, doch Ihr hört eine
Mutter, die in größter Sorge um ihr Kind ist, das am 18. November 1833 einer
Amme, einer gewissen Guille, Frau des Holot, wohnhaft in Beaubray, anvertraut
wurde. Sie hat am 5. Dezember geschrieben, daß mein Sohn sehr krank sei, und
seither sind wir ohne Nachricht. Allmonatlich habe ich ihr Geld an das Amt
bezahlt, doch nie hat sie mir den Erhalt bestätigt. Habt die Güte, mir zu
antworten, Ihr erwieset damit einer zutiefst beunruhigten Mutter einen großen
Dienst.“
Die Hausammen führten ein vergleichsweise
sorgenfreies Leben, betrachtet man die reine Oberfläche. Auf die Ernährung der
Ammen wurde streng geachtet. So wurde ihnen zartes, junges Fleisch z. B. von
Lamm gegeben. Die Speisen durften nicht zu kräftig gewürzt sein. Zwiebeln,
Knoblauch, Pfeffer, Minze oder Basilikum durften sie zur Vorbeugung von
Blähungen beim Säugling nicht essen. Als milchfördernd galten Kohl, Fenchel,
Anis und Kopfsalat. Sie war in der Hierarchie des Personals die Ranghöchste, ihr
durfte nicht widersprochen werden aus Angst, dies könnte sich negativ auf ihre
Milchbildung auswirken. Doch der Schein trügte. 1904 schrieb der Geburtshelfer
Adolphe Pinard: „Sieht man auf den öffentlichen Sparzierwegen eine majestätische
und wohlgenährte Amme, die einen Säugling auf dem Arm trägt, so darf man nicht
vergessen, dass ihr eigenes armes Kleines oft leidet oder schon gestorben ist.“
Zufüttern
Im Mittelalter wie im 18. Jahrhundert war frühes
Zufüttern bei den „Ammen-Kindern“ üblich. Ärzte empfahlen zwischen der 2.
Lebenswoche und des. 2. Lebensmonats mit der Beikost zu beginnen. Kriterium für
ein gut gedeihendes Kind war sein Gewicht - je fetter, desto gesünder. Ludwig
der XIII. bekam beispielsweise seinen ersten Brei im Alter von 4 Wochen: Wasser
oder Milch mit gekochtem Brot, manchmal zugesetzt mit Bier oder Wein. Auch
Brotsuppe war sehr beliebt. Sie enthielt neben Brot, Butter und Fleischbrühe,
manchmal auch Eier. Der Brei wurde vorgekaut, das Kind lutschte ihn vom Finger
der Mutter, des Vaters oder der Amme.
Leopold Hugo, geboren 1823, Bruder von Victor,
konnte von seiner schwer kranken Mutter nicht gestillt werden. Versuche mit
Ammen blieben erfolglos. So besorgte sich die Familie schließlich eine Ziege.
Leopold wurde direkt an ihr Euter angelegt und von ihr ernährt.
Eigentlich war Eselsmilch die Ersatzmilch erster
Wahl. Nur Esel hatten einen großen Nachteil, sie waren für Städter zu
„unhandlich“. Eselsmilch wurde von Ärzten empfohlen, da sie in ihrer
Zusammensetzung der Muttermilch am ähnlichsten ist. Neben dem Kinderkrankenhaus
der Pariser Fürsorge befand sich im Jahre 1881 ein Eselsstall. Eine Eselin
ernährte pro Tag zwei Kinder. Für Waisenkinder, Frühgeburten, ausgesetzte oder
syphiliskranke Kinder war die Tiermilch oft die einzige Überlebenschance. Die
Kinder lagen im Schoß der Schwestern und saugten vom Euter der Esellinnen.
Ende des 17. Jahrhunderts wurde am englischen Hof
statt Muttermilch, Tiermilch favorisiert als beste Säuglingsnahrung überhaupt.
Ein Grund dafür war vermutlich der inzwischen schlechte Ruf der Ammen, denen
unterstellt wurde, dass sie die ihnen anvertrauten Kinder aus Habgier töteten,
z. B. durch absichtliches Erdrücken während der Nacht.
Und das ist wirklich das Letzte!
Erst 1910 verbot die französische
Nationalversammlung endlich Herstellung und Verkauf von Kautschuksaugern und
-schnullern. Das wurde auch Zeit! Die ersten dieser Brustattrappen kamen bereits
1830 auf den Markt. Kautschuk wurde damals nach Gewicht bezahlt. Um dieses zu
erhöhen, mischten die Kautschukhersteller Bleisalze, Zink, Antimon und Arsen
bei.
eulalie für Rabeneltern.org
Quelle:
Baby, Säugling, Wickelkind – Eine
Kulturgeschichte –
Von Beatrice Fontanel, Claire d’Harcoourt
Bildband, Verlag Gerstenberg
(leider zur Zeit bei www.amazon.de nur gebraucht
zu kaufen).