Unsere Stillgeschichte
Als ich
während meiner Schwangerschaft zum ersten Mal den Gedanken hatte, mein Baby
stillen zu wollen, waren die Reaktionen in meiner Familie sehr unterschiedlich.
Schließlich hatte ich bis vor kurzem hauptsächlich Partys und Feiern im Kopf.
Jetzt bekam ich ein Baby und wollte dies auch noch stillen? Wer mich damals
kannte, muss dies für völlig undenkbar gehalten haben.
Mein
Mann, selbst belastet mit Neurodermitis, Heuschnupfen und diversen anderen
Allergien, unterstützte meine guten Vorsätze, auch, wenn er nicht so ganz davon
überzeugt war, dass es klappen würde. Meine Schwiegermutter hat selbst vier
Kinder und alle mindestens ein Jahr gestillt. Sie war natürlich begeistert und
überrascht, dass heutzutage überhaupt noch gestillt wird.
Ganz
anders meine Familie. Meine Mutter, meine Tanten und meine Omas waren sich
absolut einig, dass das keinesfalls klappen würde. „In unserer Familie konnte
noch keine Frau stillen“, „Ich musste damals nach einer Woche abstillen, weil
ich keine Milch hatte und dabei hatte ich wenigstens Busen“, „Lass Dir am besten
gleich Abstilltabletten geben, dass wird eh nichts“ waren nur ein paar von den
Kommentaren, die ich mir anhören musste.
Selbst
meine Hebamme vom Geburtsvorbereitungskurs meinte, ich könne es ja gerne mal
versuchen, solle mir aber nicht zu viele Hoffnungen machen. Gerade die Frauen,
die unbedingt stillen wollten, hätten schnell Probleme und müssten abstillen.
Ich solle nicht zu enttäuscht sein, wenn es nicht klappen würde.
Zum Glück
ließ ich mich aber nicht abschrecken. Im Gegenteil, je mehr Leute mir vom
Stillen abrieten, umso fester wurde mein Wille es zu versuchen und denen mal so
richtig zu zeigen.
Ich
besorgte mir „Das Stillbuch“, las es gründlich durch und ließ alles auf mich
zukommen…
Ich hatte
zur Entbindung ein Krankenhaus gewählt, was sich selbst auch als stillfreundlich
bezeichnete. Davon habe ich allerdings nicht viel bemerkt. Eine halbe Stunde
nach der Geburt lag meine Tochter Marie hellwach und offensichtlich suchend auf
meinem Bauch. Ich fragte die Hebamme, ob ich die Kleine nicht mal anlegen solle.
Die Antwort war nur „Wenn sie möchten“, sprachs und verließ den Raum. Also haben
mein Mann und ich unsere Maus in Eigenregie angelegt und zum Glück hat unsere
Tochter sofort so toll mitgemacht, dass sie schon bald genüsslich schmatzend an
meiner Brust lag. Ich war so froh, dass ich mich vorher informiert habe, sonst
wäre ich in dieser Situation wirklich aufgeschmissen gewesen.
Die erste
Woche war dann wirklich hart. Im Krankenhaus bekam man von jeder Schwester
andere Infos, wie und wie oft und wie lange ich mein Baby zu stillen hätte. Nach
drei Tagen ging es dann auf eigenen Wunsch nach Hause, weil ich mich bei dem
Rummel im Krankenhaus nicht wirklich erholen konnte.
Am
fünften Tag hatte ich so wunde Brustwarzen, dass meine Tochter nach jeder
Mahlzeit im hohen Bogen Blut spuckte. Das Anlegen war sehr schmerzhaft und ich
war kurz davor aufzugeben. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass es dem Baby
nicht schadet Blut zu trinken, wollte ich es noch ein paar Tage versuchen. Vor
dem Anlegen kam ein warmer Waschlappen auf die Brust, ich ließ die Milchreste
auf der Brustwarze trocknen und lief viel oben ohne durch die Wohnung. Nach 10
Tagen war der Spuk vorbei und ich hatte das Glück, seitdem nie wieder
irgendwelche Stillprobleme zu haben.
Trotzdem
muss ich heute darüber lächeln, wie schwer ich mir selbst das Leben in den
ersten Wochen mit Kind gemacht habe. Wenn die Kleine nachts wach wurde, saß ich
verzweifelt auf der Bettkante, stillte und konnte meine Augen vor Müdigkeit kaum
aufhalten. Da ging mir oft der Gedanke durch den Kopf, dass ich das niemals vier
Monate (mein erster Vorsatz) durchhalten würde. Irgendwann bin ich dann beim
Stillen eingeschlafen und seit dieser Nacht war unser Familienbett geboren.
Marie
schlief zwischen uns und alle waren zufrieden. Das war ja so praktisch und die
beste Lösung für uns alle. Kein nächtliches Aufstehen mehr: Einfach umdrehen,
andocken, weiterschlafen…herrlich. Warum hatte ich es uns bloß vorher so schwer
gemacht?
Je älter
meine Tochter wurde, desto mehr Leute meinten, sich in unsere Stillbeziehung
einmischen zu müssen. Als meine Tochter vier Monate alt war, meinte meine
Familie, sie wäre nun bereit für Beikost. Schließlich hätte ich selbst als Baby
ja schon mit sechs Wochen mein erstes Möhrengläschen gefuttert. Und es hätte mir
auch nicht geschadet. Marie selbst war da allerdings anderer Ansicht und
verweigerte bis kurz vor ihrem ersten Geburtstag jede Art von Beikost. Dann fing
sie langsam an zu essen, wenn auch nicht gerade viel. Allen Unkenrufen, unser
Kind würde noch verhungern, zum Trotz gedieh sie prächtig und war so gut wie nie
krank. Mit knapp zwei Jahren bekam sie ihre erste Erkältung. Davor mussten wir,
abgesehen von den Vorsorgeuntersuchungen, nicht einmal zum Kinderarzt.
Ich habe
festgestellt, dass es immer gewisse Altersgrenzen gab, an denen dann besonders
oft die Nachfrage kam, wann wir denn endlich abstillen wollten. Die erste Grenze
lag bei vier Monaten, dann bei sechs Monaten und bei einem Jahr. Nachdem wir
dies überwunden hatten, war erst einmal eine ganze Zeit lang Ruhe, bis es dann
auf Maries zweiten Geburtstag zuging… Und schließlich auf den dritten…
Meine
Mutter fragte mich irgendwann einmal, wie lange ich denn noch stillen wolle.
Marie sollte doch schließlich noch Geschwisterchen bekommen und wenn sie jetzt
immer noch so viel stillen würde, wäre für die weiteren Babys ja keine Milch
mehr da…?!?!? Tja, was soll man dazu noch sagen?
Marie
ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt und sie liebt es immer noch zu stillen. Sie
ist ein sehr fröhliches und aufgewecktes Kind, geht gerne in den Kindergarten
und hat keinerlei Probleme, auch mal viele Stunden am Tag ohne Mama und Stillen
auszukommen. Ich hätte früher nie gedacht, dass aus mir mal eine
Langzeitstillmama werden würde, aber ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist.
Die Entscheidung mit dem Stillen aufzuhören, liegt übrigens allein bei meiner
Tochter. Das hat inzwischen auch meine Familie akzeptiert!
Nirilena