Meine Kinder und das Stillen, eine schmerzhafte
Geschichte
Im Brustton der Überzeugung hab ich schon früh erklärt: Ich werde sie stillen,
egal wie schwer das wird! Da ich immer mit dem Kopf durch die Wand gehe, ließ
ich mich auf keine Diskussion darüber ein.
Geboren wurde die drei Mäuse SSW 34+4. Es ging ihnen gut. Das war das erste, was ich
hörte. Das erste, was ich dann einen Tag später sah, waren so winzige Babies,
dass ich dachte, das können nicht meine sein.
Dann hörte ich, sie hätten unter anderem keinen Saugreflex, müssen zunächst mal
per Magensonde ernährt werden. Das hab ich nicht so leicht weggesteckt.
Nichts desto trotz, ich blieb dabei. Stillen, sobald man es mir erlauben würde.
Wegen Bettenmangel auf der Wöchnerinnenstation kam ich nach dem KS wieder auf
die Frauenstation zurück, wo ich schon wochenlang vor der Geburt gelegen habe.
Man stellte mir eine Pumpe ins Zimmer, zeigte mir deren Handhabung und teilte
mir mit, dass Muttermilch sehr wichtig für Frühgeburten sei. Ich pumpte alle
drei Stunden ab und ließ mich nachts dafür wecken.
"Herrjeh, schlafen Sie sich
doch erst mal richtig aus!", Kommentar der Nachtschwester.
"Als ob man das aufschieben kann mit dem Milcheinschuß.", dachte ich angesichts
dieses Kommentars.
Das nächste, was dann geschah, war, dass ich am zweiten Tag einen Anruf von
einer Schwester der Neugeborenen-Intensiv-Station bekam, die fragte, wo denn die
Milch bliebe. Und nach Nachfragen musste ich von den Schwestern der
Frauenstation hören, dass man solche Minimalmengen (5 - 10 ml der wertvollen
ersten Milch) einfach weggeworfen hätte. Das hätte sich ja nicht gelohnt.
Ich fühlte mich so wütend, hilflos dem ausgeliefert, dass ich nicht
reagieren konnte.
Geregelt wurde das dann vom Personal der NEO, denen ich das mitteilte.
Relativ schnell durften die Kinder den Brutkasten verlassen und kamen in
Wärmebetten. Dann durften wir sie auch alleine rausnehmen und legten sie uns das
erste mal auf den nackten Oberkörper. Dieses Gefühl war einfach nur wunderschön
und nicht mit Worten zu beschreiben. Glück pur! Und es führte dazu, dass sich
meine Milchmenge beim Abpumpen schlagartig verdoppelte. Das
spornte mich an.
Das Füttern per Flasche kam dann auch innerhalb der ersten Lebenswoche und
klappte mit gewissen Schwierigkeiten doch ganz gut. Die Kinder tranken sehr
langsam, schliefen immer wieder ein. Was ich aber für völlig normal hielt.
Aber "normal" sieht auf vielen NEO`s anders aus.
Mengenvorgaben und festgelegte Fütterungszeiten. Im Klartext hieß das, das
Füttern sollte nicht zu lange dauern und die Mindestmenge musste eingehalten
werden. Somit wurden die Kinder immer wieder nachsondiert. Wie sich auf diese
Weise ein natürliches Hunger- bzw. Sättigungsgefühl entwickeln soll, ist dabei
sehr fraglich.
Als die Kinder ca. 3 Wochen alt waren, meinte bei der Visite der Chefarzt
plötzlich, sie könnten dann Anfang der darauf folgenden Woche nach Hause.
Ich fiel aus allen Wolken, denn ich wartete ja immer noch auf das OK fürs
Stillen. Und ich bin davon ausgegangen, dass mir zumindest in dieser Zeit noch
Unterstützung geleistet würde, weil ich es mir eben nicht so einfach vorstellte.
Ungefähr zum selben Zeitpunkt erfuhr ich von der anderen Drillingsmutter, deren
Kinder ebenfalls auf der NEO lagen, beunruhigende Nachrichten. Sie pumpte auch
noch ab, weil ihre Kinder noch früher zur Welt kamen und noch nicht kräftig
genug für das Stillen oder gar Flasche waren. Sie hatte nebenbei mitbekommen,
dass man in unser beider Fälle gar nichts davon hielt, dass wir es überhaupt mit
dem Stillen versuchen. Da muss es einen auch nicht wundern, dass es nicht
vorwärts ging.
Also nahm ich am nächsten Tag die Dinge eigenständig in die Hand. Wie üblich bin
ich morgens auf der NEO erschienen, schnappte mir das erste wache Kind und
verschwand mit ihm (Lukas) im Stillzimmer. Dort angekommen, legte ich ihn
einfach an. Und als ob das kleine Kerlchen nie etwas anderes getan hätte, dockte
er an und trank mit einem kräftigen Sog. Völlig easy! Und nicht nur easy! Ich
hätte versinken können in dem Anblick meines Kindes, dass so wunderschön war,
winzig und fast in meinem Arm verschwand. Mir kam der Mund viel zu klein vor, um
die Brustwarze fassen zu können. Ich hätte ewig so da sitzen bleiben können und
einfach nur staunen.
Im nächsten Moment erschien eine Schwester, schaute ganz erstaunt und fragte
dann, ob ich ihn vorher gewogen hätte.
"Nein, habe ich nicht!"
"Wir müssen aber doch wissen, wie viel er an der Brust trinkt. Sie müssen ihn
vorher und nachher nackt wiegen!" meinte sie pikiert.
"Tja, hätten Sie mich mal in die Materie eingeführt, hätte ich das wohl gewusst.
Dieses mal wird's wohl auch ohne Wiegen gehen müssen. Ich höre jetzt nämlich
ganz sicher nicht auf!" entgegnete ich.
Als ich dann mit Lukas fertig war, holte ich mir Jan. Das lief dann Nicht so
einfach ab. Er wollte einfach die Brustwarze nicht nehmen. Ich wurde nervös, er
war hungrig und fing an, zu schreien. Nichts klappte. Ich war dem Heulen nahe
und total unglücklich. Unser Glück zu dem Zeitpunkt war, dass ich im Stillzimmer
nicht allein war. Und die andere Mutter dort bekam just in dem Moment Besuch von
einer Stillberaterin. Diese kümmerte sich dann erst mal um
mich und Jan.
Es endete damit, dass ich zunächst mal ein Stillhütchen bekam. Das nahm Jan an
und trank dann doch ganz ordentlich. Ihn hab ich übrigens ebenfalls vergessen,
vorher zu wiegen. Das sollte mir noch ganz oft passieren.
Da das Stillen nun mal länger dauert als eine Flaschenfütterung, kam kurz darauf
eine Schwester rein und meinte, sie würde derweil Kim schon mal füttern. Und
verschwand, bevor ich etwas entgegnen konnte. Ich fand das nicht ok, war aber
auch nicht in der Lage, mich dagegen zu wehren.
Während ich Jan stillte, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wie soll
das überhaupt mit dem Stillen auf der NEO klappen? Da ich ja hin und wieder
etwas Schlaf brauchte, musste ich zwangsläufig nachts nach Hause. Es gab im KH
keine Gelegenheit, mich gelegentlich mal hinzulegen, so dass ich zu allen
Mahlzeiten da gewesen wäre.
Das wiederum bedeutete, ich könnte sie zwar tagsüber stillen, nachts hingegen
würden sie die Flasche bekommen. Und ich fragte mich, ob das so überhaupt
klappen könnte. Egal, wie viel ich darüber nachdachte, es gab keine Lösung für
dieses Problem.
Zweites Problem waren die vorgeschriebenen Fütterungszeiten. Ich konnte es nicht
schaffen, alle drei nacheinander im Krankenhaus zu stillen, weil das deren
Zeiten überschritt und deren Ablauf durcheinander brachte. Dazu trug auch das
fürchterliche Wiegen vor und nach dem Stillen bei. Man zieht so einen Winzlinge
nicht mal eben so aus. Das dauert seine Zeit, wenn man vorsichtig dabei ist, um
ihnen wegen der venösen Zugängen nicht weh zu tun.
Ausziehen, Anziehen, Stillen, wieder Ausziehen und wieder Anziehen. So etwas
nimmt Zeit in Anspruch.
Viel später, schon lange zuhause, durfte ich dann auch feststellen, dass es
prägt, wenn man so auf Mindestmengen "geeicht" wird.
Also lief es darauf hinaus, dass ich jedes Mal nur zwei Kinder stillte,
dabei nach meinem Plan rotierte, so dass jedes Kind mal an die Brust kam.
Das war ein totaler Krampf, vor allem, wenn die Kinder zeitgleich wach wurden.
Ich wollte alle füttern, musste aber dann eines den Schwestern überlassen. Das
tat ich nur äußerst ungern. Denn nachdem die Kinder gefüttert und gewickelt
waren, wieder im Wärmebett, sollte ich sie tunlichst dort lassen!
Am nächsten Tag dann versuchte eine Schwester, mir beim Stillen zu helfen.
Dieses mal zeigte sie mir Tandemstillen. Ich legte Kim an, die ja bisher noch
nicht gestillt wurde, und die Schwester legte mir dann Lukas an und ging.
Mutterseelen alleine saß ich dann im Stillzimmer und stillte. Besser gesagt,
versuchte es. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen. Und es kam, wie es kommen
musste. Kim hatte Schwierigkeiten. Immer wieder verlor sie die Brustwarze. Und
jedes Mal, wenn ich ihr half, rutschte Jan die Brustwarze raus. Wieder wurde ich
unruhig und nervös. In dem Moment wünschte ich mir, nicht auf einer Couch zu
sitzen, sondern auf dem Boden. Ich hatte tierisch Angst, dass mir ein Kind
runterfallen würde.
Kim schrie bereits aus vollem Hals. Irgendwie gelang es mir dann, sie mit einer
Hand auf die Seite neben mir zu legen und positionierte Jan dann anders.
Wiederum mit einer Hand versuchte ich mein Glück, Kim wieder hochzunehmen, um
sie anzulegen. Nichts ging!
Also legte ich sie wieder beiseite, tröstete sie, so gut es ging und stillte Jan
zu ende. Ich hätte heulen können, weil Kim so weinte. Immerzu dachte ich, gleich
kommt eine Schwester rein und nimmt sie dir weg. Dann erst versuchte ich, Kim
alleine zu stillen. Aber selbst alleine, mit beiden Händen zur Verfügung,
rutschte ihr immer wieder die Brustwarze raus. Kurzerhand nahm ich dann wieder
ein Stillhütchen und daraufhin klappte es bei ihr auch.
Ich habe nie so ganz verstanden, warum Jan und Kim ohne Stillhütchen nicht
stillen konnten. Wohl doch eine Verwirrung wegen Flaschensauger? Dabei blieb es
aber während der ganzen Stillzeit.
Ich war stinksauer auf die Schwester, die mich dort so alleine sitzen ließ und
habe bis heute die Angst nicht vergessen, es könnte mir ein Kind runterfallen.
Erst zuhause hab ich dann einen weiteren Versuch des Tandemstillens gewagt - auf
dem Boden! Aber auch das klappte nicht.
Einige Tages darauf erschien ich morgens, wie üblich gegen 7 Uhr, auf der NEO,
brachte die abgepumpte Milch der Nacht mit und füllte sie um. Eine Schwester
erschien und teilte mir im Vorbeigehen mit, dass die Kinder sich heute früher
gemeldet hätten und bereits gefüttert seien. Wusch, weg war sie. Ich reagierte
überhaupt nicht, füllte weiter die Milch um. Dann ging ich ins Stillzimmer, ohne
Kind. Dort hab ich eine Weile gesessen und fühlte mich völlig betäubt. Ich saß
einfach nur da und meine Brüste taten weh. Ich hatte meine Pumpe nicht dabei und
benutze dann die Pumpe der Station. Diese
wiederum funktionierte bei mir nicht. Die ganze Milch lief überall runter, nur
nicht dorthin, wo sie hinsollte. Dann fing ich an zu heulen und war völlig neben
mir, zitterte am ganzen Körper.
Eine Schwester kam rein und fragte mich, was denn los sei. Ich schaute sie nur
an und sagte ihr, sie solle mich in Ruhe lassen. Ich konnte einfach nicht
verstehen, wie diese Leute mit mir umgingen. Ich war aber auch nicht fähig, mich
zu wehren, was so gar nicht meine Art war. Ich fühlte mich so mies, weil ich
nicht ich selbst war.
Kurz darauf kam die Stillberaterin. Mit ihr unterhielt ich mich über den
Vorfall. Sie erzählte mir, dass das leider kein Einzelfall sei. Die Pumpen
funktionieren bei keiner Frau, die einen etwas größeren Busen hat. Die Art und
Weise, wie Eltern auf der Frühchenstation behandelt werden bezüglich Stillen sei
mittelalterlich usw. Nach einer Weile hab ich sie gebeten, mich allein zu
lassen. Ich wollte einfach nur alleine sein.
Sie muss wohl mit dem Stationsarzt darüber geredet haben. Denn dieser erschien
eine Weile danach und meinte, sie würden mich beim nächsten mal anrufen, wenn
die Kinder sich früher melden würden. Schließlich brauchte ich nur 10 Minuten,
um von zu hause ins Krankenhaus zu fahren. Damit war das Thema dann erledigt.
Mich hat das noch lange emotional verfolgt.
Einige Tage darauf hab ich wiederum so nebenbei mitbekommen, dass die Kinder
nachts nicht mal die Flasche bekamen, sondern von den nur zwei Nachtschwestern
lediglich sondiert wurden, weil das eben schneller ging. Aufgefallen ist das,
nachdem ich mich mal wieder mit der anderen Drillingsmutter unterhielt. Sie
fragte mich, ob meine Kinder morgens auch so schwer sauber zu machen seien. Der
Stuhl wäre ganz trocken und man müsse richtig reiben, um ihn abzubekommen. Ich
bestätigte das. Der Gedanke lag nahe, dass die Kinder nachts nicht gewickelt
wurden. Denn ansonsten war der relativ flüssige Stuhl immer leicht sauber zu
machen. Sie erzählte mir dann, wie die Kinder nachts gefüttert werden, weil sie
wegen des Stuhl einfach mal länger dablieb, um sich die Nachtschwestern mal
anzusehen.
Da die Kinder aber bereits zwei Tage danach entlassen werden sollten, und ich zu
diesem Zeitpunkt schon ziemlich genervt von der Station war, unterließ ich es,
dagegen etwas zu unternehmen. Ich nahm mir allerdings vor, einen Brief zu
schreiben mit all meinen Eindrücken. Aber erst, wenn ich etwas Abstand von den
Dingen gewonnen hätte. Es war mir wichtig, dass ein solcher Brief als Hinweis
verstanden wird, nicht als Kritik und im Müll landet.. Ich bin bis heute nicht
fähig, diesen Brief zu schreiben. Warum das so ist, kann ich nun, 2,5 Jahre
danach, noch nicht mal in Worte fassen. Ich habe es immer noch vor.
Dann kam der wundervolle Tag, wo wir unsere Kinder mit nach Hause nehmen
durften. Vor lauter Aufregung blieb mir morgens die Milch weg. Schlagartig war
ich in Panik. Aber ich erinnerte mich daran, dass mir das an meinem
Entlassungstag aus dem Krankenhaus eben so ging und beruhigte mich erst mal
wieder. Mein Mann fuhr mich morgens ins Krankenhaus und sollte mich dann mit den
Kindern am Nachmittag abholen.
An diesem Tag hab ich demonstrativ keines der Kinder gewogen, zog ihnen eigene
Sachen an und machte ausschließlich mein Ding. Ich fühlte mich wunderbar!! Zur
Fütterungszeit kam die Milch dann auch wieder, gottlob. Es war mir egal, ob das
Füttern der Kinder zu lange dauerte, ich nahm alle drei mit ins Stillzimmer und
blieb dort. Dieses mal hakte niemand nach, ob ich denn alles nach Vorschrift
gemacht hätte. Sicher brauchte ich lange dafür, aber das wäre ja zuhause nicht
anders.
Der Tag war aufregend und beinhaltete so vieles. Die Freude darauf, dass die
Kinder endlich UNSERE Kinder wurden. Ich weiß nicht, wie ich es anders
ausdrücken soll. Ich hatte vorher einfach nicht das Gefühl, dass es meine Kinder
seien, da ich an so vielen Entscheidungen nicht beteiligt war, für so vieles
erst fragen musste. Das ist schwer zu beschreiben. Aber auch eine
unterschwellige Angst war vorhanden. Angst davor, es alleine zu schaffen zu
müssen, ohne den Rückhalt des Personals. Das nicht so sehr wegen dem Stillen,
sondern wegen diffuser , nicht greifbarer Ängste.
Es stand auch noch ein Pressetermin aus. Zweimalige Drillingsgeburt sollte doch
in die Zeitung, meinten die Ärzte. Meine Bekannte und ich haben überlegt, ob wir
das mitmachen. Aber die beiden Leute von der örtlichen Zeitung haben uns
versichert, dass unsere Aussagen Wort für Wort übernommen werden, nichts
hinzugefügt und nichts weggelassen. Und sie hielten Wort.
Es war sehr komisch, mit anzusehen, wie sehr der Fotograf schwitze, denn er war
die hohe Raumtemperatur ja nicht gewohnt und hatte einen dicken Pulli unter dem
Krankenhauskittel an. Er hielt sich gut *grins*.
Die Bilder und die Anzeige sind sehr schön geworden und dienten uns als
Geburtsanzeige für alle Verwandten und Bekannten.
Endlich war es dann soweit: Wir durften gehen. Es gab noch ein
Abschlussgespräch und dann verließen wir die Station. Wir nahmen uns noch die
Zeit, uns von den Schwestern und Ärzten der Frauenstation sowie von den Hebammen
zu verabschieden.
Und dann ging es nach Hause.
Wir hatten unsere Verwandten gebeten, an diesem Tag bitte nicht zu erscheinen,
denn wir wollten uns in Ruhe in den neuen Ablauf einfinden. Und wie Verwandte so
sind, hielten sie sich nicht dran und erschienen kurz nach uns bei uns zuhause.
Somit hatten wir volles Haus.
Mein Mann und ich, drei Babies, unsere beiden älteren Töchter und dann noch Oma,
Tante und Onkel und Hund.
Jedenfalls durfte unser Hund als allererstes die Kinder begutachten. Er wedelte
aufgeregt, schnüffelte sie ab und freute sich offensichtlich.
Ansonsten konnte er nichts mit ihnen anfangen. Das ist heute noch so.
Nach einer halben Stunde voll: "Ach Gott, sind die süß!", "Meine Güte, sind die
winzig!" Bla bla Bla hatte ich die Nase voll, schnappte mir zwei der Kinder und
verschwand in mein Schlafzimmer. Holte noch das Dritte und bat mir aus, mich in
Ruhe zu lassen. Verwandte blieben beleidigt unten. Auch daran sollte sich nicht
viel ändern in den nächsten Monaten.
In meinem Bett dann stillte ich Lukas und Kim nacheinander und Jan bekam
anschließend die Flasche. Aus heutiger Sicht denke ich, ich hätte ihn einfach
auch stillen sollen. Warum ich dachte, die Menge würde nicht reichen, kann ich
nicht mehr nachvollziehen. Meine Kenntnisse über den Stillvorgang waren
sicherlich unzureichend. Aber trotz Stillberaterin und Nachsorge-Hebi bekam ich
auch keine anderen Infos. Es würde dauern, bis die Menge für alle drei reichte,
hieß es.
Nun, das Rotieren zwischen Flasche und Stillen ergab jedenfalls keine
Schwierigkeiten, außer eben, dass es beim Stillhütchen blieb. Das machten die
Kinder ansonsten problemlos mit. Und auch der Schnuller, der ihnen im
Krankenhaus angewöhnt wurde (um den Saugreflex zu unterstützen hieß es)
bereitete den Kindern keine Schwierigkeiten in Bezug auf das Stillen.
Relativ schnell stellte sich dann heraus, dass ich den 4-Stunden-Rhythmus des
Krankenhauses nicht halten konnte. Die Kinder waren ca. alle drei Stunden
hungrig. Ich hab viel darüber nachgedacht, warum das so war. Lag es an der
Menge? Ja, Menge blieb ein Thema und es hat lange gedauert, bis ich mich davon
lösen konnte. Bis ich gelernt hatte, dass sie das nehmen, was sie brauchen,
nicht mehr und nicht weniger. Oder lag es daran, dass man im Krankenhaus ein
Kind einfach nachsondierte, wenn die gewogene Menge nicht der Mindestmenge
entsprach?
Ich sollte es nicht herausfinden, es war auch einer der vielen überflüssigen
Gedanken, die einem das Leben nur schwer machen.
Ich habe das Wiegen vor und nach jeder Mahlzeit unterlassen, es hätte ohnehin
meinen Zeitrahmen gesprengt. Ich wog sie einmal abends. Anhand der Mengen in den
Flaschen konnte ich sehen, wie viel die Kinder tranken. Es pendelte sich in den
ersten Wochen um die 50 - 60 ml ein. KH-Mengen waren 70-80 ml. Und noch ein
Gedanken war in meinem Kopf, der überflüssig war.
Meine beiden älteren Töchter, tranken in dem Alter bereits 150 - 200 ml. Noch so
ein absurder Gedanke, den man nicht zum Vergleich heranziehen konnte. Die beiden
Großen waren keine Frühchen. Aber auch wenn man noch so gut weiß, dass man nicht
vergleichen sollte, der Gedanke war da.
Nachdem die Kinder in der ersten Woche zuhause kaum zunahmen, wurde ich dann
noch von der Kinderärztin verunsichert. Sie müssen mehr trinken! SCHREI!
Ja wie denn? Wenn sie aufhören zu trinken, hören sie auf.
Also versuchten wir, ein Kind, das beim Stillen einschlief, wieder zu
wecken. Es zu animieren, doch weiter zu trinken. Hin und wieder taten sie das
auch. Aber man konnte sich drauf verlassen, dass auch genau diese Menge dann
wieder herauskam. Also ließen wir das wieder sein.
Dann versuchte ich, sie alle zwei Stunden anzulegen. Aber versuch mal ein Kind,
das noch keinen Hunger hat, zum Stillen zu animieren. Auch das klappte nicht.
Irgendwann gab ich diese Versuche auf und verließ mich auf darauf, dass die
Kinder sich melden, wenn sie Hunger haben. Und das taten sie auch.
Ich hatte großes Glück, dass sie uns das Füttern nach Bedarf leicht machten.
Denn sie meldeten sich pünktlich alle drei Stunden. Erst eines, während dem
Stillen das Zweite, das durch Schnuller gut warten konnte. Und Nr. drei
pünktlich danach für die Flasche. Aber es kam auch vor, dass ein Kind eben nicht
warten konnte. Das war ein riesengroßes Problem. Wenn dieses Kind zu lange
warten musste, hat es die Nahrung komplett verweigert und musste dann
stundenlang umhergetragen werden, beim Tragen dann gaaaaaaaaaaaaanz langsam dazu
animiert werden, zu trinken. Somit saß mir immer die Zeit im Nacken. Richtig
entspannt war ich bei der Sache wohl nie. Während dem Stillen hatte ich immer
ein Auge und ein Ohr auf die beiden anderen Kinder und hoffte: "Bitte, bitte,
schlaft noch ein bischen!"
Tagsüber gelang mir das Stillen meist gut, auch wenn eine komplette
Fütterungszeit gut 2 bis 2,5 Stunden dauerte. Mir blieb dann ca. eine halbe
Stunde, bis es wieder von vorn losging. Oft allerdings hatte ich mehr Zeit, wenn
mein Mann oder meine Töchter da waren. Diese haben dann das jeweilige
Flaschenkind gefüttert.
Meistens saß ich dann irgendwo auf der Couch beim Stillen und döste dabei weg.
Ansonsten bin ich generell, wo ich ging und stand, weggedöst. In der Zeit
zwischen den Mahlzeiten machte ich im Sausetempo den Haushalt, so weit es eben
ging. Nur das Nötigste. Ich konnte einige Dinge nicht liegen lassen, bis meine
Töchter von der Schule oder Ausbildung wieder zu hause waren. Hin und wieder
musste ich mich um kleinere und größere Liebeskatastrophen meiner Töchter
kümmern, was dann entweder während des Stillens geschah oder mich Schlaf
kostete. Mein Mann war völlig außen vor. Gespräche gab es zu der Zeit kaum, weil
ich ständig dabei einschlief. Er hat es mit Fassung genommen, war lediglich
besorgt um mich.
Eine zusätzliche Schwierigkeit war die Krankengymnastik. Möglichst wache und
gefütterte Kinder zu den Terminen zu bringen, war fast unmöglich. Das setzte
mich obendrauf unter Druck und war im Prinzip auch wieder völlig überflüssig.
Ich kann nur das, was ich kann.
Nachts hingegen war alles schwieriger. Die Kinder alle drei schliefen in einem
Bett direkt neben meinem Bett. Sich aufzuraffen, wenn die Kinder sich meldeten,
fiel mir von Tag zu Tag schwerer. Ich bin immer innerhalb von Sekunden
rechtrecht aus dem Bett gesprintet. Ganz oft sogar bin ich wach geworden und
wach von Null auf Hundert stinksauer. Worauf dann gleich ein schlechtes Gewissen
einsetzte. Wie kann man sauer auf so kleine Kinder sein. Aber ich war so müde,
so erschöpft. Es blieb nie die Zeit, über die Gefühle
nachzudenken, mit jemanden drüber zu reden.
Aufstehen, stillen, hinlegen.
Aufstehen, füttern, hinlegen.
Geschlafen hab ich ca. zwei- bis dreimal eine halbe Stunde in der Nacht,
manchmal mehr. Je nachdem, wie früh ich ins Bett ging. Wenn mein Mann da war,
dann eine ganze Stunde, weil er dann das Dritte Kind fütterte. Das heißt, sofern
ich ihn wach bekam, denn er hat einen begnadeten Schlaf und wachte nicht mal von
allein auf, wenn drei Kinder gleichzeitig schrien.
Irgendwann ergab es sich dann, dass ich mir ein Kind schnappte, versuchte dieses
zu stillen. Und es weigerte sich beharrlich, zu saugen. Ich wurde völlig nervös,
war frustriert. Ich kann mich noch erinnern, dass ich dachte: "Himmel Kind. Das
kann ich jetzt nicht gebrauchen. Trink einfach!" Während dessen schrie bereits
Nr. 2 und ich wurde noch nervöser. Es hat eine kleine Ewigkeit gedauert, bis in
meinem erschöpften Hirn der Gedanke auftauchte, dass ich dieses Kind bereits
gestillt hatte. Himmel, bin ich mir dämlich vorgekommen.
Da versuchte ich ein Kind zu stillen, das bereits satt war und ließ das Kind
schreien, welches eigentlich dran war. Das war die Zeit, wo ich Fütterungslisten
einführte, damit mir das nicht wieder passierte. Fütterungsplan, so was wollte
ich nie haben. Und meistens kommt es anders als man will.
Es gab auch Zeiten, wo wir herzhaft gelacht haben. Mein Mann hatte es sich zur
Angewohnheit gemacht, sich abends (wenn es von den Schichten her ging) mit allen
drei Kindern auf dem Oberköper auf der Couch hinzulegen. Ein wunderschönes Bild,
wenn man es sah.
Und einmal wurde ich von ihm gerufen: "Schaaaaaaaaaaaaatz!! Was soll ich denn
jetzt machen?" rief er. Ich ging hin und kuckte. Da lag Kim auf seinem nackten
Oberkörper, eingerahmt von ihren beiden Winzlingsbrüdern, hatte Papas Brustwarze
gefunden und nuckelte daran. Hab ich gelacht.
"Lass sie doch einfach! Sie hat doch keinen Hunger und nuckelt nur" meinte ich
und ließ die vier wieder alleine. Allerliebster Göttergatte hat sich auch daran
gewöhnt und fand es insgeheim doch ganz schön.
Das Stillen klappte soweit gut, auch wenn die Kinder schnell dabei erschöpft
waren, lange für eine Mahlzeit brauchten. Auch wenn ich das mit der Menge fürs
dritte Kind hin hinbekam. Aber ich stellte mir schon die Frage, wie ich das
durchhalten sollte. Ich stellte mir die Frage, ob es mal anders würde. Vage
hatte ich in Erinnerung, dass Kinder irgendwann schneller trinken und evtl.
länger bis zur nächsten Mahlzeit durchhalten würden. Mit nur einer halben bis
einer ganzen Stunde dazwischen konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass man
das lange durchhält.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt, wo die Kinder ca. 8 Wochen alt waren, veränderte sich
alles. Plötzlich meldete sich eines der Kinder nach zwei Stunden wegen Hunger.
Ich stillte ihn und dachte noch so: "Oh je, das haut alles durcheinander!" Ich
weiß, dass Stillen nach Bedarf richtig ist. Aber wenn einem zwischen den
Mahlzeiten grade mal ca. eine halbe Stunde bleibt, um einen 130qm Haushalt zu
versorgen, einzukaufen und wer weiß was, gerät man in Panik, wenn der Rhythmus
durcheinander gerät. Ich geriet in Panik! Ich stand ohnehin immer unter einem
enormen Druck, alles schaffen zu können. Was mir bis dahin gelang, wenn auch
mein Zustand immer schlechter wurde und ich nach Auskunft meiner Töchter eine
Pest auf zwei Beinen war. Warum Mütter so oft unter Perfektionismus leiden, weiß
ich nicht. Aber ich hatte das Syndrom *grins*. Es wurde mir irgendwann von
meiner Familie ausgetrieben. Aber das kam erst viel später.
Kurz darauf meldete sich auch Nr. 2 viel früher als sonst. Und so ging es
weiter. Einen Tag lang stillte ich fast ununterbrochen. Ich fand keine Zeit
mehr, etwas zu essen, mir einen Tee zu kochen. Ging sogar mit einem Kind an der
Brust auf die Toilette.
Ich denke, es war meinem allgemeinen Erschöpfungszustand zuzuschreiben, dass ich
nicht erkannte, dass es sich wohl um einen Wachstumsschub handelte. Ich war zu
dem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr denkfähig. Ich hatte sogar sprachliche
Schwierigkeiten. Mitunter fehlten mir in Unterhaltungen einfach Wörter. Mitten
im Satz konnte ich ein Wort, ein einfaches Wort nicht abrufen. Oder ich hörte
einfach auf, zu reden und bekam das nicht mit. Darüber denke ich nicht mehr
gerne nach. Es hat mich seinerzeit total erschreckt.
Am zweiten Tag, wo die Kinder noch immer unaufhörlich an der Brust waren, bekam
ich Fieber. Ich rief meine Hebi an, bekam aber niemanden an die Strippe. Mein
Fieber stieg und wir entschieden, ins Krankenhaus zu fahren. Die Kinder blieben
so lange bei unseren beiden Töchtern.
Die Ärztin im Krankenhaus stellte einen Milchstau fest. Die eine Brust tat auch
ziemlich weh, was ich bis dahin ignoriert hatte. Sie meinte, sie müsse mich
stationär aufnehmen. Als ich sie fragte, wie das mit den Kindern gehen sollte,
meinte sie lakonisch, die kämen dann wieder auf die NEO. Das hab ich dann
kategorisch abgelehnt.
Daraufhin meinte sie, sie würden mir die Brust ausstreichen, ich solle erst mal
im Stillzimmer abpumpen. Wieder diese dusselige Pumpe, wo bei mir nichts
funktionierte. Es tat höllisch weh. Ich strich die Brust dann selbst aus,
irgendwie halt.
Dann kam die Ärztin wieder, gab mir ein paar Medikamente wegen dem Fieber und
meinte, so lange wie das Fieber so hoch sei, dürfte ich die Milch den Kindern
nicht geben. Wenn es nicht besser würde, sollte ich wieder kommen. Dann müsse
ich stationär bleiben. Ich frage mich bis heute, wie man einen Milchstau
bekommen kann, wenn man ohne Pause stillt. Ob es am Stillhütchen lag?
Also gingen wir nach Hause. Dort haben die Kinder dann alle die Flasche
bekommen. Ich pumpte die Milch ab und schüttete sie weg. Das tat weh. Das Fieber
blieb unter Medikamenten niedrig. Am nächsten Morgen rief dann meine Hebi
zurück, hörte sich alles an und kam dann vorbei.
Sie brachte mir Quark mit, zeigte mir, wie ich einen Quarkwickel machen könnte.
Das machte ich dann diesen Tag und in der Nacht und pumpte weiter ab. Am
nächsten Morgen kam sie wieder vorbei. Die Brust war besser geworden, die Milch
weniger. Ich hatte wieder hohes Fieber und Schüttelfrost. Ich unterhielt mich
dann mit ihr, wie es weiter gehen könnte.
Und nun müsst ihr euch folgende Situation vorstellen. Mein Mann war da, meine
Mutter auch und die Hebi. Alle redeten über die Sache, als ob ich gar nicht
dabei wäre. Ich hielt mich irgendwie aufrecht, wurde von Schüttelfrost geplagt.
Meine Mutter war von jeher der Typ, der nichts von Stillen hielt. Stillen könne
ein Kind nicht wirklich ernähren. Flaschen wären da besser, einfacher. Und vor
allem könne man die nach einiger Zeit mit Schmelzflocken andicken und schon
schläft jedes Kind durch. *kotz* Solche und ähnliche Aussagen von ihr hab ich
beharrlich ignoriert, aber sie nagten an meinem erschöpften Selbst.
Mein Mann war einfach nur besorgt um mich. Er hatte Angst, dass es mir
gesundheitlich schaden könnte.
Hebi verhielt sich neutral. Sie fragte mich, ob ich denn weiterstillen
wollte. Ich wollte und ich wollte nicht. Ich konnte es nicht beantworten. An
dieser Stelle sollte ich vielleicht anfügen, dass von ihr nichts kam,
hinsichtlich Wachstumsschub, was eine vorübergehende Sache ist. Das hätte
geholfen. Ich war einfach nur fix und fertig, konnte keinen klaren Gedanken mehr
fassen.
Sie ging irgendwann und ich wurde weiter von meiner Mutter bearbeitet. Mein Mann
äußerste immer wieder seine Bedenken wegen meines Zustandes. "Siehst du? Jetzt
mit Flasche könnte ich dir auch viel mehr helfen!" überflüssiger Kommentar
meiner Mutter. Was dahinter stand, wusste ich genau. Gestillte Kinder kriegt man
nicht so oft in die Hand, Flaschenkinder schon. Ich hasste sie in dem Moment,
weil sie mir nicht half, so wie ich es brauchte! Ich hab ihr das bis heute nicht
verziehen. Ich war auch sauer auf meinen Mann.
Niemand, nicht ein einziger Mensch hat jemals gesagt: "Halte durch, es lohnt
sich! Es ist das was du möchtest und es ist das, was die Kinder brauchen!"
Mein Fieber stieg wieder an, mir ging es total schlecht. Konnte mich nicht mehr
auf den Beinen halten und legte mich mit Schüttelfrost wieder hin und war wie
tot.
Und dann, einfach so, gab ich auf.
Wobei auch das wieder in einer Art und Weise ablief, die eigentlich nur eines
zeigte. Nämlich, dass ich zu diesem Zeitpunkt einfach nicht denken konnte. Ich
stillte natürlich ab. Beließ es bei Lukas, der hin und wieder stillen dufte,
wenn die Brust sich meldete. Er war das Kind, das am mickrigsten war, der meiner
Ansicht nach am meisten brauchte. So ging die Milch nach und nach und
schließlich war sie weg.
Ich war einfach nur traurig, fühlte mich als Versager. Ständig geisterte mir
dieser Satz durch den Kopf "Blöde Kuh, nicht mal durchhalten kannst du!"
Später, viel später ging mir durch den Kopf, dass es ganz anders hätte laufen
können. Ich hätte doch einfach nur ein Kind weiterstillen können, um die Milch
zu halten. Aber der Gedanke kam zu spät.
Nach dem Abstillen hab ich mich nur sehr langsam erholt von dem Fieber. Meine
Töchter und mein Mann haben daraufhin einige Nächte die Kinder komplett
übernommen und ich schlief wie eine Tote. Meine Mutter wollte ich nicht sehen,
hab meinem Mann gesagt, er solle sie abwimmeln. Tagsüber hatte ich immer ein
schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber, konnte ihnen manchmal nicht in die
Augen sehen. Über meine Gefühle hab ich nicht geredet seinerzeit. Ich hatte nie
das Gefühl, dass irgendjemand in meinem Umfeld das verstanden hätte.
Es war vorbei und ich schloss es weg in eine der vielen Schubladen, die ich für
solche Dinge habe.
Mit freundlicher Genehmigung von Mamabär
veröffentlicht bei Rabeneltern.org
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