Folgende Mails postete Lydia an eine Yahoo – Mailingliste. Sie erklärte sich
mit der Veröffentlichung bei den Rabeneltern einverstanden.
DONNERSTAG
Hallo zusammen!
Ich habe mich gerade erst in Euere Liste eingetragen, nachdem ich bei
Yahoo ein wenig zum Thema "Stillen" gestöbert habe. Mein Name ist Lydia.
Ich bin 33 Jahre alt und lebe in Jicin in der Tschechischen Republik.
Mein Mann, der den in Tschechien seltenen Namen Alexander trägt, hat
mich kurzerhand "importiert" *gg*. Ursprünglich komme ich aus Dortmund,
wo ich bis zu meinem 25 Lebensjahr auch gelebt habe. Alexander und ich
haben uns dort auf einer Messe kennen gelernt. Ein Jahr führten wir eine
Fernbeziehung, die uns beide ziemlich an die Nieren ging. Irgendwann
habe ich es vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten und habe meinen Job als
Kinderpflegerin an den Nagel gehängt, die Wohnung gekündigt und bin
einfach zu ihm gefahren. Sechs Monate später haben wir ein kleines
Häuschen gekauft und kurz darauf geheiratet.
Mittlerweile sind wir zu sechst :-). Mein größter Sohn Jara kam
allerdings in Deutschland zur Welt.
Alexander war - wie so oft - für
seine Firma unterwegs. Ich wollte nicht allein sein, wenn mein erstes
Kind kommt, also bin ich nach Hause zu meiner Mutter gefahren. Jara kam
in einem stillfreundlichen Krankenhaus zur Welt. Die Schwestern aber
waren sehr pedantisch, wenn es um Jaras Gewicht ging. Ständig wurde er
vor und nach dem Stillen gewogen, das machte mich ganz verrückt. Ich
ging dann eher heim, denn ich konnte diese missbilligenden Blicke des
Personals nicht ertragen. In Tschechien sah man mich erstaunt und
skeptisch an, wenn ich in die Mutter - Kind Kreise kam. Eine Frau die
stillt, ist schon etwas sehr seltsames hier - leider.
Jara habe ich zwei Jahre lang gestillt, 8 Monate davon voll (er wollte
absolut nichts anderes essen und hat - wenn er denn mal Brei genommen
hatte, alles wieder ausgespuckt).
Als ich mit seinem Bruder schwanger
war, stillte er sich selbst ab. Die Milch schmeckte ihm nicht mehr...
Matthes kam in Tschechien zur Welt. Und da fingen die Probleme an. Er
bekam direkt nach der Geburt die Flasche. Meinem Wunsch ihn stillen zu
dürfen kam niemand nach. Die Ärzte und Schwestern hielten mich für
gestört. Mein Kind könne doch nie satt werden. Man drohte mir damit,
Matthes in eine Pflegefamilie zu geben, denn man meinte, ich wollte mein
Kind vorsätzlich verhungern lassen.. Hier glaubt man noch vielerorts, dass Kinder
von Muttermilch allein
nicht gedeihen. Jede Frau die stillt, füttert zu. Da ich vollstillen wollte,
hielt man mich für eine Fanatikerin und nicht sonderlich helle. Deswegen haben
die Ärzte dafür "gesorgt" dass Matthes "vernünftig" ernährt wird. Sie haben
allerlei medizinisches Zeug von sich gegeben, dass Matthes nicht nach Hause
durfte. Im Krankenhaus hätte ich nur bleiben dürfen, wenn ich das Zimmer etc.
selbst bezahlt hätte. Ich durfte ihn auch nur 2 Stunden am Tag besuchen. Es war
der Horror! Von der Fürsorge kamen Briefe über Briefe. Ich müsse mein Kind
richtig ernähren und mich an die Anweisungen des medizinischen Personals halten.
Bis wir erstmal eine fundierte Studie aus Deutschland bekamen und die übersetzt
war, waren schon zwei Wochen rum. Bis diese Studie mehr oder minder anerkannt
wurde, waren drei Wochen rum. Erst dann gaben sie mir Matthes nach Hause.
Natürlich lag in Matthes Tasche auch eine große Dose Humana dabei :-((.
Ich war so glücklich. Doch das Glück wich einer tiefen
Resignation. Matthes wollte nur die Flasche. Die Brust fand er
scheußlich. Er hat geschrieen bis mir die Ohren klingelten. Ich räumte
kurzerhand alle Flaschen weg und bot ihm die Brust mit Stillhütchen an,
nachdem eine Freundin mir den Tipp gab. Es geschah ein Wunder: Matthes
trank an meiner Brust. Es war ein harter Kampf, jedes Mal. Er
schrie sich erst einmal heiser, bevor er es dort versuchte. Frustriert
ließ er die Brust viele Male erstmal los und sog wieder an. Es war
grausig. Völlig verkrampft saß ich mit ihm über Stunden, bis er endlich
den richtigen Rhythmus fand. Ich war verzweifelt und völlig überreizt.
Alexander war da auch viel unterwegs und konnte mir wenig Trost geben.
Nach zwei harten Monaten trank Matthes ganz normal an der Brust mit
Stillhütchen, als hätte er nie was anderes getan. Ohne Stillhütchen zu
trinken war nicht möglich. Denn Matthes hatte seinen Schnuller. Damals
wusste ich nicht, dass dieser uns viele zusätzliche Probleme bereitet
hatte. Matthes blieb nur sechs Monate lang ein Stillkind, dann wurde
meine Milch stetig weniger.
Lana kam zu Hause zur Welt. Die Schwangerschaft mit ihr war sehr
schwierig, da ich Wassereinlagerungen hatte und Alexander mich kaum
wieder erkannte. Das Stillen von Lana klappte ohne Probleme. Auch sie
verweigerte wie Jara lange Zeit Beikost. Mit etwa neun Monaten bekam ich
sie dazu etwas Gemüse zu probieren.
Nun ist Honsa (*2.02) da. Geboren im Krankenhaus und ebenfalls mit der
Flasche versorgt worden. Ich bin so wütend gewesen, als ich die
Schwester mit der Flasche erwischt habe. Wir sind dann sofort nach
Hause.
Nun habe ich mit ihm ähnliche Probleme wie mit Matthes anfangs. Er will
nicht an die Brust. Er schreit zum erbarmen die Brust an. Ich weiß nicht,
was ich noch tun soll. Er nimmt weder Stillhütchen noch die Brust in
natura. Ich heule mir die Augen aus - wie bei Matthes. Er bekommt
abgepumpte Milch aus der Flasche, was anderes akzeptiert er nicht. Alle
zwei Stunden bekommt er Hunger und schreit entsetzlich. Lana weint
dann auch immer mit. Sie stillt ja auch noch und will dann zum beruhigen
an die Brust. Ich mag sie aber kaum stillen lassen, da ich jeden Tropfen
für Honsa brauche. Heute Morgen war ich nach einer weiteren durchwachten
Nacht so fertig, dass ich ihm eine Pulvermilch gemacht habe. Da konnte
ich endlich 4 Stunden am Stück schlafen. Ich bin so fertig. Ich kann mir
nichts anders vorstellen als Honsa zu stillen. Ich bin da sehr von
überzeugt. Bevor Jara kam, was das für mich schon klar gewesen. Ich
komme mir so unzulänglich vor.
Ich brauche dringend Rat und Hilfe. Die hiesigen Mütter sind mir leider
keine Hilfe. Sie denken und handeln anders als ich...
Lieben Gruß aus dem winterlichen Jicin von
Lydia mit den Kindern Jara (1998), Matthes (2001), Lana (2002) und Honsa
(2.2.2004)
FREITAG
Endlich liegen die Kinder im Bett.
Honsa hat heute seine abgepumpte Milch mit einem Schnapsglas bekommen. Nani
(unsere Kinderfrau) hat sich darüber königlich amüsiert. Leider fand ich es
nicht sonderlich lustig, denn es war sehr, sehr anstrengend. Erst klappte es
relativ gut, doch dann wurde er ungeduldig. Er hat geschrieen, dass die Wände
wackelten. Lana saß neben mir und jammerte: Honsa immer Hunger, nur schreien.
Sie tat mir so leid. Matthes war gemeinsam mit Jara fast den ganzen Tag draußen.
Sie konnten Honsas Schreien auch kaum ertragen, obwohl sie selbst nicht gerade
leise sind.
Dann geschah etwas seltsames. Honsa lag bei mir im Arm und Lana stillte. Sie
ließ ein bisschen Milch an meiner Brustwarze zurück und meinte ich solle Honsa
mal daran riechen lassen: `Riecht lecker`, meinte sie. Also habe ich ihn an die
Brust gehalten, um Lana die Freude zu machen, als Honsa anfing zu suchen. Ganz
vorsichtig nahm er die Brust in den Mund, sog aber nicht. Er wartete und als
nichts geschah, zog er seinen Kopf weg und schrie wie am Spieß. Ich denke, er
wartete dass die Milch von selbst in seinen Mund floss. Ich hätte den Tipp
anwenden sollen, dass Lana an der anderen Seite trinkt, dann wären Milchtropfen
gekommen. Ob er dann aber richtig angesogen hätte? Ich weiß nicht. Heute Nacht
werde ich es einmal versuchen. Denkt also an mich!
Nani wird morgen wieder heimfahren. Ich bin untröstlich. Allerdings braucht sie
ein wenig Pause, denn Honsa hat auch sie sehr geschafft. Alexander ist aber zu
hause. Also habe ich schon einmal kräftige Unterstützung, wenn es um unsere
wilden Grossen geht.
Guten Abend Euch Allen!
Lydia mit den Kindern Jara (1998), Matthes (2001), Lana (2002) und Honsa
(2.2.2004)
SONNTAG
Hallo alle zusammen!
Das Wochenende war sehr anstrengend und ich bin nicht eine Minute dazu gekommen,
den PC anzumachen. Ich danke Euch allen herzlich für Eure Mails :-).
In der besagten Nacht haben Lana und ich uns zusammengetan. Sie hat rechts
getrunken, während ich Honsa die linke Seite angeboten habe. Es tröpfelte sehr
viel Milch aus Honsas Seite. Er war unheimlich verschlafen und ließ sich ohne
Schwierigkeiten an die Brust legen. Verträumt hat er kurz angesogen und das an
Milch getrunken was von selbst kam. Als der Strom dann weniger wurde, versuchte
er zu saugen, aber irgendwie gelang es ihm nicht. Lana besah sich das ganze und
schüttelte so missbilligend den Kopf, wie ich es oft ihren großen Brüdern
gegenüber tun muss. "Musst du anders machen. Guck!" meinte sie und zeigte ihm
wie es geht. Ich fand dass so rührend. Irgendwie haben die großen Stillkinder
schon eher eine Ahnung, was mit den Kleinsten sein kann. Vielleicht, weil ihre
eigene Babyzeit noch nicht so lange vergangen ist?!
Alexander war allerdings ziemlich missmutig, als ich dann mit dem schreienden
Honsa aufstand, um ihm seine Milch mit dem Schnapsglas zu geben. Ihm fehlen der
Schlaf und das Verständnis. Schon bei Matthes hat er nicht wirklich verstanden,
warum ich ihm keine Pulvermilch machen wollte. Ich empfinde es einfach als
grundsätzlich falsch, meinem Kind so etwas völlig fremdes zu essen zu geben.
Außerdem ist es mir zu künstlich... mich schaudert es, allein bei der
Vorstellung.
Am Samstag bin ich mit Honsa allein runter nach Jicin gefahren. In der Apotheke
besorgte ich mir einen Infusionsschlauch und eine große Blockungsspritze. Ich
hatte beschlossen, mir ein Art "Brusternährungsset" selbst zu bauen, bis ich aus
Deutschland eines bekommen könnte. So saß ich am Nachmittag da und füllte dem
schreienden Honsa seine Muttermilch mit Pulvermilch gemischt (ich hatte einfach
nicht mehr abpumpen können, aus Zeitmangel) in die große Spritze. Der
Infusionsschlauch steckte vorne auf (ich hatte ihn noch mit Klebeband etwas
fixiert) und klebte schließlich spiralförmig um meine Brust. Alexander stand nur
kopfschüttelnd dabei und meinte ich wäre fanatisch. "Du gibst nie auf was?"
Nein ich gebe nicht auf. Solange ich merke, dass Honsa sich bemüht, gebe ich
nicht auf.
Lana fand es dafür sehr witzig und Jara sagte, dass es so sehr praktisch sei, da
meine Brust die Milch im Schlauch warm halten würde. Die Premiere folgte. Lana
trank also wieder an der anderen Seite und Honsa nahm schnell die tropfende
Brust in den Mund. Ungeschickt sog er und verschluckte sich fürchterlich. Er
schrie schrecklich und so floss die Milch ungetrunken in meinen Schoss. Ich
hätte heulen können!
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, musste ich also mein improvisiertes
Brusternährungsset testen. Mir graute davor, denn ich wusste nicht wie und ob es
klappen würde. Langsam drückte ich an der Spritze, bis ein paar Tropfen an der
Brustwarze entlang flossen. Honsa lutschte sie gierig von meiner Brust.
Ungeschickt begann er wieder zu saugen. Immer wieder verlor er die Brust. Ich
war genauso frustriert wie er. Er trank seine Milch also von meiner Brust
runter. Alexander füllte die Spritze also ein zweites und drittes Mal, bis Honsa
satt war. Lana beschloss die von Honsa verschmähte Seite leer zumachen und mein
Sohn sah ihr staunend zu, bis er einschlief.
Ich legte ihn also zum Schlafen hin und spielte endlich mal wieder mit meinen
Kindern. Ich schwor mir, Honsa würde von jetzt an immer so seine Milch bekommen.
In der Nacht zum Sonntag war es schwierig so zu füttern, denn ich musste allein
die Spritze immer wieder füllen. Ich überlege mir gerade, mal anzufragen ob es
selbst befüllbare Infusionsbeutel in der hiesigen Apotheke gibt...
Honsa und ich froren ziemlich in der kalten Küche. Ich ließ dann aber den Ofen
weiter feuern, als ich ins Bett ging, so dass es um sechs Uhr heute Morgen schön
warm war. Das Schnapsglas kam heute den ganzen Tag nicht zum Zuge. Honsa saugt
immer wieder an, aber er bekommt nichts aus der Brust. Ich lasse schon immer so
wenig wie es geht an Milch zu ihm fließen...
Was meint ihr zu meiner Methode? Ich war mit der Becherfütterung einfach nicht
glücklich...
Ahoi!
Lydia mit den Kindern Jara (1998), Matthes (2001), Lana (2002) und Honsa
(2.2.2004)
MONTAG
Guten Abend Euch allen!
Heute bin ich total müde und k.o.
Es hat sehr viel geschneit heute und alle Kinder waren heute soviel draußen wie
es ging. Jara hat sich im Skifahren versucht und die anderen zwei haben ihn
mindestens drei Mal mit dem Schlitten umgefahren. Honsa hatte ich im Schal vor
der Brust hängen (ist so ähnlich wie bei den Frauen in Afrika, vielleicht habt
Ihr das schon mal gesehen), da es für den Wagen zu kalt ist. Alexander war heute
in Prag und hat mir *hurra* einen Infusionsbeutel und einen ganz dünnen
Infusionsschlauch besorgt. Honsa hatte weiterhin seine Milch von meiner
Brustwarze geleckt.
Nun kommt’s aber: Um 18 Uhr etwa habe ich die neue Variante des
Brusternährungssets zusammengebaut und an mich angebracht. Lana stand schon
begeistert bereit ("Will Baby helfen, Mama!") und begann sofort als ich Honsa an
die Brust legte zu saugen. Honsa hob sein Köpfchen etwas in Lanas Richtung, dann
schnappte er sich meine Brustwarze samt Schlauch und zog feste!!!! Ich habe so
geheult wie seit meiner Hochzeit nicht mehr! Er hat beide Seiten getrunken. Die
eine mit Infusionsbeutel und die andere ohne (ich konnte so schnell den Schlauch
nicht fixieren). Lana hat sich kaputtgelacht ("Na endlich Honsa!"), dann ist sie
hüpfend ins Wohnzimmer gegangen und hat ihrem Otec (Vater) erst einmal erzählt
wie toll sie Honsa das Stillen beigebracht hat.
Ich habe Honsa in den Schlaf gestillt und geheult wie ein Schlosshund vor Glück.
Alexander stand nur kopfschüttelnd in der Tür und sagte: "Deinen Dickkopf möchte
ich haben. Dann wäre ich viel erfolgreicher." Er hat sich total gefreut für uns.
Jetzt liegt der Kleinste im Bett, eingekuschelt neben seinen Geschwistern. Ich
hoffe, ich kann ihn heute Nacht ganz normal stillen...
Viele liebe Grüsse aus dem verschneiten Tschechien!
Lydia mit den Kindern Jara (1998), Matthes (2001), Lana (2002) und Honsa
(2.2.2004)
MONTAG – 1 WOCHE SPÄTER!
Ahoi und Guten Tag Euch allen!
Leider hatte ich die letzten Tage keine Zeit für das Internet. Meine Kinder
haben alle die Windpocken :-(. Jara hat sie aus der Spielgruppe mitgebracht.
Alexander war wieder unterwegs für seine Firma und unsere Nani war zu Hause auf
Besuch.
Honsa hat von meinen Kindern es am besten bisher weggesteckt. Leider leiden die
anderen drei dafür umso mehr.
Mit dem Stillen klappt es jetzt problemlos. Des nachts trinkt Honsa am besten,
tagsüber lässt er sich gerne von unseren Grossen ablenken, so dass ich sie alle
an einen Tisch zum Memory oder Puzzeln holen muss, damit es vernünftig klappt.
Zwischenzeitlich hatte der kleine Mann aber noch ein zwei Mahlzeiten wo er sehr
geweint hat. Mir schien es, er hatte kurz vergessen, wie es nun geht, das
Trinken an der Brust. Dummerweise war es dann auch immer morgens, wo alle noch
im schönsten Schlummer lagen. Er hat uns alle aus dem Schlaf gerissen und
Matthes ist aus purer Empörung aus dem Familienbett zu Jara ins Bett gekrochen
:-). Lana aber hat die Chance genutzt und dem vergesslichen Baby noch mal
schnell gezeigt, wie es doch eigentlich geht.
Ahoi!
Lydia mit den Kindern Jara (1998), Matthes (2001), Lana (2002) und Honsa
(2.2.2004)