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Erfahrungsberichte
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Etwas über Alexander und Nikolas – meine zwei Stillkinder


Tagebuchnotiz vom 19.08.98:

Ich bin erst gegen Mittag aus der Narkose aufgewacht. Die Kinderschwester hat dich in einem Rollbettchen neben meines abgestellt und ich habe dich durch Plexiglas das zweite Mal in meinem Leben gesehen. Wo kommst du her, Kleiner, woher? Ich habe ein wenig geweint. Wie hast du die Nacht verbracht? So plötzlich ans Neonlicht der Welt gezerrt, ohne die vertrauten Geräusche in meinem Bauch, ohne die sanfte Berührung des warmen Fruchtwassers auf deiner Haut, ohne deine Mama? Ich konnte mich kaum aufrichten, um dich zu streicheln, weil meine Naht so schmerzte. Angebunden mit einem Schlauch an den Tropf, dessen Nadel in meiner Hand unangenehm drückte, rückte ich näher und noch ein Stückchen näher an dein Bettchen heran. Du bist so schön. Du hast die ganze Zeit so süße Grimassen gemacht. Das grün-weiß-gestreifte Mützchen saß  schief auf deinem kleinen Köpfchen, das nicht viel größer als meine Faust war. Ich habe dich angeschaut und angeschaut und konnte es nicht fassen; du bist mein Kind. Als du wach wurdest, hast du dein Köpfchen energisch im Nacken hin und her gedreht, als wolltest du es durch die Matratze bohren. Das muss sie gewesen sein, die Bewegung, die ich immer auf meinem Beckenknochen gefühlt habe. Ich habe dich aus deinem Bettchen gehoben – ganz vorsichtig und ungeschickt und zittrig, um dich anzulegen. Mhm, was hast du gut gerochen. Ehe ich mich versah, hast du deinen kleinen Mund aufgesperrt wie ein hungriges Vögelchen, meine Brustwarze gesucht, und angefangen zu saugen und ich hab erst gar nicht gemerkt, dass mir die Tränen von der Nasenspitze tropften ...


Büschen schmalzig, oder? Oh je, geht das schon wieder los? Ich bin ganz schön nah am Wasser gebaut ... Ich war so naiv damals, ich wusste nicht mal, dass es Milchstaus und Brustentzündungen gibt, geschweige denn hatte ich jemals von der berüchtigten Saugverwirrung gehört. Über all dies und noch viel mehr  habe ich erst im Internet gelesen. Weia – haben wir Glück gehabt! Was ich damals allerdings garantiert blöd gefunden hätte, das weiß ich bestimmt, wäre der Anblick eines kleinen Muttermilchjunkies gewesen, der sich ohne zu fragen am Blusenausschnitt seiner Mama zu schaffen macht, um sich direkt an der Quelle zu bedienen. Aber, auch vom Langzeitstillen hatte ich keinen blassen Schimmer. Woher auch J? Und so stillte und stillte und stillte ich Alexander mit wachsendem Vergnügen und merkte gar nicht, wie die Zeit verging und schon hing ein Riesenbaby am Busen und schluckte weg, was die Amma-Ammas hergaben. Mit 26 Monaten hat sich Alexander dann selber mit den Worten: Bäh, schmeckt nicht mehr! – abgestillt. Ich war wirklich beleidigt und ein bisschen wehmütig. Ein Segen, da war Nikolas schon in meinem Bauch und hat mich getröstet.


Nikolas wurde ebenso geboren wie Alexander, herausgerissen aus seinem gemütlichen Fruchtwasserbett in die kühle Märzluft des Internationalen Weltfrauentages J. Wenigstens habe ich jetzt eine 1a-Chefarztnarbe. Wieder kein Foto des Neugeborenen auf meinem Bauch, die Nabelschnur noch mit mir verbunden, blutig und käseschmierig meinen Busen enternd. Immerhin, die Geburt habe ich diesmal live miterlebt, habe gespürt, wie Doc D. in meiner Gebärmutter herumwerkelte, während er mit der Assistenzärztin schnackte, ob und wann die Malediven im Meer versinken würden und dass er vorhabe, dort unbedingt noch mal Urlaub zu machen. Plop! Nikolas Schrei – eine Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper. Kurz durfte ich ihn mir anschauen. Dankbar für diesen Moment, der sich vor meinem inneren Auge für die Ewigkeit einbrannte, vergaß ich zu fragen, ob es denn nun das 97%ige Mädchen geworden ist, das der Ultraschallpapst in der 20. SSW auf seinem Hochglanzmonitor gesehen hatte oder doch ein Junge, wie Doc D. bei der Untersuchung 4 Wochen vor Nikolas Geburt vermutete: Hm. Das müssten dann aber sehr geschwollene Schamlippen sein, sagte er zögernd. Hm. Wenn der Kollege meint, es sei ein Mädchen, dann sag ich jetzt lieber nichts mehr. Ja, ja, das Fachpersonal lässt grüßen. Diesmal konnte mir keiner das Wasser reichen, fortgebildet bis zur Halskrause auf dem allerneusten Still-Stand J, wachsam wie eine Rabenmutter J, klärte ich sämtliche Schwestern&Hebammen&jungen Mütter auf, die ich zu fassen bekam: warum Neugeborene keinen Tee brauchten, die Geschichte von Angebot und Nachfrage, Stillen nach Bedarf und dies&das&jenes *nerv* *g*.  Ich legte Nikolas noch im Kreißsaal an, spürte in den folgenden Tage meine neue Narbe kaum, dafür umso mehr das Zusammenziehen der Gebärmutter. Die vielsagenden Blicke der Verwandtschaft meiner Bettnachbarin, die mich anstarrten, als machten sie gerade Bekanntschaft mit der dritten Art (so wurde es mir glaubhaft berichtet), als ich zeitgleich links Nikolas stillte, während rechts Alexander an meinem Busenwunder fingerte, bemerkte ich nicht. Tränenverschleiert erduldete ich meinen Babyblues und dankte Gott für drei so liebe&süße Jungs, den ganz Großen inklusive. Kurz bevor ich nach Hause entlassen werden sollte, streikte Nikolas an der Brust. Der Verzweiflung nahe, saß ich mitten in der Nacht trostlos im Kreiskrankenhaus. Schließlich habe ich Nikolas in sein Plexiglasbettchen verfrachtet und bin losgezogen über den verwaisten Flur ab ins Stillzimmer hinüber. Dort saßen sie alle versammelt, meine übermüdeten Mütterkolleginnen, mit strähnigen Haaren und roten Bäckchen, die Frotteebademäntel eng um ihre Körper geschlungen, umpolstert von Bärchenmusterstillkissen, die Füße in Wollsocken und Latschen auf niedrige Hockern abgestützt und mühten sich redlich, ihre Babys zu überzeugen, dass Muttermilch das Beste für sie wäre. Nikolas war völlig uneinsichtig. Die pakistanische Kinderschwester bemühte sich rührend um uns, war geduldig und fürsorglich und reichte mir ein Papiertuch nach dem nächsten. Heul! Schließlich gab sie Kommandos: Strämplär out. Shirt out. Socks out. Diapars out. Nikolas, nur noch in ein dünnes Baumwolldeckchen gehüllt, entspannte sich und dockte plötzlich an, trank ausgiebig an jeder Brust, seufzte zufrieden und kringelte sich in meine Armbeuge zum After-Midnightschläfchen.


Während ich im Krankenhaus weilte, verhielt sich Alexander, der außer in der ersten Nacht nach seiner Geburt, noch nie ohne seine Mama schlafen musste, wie ein echter großer Bruder, allerdings ohne Federschmuck J, drückte nach den Besuchen ausgiebig seine Tüschermänner auf mein Gesicht, winkte, und versprach gleich morgen wieder zu kommen. Er - sooo süß! Ich – sooo stolz! Heul schon wieder! Zu hause dann verkehrte Welt. Im Minutentakt fragte er, wann wir das Baby endlich wieder ins Krankenhaus zurück brächten. Da half auch das tolle 3-Rad nicht, das sein Bruder ihm als Begrüßungsgeschenk mitgebracht hatte. Es folgten endlose 6 Monate Eifersuchtsdrama in der ersten Reihe. Am schlimmsten war es, wenn ich Nikolas stillte – eine Kriegserklärung an Alexander. Er turnte auf meinen Schultern, neben und unter mir, quer über dem Baby, riss Nikolas Mund von der Brust, weinte und tobte, tobte und weinte. Ich – bis zum Abend im vollgespuckten rosa Rüschennachthemd, war gefangen in einem Alptraum, der noch furchtbarer war, als Veronika Ferres Gläschenspot(t) schon ab dem 4. Monat, hin- und hergerissen zwischen Weinkrampf & Wutausbruch. Wenigstens das Essen stand pünktlich auf dem Tisch – Dank der 5 Sterne-Kochkünste meiner Mutter - ausgesprochen lecker. Und, die Wohnung nur Lack und Chrom. Meine Schwester und meine Freundinnen wetteiferten um die Putzteufelinnenklobürste in Platin. Nikolas entwickelte sich prächtig vom kleinen, schrumpeligen Alien mit dickbelegten Milchschorfaugenbrauen, aus denen klare Flüssigkeit waberte, zum rosigen Speckbeinchen-Baby mit riesigen braunen Scheinwerferaugen J, das friedlich in sich ruhte und genügsam wartete, bis der komische Typ, der ohne Einladung unter dem Spalt der Haustür in unser Wohnzimmer gekrochen kam und seinem Bruder eintrichterte, dass die Mama nur noch Nikolas lieb hätte, von Alexander endlich wieder zurück ins Monsterland verbannt wurde. Mein Mann kam schließlich auf eine seiner genialen, kopfgesteuerten Ideen und wir wechselten die Reihenfolge in unserem Familienbett, so dass Alexander wieder neben mir schlafen konnte. Das war der Not-Raus; der komische Typ ist seither nicht wieder gesehen worden J. Dann&wann denke ich auch heute noch – 24 Monate sind, als wäre es gestern gewesen J, schon wieder vergangen - an diese erste Zeit mit meinen beiden kleinen Jungs zurück, lächele milde und wiege meine Kinder in grenzenloser Gelassenheit: alles nur eine Phase! Ein Wehmutstropfen bleibt allerdings. Ich, die überzeugte Langzeitstillmutter mit dem mörderischen – is was?-Blick, der mitten ins Herz trifft und die Lippen der notorischen NörglerInnen verschweißt, würde so gerne in der Öffentlichkeit stillen. Nur angeben, näh, Mama?, sagt Alexander immer, nicht abgeben. Nikolas ist dafür jedoch nicht zu begeistern. Selten ergibt sich die Gelegenheit, am liebsten im Park hinter der üppigen Rosenhecke, dort, wo sich höchstens mal ein Kaninchen verirrt.


eulalie mit Alexander und Nikolas, März 2003


Alexander und ich – Abstillen für Softies


Baby Alexander -  zum Stillen geboren. Und Trost für mich! Wenigstens stillen konnte ich, wenn schon nicht fähig, mein Kind spontan in die Welt zu setzen. Uns verband von Anfang an eine innige Stillbeziehung, die gute 26 Monate andauerte, dann wollte Alexander nicht mehr. Einige Woche vor der letzten und endgültigen Stillmahlzeit kündigte sich an, was nicht mehr lange dauern sollte. Alexander fing an immer öfter durchzuschlafen, die nächtlichen Stillorgien ;) gehörten der Vergangenheit – wer hätte das gedacht. Einfach von selbst, ohne Zwang, ohne Karies, ohne ein psychisch krankes Kind und eine völlig überforderte Mutter, die nicht mehr wusste wie sie hieß. Morgens und Abends reduzierte sich die Dauer der Stillmahlzeiten auf wenige Minuten. Ich erwischte mich dabei, wie ich auf unseren elektronischen Wecker schielte und zählte, eine, zwei, drei, drei und 15 Sekunden .... Tagsüber wollte Alexander fast gar nicht mehr an die Brust. Sein Kommentar nach dem letzten Stillen hat sich für immer in meinem Gedächtnis verewigt: Bäh, schmeckt nicht mehr! Puh, das war hart für mich. Ich wusste nicht so recht, sollte ich mich freuen oder traurig sein? Wenn ich ehrlich bin, war ich innerlich total zerrissen. Einerseits war ich erleichtert, dass alle Vorhersagen, Alexander würde nie von der Brust loskommen, da helfen nur drastische Maßnahmen wie z. B. übers Wochenende ohne ihn weg zu fahren, sich als Panikmache herausstellten. Andererseits trauerte ich unserer innigen (Still)-Beziehung nach. Ich wollte gerne diese schönen Augenblicke zu zweit festhalten und konnte mir nicht vorstellen, dass wir weiterhin Mutter und Sohn bleiben würden ;) ... Und wieder hatte mein Schutzengel für mich gesorgt. Ich war  schwanger und freute mich auf mein zweites Stillkind. Vielleicht hätte sich Alexander gar nicht so früh *g* abgestillt, wenn sich Nikolas nicht eingemischt hätte??? Wer weiß! Aus heutiger Sicht ist das völlig Banane ;)  Uns geht es gut!


eulalie für rabeneltern.org im August 2004

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