Stillen – nicht immer klappt alles
von Anfang an...
9. Juni 2003
Morgens kurz vor sieben wird Vincent geboren, genau in den
Schichtwechsel hinein. Vielleicht war das der Grund, weshalb in der Folgezeit
keine Hebamme gekommen ist, um ihn das erst Mal bei mir anzulegen Das Baby lag
zwar auf meiner Brust und hat auch ein bisschen geleckt, aber ich als
unerfahrene Erstmama habe es eben nicht so „zur Brust genommen“, wie es hätte
sein müssen.
Bereits mittags waren wir wieder zuhause, Susanne, meine
Hebamme war gegen 16 Uhr da. Dann versuchten wir es das erste Mal mit dem
Anlegen. Dabei stülpte Vincent die Lippen nach innen und hatte nur einen sehr
schwachen Saugreflex. Susanne formte seinen Mund richtig, allein saugen mochte
er nicht mehr. Ich versuchte es noch ein paar mal alleine, nachdem Susanne weg
war – ohne Erfolg.
So ging es die nächsten drei Tage, wobei Vincent immer
hungriger und ungeduldiger wurde, auch mit Stillhütchen nicht ansaugte und seine
zweite und dritte Nacht durchweinte. Wenn ich ihn anlegte, streckte er den
Rücken durch und schlug mit dem Kopf hin und her, so dass keine Chance bestand,
ihm die Brustwarze einzuführen.
12. Juni 2003
Nach der zweiten durchweinten Nacht und insgesamt schon über
72 Stunden ohne Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme wirkte der Kleine so
apathisch, dass ich gleich morgens Susanne anrief, die auch gleich vorbei kam
und ihn wog. Er hatte die kritische 10 % -Marke unterhalb des Geburtsgewichts
erreicht und hatte außerdem Fieber. Daraufhin flößten wir Vincent gesüßten Tee
ein und fuhren dann schleunigst zur Kinderärztin. Die schloss eine Infektion aus
und verschrieb eine elektrische Milchpumpe, damit meine Milchproduktion in Gange
kommen konnte. Am frühen Nachmittag hatte ich die erste Kolostralmilch für
Vincent abgepumpt und Susanne zeigte mir, wie ich ihm die Milch mit einem
kleinen Becherchen einflößen sollte, möglichst so, dass er sie sich mit der
Zunge holen musste. Das ging gut, bis er etwas Kraft geschöpft hatte und schnell
mehr haben wollte. Ab dem Zeitpunkt ging mehr von der mühsam gewonnenen Milch
auf Spucktuch, Klamotten und Kissen als in das hungrige Baby-Mäulchen – jede
Fütterung geriet zum Kampf mit viel Geschrei.
15. Juni 2003
Susanne brachte uns den Finger-Feeder mit. Das ist ein dünn
auslaufender Aufsatz für eine Spritze, den man neben dem kleinen Finger - vom
Baby unbemerkt – in den Mund einführen kann. Das Baby saugt also am kleinen
Finger (Fingernagel zeigt zur Zunge) der einen Hand, mit der anderen Hand kann
man kontrollieren und halbmilliliterweise Milch in den Mund geben. Am kleinen
Finger spürt man auch, ob das Kind die richtige Trinktechnik anwendet und kann
so dieses richtige Verhalten belohnen. Wenn das Baby nicht saugt oder mit der
falschen Technik saugt (mit umgestülpten Lippen, ohne Zungeneinsatz etc.), kommt
keine Milch. So hat Vincent in den nächsten zwei Wochen die richtige
Trinktechnik gelernt. Von zunächst einer Spritze (20 ml) steigerten wir uns in
dieser Zeit auf 4 – 5 Spritzen pro Mahlzeit, die natürlich – wie auch das ganze
Abpump-Geschirr nebst Fläschchen – regelmäßig gewaschen und sterilisiert werden
mussten. Ich pumpte tagsüber alle zwei, nachts alle drei Stunden ca. 20 – 30
Min., später 15 Min. ab und stand anschließend am großen Kochtopf zum Auskochen.
An Schlaf war nicht ernsthaft zu denken. Die Anschaffung eines Vaporisators und
die Anwendung einer Magensonde, die am kleinen Finger mittels eines
Kunststoffrings befestigt wurde, anstelle des Finger-Feeder-Aufsatzes, hat die
Fütterung weiter erleichtert, da man das Kind in der Wiegehaltung und so die
Hände sehr viel natürlicher halten konnte.
Nachdem wir zunächst immer wieder versucht hatten, Vincent
anzulegen, er aber zwischenzeitlich schon beim Nähern der nackten Brust schrie,
holte sich Susanne Rat bei einer Stillberaterin. Die schlug vor, Vincent
zunächst gar nicht mehr anzulegen, damit er seine schlechten Erfahrungen vom
Anfang vergisst.
Nach ca. zwei weiteren Wochen waren die von Vincent
getrunkenen Mengen mit den Spritzen kaum noch zu bewältigen. Nochmalige
Versuche, Vincent anzulegen, mit und ohne Stillhütchen, mit an der Brustwarze
angeklebter Magensonde, im hungrigen, im halbsatten Zustand, müde oder
ausgeschlafen – nichts brachte den kleinen Kerl dazu, wenigstens ansatzweise
einen Saugversuch zu unternehmen. Meistens brüllte er sofort oder nach kurzer
Zeit so, als wolle man ihm ans Leben. Da blieben dann die Verzweiflungs-Tränen
bei der Mutter auch nicht aus.
21. Juni 2003
Meine Mutter hatte über eine Bekannte von
Osteopatie-Behandlungen bei geburts-traumatisierten Säuglingen gehört und heute
hatte Vincent einen Termin. Ich wollte nichts unversucht lassen. Obwohl die
Therapeutinnen mir den Eindruck vermittelten, es müsse sofort eine Wirkung
erkennbar sein, gab es nach wie vor keinen Fortschritt.
Da auch Susanne keinen Rat mehr wusste, schickte sie mir
eine professionelle Stillberaterin (IBCL) ins Haus.
24. Juni 2003
Die Stillberaterin kam zu uns nach Hause, um unsere
Stillversuche in der gewohnten Umgebung zu beobachten. Nachdem sie uns erst
zugeschaut hat, machte sie ein paar Vorschläge von Positionen (u.a. auf dem
Wickeltisch) und versuchte den schnellen Wechsel zwischen dem kleinen Finger und
der Brustwarze – alles ohne Erfolg. Daraufhin ließ sie uns den sogenannten „Haberman“-Sauger
da, der einzige Flaschensauger, bei dem das Kind aktiv wie an der Brust saugen
muss, um etwas herauszubekommen, und bei dem man beeinflussen kann, wie viel das
Kind herausbekommt. Dadurch kann man das Saugen an der Brust simulieren
(zunächst kommt ganz wenig, bis der Milchflussreflex aktiviert ist, dann kommt
viel auf einmal). Sie schlug vor, Vincent viel an der nackten Brust zu füttern
(hatte ich auch vorher schon gemacht) und ihm die Brust nur so lange anzubieten,
so lange er nicht brüllt.
Mit der Flasche sind wir nach ein paar
Anfangsschwierigkeiten gut zurecht gekommen. Ich einigte mich mit der
Stillberaterin auf eine weitere Woche Abpumpen bis nächsten Donnerstag, wenn
Vincent dann nicht die Kurve bekommen hätte, würde ich Abstillen.
1. Juli 2003
An diesem Nachmittag war ich ganz entspannt und Vincent
gnaddelte ohne erkennbaren Grund. Ich konnte ihn mit nichts trösten und auch das
Windelwechseln hatte nicht geholfen. Da er nun schon mal auf dem Wickeltisch
lag, bot ich ihm die Brust als Trost an. Er nahm die Warze ohne Gebrüll in den
Mund und – SAUGTE!!! Ich war völlig sprachlos und überwältigt von dem Gefühl
eines saugenden Kindes an meiner Brust.
2. Juli 2003
Auch beim Termin bei der Stillberaterin klappte es mit dem
Saugen auf dem Wickeltisch liegend, kein Vorführeffekt! Also doch noch kein
Abstillen morgen, der Junge bekommt eine weitere Woche, um die Kurve zu
bekommen. Dabei sollte er erst die Muttermilch aus der Flasche bekommen, dann
aus der Brust.
Diese Woche war fürchterlich. Mit der Hoffnung im Herzen,
dass es mit dem Stillen doch noch klappt, ging es einen Schritt vor und zwei
zurück. Weder durfte das Kind zu hungrig oder zu müde sein, wenn ich von der
Flasche auf die Brust wechselte, noch durfte ihn sonst etwas ablenken. Die
Fütterungen gerieten wieder zum Kampf mit viel Geschrei. Meistens klappte es
Nachts ganz gut mit dem Nachschlag aus der Brust, tagsüber endeten die
Mahlzeiten häufig damit, dass er nach Flasche, lautem Gebrüll an der Brust, erst
wieder eine halbe Stunde zum Beruhigen brauchte, bevor er überhaupt wieder aus
der Flasche trinken konnte. Meine Nerven waren kaum noch vorhanden.
7. Juli 2003
Von einer zweiten Ostheopatie-Behandlung erhoffte ich mir
einen nochmaligen Fortschritt. War ja nicht auszuschließen, dass die erste
Behandlung das Saugen unterstützt hatte. Aber leider schien die Behandlung gar
nicht anzuschlagen – Vincent brüllte wieder bei fast jedem Versuch, ihn
anzulegen.
8. Juli 2003
Nachdem jede Mahlzeit des Tages ein Kampf gewesen war und
ich das Gefühl hatte, meinem Kind Gewalt anzutun, rief ich die Stillberaterin
an. Ich mochte nicht mehr abpumpen, lieber wollte ich die Zeit mit meinem Kind
verbringen, statt es nur mit dem Fuß im Stubenwagen zu schaukeln, wenn es
brüllte und ich an der Pumpe hing. Wir besprachen die Umstellung auf
Flaschenmilch und die Stillberaterin meinte, die HA-Nahrung, die ich im Haus
hatte, würde manchen Kindern nicht besonders schmecken, so dass Probleme
auftauchen könnte. Ich sollte zunächst die noch vorhandene Muttermilch im
Wechsel mit der Flaschenmilch verfüttern. Ich beobachtete, dass Vincent die
Muttermilch tatsächlich viel zügiger und fröhlicher trank als die HA-Milch.
Daraufhin bot ich ihm aus der Flasche nur noch HA-Milch an, wenn er Muttermilch
haben wollte, sollte er sie sich aus der Brust holen. Und siehe da, das tat er
auch! Mit dem Pumpen hörte ich aber sofort auf. Es ging mir gleich viel besser
und ich hatte auf einmal so viel Zeit!
So hangelten wir uns wieder eine Woche weiter, zunächst
bekam er erst die Flasche, dann die Brust, später dann umgekehrt. Er trank immer
weniger aus der Flasche, immer mehr aus der Brust und hatte immer weniger
Schreianfälle dabei. Es ging also zwei Schritte vor und einen zurück.
15. Juli 2003
Bei einem erneuten Termin mit der Stillberaterin beschloss
ich, erst einmal so weiter zu machen. Die Pumperei war ich los, Fläschchen
waschen und sterilisieren müsste ich ja auch, wenn ich abgestillt hätte, und so
bekam der Kleine wenigstens noch einen Teil Muttermilch. Da es sehr heiß war,
bekam Vincent nachmittags Tee aus dem Fläschchen, nachdem er Flasche und Brust
geleert hatte. Da kam mir die Idee, ihm von nun ab aus dem Fläschchen keine
HA-Milch, sondern nur noch Tee anzubieten, was ich in der Folge auch tat. Wenn
er sättigende Milch wollte, musste er eben an der Brust bleiben. Und wieder
trickste ich ihn über den Geschmack aus: in den folgenden 24 Stunden trank er
ausschließlich von der Brust! Wir hatten es geschafft! An Vincents 37. Lebenstag
wurde er zum Stillkind, nachdem die Hebamme, die Stillberaterin und ich schon
jegliche Hoffnung aufgegeben hatten!
Mit freundlicher Genehmigung von Anne mit Vincent
veröffentlicht bei Rabeneltern.org