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Besser schlafen im
Familienbett
- Das sanfte Schlafprogramm nach Dr.
Jay Gordon -
übersetzt und kommentiert von Dipl.-Psych.
Christiane Rupp
I. Originaltext von Dr. Gordon in
Auszügen:
"Im Grunde genommen bin ich überhaupt
kein Freund davon, an den Schlafgewohnheiten von Kindern herumzudoktern.
Aber ich weiß, dass es getan wird und für diesen Fall
möchte ich Ihnen zumindest einen sanften Plan an die Hand geben,
mit Hilfe dessen Sie es nach dem ersten Jahr versuchen können.
Ich möchte Ihnen eine Alternative zu Ferber, Weisbluth und
all den anderen anbieten und: Ich möchte meine Vorschläge
niemals auf ein vier Monate altes, auch nicht auf ein sieben Monate
altes Baby angewendet sehen!
Die meisten Eltern, die ich in meiner Praxis als
Kinderarzt betreue, praktizieren das Familienbett. Ihre Kinder werden
meist länger als ein Jahr gestillt und sie schlafen nachts
genauso wenig durch wie die meisten von uns das tun würden,
wenn sie ständigen Zugang zum besten, rund um die Uhr geöffneten
Restaurant der Stadt hätten.
Dieses Arrangement ist nicht gerade das angenehmste,
aber den meisten Müttern erscheint es immer noch als die beste
Lösung, sich einfach kurz ihrem Kind zuzuwenden, es zu stillen
und genau wie das Kind rasch wieder einzuschlafen. Die Alternative
- aufzustehen, um das Kind zu versorgen oder das zu verweigern und
andere Möglichkeiten zu suchen, um das Kind irgendwie wieder
zum Schlafen zu bringen erscheint den Meisten nicht sonderlich attraktiv.
Die meisten Eltern verfahren so während des
ersten Lebensjahres ihres Kindes und viele fühlen sich auch
noch wohl damit, wenn das Kind das zweite oder dritte Lebensjahr
erreicht hat oder noch älter ist. Aber einige kommen an ihre
Grenzen und suchen nach Möglichkeiten, etwas zu verändern.
Das Traurige ist, dass viele Mütter und Väter glauben,
nur das vollständige Abstillen könne die Lösung bringen.
Sie vergessen, dass es auch noch die Möglichkeit gibt, nachts
abzustillen und am Tag weiterzustillen, solange es Mutter und Kind
möchten.
Es gibt Dutzende von verwirrenden Büchern oder
Zeitschriftartikeln, die Eltern einreden wollen, es gäbe einen
leichten und schnellen Weg, ihr Kind dazuzubringen nachts durchzuschlafen.
Ich habe noch keinen gelesen, der Eltern die Wahrheit sagt: es ist
nicht einfach, es ist nicht in kürzester Zeit getan und es
wird für einige Nächte laut und herzzerreißend sein
... oder auch für ein paar Nächte mehr. Ich habe so viele
Eltern erlebt, die Hilfe suchten und die nur Wege angeboten bekamen,
die sie nicht gehen wollten.
Es gibt eine dritte, bessere Alternative zur vollständigen
Entwöhnung eines Kindes oder zum Schreien lassen. Kinder wachen
für die aus ihrer Sicht bestmögliche Interaktion mit ihren
Müttern auf: dem Einschlafstillen. Wenn wir ihnen für
einige Nächte ein bisschen weniger anbieten und dann für
die nächsten Nächte wieder ein bisschen weniger und dann
noch ein bisschen weniger und in den letzten Nächten gar nichts
mehr, dann wird ihnen auf freundliche und einfühlsame Weise
klargemacht, dass es sich nicht mehr lohnt, an die Tür zu klopfen,
weil das Restaurant nun nachts geschlossen ist - um bei diesem Bild
zu bleiben.
Ich rate Ihnen davon ab, im ersten Lebensjahr
eine Veränderung an den Schlafgewohnheiten Ihres Kindes zu
forcieren. Ich würde dies notfalls nur dann unterstützen,
wenn die Gesundheit der Mutter extrem stark gefährdet wäre.
Es gibt viele Bücher, die vorschlagen ein Kind, das wenige
Monate oder zumindest weniger als ein Jahr alt ist, zum Durchschlafen
zu bringen. Ich halte das nicht für ratsam und bin überzeugt
davon, dass einem Baby in seiner Entwicklung schadet, wenn es so
früh schon erleben muss, dass es keine Antworten auf seine
Bedürfnisse erhält.
Verstehen Sie mich nicht falsch: ich liebe das Familienbett,
das natürliche, vom Kind ausgehende Abstillen und all die nächtlichen
Interaktionen im ersten, zweiten, dritten Lebensjahr oder darüber
hinaus - wenn es gut funktioniert und wenn es der Familie
damit gut geht. Lassen Sie sich von niemandem einreden, dass
das irgendwie schädlich sei oder dass Sie Ihr Kind nie mehr
aus dem gemeinsamen Bett bekommen werden, wenn Sie es jetzt nicht
tun. Glauben Sie niemandem, der Ihnen erzählt, dass Kinder,
die nachts gestillt und liebkost werden niemals lernen werden, alleine
einzuschlafen oder dass Sie sie daran hindern, selbständig
zu werden. Das ist schlichtweg nicht wahr, aber es lässt
sich gut verkaufen und hilft, dass dieser Mythos in unserer Kultur
erhalten bleiben kann.
Einige Mütter möchten jedoch nach einigen
Monaten oder Jahren etwas verändern. Es sollte doch eine andere
Möglichkeit geben, als sein Kind schreien zu lassen oder aber
zu resignieren und immer weiter nachts zu stillen. Noch einmal:
ich unterstütze das Familienbett und das nächtliche Stillen
für eine lange Zeit und ich konnte Eltern oft helfen, dabei
über sich hinauszuwachsen und länger dabei zu bleiben,
als sie es ursprünglich vorhatten. Aber - manchmal muss ich
auch nach einem anderen Weg suchen, um Familien in schwierigen Situationen
zu helfen.
Folgendes empfehle ich in solchen Fällen
für Kinder ab 1 Jahr:
Wählen Sie einen Zeitraum von sieben Stunden,
der für Sie als Schlafenszeit am wertvollsten ist. Ich persönlich
bevorzuge die Stunden zwischen 23.00 Uhr abends und 6.00 Uhr morgens,
aber vielleicht haben Sie für sich selbst eine andere Idee.
Ändern Sie die Regeln während dieser Zeit
und seien Sie in einem Punkt getröstet: Ihr Kind, das bisher
auch durch das Familienbett ein großes Maß an Sicherheit
gewinnen konnte, wird diese Änderung der Regeln ebenso verkraften
wie die Tatsache, dass es künftig nur noch fast immer
das bekommt, was es möchte. (...)
Ich teile dieses Vorgehen in Intervalle von drei
und vier Nächten.
Ich gehe davon aus, dass Sie ein wundervolles gesundes
Kind im Alter von 12, 18, 20 oder 30 Monaten haben, dass es immer
noch liebt, alle 2-4 Stunden aufzuwachen, um zu kuscheln, zu stillen
oder ... warum auch immer. Ich gehe davon aus, dass Sie sich genau
überlegt haben, warum Sie das tun wollen, dass Sie wirklich
entschlossen sind, etwas zu verändern und - dass Sie die Nachbarn
informiert haben, dass es ein paar Nächte lang etwas lauter
werden könnte.
Ich setze voraus, dass Sie sich als Eltern darüber
einig sind - zumindest weitgehend - dass es für Sie alle das
Beste ist, das jetzt zu tun. Und - die wichtigste Voraussetzung:
Sie haben das Ziel von sieben Stunden Schlaf vor Augen und sind
wild entschlossen, es auch zu erreichen.
Der Grund für diesen letzten Punkt ist der:
Wenn Ihr Kind lernt, dass Sie es doch stillen, nachdem es eine Stunde
geschrieen hat, wird Sie das in Ihrem Vorgehen etwas zurückwerfen.
Das, was ich Ihnen vorstellen möchte, ist das beste Programm,
das ich kenne, aber es ist weit davon entfernt leicht zu sein! Und
ein weiteres Mal: ich finde es großartig, was Sie bisher getan
haben: kuscheln, liebkosen, stillen so oft es nachts nötig
war. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, daran etwas
zu verändern, wenn Sie glücklich sind mit dem, was Sie
tun! Aber wenn nicht ...
Die Nächte eins bis drei
Zu jeder Zeit vor 23.00 Uhr (oder was immer Sie
sich als Anfangszeit genommen haben, ich werde im Beispiel bei der
Zeit zwischen 23.00 und 6.00 Uhr bleiben) stillen Sie Ihr Kind in
den Schlaf, liebkosen Sie es und tun Sie alles, was Sie sonst auch
getan haben. Egal, wie häufig dass vor der Zeit passiert, die
Sie sich als Anfangszeit vorgenommen haben und sei es das letzte
Mal um 22.58 Uhr. Aber tun Sie das nicht mehr nach 23.00 Uhr.
Wacht Ihr Kind nach 23.00 Uhr auf, umarmen Sie es,
stillen Sie es kurz, aber achten Sie darauf, dass es dabei nicht
einschläft und legen Sie es wach hin. Umarmen Sie es,
streicheln und liebkosen Sie Ihr Kind, aber legen Sie es nicht wieder
an die Brust (oder geben ihm eine Flasche, falls es das ist, was
Sie bisher getan haben). Ihr Kind soll einschlafen, mit Ihrem Trost
neben sich, aber eben nicht wie bisher durch das Stillen so beruhigt,
dass es dabei wieder einschlafen kann.
Nun wird Ihnen Ihr Kind mitteilen, dass es wütend
darüber ist und dass ihm diese neue Routine überhaupt
nicht gefällt. Das glaube ich ihm sofort. Es wird so klingen,
als sei es voller Panik. Ich glaube, dass es wütend ist, aber
ein Kind, das Hunderte von Nächten umarmt, gehalten und gestillt
wurde, gerät nicht in Panik, wenn es zwar auf das Stillen,
nicht aber auf Ihre Nähe, Ihre Stimme und Ihren Körperkontakt
verzichten muss. Wütend - ganz sicher, panisch - nicht wirklich.
Wiederholen Sie dieses Vorgehen während der
ersten vier Nächte immer dann, wenn Ihr Kind geschlafen hat
und wieder aufwacht, Egal, ob es 15 Minuten oder 4 Stunden geschlafen
hat, aber es muss geschlafen haben und erwacht sein, um liebkost
und gestillt zu werden.
Dies werden harte Nächte sein.
Möglicherweise merken Sie, dass Sie nicht
soweit sind, das wirklich durchzuziehen. Das ist völlig in
Ordnung. Hören Sie auf und probieren Sie es ein paar Monate
später, wenn Sie mögen. Es ist ganz entscheidend, dass
Sie für sich den richtigen Zeitpunkt wählen, um etwas
zu verändern. Viele richten sich danach, welcher Zeitpunkt
ihnen von Freunden, Verwandten und Fachleuten geraten oder eingeredet
wird. Das funktioniert lange nicht so gut.
Ist es besser, das im Familienbett zu machen, in
einem Bettchen im selben Raum oder in einem in einem anderen Zimmer?
Ich würde immer das Familienbett bevorzugen, auch wenn es zunächst
härter erscheinen mag, aber ich fand es immer weitaus härter,
ein Kind aus einem Bettchen zu nehmen und es wieder hineinzulegen.
Wie auch immer, ein Bettchen für das Kind in Ihrem Schlafraum
kann für Sie besser sein, Eine weitere Möglichkeit wäre
es, eine Matratze neben das Elternbett zu legen. Etwas mehr Platz
für alle Familienmitglieder kann schon manches nächtliche
Problem lösen. Zuallerletzt würde ich die Variante wählen,
bei der das Bettchen in ein anderes Zimmer gestellt wird.
Nochmals: Für den Zeitraum zwischen 23.00 und
6.00 Uhr während dieser ersten drei Nächte, schmusen
Sie und stillen Sie kurz, legen Sie Ihr Kind wach hin, streicheln
Sie es, sprechen Sie mit ihm und wiederholen Sie das Schmusen und
Stillen nur, wenn es wieder geschlafen hat. Ab 6.01 Uhr machen
Sie genau so weiter, wie Sie es bisher jeden Morgen getan haben.
Viele Kinder werden sich umdrehen, sich ankuscheln und beim Stillen
noch einmal einschlafen und Ihnen noch eine Stunde schenken, manche
nicht.
(...)
Die Nächte vier bis sechs
Wieder hören Sie mit dem In-den-Schlaf-Stillen
um Punkt 23.00 Uhr auf. Wenn Ihr Kind dann aufwacht, umarmen Sie
es, liebkosen Sie es ein wenig, aber stillen Sie es nicht.
Legen Sie es wach hin. Das Kind wach hinzulegen ist der entscheidende
Punkt dieses Vorgehens, denn so lernt es, mit etwas weniger Kontakt
einzuschlafen, und dann mit noch ein bisschen weniger usw. Nicht
zu stillen ist die große Veränderung während
dieser drei Nächte. Einjährige können ohne
weiteres sieben Stunden (oder mehr) ohne Nahrung auskommen. Sie
lieben es, nachts zu stillen, aber vom physiologischen und ernährungswissenschaftlichen
Standpunkt ist es für sie kein Problem, diese Zeit von sieben
Stunden ohne Nahrung durchzuhalten.
Kinder geben ungern die Dinge auf, die sie lieben,
schon gar nicht freiwillig, sie werden es keinesfalls ohne Protest
tun, und das bedeutet bei Kindern: Weinen. Ich höre es nicht
gerne, wenn ein Kind weint. Ehrlich gesagt hasse ich es. Trotzdem
- anders als das Kind wissen wir Erwachsenen, was ständiger
Schlafdefizit für manche Menschen bzw. Familien bedeuten kann.
Manchmal muss man an den Schlafgewohnheiten etwas ändern. Die
Sicherheit und Geborgenheit, die das Familienbett bedeutete und
weiterhin bedeuten kann und wird, bildet den besten Rahmen und den
besten Ort für diese Veränderung.
Während dieser zweiten drei Nächte
werden einige Kinder für zehn Minuten oder länger protestieren,
bei einigen kann das auch eine Stunde oder länger dauern. Ihr
Kind spürt, dass Sie ganz nah bei ihm sind, dass Sie ihm Trost
und Beruhigung anbieten. Es ist nur nicht die Art von Trost, die
es im Moment am Liebsten hätte. Es ist hart, seiner Aufregung
zuzuhören, aber es wird funktionieren. Ich bin überzeugt
davon, dass ein geliebtes und geborgenes Kind, nachdem es ein Jahr
oder länger im Familienbett geschlafen hat, viel davon profitieren
wird, wenn seine Eltern mehr Schlaf bekommen werden. (...)
Am Ende der sechsten Nacht wird Ihr Kind wieder
einschlafen, ohne dass Sie es hochnehmen oder stillen. Es schläft
ein nach einer liebevollen Umarmung, einem Kraulen und mit Ihrer
Hand auf seinem Rücken und Ihrer Stimme im Ohr.
Sollte sich das Ganze an irgendeinem Punkt falsch
für Sie anfühlen, dann hören Sie damit auf! Warten
Sie einige Monate und versuchen Sie es dann wieder. Übergehen
Sie keinesfalls Ihren Instinkt, der Ihnen sagt, dass dies der falsche
Zeitpunkt ist, um Ihrem Kind längere Schlafintervalle anzugewöhnen.
Ihr Instinkt ist viel besser als jedes Schlafprogramm, das jemals
entwickelt wurde!
Die Nächte sieben bis zehn
Die Nächte sieben, acht, neun und zehn. Nehmen
Sie das Kind nicht hoch, umarmen Sie es nicht. Wenn es nach 23.00
Uhr aufwacht, sprechen Sie mit ihm, berühren Sie es, reden
Sie weiter aber nehmen Sie es nicht auf. Sie können seinen
Rücken kraulen und es streicheln. Und natürlich stillen
Sie nicht mehr. Es wird wieder einschlafen. Wiederholen Sie das
Sprechen und Streicheln, wann immer Ihr Kind wieder aufwacht. Nach
der neunten Nacht wird Ihr Kind mit einem Streicheln und dem Klang
Ihrer Stimme wieder einschlafen, auch wenn einige Kinder das dann
immer noch widerstrebend tun.
Danach
Nach diesen ersten zehn Nächten machen Sie
so weiter: kuscheln und stillen Sie Ihr Kind in den Schlaf, wenn
Sie das möchten, aber wenn es aufwacht tun Sie nichts weiter,
außer es zu berühren und sanft mit ihm zu sprechen. Dies
kann sich noch über ein paar Nächte so hinziehen, selten
dauert es eine Woche oder länger. Und dann - hört es auf.
Ihr Kind hat gelernt, dass es immer noch sehr geliebt wird, dass
es weiterhin den ganzen Tag über praktisch alles von Ihnen
bekommt was es braucht und möchte - aber auch, dass es nachts
sieben Stunden an seine Eltern und seine Familien zurückgeben
muss.
Was ist, wenn Sie verreisen, wenn Ihr Kind krank
wird oder wenn andere Umstände es erforderlich machen, nachts
wieder häufiger zu stillen oder andere Dinge für das Kind
zu tun? Gar nichts. Sie tun, was nötig ist (kuscheln, stillen,
herumtragen, mitten in der Nacht, so oft es nötig ist) und
danach verbringen Sie in paar Nächte damit, um wieder zu den
neuen Schlafgewohnheiten zurückzukehren, die Sie eingeführt
haben.
Eins fällt mir noch ein - belohnen Sie Ihr
Kind. Stellen Sie sicher, dass es auch wirklich etwas davon hat,
dass seine Eltern ausgeruhter sind. Gehen Sie öfter raus und
unternehmen Dinge mit ihm, die es liebt. Tun Sie all diese Dinge,
von denen Sie einmal sagten, dass nur der Schlafmangel Sie davon
abhielte und sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. (...)"
II. Kommentar
Ich halte dieses Training für eine echte Alternative
zu den Schlafprogrammen, die sich inzwischen erschreckender Beliebtheit
erfreuen.
Zwei Punkte sind für mich dabei entscheidend:
1. Das Kind muss diese Veränderung und den
Stress, den das bedeutet, nicht alleine bewältigen. Kinder
lernen erst um ihren ersten Geburtstag herum allmählich, dass
aus den Augen eben nicht aus dem Leben, sondern nur aus dem Raum
bedeuten kann (Dornes, 1997). Auch wenn viele "Schlafexperten"
Eltern einreden wollen, dass es
Ihrem Kind nicht schade, so ein Programm mit wenigen Wochen oder
Monaten durchzuführen, so widerspricht das dennoch allen entwicklungspychologischen
Erkenntnissen. Viele Mütter berichten, dass sie weinend in
einem anderen Raum saßen, wenn sie das Training durchführten
oder dass es die Väter machen mussten, weil sie selbst es nicht
geschafft hätten. Meiner Meinung nach hat das Training nach
Dr. Gordon da zwei Vorteile: die Mütter, die wirklich das Gefühl
haben, nicht mehr zu können und ganz dringend etwas verändern
müssen, können ihrem Kind dabei helfen, das durchzustehen.
Sie müssen es nicht alleine lassen. Andererseits - die Mütter,
die das nur tun wollen, weil irgendjemand ihnen eingeredet hat,
ein Kind müsse zu einem bestimmten Zeitpunkt durchschlafen
werden es vielleicht eher schnell wieder aufgeben, denn man macht
keine Tür zwischen sich und dem Kind zu.
2. Dr. Gordon nimmt den Status eines ratenden Experten
ein, der sich nicht dazu erhebt, besser als die Mutter oder die
Eltern zu wissen, was ihr Kind braucht. Er ermutigt geradezu, das
Training sofort abzubrechen, sollte man sich nicht ganz sicher sein
und sich nicht damit wohlfühlen. Sowohl die Persönlichkeit
der Mutter als auch die des Kindes werden nicht außer Acht
gelassen. Dies steht im Gegensatz zu den gängigen Programmen,
bei denen geraten wird, das Training auf keinen Fall abzubrechen,
ganz egal, wie schlecht sich Mutter und Kind dabei fühlen.
Dass der Mutter geradezu geraten wird, auf ihren Instinkt zu hören
und ihn nicht zu übergehen halte ich für einen großen
Pluspunkt. Genau das ist nämlich eine Schwachstelle der anderen
Trainingsprogramme, bei denen das Hören auf die innere Stimme
eher untersagt wird.
In einem Punkt bin ich anderer Ansicht als Dr. Gordon:
es gibt durchaus Babys und Kleinkinder, die in Panik geraten können,
wenn ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Dies hängt
nicht nur damit zusammen, wie bisher mit dem Kind umgegangen wurde,
sondern auch davon, an welchem Punkt seiner Entwicklung es gerade
ist und auch - welches Temperament ihm sozusagen in die Wiege gelegt
wurde. Aber auch das wird eine Mutter, die ihrer inneren Stimme
folgt spüren und kann darauf entsprechend reagieren. Ich rate
Ihnen ausserdem, im Blick zu behalten, ob Ihr Kind gerade zahnt
und deshalb Schmerzen hat oder ob es andere körperliche oder
psychische Wachstumsschritte bewältigen muss. Erfahrungsgemäss
ist der Druck für Mütter in solchen Phasen besonders hoch,
und sie neigen daher dazu, eine Veränderung der Schlafgewohnheiten
genau dann zu beginnen. Sind die anstrengenden Phasen dann vorbei,
tritt wieder Entlastung ein und es wird nicht mehr als so notwenig
gesehen, etwas zu verändern. Ich rate Ihnen dennoch, das Training
in den entspannten Phasen anzugehen. Überlegen Sie sich einfach
noch einmal in Ruhe, ob Sie es wirklich tun möchten und machen
Sie sich bewusst, dass es auch für Kind viel leichter ist,
eine solche Veränderung zu akzeptieren, wenn es ihm ansonsten
gut geht.
(Literatur: Dornes, M.: Die frühe Kindheit.
Fischer 1997, S. 108-124)
© Dipl.-Psych. Christiane Rupp für Rabeneltern.org im
März 2004
Wir danken Dr. Jay Gordon (www.drjaygordon.com) für
seine Zustimmung, diesen Text zu übersetzen und zu veröffentlichen. |