 |
Hauptkritikpunkte am Bestseller
"Jedes Kind kann schlafen lernen"
von eulalie für Rabeneltern.org
· Es wird suggeriert, dass Ein- und Durchschlafprobleme
die Ursache elterlichen Fehlverhaltens sind (Stichwort: Verwöhnen)
· Tatsachen über das Schlafverhalten von Babys/(Klein)kindern
(wesentlich höhere REM-Anteile (Traumphasen) im kindlichen
Schlafmuster, als bei Erwachsenen, Anfälligkeit fürs Wachwerden
im Übergang zwischen Traum- und Tiefschlafphase, "Durchschlafen"
ist ein Reifungsprozeß) werden mit unbewiesenen Behauptungen
vermischt (z. B. selbstständiges Einschlafen ohne fremde Hilfe
ist Voraussetzung fürs Durchschlafen) oder gar mit Falschaussagen
(z. B. reichhaltige Abendmahlzeit führt zum längeren Schlaf
am Stück).
· pauschaler Behandlungsplan, der Kinder dressiert und Eltern
(insbesondere Mütter - Prolaktin/Mutter-Kind-Bonding) das "Bauchgefühl"
abgewöhnt bzw. gar nicht erst entwickeln lässt.
· Weinen, als Kommunikation des noch "sprachlosen"
Kindes, wird ignoriert.
· Kein Hinterfragen der Ursachen fürs Weinen, außer
der: schlechte Angewohnheit
· Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe wird als
Verwöhnen dargestellt
· Behandlungsplan ist ein massiver, unmittelbarer Eingriff
in altersgerecht entwickelte und somit völlig normale Schlafmuster
· Es wird behauptet, dass Kinder ab 6. Lebensmonat bereits
biologisch so weit gereift sind, dass keine nächtlichen Mahlzeiten
mehr notwendig sind und 11 h Schlaf hintereinander möglich
ist, ja, sogar ein wichtiger Entwicklungsschritt vollzogen wird,
weil das Kind in die Lage versetzt wird, sich selbstständig
beruhigen zu können
· Die Tipps zur Abgewöhnung der nächtlichen Mahlzeiten,
zur Gewöhnung an den Nacht/Tag-Rhythmus (bereits ab dem 3.
Lebenstag!), zur Einführung von festen Zeiten, greifen in die
individuelle Selbstregulation von Essen und Schlafen ein. Es besteht
die Gefahr, dass z. B. Milchstau/Brustentzündungen entstehen,
Saugverwirrung (Gabe von Tee in der Nacht), Schlafzyklen von Mutter
und Kind nicht (mehr) korrespondieren, ...
· Ge(zer)störtes Urvertrauen. Kinder haben kein Zeitverständnis,
sie leben in der Gegenwart. Babys haben nicht mal ein "Ortsverständnis"
- aus den Augen, aus dem Sinn.
· Stillen wird als reine Nahrungsaufnahme betrachtet, die
Nahrung für die Seele bleibt unerwähnt
· Es wird behauptet, dass das Familienbett (nach den ersten
Wochen), zumindest in unserem Kulturkreis, zu Schlafstörungen
führt. Die Begründung fehlt. Die Vorteile des Familienbettes
bleiben unerwähnt.
Quelle:
Facharbeit "Schlaf! Auf die Plätze - Fertig - Los"
von Barbara Walcher
Kommentar von eulalie
Das Geheimrezept für den Erfolg des Buches steht meiner Meinung
nach gleich am Anfang. Frau Kast-Zahn erzählt ihre "Leidensgeschichte".
Ihr drittes Kind Andrea schlief in den ersten 7 Monaten täglich
nur insgesamt 9 Stunden. Die beiden Geschwisterkinder kamen zu kurz,
Frau Kast-Zahn bekam ihrer Meinung nach zu wenig Schlaf, war ausgelaugt,
ihr Mann - huch, was war jetzt mit dem noch mal? Der wollte sich
scheiden lassen und Madonna heiraten. Ähm, Vorsicht, Gerücht
:-). Sie ging zur Vorsorgeuntersuchung ihres Kindes, beklagte sich
beim Kinderarzt Morgenroth und späterem Mitautor über
die schlechte Schlafhygiene ihres Babys. Herr Dr. Morgenroth war
gerade in den USA gewesen und hat dort Prof. Ferber* kennen gelernt.
So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Baby Andrea wurde nach Plan
behandelt und schlief innerhalb von nur 2 Wochen! durch. Uff!!!
Frau Zahn-Kast fielen die Schuppen aus den Haaren - jepp!, mit dieser
Exclusivstory würde sie Millionärin werden. Wie es wohl
Andrea so geht? Frau Zahn-Kast, Mutter und Dipl. Psychologin wird
ihrem eigenen Kind schon nichts antun oder? Fragen sich die deutschen
Durchschnittseltern und kommen zum Schluss: nein! Juhu!, das Rezept
für ruhige Nächte heißt ferbern bis das Baby endlich
einsieht: von meinen Eltern brauche ich im Leben keine Hilfe in
der Not mehr erwarten.
Übrigens, Frau Zahn-Kast "verteidigt" ihr Schlafprogramm
mit folgendem Beispiel (s. 112 - ausgerechnet die Telefonnummer
der Feuerwehr ;-) - wie passend):
Zitat:
"Viele Einschlafgewohnheiten sind wie Schokolade. Auf Dauer
kann es nicht sinnvoll sein, den Kindern zu überlassen, wie
viel sie wann davon haben wollen."
Eulalie möchte bitte eine Birne haben ;-)
*Information über Prof. Ferber:
Alternative Seiten verweisen oft auf ein Interview von John Seabrook
mit Ferber, in dem er sich von seiner Methode distanziert:
>> "Aber hier in Ihrem Buch heißt
es doch..." Ich las ihm zwei Sätze vor, die ich meiner
Frau während einer unserer Auseinandersetzungen um 2 Uhr morgens
vorgelesen hatte: "Obwohl es vernünftig sein kann, Ihr
Kind für ein oder zwei Nächte mit zu sich ins Bett zu
nehmen, falls es krank oder wegen irgendetwas verängstigt ist,
ist es jedoch meistens keine gute Idee." Und: "Allein
schlafen zu lernen ist wichtig für das Kind, damit es lernt,
ohne Ängste von Ihnen getrennt zu sein und sich selbst als
ein unabhängiges Individuum zu betrachten."
"Ich wünschte, ich hätte diese Sätze nicht geschrieben",
entgegnete Ferber. "Sie stammen aus der herkömmlichen
Literatur. Es sind Pauschalaussagen, die einfach nicht stimmen.
Es gibt viele Beispiele, in denen das Familienbett funktioniert.
Meine heutige Einstellung ist, dass Kinder mit ihren Eltern zusammen
oder allein schlafen können. Was wirklich zählt, ist,
dass die Eltern sich darüber klar werden, was sie wollen."
Ferber mag den Ausdruck "ferbern" nicht. "Es klingt,
als ob es eine Diät wäre", sagte er mir. "Es
sieht so aus, als ob meine Arbeit nur auf diese Tabelle hinausliefe,
während der Sinn unserer Arbeit hier am Zentrum darin liegt,
eine Lösung zu finden, die für die Schlafprobleme jedes
Kindes geeignet ist. Wenn man ein Schlafproblem betrachtet, muss
man alles berücksichtigen: das Alter des Kindes, die Schlafsituation,
die Eltern, ob die Schlafzimmer nebeneinander liegen. Es gibt Situationen,
in denen unsere Tabelle funktioniert, aber sie tut es nicht bei
jedem. Wenn ich einen Brief bekomme, in dem steht: `Wir haben Ihre
Technik schon 6 Wochen angewandt und er schreit immer noch die ganze
Nacht’, dann finde ich das schrecklich." <<
Hier der komplette Text im Original:
http://www.booknoise.net/johnseabrook/stories/self/baby/
Unsere Recherchen haben allerdings gezeigt, dass auch in den neueren
Auflagen seines Buches "Solve Your Child's Sleep Problems"
unverändert sehr radikale Einschlaftrainings empfohlen werden,
so dass von einem grundlegenden Überdenken des Ansatzes wohl
nicht gesprochen werden kann. |