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Co-Sleeping - oder wo schläft
das Kind?
von
Dr.
Friederike M. Perl
Fast alle Eltern fürchten sich vor den so genannten negativen
Baby-Effekten. Brüllende Babys und durchwachte Nächte,
kranke Kindern und genervte Eltern gelten schon fast als "normal".
Dass diese Effekte jedoch keineswegs naturgegeben sind, sondern
praktisch immer Folge von Erfahrungen in der frühen Postpartalzeit
sind, wird noch immer nicht ausreichend berücksichtigt trotz
vielfacher Erkenntnisse über diese wichtige Periode 1,2.
Drei Faktoren haben dazu geführt, dass wir uns neuerdings
mit heftigen Diskussionen der Frage stellen, wo das Neugeborene
schlafen sollte. Das sind erstens neue Erkenntnisse über das
Phänomen des Krippentods oder Plötzlichen Kindstods (SIDS),
zweitens die zunehmenden Einsichten in die Denkweisen der so genannten
Evolutionsmedizin, und drittens die wachsende Anerkennung des evidenzbasierten
Denken, das seit mehreren Jahren die medizinische Beratungspraxis
beeinflusst, ja, revolutioniert hat - vor allem in angelsächsischen
Ländern. Alle drei Phänomene haben dazu geführt,
dass wir zunehmend hinterfragen wie wir mit Neugeborenen umgehen:
Warum wir welche Maßnahmen durchführen, was die wissenschaftliche
Basis unseres Handelns sei, und ob wir die potenziellen Folgen unserer
Empfehlungen ausreichend berücksichtigen bzw. berücksichtigt
haben?
Biologische Grundlagen
Die Biologie des Menschen, auch die des Neugeborenen, ist an bestimmte
Lebensvoraussetzungen angepasst, und diese Anpassung hat sein Überleben
über Jahrmillionen garantiert. Infolgedessen braucht und "erwartet"
der Organismus diese Rahmenbedingungen, um seine Funktion darauf
einzustellen. Auch der Stoffwechsel des neugeborenen Menschen wartet
auf bestimmte Reize (Stimuli), um optimal zu funktionieren3. Hierzu
gehört die "Erwartung" an praktisch ununterbrochenen
Zugang zu Muttermilch, an ständige körperliche Nähe
eines anderen Menschen während der ersten Lebensmonate. Sowohl
der kindliche Organismus (Steuerung des Verdauungs-, Wachstums-,
Immun- und Atemstoffwechsels) als auch die mütterliche Physiologie
(Steuerung und Aufrechterhaltung einer langfristigen Muttermilchbildung)
gehen von gegenseitigem Dauerkontakt aus.
Aus dieser Sicht erscheint es dann auch selbstverständlich,
dass gerade auch nachts Körperkontakt bestehen sollte, damit
die beiderseitige Physiologie optimal aufrecht erhalten wird. Ohne
Co-Sleeping muss daher mit Störungen wesentlicher Körperfunktionen
bei Mutter und Kind gerechnet werden 4, und auch die psychosozialen
Reaktionen werden anders verlaufen als mit Co-Sleeping1. Diese können
zwar kompensiert oder abgemildert werden, doch muss Separatschlafen
als bedeutsamer Risikofaktor sowohl für die mütterliche
als auch die kindliche (und die väterliche) Physiologie und
Entwicklung angesehen werden3. Insbesondere ist Co-Sleeping erforderlich
um vitale Risiken wie SIDS zu minimieren, um mütterliche Berufstätigkeit
beim Stillen zu ermöglichen und um ein volles Stillen über
den dritten Lebensmonat hinaus zu ermöglichen.
Biologie eliminiert alten Schlafrhythmus
Der Schlaf einer frisch entbundenen Mutter ist auf jeden Fall anders
als vor der Schwangerschaft. Unter biologischen Bedingungen hatte
und hätte ein Neugeborenes nur dann eine Überlebenschance,
wenn seine Mutter sich ihm rund um die Uhr intensiv widmet, jedes
seiner Bedürfnisse wahrnimmt, unmittelbar und adäquat
auf seine Signale reagiert, es wärmt, schützt und bewacht5.
Diese gewaltige Anstrengung kann eine Mutter aber nur leisten, wenn
sie immer gerade dann wach ist, wenn das Kind wach ist und dann
schläft, wenn das Kind schläft. Wann, wie und wie lang
dauernd diese Schlaf- und Wachphasen sein werden, ist jedoch von
Kind zu Kind verschieden, sodass es biologisch keinen Sinn machen
würde, wenn die Mutter postpartal ein fixes neues Schlafmuster
hätte, sozusagen qua Parität automatisch ein solches entwickeln
würde. Viel mehr Sinn macht es, das alte Schlafmuster der Frau
aufzubrechen, auszulöschen, und auf eine individuelle Neuprogrammierung
in direkter Beziehung zu den Bedürfnissen des jeweiligen Neugeborenen
zu setzen (McKenna 1996).
Diese individuelle Neuprogrammierung bewirkt, dass sich die Schlafrhythmen
von Mutter und Kind synchronisieren. Und zwar in dem Sinne, dass
die Mutter ihre Schlafzyklen verkürzt, ihre Tiefschlafphasen
rascher erreicht als früher, und ebenfalls rascher aus diesen
herauskommt, und zwar in fein abgestimmter Parallelität mit
dem Kind (Elias et al. 1986). Bei gelungener Synchronisierung erreichen
Mutter und Kind ihre tieferen und flacheren Schlafphasen weitgehend
simultan6.
Schon in den letzten Wochen der Schwangerschaft schläft eine
Frau nicht mehr wie zuvor. Sie lauscht zunehmend auf Signale vom
Kind, ist unruhiger, leichter zu wecken. Postpartal ist eine neue
Mutter, und sei die Geburt noch so strapaziös gewesen, typischerweise
"überhaupt nicht müde", sondern will sich langanhaltend
mit ihrem Kind beschäftigen7 - selbst bei längerem Schlafmangel
schon vorher.
So eliminiert die Biologie den alten Schlafrhythmus der Frau und
bereitet ihn auf eine gründliche Neuprogrammierung vor. Unter
"natürlichen" Bedingungen liegen Mutter und Kind
ab dem Moment der Geburt gemeinsam beisammen und reagieren kontinuierlich
aufeinander. Bei Bewegungen oder Geräuschen des Babys wird
die Mutter diese bemerken, aufmerksam beobachten, das Baby ansprechen,
es an die Brust nehmen. Wenn das Kind einschläft, wird auch
die Mutter einschlafen, jedoch sofort erwachen bei den geringsten
Signalen von Seiten des Kindes8.
Innerhalb weniger Tage postpartal - meist etwa 72 Stunden - laufen
die beiden Schlafrhythmen weitgehend parallel, was fortan die Interaktion
zwischen Mutter und Kind wesentlich erleichtert (Mosko et al. 1993).
Der frühe Dauerkontakt ist instrumentell für eine effektive
Mutter-Kind-Interaktion9, 10.
Erschöpfender Schlaf? Erholsamer Schlaf!
Das Schlaflabor von James McKenna in USA hat frühkindlichen
Mutter-Kind-Schlaf systematisch studiert. Mit Infrarot-Videoaufnahmen
von Mutter-Kind-Paaren verglich er das Schlafverhalten und das Schlaf-EEG
ein und derselben Mutter einmal mit dem Kind Seite and Seite im
mütterlichen Bett, und dann mit dem separatschlafenden Kind
im eigenen Bettchen unmittelbar neben dem mütterlichen Bett.
Morgens befragt, wie oft ihr Kind nachts an der Brust war, erinnerten
sich die Co-Sleeping-Mütter nur an jede zweite Stillepisode
die wirklich stattgefunden hatte. Tatsächlich waren die Co-Sleeping-Babys
im Schnitt 5,3-mal pro Nacht (Range drei- bis zehnmal) an der Brust
(McKenna et al. 1994). Kinder die separat schliefen wurden durchschnittlich
2,3-mal (Range eins bis vier) pro Nacht gestillt. Darüber hinaus
waren die Stillepisoden kürzer bei Co-Sleeping-Mutter-Kind-Paaren:
12,2 (3,3 bis 28) Minuten gegenüber 23,4 (19,5 bis 32) Minuten
bei Familien die getrennt schliefen 8.
Die konventionelle Meinung geht davon aus, dass ein ununterbrochener
sechs- bis achtstündiger Schlaf erholsam ist. Mütter,
die sich mehrfach nachts durch das Geschrei eines hungrigen und/oder
ängstlichen Säuglings aus dem Tiefschlaf wecken lassen
müssen, sind nach wenigen Wochen vollkommen erschöpft.
Sie sehnen sich nach nichts mehr als nach einer guten Nachtruhe,
und für diese würden sie sehr viel hergeben. Es ist daher
vollkommen verständlich, dass die frühkindliche Erziehung
der letzten 50 Jahre, die getrenntes Schlafen als Standard eingeführt
hat, ebenso auf ein baldiges "Durchschlafen" des Kindes
setzte, ja, setzen musste, um eine Belastung der Eltern-Kind-Beziehung
zu vermeiden. Alle möglichen Tricks wurden bemüht um das
als "Schlafstörung" erlebte nächtliche Verhalten
des Kindes zu steuern11: von abendlicher Kunstmilch- oder gar Breifütterung
über "Schlaftees", sogar Mohnsäckchen, bis hin
zu behavioristischen Ansätzen interventionistischen "Schlaftrainings"
(BMJ 2002????), (siehe z. B. -Jedes Kind kann schlafen lernen-,
Anmerkung Redaktion Rabeneltern). Das in der Situation des Separatschlafens
verständliche Bemühen um das Durchschlafen wird aber zum
Risiko. Die Milchmenge kann so nicht bedarfsgerecht aufrechterhalten
bzw. gesteigert werden, da die nächtlichen Stillepisoden fehlen,
die für einen anhaltend hohen Prolaktinspiegel besonders wichtig
sind. Es ist daher kein Wunder, dass separatschlafende Mütter
selten über den vierten Lebensmonat hinaus voll stillen12.
Schläft das Kind im Bett der Mutter hingegen, so wird ihr Schlaf
weit weniger gestört. Schon die ersten motorischen Anzeichen
des Kindes, das sich aus seiner Tiefschlafphase herausbewegt, werden
im Unterbewusstsein registriert und führen die Mutter in eine
flachere Schlafphase. Wenn das Kind dann erwacht und Schnalz- und
Schmatzgeräusche von sich gibt, ist die Mutter gerade wach
genug, es an die Brust zu nehmen. Ist es einmal gut angelegt und
trinkt gleichmäßig, gleitet die kaum aus dem Halbschlaf
erwachte Mutter schon wieder in eine tiefere Schlafphase. Die gesamte
Dauer der Schlafunterbrechung war nur wenige Minuten, vielleicht
sogar nur wenige Sekunden12.
Mutter-(Vater)-Kind
Damit sich die Muttermilchproduktion dem steigenden Bedarf anpassen
kann, wird es nach dem vierten Lebensmonat unerlässlich, dass
nachts Prolaktin ausgeschüttet wird. Mütter die getrennt
von ihren Babys schlafen bemerken typischerweise spätestens
jetzt ein unruhiges, unzufriedenes Kind und stellen mit Recht fest,
dass sie nicht mehr genügend Milch haben. Gewöhnlich wird
darauf mit Kunstmilchzufütterung reagiert, was in aller Regel
das Abstillen innerhalb weniger Wochen einleitet. Für die überwiegende
Mehrzahl aller Mütter ist es daher erforderlich, mit dem Kind
gemeinsam zu schlafen, wenn sie, wie inzwischen weltweit empfohlen
wird, mindestens sechs Monate ausschließlich stillen sollen
und wollen. Co-Sleeping ist eine der erfolgreichsten Methoden, eine
nicht mehr ausreichende Milchmenge wieder bedarfsgerecht zu steigern.
Ein weiterer Grund für versiegende Milchproduktion ist mütterliche
Erschöpfung (siehe oben), die ebenfalls typischerweise nach
etwa drei bis vier Monaten einsetzt. Auch diese kann nur in Grenzen
gehalten werden, wenn durch Co-Sleeping die mütterliche Schlafunterbrechung
minimiert wird.
Ohne Zweifel sind die Erfahrungen der frühesten Kindheit von
Bedeutung für die Entstehung der Eltern-Kind-Beziehung9, 13,
14. Außer dem Schlaf- wird auch das gesamte Interaktionsverhalten
hier geprägt, und zwar nachhaltig11, 1, 10, 15, 16. Es ist
nicht zu früh, Korrelationen zwischen der Art der Versorgung
Neugeborener und späteren psychosozialen Schwierigkeiten zu
postulieren, denn schon das, was wir aus Beobachtungen und Studien
bei Säugetieren und Primaten wissen, sollte uns die Bedeutung
der frühesten kindlichen Erfahrungen weit ernster nehmen lassen
als vielfach angenommen wird13, 17, 18. Ein weinendes Neugeborenes
mit Missachtung zu behandeln 11 sollte als potenziell schwerwiegende
Traumatisierung betrachtet werden, auch wenn systematische Studien
dazu noch unvollständig sind 17, 19, 20. Interessanterweise
hatten faschistische Regimes wie die Nationalsozialisten früh
begriffen, dass wesentliche Sozialisationselemente mit der ersten
Lebensstunde beginnen und bereits den ersten Schrei mit erzieherischen,
"dem Volkswohl dienenden" Intentionen begleitet21. Co-Sleeping,
sowie jede Art von körperlicher Nähe, war auf jeden Fall
ein Horror für den Staat, der unselbständige, selbstverleugnende
und möglichst gefühllose Heloten heranzüchten wollte.
Reste dieser Furcht vor "Verweichlichung" sind noch verbreitet
anzutreffen 22.
Zu wenig Berücksichtigung hat bisher die Rolle des Vaters gefunden23,
der ebenfalls durch das Co-Sleeping eine besonders intensive Bindung
zu seinem Kind aufbaut24 (ohne dass von einer Beeinträchtigung
der Sexualität des Paares die Rede sein muss). Wie sehr dies
früher üblich war, berichtet die schwedische Kinderbuchautorin
Astrid Lindgren.
SIDS-Risiko
Apnoen sind ein normaler Bestandteil des menschlichen Schlafs. Aus
einer solchen Phase weckt sich der Organismus selbst mithilfe einer
so genannten Weckreaktion auf, welche dann die regelmäßige
Atmung wieder einsetzen lässt. Säuglinge, und vor allem
etwas unreifere Kinder, können diese Weckreaktion noch nicht
zuverlässig selbst initiieren. Sie sind daher gefährdet,
während einer Apnoephase keine rechtzeitig erfolgende Weckreaktion
zu bekommen und so in die lebensgefährliche Hypoxie zu rutschen6,8,4.
Sie brauchen ständige Stimulation von außen, um ihre
eigenen zerebralen Weckreaktionen durchführen zu können:
Licht, Geräusche, Bewegung, Gerüche, Temperaturschwankungen,
Luftbewegungen, Stimulation des Gleichgewichtsorgans- alle diese
sensorischen Reize helfen dem Baby, in oberflächlicheren Schlaftiefen
zu verbleiben und so leichter eine Weckreaktion zu initiieren 25.
Tiefer Schlaf ist für kleine Babys gefährlich, ebenso
wie sensorische "Sendepausen". Das "ruhige",
abgedunkelte, überwärmte Kinderzimmer kann zur tödlichen
Falle für Babys werden, wie Tausende von Death Scene Untersuchungen
gezeigt haben. Dies erklärt, warum gestillte Kinder und vor
allem gemeinsam schlafende Kinder drastisch reduzierte SIDS-Risiken
haben26.
Rauchenden Eltern und solchen, die Drogen benutzen, sollte vom Co-Sleeping
abgeraten werden. Ebenso kann es epileptischen Elternteilen nicht
empfohlen werden sowie solchen, die sedierende Medikamente nehmen.
Hier muss auch immer das Risiko, das vom Vater ausgehen könnte,
mitbedacht werden, denn normalerweise und wünschenswerterweise
wird Co-Sleeping mit beiden Eltern erfolgen. Das Bett muss sicher
sein, darf keine gefährlichen Ritzen oder Strangulierungsrisiken
aufweisen. Wasserbetten sind nicht ratsam.
Da sind sich alle Babys einig
Die Verknüpfung einer Ganztagstätigkeit mit ausschließlichem
Stillen ist bisher wenig beschrieben worden, jedoch durchaus erfolgreich
über viele Monate zu bewerkstelligen 27. Co-Sleeping spielt
dabei eine zentrale und unabdingbare Rolle.
Der gemeinsame Mutter (bzw. Eltern)-Kind-Schlaf ist eine Jahrmillionen
alte Selbstverständlichkeit des menschlichen Lebens gewesen.
Ihn in die Schmuddelecke unzivilisierten Durcheinanders abgedrängt
zu haben, erweist sich zunehmend als erhebliches Gesundheitsrisiko
für Mutter und Kind, als schwere Belastung für die Entwicklung
der Eltern-Kind-Interaktion und als gravierender Fehler in der Entwicklung
der modernen Gesellschaft. Zwar lernen Babys rasch, doch die Hoffnung,
dass dieses Lernen wünschenswert sei, scheint sich als irrig
herauszustellen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Betreuer in der
Neugeborenenperiode ist es daher, Rahmenbedingungen mit auf zu bauen,
damit Mutter und Kind (und Vater) jene Interaktionen lernen, die
eine friedliche Säuglingszeit mit erfolgreichem Langezeitstillen
ohne mütterliche Erschöpfung ermöglichen. Die Synchronisierung
der mütterlichen und kindlichen Schlafrhythmen, die nur in
den ersten postpartalen Tagen leicht erfolgen kann, erfordert Co-Sleeping
von Anfang an. Säuglingszimmer, in denen nächtens alleingelassene
Kinder dutzendweise brüllen 11, werden hoffentlich bald der
Vergangenheit angehören. Baby-gesteuertes Stillen erfordert
Co-Sleeping - da sind sich alle Babys einig.
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einer vergessenen Selbstverständlichkeit. In: Scherbaum, V.,
Perl, F.M., Kretschmer, U., Hsg.. Stillen und frühkindliche
Ernährung. Köln: Dt. Ärzteverlag, 2003: im Druck.
Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis von
Frau
Dr. M. Perl. |