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Die Kunst,
sein Kind schlafen zu lassen
von Prim.
Dr. Franz Paky
Gründer/Leiter der Ambulanz für Schreien und Schlafstörungen
am LKH Mödling, Österreich
Schlafen, Alleinsein, Finsternis
Für ein Kind gibt es nichts Schlimmeres, als den Schutz und
die elterliche Geborgenheit zu verlieren. Mit der Finsternis der
Nacht reißt die Gewißheit ab, dass der elterliche Schutz
gegeben ist. Nichts ist leichter verständlich, als dass sowohl
das Einschlafen als auch das nächtliche Aufwachen für
ein Kind mit Angst verbunden ist. Es ist ebensowenig verwunderlich,
dass viele Methoden entwickelt wurden, den Übergang vom Wachzustand
in den Schlaf für das Kind zu erleichtern. All diesen Riten
ist gemeinsam, dass sie die elterliche Gegenwart in den Schlaf hinein
zu erhalten suchen (Wiegenlied, Gute Nacht Geschichte, Gute Nacht
Kuß, Kuscheltier als Übergangsobjekt usw.).
Schlafen, Loslassen
Nicht nur für das Kind ist mit dem Einschlafen eine Trennung
von den Eltern verbunden. In ähnlicher Weise erleben die Eltern
das Einschlafen des Kindes als Trennung. Insgeheim stellt sich die
Frage: Wird das Kind ohne unsere Hilfe einschlafen? Wird sich das
Kind ohne weiteres (?) von mir trennen? Wird es auch wieder von
selbst wach?
Zwei Arten von guten Schläfern: die echten und die
resignativen
Nicht alle Kinder, die unkompliziert einschlafen und durchschlafen,
sind zu beneiden. Wenn Babys spüren, dass ihr Schreien in der
Nacht die Eltern unter keinen Umständen auf den Plan rufen
kann, geben sie auf und schlafen den Schlaf der Resignation. Auf
diesem Mechanismus beruht der scheinbare Erfolg der älteren
Generation, ein Kind beim Einschlafen unbegrenzt schreien zu lassen.
Die Entwicklung des Babys und das Schlafproblem
Um das sechste Lebensmonat erweitern Babys ihren sozialen Horizont
beträchtlich. Sie lernen zwischen ihren vertrauten Eltern und
fremden Menschen zu unterscheiden ("Fremdeln"). Die Angst,
die damit einhergeht ("Achtmonatsangst"), führt nicht
selten zu einer Störung des Schlafes. Kinder, die in den ersten
Lebensmonaten zur Freude ihrer Eltern bereits durchgeschlafen haben,
beginnen dann nachts mehrmals wach zu werden. Oft brauchen sie nicht
mehr als die Versicherung, dass alles in Ordnung ist. Ein kurzes
Nuckeln an der Brust oder allein der Zuspruch einer vertrauten Stimme
genügen, dass das Kind weiterschläft. Häufig führt
aber die Schlafstörung zur Sorge der Mutter, dass das schon
größer gewordene Kind mit ihrer Milch nicht mehr genug
hat. Dann erhält das Kind an Stelle des Trostes, den es braucht,
mehrere Mahlzeiten, die eigentlich überflüssig sind. Welcher
Erwachsene, der gut schlafen will, würde sich absichtlich zu
diesem Zweck den Bauch voll schlagen?
Das Schlafparadoxon
Wenn wir den Schlaf dringend herbeisehnen, stellt er sich am zögerndsten
ein. Eine ganz ähnliche Erfahrung machen wir mit unseren Kindern.
Wenn wir am wenigsten darauf angewiesen sind, schläft unser
Kind am leichtesten ein. Brauchen wir dagegen unseren eigenen Schlaf
dringend, weil wir am nächsten Tag früh aufstehen müssen
oder einen schwierigen Termin haben, dann spielt das Kind nicht
mit. Es will und will nicht einschlafen. Und noch weniger gönnt
es uns einen ununterbrochenen Schlaf. Man gewinnt fast den Eindruck,
als würden wir das Kind mit unserer Aura des Schlafzwanges
am Schlaf hindern.
Wenn sich ein Vater, der sein Kind mit allergrößten
Mühen zum Einschlafen gebracht hat, auf leisesten Sohlen vom
Bett fortschleicht, weckt er das Kind mit seiner Angst, dass es
wieder wach werden könnte, tatsächlich auf. Dieses Phänomen
zwingt uns dazu, über den eigenen Schatten zu springen. Wir
müssen uns nach dem Rhythmus des Kindes richten und aufhören,
ihm unsere Bedürfnisse aufzuzwingen.
Individueller Schlafbedarf
Jedes Kind braucht, wie übrigens erwachsene Menschen auch,
eine individuelle Zahl von Schlafstunden. Die Spannbreite liegt
bei Kindern im zweiten Lebenshalbjahr bei 9 bis 14 Stunden (Largo
Kinderjahre 1999, S. 27).
Behinderung der Selbstregulation
Groß ist die Gefahr, dass sich Eltern in guter Absicht in
Vorgänge einmischen, über deren Ablauf das Kind selbst
bestimmen soll. Als Beispiele seien das Essen und das Trinken, die
Kleidung und die Kontrolle von Stuhl und Harnausscheidung genannt.
Die Selbstregulation über diese Vorgänge wird vom Kind
im Lauf seiner normalen Entwicklung übernommen. Greifen die
Eltern allerdings in diese Entwicklung ein, wird die Selbständigkeit
nicht erreicht. Den Eltern bleibt damit die Bürde der Kontrolle
erhalten, und das Kind bleibt in Abhängigkeit.
In typischer Weise tritt dieser Mechanismus beim Schlaf auf. In
der Meinung, dass die Eltern die volle Verantwortung für die
Tiefe und die Dauer des Schlafes ihres Kindes tragen, wird dem Kind
seine Selbständigkeit verwehrt und die Eltern zerbrechen an
der Bürde der Kontrolle, die sie selbst nicht abgeben können.
Die Kunst, sein Kind schlafen zu lassen
Auf übermüdete und erschöpfte Eltern wirkt es vermutlich
zynisch, wenn ich davon spreche, dass es bei der Kunst, sein Kind
schlafen zu lassen, um die eigene Gelassenheit und das Loslassen
des Kindes geht. Nach allem, was man schon versucht hat, sollte
es gerade mit dem Loslassen funktionieren, wo man doch weiß,
dass nichts schwerer ist im Leben als das Loslassen.
Vertrauen in die Selbstregulation des Kindes ist der Schlüssel
zum Loslassen und damit auch zum Schlafenlassen des Kindes. Wenn
man dieses Vertrauen erwirbt, wird man sich vom Kind für die
Zeit des Schlafes trennen können, ohne den Kontakt ganz zu
verlieren. Das Kind wird auch in einer unruhigen Umgebung und ohne
großes Geschrei einschlafen können. Vor allem wird es
möglich sein, das Kind im Elternbett schlafen zu lassen und
auf diese Weise das Stillen nach dem natürlichen Bedarf von
Mutter und Kind beizubehalten.
Jedes Kind kann schlafen lernen
Weil es schwierig ist, diese Zusammenhänge bewußt zu
machen, erfreuen sich Bücher, die sich auf ein Training bzw.
auf eine Dressur des kindlichen Verhaltens beschränken, großer
Beliebtheit.
Am populärsten sind zur Zeit wohl Methoden der dosierten Frustration.
Anstatt bei sich selber anzufangen, läßt man das Kind
etwas länger schreien, so lange, bis es davon überzeugt
ist, dass man als Nachtwächter oder Tröster nicht in Frage
kommt. Der Erfolg stellt sich scheinbar ein, indem das Kind den
Schlaf der Resignation schläft. Die Chance, dass sowohl die
Eltern als auch das Kind aus dem Problem des gestörten Schlafes
etwas lernen und auch für sich gewinnen, wird damit aber vertan.
Wir sollten die Chance wahrnehmen, die darin liegt, die Kunst zu
erwerben, sein Kind schlafen zu lassen.
Mit freundlicher Genehmigung für Rabeneltern.org von Prim.
Dr. Franz Paky |