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Friederikes Meinung zu
"Jedes Kind kann schlafen lernen"
(bezogen auf die 13. Auflage, 2002)
Das Buch enthält einige Informationen zum Schlaf, die interessant
sind und sicherlich auch hilfreich sein können, wenn man das
Schlafverhalten des eigenen Kindes "verbessern" (dh den
eigenen Bedürfnissen anpassen) möchte. Aber die zentrale
Methode des "Schreienlassens" nach Plan finde ich nach
wie vor grausam und die Autoren konnten mich nicht davon überzeugen,
dass dieser Weg zum Erreichen ungestörter Nächte notwendig
sei und dem Kind nicht schade. Wenn ich auf dem mir vorliegenden
Exemplar lese "Bestseller-Neuausgabe... Über 500.000 verkaufte
Exemplare" graust es mich.
Meine Kritik bezieht sich vor allem auf drei Punkte:
1. Die Erwartungen zum kindlichen Schlaf, die bei den Eltern geweckt
werden
2. Die Theorie, wie es zu nächtlichem Aufwachen kommt
3. Die Methode, nach der das Kind zum alleine Ein- und Durchschlafen
gebracht werden soll
1. Erwartungen
Allein der Titel des Buches hat mich schon immer gestört.
"Jedes Kind kann schlafen lernen". Jedes Kind! Wenn also
Dein Kind trotz der Anwendung dieses Buches nicht durchschläft,
liegt das ganz offensichtlich an Dir. Du warst nicht konsequent
genug. Du hast wahrscheinlich von Anfang an alles falsch gemacht
und das Kind so verkorkst, dass es jetzt nicht mehr schlafen lernen
kann. Oder Du bist bei der Anwendung von Kast-Zahn nicht konsequent
genug, weil Du Dich erweichen lässt, statt brav nach Plan vorzugehen.
Im Buch werden die Autoren dann konkreter (S.40): "Mit 6 Monaten
haben Babys den Unterschied zwischen Tag und Nacht gelernt. Ihr
Schlafmuster ist ausgereift und läuft schon ähnlich ab,
wie beim Erwachsenen. Sie können nun etwa 11 Stunden hintereinander
schlafen und brauchen nachts nichts mehr zu trinken."
11 Stunden!!! Was ich sonst von Schlafexperten lese, wird es bei
Babys diesen Alters als "Durchschlafen" bezeichnet, wenn
das Baby 5 bis 6 Stunden am Stück schläft. 8 Stunden sind
sehr ungewöhnlich und müssten eigentlich jede Mutter zufriedenstellen.
Aber es wird den Eltern suggeriert, jedes (gesunde) Kind könne
nachts 11 Stunden am Stück schlafen! Und brauche in dieser
Zeit natürlich auch nichts zu trinken. Vielleicht sollten auch
die Autoren des Buches spätestens um 8 Uhr abends das Abendessen
beenden und dann bis zum nächsten Morgen um 7 nichts mehr zu
sich nehmen, auch kein Glas Wasser. Wetten, dass die keine 11-stündige
nächtliche Essens- und Trinkpause einhalten?
Interessant finde ich auch die kleine Statistik, die sich auf Seite
18 des Buches befindet. 500 Mütter wurden bei den Vorsorge-Untersuchungen
(den "Us") zum Schlafverhalten ihrer Kinder befragt. Danach
ergibt sich zum Beispiel, dass im Alter von 6-7 Monaten 38 % durchschliefen,
im Alter von einem Jahr 53 % und im Alter von 2 Jahren 39 %. Was
schliessen nun die Autoren daraus? "Schlechter Kinderschlaf
verursacht Elternstress. Mütter von "guten Schläfern"
fühlen sich meist gut und ausgeglichen - Mütter von "schlechten
Schläfern" dagegen sind gestresst und erschöpft."
(S.20). Ach ne. Ich folgere ganz anderes aus diesen Zahlen: Wenn
von den 2-jährigen 39 % durchschlafen, dann heisst das, 61
% schlafen nicht durch. So lange fast 2/3 der Kinder nicht durchschlafen,
würde ich daraus messerscharf schließen, dass es sich
um *keine* Schlafstörung handelt, sondern dass noch bei Zweijährigen
nächtliches Aufwachen *normal* ist! Dann aber kann man das
Schlafprogramm der Autoren nicht mehr - wie diese es tun - als "Behandlungsprogramm"
bezeichnen, denn ein normaler und gesunder Zustand bedarf keiner
Behandlung.
Meiner Ansicht nach erwecken die Autoren völlig überzogene
Vorstellungen darüber, wie normales Schlafverhalten kleiner
und kleinster Kinder aussieht und bieten dann ein zweifelhaftes
Programm an, um diesen - für das optimale körperliche,
geistige und seelische Gedeihen eines Babys vermutlich eher nachteiligen
- Zustand zu erreichen.
2. Theorie
Die Autoren erklären, dass der Schlaf wellenförmig verlaufe
und es immer wieder zu kurzen (Fast-)Aufwach-Episoden komme. Stelle
das Kind fest, dass alles in Ordnung ist, schlafe es weiter und
lasse vor allem auch die Eltern schlafen - es "schlafe durch".
So weit, so gut. Aber die Autoren fahren fort, dass man deswegen
das Kind nicht in den Schlaf stillen dürfe und es auch sonst
nicht in den Schlaf begleiten dürfe. Das Kind müsse alleine
in seinem Bett einschlafen, damit beim nächtlichen Aufwachen
alles wie beim Einschlafen und damit "in Ordnung" sei.
Diese Theorie widerspricht meiner Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand.
Wenn ich auf Reisen bin und in einem Hotel übernachte und nachts
ein wenig wach werde, wann werde ich wohl wacher werden? Wenn ich
mich in meinem Bett zuhause wiederfinde? Nö, dann wäre
ja alles so, wie es nachts "immer" ist und ich würde
vermutlich gar nicht daran denken, dass ich doch eigentlich im Hotel
eingeschlafen bin, sondern mich umdrehen und weiterschlafen. Meine
Theorie ist, dass Kinder sich an ihrem nächtlichen Schlafort
durchaus sicher und geborgen fühlen können, wenn sie sich
dort allnächtlich beim (halb-)aufwachen wiederfinden und dies
ein angenehmer Ort ist, weil auch die Eltern da sind oder zumindest
beim kleinsten Quietscher jemand kommt. Dann ist es dem Kind völlig
egal, wo es eingeschlafen ist.
Dagegen kann ich mir weniger vorstellen, dass ein Kind, dass sich
in den Schlaf geschrieen hat, nachts weiterschläft, weil "alles
in Ordnung" ist und es sich sicher und geborgen fühlt.
Es mag sein, dass es, ohne sich zu "melden" wieder einschläft
- aber vermutlich nur deshalb, weil Rufen erfahrungsgemäss
ohnehin sinnlos ist.
Auch mit meinen Kindern mache ich diese Erfahrung - wie und wo
sie eingeschlafen sind hat auf den Nachtschlaf keine Auswirkungen.
Ob im Auto und direkt ins Bett gelegt, ob im Wohnzimmer beim Stillen
eingeschlafen oder im Kinderzimmer auf dem Arm. Eher interessant
ist es, wie ich bei nächtlichem Aufwachen reagiere, ob ich
also sofort wieder bis ganz in den Schlaf stille, oder ob ich eher
versuche, ob mein Kind nicht auch mit "weniger" zufrieden
ist.
Und manchmal wacht Jutta (14 Monate) - entgegen aller Theorie,
dass Kinder ab 6 Monaten nachts nichts mehr bräuchten - auch
heute durchaus auf, weil sie schlicht HUNGER hat, da hilft alles
selber einschlafen können sowieso nichts. Ich habe festgestellt,
dass es ziemlich sinnlos ist die erste nächtliche Stillmahlzeit
gegen 1 abkürzen zu wollen, tue ich dies, ist sie nur umso
früher wieder wach.
3. Methode
In dem Buch gibt es noch einige andere Tips, die dem Durchschlafen
zuträglich sein sollen, im Zentrum steht jedoch der sogenannte
Behandlungsplan: Man legt das Kind ins Bett und geht aus dem Zimmer.
Nach 3, 5, dann immer 7 Minuten darf man kurz hinein, um das Kind
zu trösten. So wird bis zum Einschlafen verfahren. Am nächsten
Tag sind die Zeitintervalle 5, 7, dann 9 Minuten, am dritten 7,
9, dann 10 Minuten, ab dem 4. Tag grundsätzlich 10 Minuten.
Kast-Zahn und Morgenroth lehnen die einfach-schreien-lassen Methode
ab und bieten stattdessen diesen scheinbar so wunderbar ausgeklügelten
Plan. Meiner Ansicht nach ist der Zeitplan aber völlig willkürlich
und dient lediglich einem Zweck: Das Schreien ihres Kindes wird
für die Eltern erträglicher, wenn sie eine genaue Anleitung
haben, wann sie zu dem Kind gehen dürfen! Für das Kind
ist es vermutlich ziemlich egal, ob es sich am Stück oder in
Etappen in den Schlaf weint. Die von den Autoren bei der rigorosen
Schreien-lass-Methode befürchteten Verlassenheits- und Trennungsängste
wird es auch in den vorgeschriebenen 3- bis 10-Minuten Intervallen
haben. Vielleicht ist es sogar noch traumatischer, an einem Abend
viele Male verlassen zu werden...
Die Beliebigkeit des Zeitplanes wird im Buch durchaus zugestanden
(S. 93): "Entscheidend für den Erfolg ist es nicht, welche
Zeiten sie für sich festlegen. Viel wichtiger ist: Wählen
sie einen Zeitplan, der ihnen sinnvoll erscheint und den sie auch
durchhalten können. Während der Behandlung sollte er dann
nicht mehr verändert werden. Auch wenn Ihnen ein fester Zeitplan
willkürlich erscheint - für die Eltern (*Aha - nicht das
Kind!*) ist es eine grosse Hilfe, von vorneherein genau zu wissen:
Was werde ich als nächstes tun? Es gibt ihnen die Sicherheit,
kontrolliert und zielsicher zu handeln." An anderer Stelle
wird gegen die alte Schreienlass-Methode vor allem eingewandt, dass
die Eltern irgendwann - vielleicht erst nach einer Stunde - das
Schreien nicht mehr ertragen können und dann doch auf die altbewährte
Einschlafhilfe zurückgreifen. Dann aber habe das Kind nur gelernt,
lange genug zu schreien.
Nirgends in "Jedes Kind..." wird auch nur behauptet,
geschweige denn nachgewiesen, dass Schreienlassen nach Zeitplan
in irgendeiner Weise besser/schonender für das Kind oder auch
nur effektiver wäre, als das Kind einfach in die hinterste
Kammer zu schieben, damit man es schlicht nicht hört.
Warum eigentlich fällt sowohl Kast-Zahn als auch vielen anderen
Autoren von "Schlafenlern-Büchern" immer nur diese
Brachialmethode ein? Leiden diese Leute denn so an Phantasielosigkeit
- oder meinen sie, dass sich eine Methode, die in wenigen Tagen
Wirkung verspricht, einfach besser verkauft? Denn was sonst spräche
dagegen, ungünstige (sprich für die Eltern übermässig
anstrengende) (Ein-)Schlafgewohnheiten mit Geduld und ohne Schreinlassen
langsam zu ändern?
Es ist ja durchaus zu verstehen, dass nicht jeder es einfach so
wegsteckt, alle Stunde geweckt zu werden, und es ist auch nicht
jedermanns Sache, die Abende damit zuzubringen, das Kind in den
Schlaf zu begleiten und keine Zeit für sich und ohne Kind zu
haben. Aber ehrlicherweise müsste man zugeben, dass nicht das
Kind ein Schlafproblem, sondern dass *ich* ein Problem mit dem Schlaf
meines Kindes habe. Dem Kind muss gewöhnlich nicht "geholfen"
werden, durchzuschlafen, denn ihm geht es mit der gegebenen Situation
bestens. Wenn das ganze aber *mein* Problem ist, ist es nur fair,
wenn ich zunächst bei mir nach einer Lösung suche (z.B.
vielleicht kann ich einfach im Familienbett im Schlaf stillen anstatt
nachts durch die Wohnung zu tigern) und wenn ich trotzdem noch ein
Problem habe, sollte ich dieses anständigerweise so lösen,
dass mein Kind nicht darunter leiden muss.
Ich kann einem Kind zum Beispiel abgewöhnen, bei jedem Halb-Aufwachen
an die Brust zu müssen, indem ich versuche, die Stillmahlzeit
langsam immer etwas früher zu beenden, bevor das Kind ganz
eingeschlafen ist. Solche sanften Methoden kann sich eigentlich
jeder für die eigene Situation selbst ausdenken (Wie ist die
Lage? Was genau will ich erreichen? Ist meine Erwartung realistisch?
Wie komme ich schrittweise ganz langsam dorthin?), auch das Buch
"The No-Cry Sleep Solution" von Elisabeth Pantley bietet
- leider nur auf Englisch - hier viele Anregungen.
Sicherlich haben die Autoren recht, wenn sie meinen, es sei von
Vorteil, wenn die Eltern "kontrolliert und zielsicher"
handeln - aber dazu brauchen sie keinen "Schrei-Plan".
Auch Pantley schlägt vor, sich schriftlich zu überlegen,
welche Schritte man zur "Verbesserung" des Schlafes seines
Kindes ergreifen möchte und sich dann möglichst auch daran
zu halten, denn jede Nacht und bei jedem Aufwachen etwas Neues auszuprobieren
führt bestimmt nicht zum Ziel. Ausserdem gibt es auch dem Kind
Sicherheit, wenn die Eltern den Eindruck erwecken, zu wissen, was
sie tun.
Äusserst interessant finde ich, wie sich Kast-Zahn und Morgenroth
in demselben Buch - unabhängig vom Schlafen lernen - zum Thema
"Auszeiten" äussern. Die Auszeit ist eine kurzfristige
Trennung von Mutter und Kind, um bestimmte Verhaltenweisen des Kindes
abzustellen ("Grenzen setzen" nennen sie das, geht meiner
Ansicht nach auch anders...). Jedenfalls heisst es zur Dauer der
"Auszeit": "Nie sollte die Auszeit in Minuten länger
sein als das Alter des Kindes in Jahren."
Ach ja? Warum bitteschön ist es beim Schlafengehen dann in
Ordnung, dass ein 6 Monate altes Kind bis zu 10 Minuten alleine
gelassen wird? Das ist glatt das 20-fache der nach dieser Faustregel
"zulässigen" Zeit! Aber damit ein Kind seine Eltern
nachts in Ruhe lässt, ist scheinbar auch heute noch (fast)
jedes Mittel recht. Man denke nur, jemand würde entsprechende
Methoden zur Sauberkeitserziehung oder beim Essen empfehlen - was
gäbe das für einen (berechtigten!) Aufschrei der versammelten
Expertenrunde...
Ich habe mich - insbesondere auch um in meinem Stilltreff Empfehlungen
abgeben zu können - durch fast alle Schlaflern-Bücher
unserer Stadtbibliothek gelesen. Die Bilanz ist eher traurig, eigentlich
kann ich keines der Bücher dort empfehlen. Aber es ist mir
zum Beispiel aufgefallen dass Dr. Rabenschlag in "So finden
Kinder ihren Schlaf" zwar auch mit seiner "Sanduhr-Methode"
ein etappenweises aus-dem-Zimmer-gehen und ggf Schreienlassen empfielt,
er weist jedoch darauf hin, dass diese Methode im ersten Lebensjahr
ungeeignet sei, da ein Kind erst um den ersten Geburtstag herum
eine Vorstellung von Objektpermanenz entwickle, also davon, dass
etwas oder jemand, das/der gerade nicht zu sehen ist, trotzdem weiter
existiert. Bis dahin geht die Mutter aus dem Zimmer und ist für
das Kind ein für alle Mal vom Erdboden verschwunden. Dies erscheint
mir ein sehr gutes Argument gegen den Vorschlag von Kast-Zahn und
Co. zu sein, bereits mit 6 Monaten ein Schlaftraining durchzuführen.
Auch wenn man sich allgemein zum Thema Kinderschlaf und Schlaf
überhaupt informieren will, ist meiner Ansicht nach das Buch
von Rabenschlag viel ergiebiger als Kast-Zahn. Da habe ich sogar
meinen eigenen Schlaf betreffend interessante Informationen gefunden.
Friederike Meyer-Bradfisch, Oktober 2003
Internet: Homepage wird gerade überarbeitet
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