| Pädagogisches
Konzept des Waldkindergartens
Der Waldkindergarten wird oft als "Kindergarten
ohne Türen und Wände" bezeichnet. Das ist der auf
den ersten Blick augenfälligste Unterschied zu einem Regelkindergarten:
Es gibt meistens kein festes Gebäude. Die meisten Waldkindergärten
benutzen Bauwägen zur Lagerung von Materialien, Spielutensilien
und Unterlagen. An besonders kalten oder nassen Tagen wird der Bauwagen
zum Schutz umfunktioniert – jedoch bleiben die meisten Kinder
nur kurz im Trockenen und spielen draußen im Regen weiter.
Bei Sturm- und Unwetterwarnung darf der Wald zwar nicht betreten
werden, jedoch haben die Waldkindergärten dann ein Notfallprogramm
in petto.

Die Kinder dürfen die Natur zu allen Jahreszeiten
erleben (in der heutigen Zeit und je nach Lage im Regelkindergarten
nur schwer umzusetzen), auch Regen, Nebel oder kalte Wintertage
gehören zu ihrem Programm. Die Kinder erleben hautnah die Veränderungen
in der Natur: An einem Tag ist der Baumstamm, auf dem sie balanciert
haben, trocken und schuppig, am anderen Tag ist er feucht und federnd.
Auf ihrem Weg durch den Wald zu einem bestimmten
Ort fängt das Abenteuer Waldkindergarten an: Man balanciert,
man beobachtet die Natur, die Tiere, es werden Lieder gesungen und
sich an dem Tempo der langsamsten Waldkinder angepasst.
Das gemeinsame Frühstück findet draußen statt, die
Hände werden mit mitgebrachten Waschlappen gereinigt, man isst
sein mitgebrachtes Brot, Früchte, Nüsse und trinkt Tee,
Wasser und Brühe im Freien. Da kann schon mal eine Spinne über
den Fuß krabbeln – das macht den Waldkindern auch nicht
viel aus. Zusammen wird dann das Lied vom „Spinnenpeterchen“
gesungen und einfach weitergegessen.
Der Wald bietet ideale Möglichkeiten um dem
Bewegungsdrang der Kinder nachzukommen. Beim Klettern und Balancieren
auf Bäumen, dem Auskundschaften neuer Wege und Plätze
im Wald und im Umgang mit Matsch und Regenpfützen erfahren
sie viel über ihre eigenen Fähigkeiten und lernen ihre
Grenzen einzuschätzen, was sich wiederum positiv auf das Selbstbewusstsein
der Kinder auswirkt.
Waldkindergärten verzichten auf vorgefertigtes
Spielzeug, da der Wald alles das bietet. Blätter, Eicheln,
Kastanien, Stöcke, Erde, Rinden, Hölzer, Beeren bieten
sehr viel Bastelmaterial – die Erzieher geben dann das Werkzeug,
um das Material zu bearbeiten. Dreijährige werden zum Schnitzen
und zum Sägen ermuntert, es werden Eichel- und Kastanienketten
und –männchen gebastelt oder wunderschöne Blumen
mit Blättern gelegt. Manche Kinder möchten aber nur ein
Buch vorgelesen bekommen – auch das ist natürlich im
Wald möglich.
Durch die Spielzeugfreiheit im Waldkindergarten
werden konfliktträchtige Spielabläufe vermieden, die Kinder
lernen sich zu behaupten, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen
(Selbstwirksamkeit). Dank des vielen Freiraumes können die
Kinder eigene, innere Grenzen besser erleben und ausdrücken.
Beim gemeinsamen Bau eines Tannenhauses oder Tipis
z.B. können die Kinder gemeinsam planen und ausführen,
sich gegenseitig helfen und Rücksicht nehmen. Dadurch wird
die Hilfsbereitschaft und Geduld miteinander, sowie die emotionale
Nähe jedes Kindes zur gemeinsamen Gruppe stark gefordert (sich
in eine andere Person hineinversetzten Empathie und Perspektivenübernahme).
Teamfähigkeit wird entwickelt.
Im
Wald wird auf einzigartige Weise die Phantasie der Kinder geweckt.
Ein Stock wird zur Nebelfee oder zum edlen Ritter, Rollenspiele
und Phantasiefreunde sind tägliche Begleiter im Waldkindergarten.
Hierbei ist Sprache ein wichtiges Medium, die Kinder lernen u.a.,
anschaulich ihre Ideen und Gedanken zu erklären, anderen zuzuhören
und Erlebtes für andere verständlich zu erzählen.
Aber auch, sich durchzusetzen und eine eigene Meinung zu vertreten.
Durch das waldpädagogische Konzept agieren
Kinder zwar rollentypisch, aber nicht in dem Maße, wie man
das sonst beobachten kann. Mädchen verhalten sich im Wald oft
genauso wild wie Jungs. Und auch phantasievolle Spiele sind bei
den Jungen beliebt. Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien
und viele eigene Experimentiermöglichkeiten geben jedem Kind
die Erfahrung des eigenen Könnens, die Selbstbestätigung
der eigenen Person, die Sicherheit, auf Neues mutig und neugierig
zugehen zu können.
Der Wald bietet viel Ruhe. Er nimmt die Kinderstimmen
auf und der Schall wird weniger stark zurückgeworfen. So kann
die Horde auch mal wild schreiend einen Abhang runterrennen ohne,
dass man als Waldbesucher sofort taub wird.
Kontakte mit Spaziergängern, Reitern oder Hunden macht den
Waldkindergarten obendrein noch zu was Besonderen. Waldarbeiter
lassen die Kinder gerne als Beobachter zu und so wird ein ganz normaler
Tag plötzlich spontan neu gestaltet. Dadurch erweitert sich
die Lebenskompetenz der Kinder und ErzieherInnen.
Schwerpunkt im Umgang mit der Natur sind insbesondere
die Schulung der Sinne, der Phantasie, der Kreativität, sowie
der Grob- und Feinmotorik. Dies vermittelt den Kindern wichtige
Schlüsselqualifikationen und fördert ihre Selbstständigkeit.
Sie sind es gewohnt, über Stock und Stein zu springen, anstatt
davor zu halten, das hilft den Kindern Hindernisse im Leben mutig
zu nehmen.
Ausflüge, Besuche vom Waldpädagogen mit
seinen Greifvögeln, Lieder- und Spielrunden mit den Eltern,
Besuche vom Musikpädagogen oder von einer Künstlerin mit
einem Theaterspiel sind dann die I-Tüpfelchen im Kindergartenjahr.
Erfahrungsberichte von ehemaligen Waldkindergarteneltern,
deren Kinder schon auf die weiterführende Schule gehen lehren
uns, dass die Kinder sich mit Eintritt in die Schule im Wald wahrlich
ausgetobt haben, sich auf die neue Herausforderung Schule freuten
und nun es genossen, sich in einem Raum aufhalten zu können.
Zwar haben einige Waldkindergartenkinder Schwierigkeiten, sich an
die Lautstärke in Klassenräumen zu gewöhnen, jedoch
kann das als das kleinere Übel angesehen werden.
Ceddysmam für Rabeneltern.org
Quelle: www.wakiga.de
Fotos: Gregor Sticker, Waldkindergarten Düsseldorf
e.V.
Literatur:
Ingrid Miklitz,
Der Waldkindergarten
Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes
Beltz
ISBN 3407562608
Hans-Georg Schede,
Der Waldkindergarten auf einen Blick
Herder, Freiburg 2000
ISBN: 3451274035
Regina Michael-Hagedorn, Katharina Freiesleben,
Kinder unterm Blätterdach
Verlag Modernes Lernen 1999
ISBN: 3861451840 |