Berufstätigkeit der
stillenden Mutter - praktische Aspekte
von Dr. Friederike M.
Perl
Jede Frau wünscht sich, ihr Leben auch mit einem oder mehreren Kindern möglichst
ohne gravierende Nachteile fortsetzen zu können. Dies bedeutet für die große
Mehrzahl aller Frauen weltweit die baldige Wiederaufnahme ihrer Arbeit. Sowohl
angestellte wie freiberuflich tätige Frauen wollen und können Stillen und
Arbeiten miteinander verbinden - oft über viele Monate hinweg.
Wenn die Mutter aus gesundheitlichen Gründen - sowohl im Interesse ihres Kindes
als auch in ihrem eigenen - möglichst ausschließlich und möglichst lange stillen
will, braucht sie Hinweise, wie dies in Verbindung mit einer Berufstätigkeit
funktionieren kann. Stillende Mütter müssen verschiedene Hürden überwinden: Dazu
zählen nicht nur die schlechten organisatorischen Voraussetzungen in den meisten
Betrieben, sondern auch unbewusste und emotionale Hindernisse. Jede Mutter, vor
allem, wenn sie im öffentlichen Raum stillend erscheint, muss auf
Gegenreaktionen gefasst sein.
Praktische Voraussetzungen für volles Stillen bei voller Berufstätigkeit
1. Simultanpumpen
Simultanpumpen ist das gleichzeitige Auffangen oder Abpumpen von Brustmilch aus
einer Brust, während das Kind an der Gegenseite trinkt. Durch den beim
Stillvorgang auf der aktiven (kindlichen) Seite ausgelösten Milchspendereflex,
der auf beide Brüste wirkt, fließt auch auf der passiven (Pumpen-) Seite
die Milch leicht und kann mit nur geringem Unterdruck aufgefangen werden. Nach
dem 2. Lebensmonat, wenn das Stillen für Mutter und Kind zur
Selbstverständlichkeit geworden ist, wird jede Mutter erfreut betrachten, wie
viel Milch sie auf der passiven Seite geradezu mühelos in einer geeigneten
Flasche auffangen kann.
Erforderlich ist eine Handpumpe, die mit einer freistehenden Milchflasche
verbunden ist und einhändiges Pumpen erlaubt. Optimal ist z.B. die
AMEDA-Einhandmilchpumpe, die alle Voraussetzungen für den Einsatz beim
Simultanpumpen erfüllt. Mit einer solchen Pumpe füllt die Mutter während jedes
Stillvorganges mindestens eine Flasche (ca. 120 ml ab dem 3. Lebensmonat), die
sie im Kühlschrank in einem nur für die Muttermilch reservierten Fach deponiert.
Muttermilch enthält bakterizide Substanzen, sodass sich die Keimzahl verringert,
während sie sich in der Flasche befindet. Es empfiehlt sich, die Milchflaschen
immer so zu deponieren, dass jede das Kind mitbetreuende Person weiß, welches
die älteste und neueste Milch im Kühlschrank ist.
Wenn die Mutter dies bei jedem Stillvorgang, auch nachts, durchführt, so hat sie
am Morgen, wenn sie das Haus verlässt, mindestens zwei, meist drei bis vier
Flaschen im Kühlschrank, also genug für mindestens drei Mahlzeiten oder 10 bis
12 Stunden Abwesenheit. Diese werden dem Kind bei Bedarf - und nicht nach einem
festgelegten Rhythmus - von der betreuenden Person nach kurzem Erwärmen der
Flasche unter dem Warmwasserstrahl auf etwa ca. 20-25 Grad gegeben.
2. Kühlmöglichkeit am Arbeitsplatz
Auch während der Trennung vom Kind, meist nach 3-4 Stunden, muss die Mutter
abpumpen, um Milchstauprobleme zu vermeiden. Dies erfordert eine etwa
10-minütige Pause, meist einmal am Vormittag und eventuell noch einmal am
Nachmittag, in der die Mutter die gleiche Handpumpe benutzt und anschließend die
Milch gekühlt aufbewahrt. Falls kein Kühlschrank zur Verfügung steht, ist eine
Camping-Kühlbox ausreichend. Auf einem Nachhauseweg von mehr als einer Stunde
sowie im Sommer sollte die Milch gekühlt transportiert werden (Isolierbox oder -tasche).
Nach jedem Pumpen muss das Pumpenset der Handpumpe ausgewaschen und mit
kochendem Wasser überbrüht werden. Wenn diese Möglichkeit am Arbeitsplatz nicht
besteht, sollten zwei oder mehr Pumpen zur Verfügung stehen, die die Mutter dann
zuhause sterilisiert.
3. Sinnvolle Strukturierung von Pausen
Der stillenden Mutter steht in Deutschland die bereits 1919 vereinbarte
Pausenzeit von insgesamt 60 Minuten pro Arbeitstag zu, die nach Vereinbarung mit
dem Arbeitgeber getrennt (z.B. zweimal 30 Minuten) oder im Block auch mit der
offiziellen Mittagspause (also insgesamt 90 Minuten) genommen werden kann. Sie
muss selbst entscheiden, wie diese Extrazeit am besten genutzt werden kann.
Viele Mütter können am Arbeitsplatz eine Ruhepause einhalten und sollten diese
Zeit zur Erholung nutzen - also nicht etwa nach Hause oder zum Einkaufen eilen
oder die Zeit in verrauchten Speisesälen verbringen. Wer eine eigene
Betreuungsperson hat (Vater, Großeltern oder Kindermädchen), kann diese bitten,
mit dem Säugling zur Pausenzeit an die Arbeitsstelle zu kommen, damit Mutter und
Kind gemeinsam eine Stillepisode und eine Ruhepause erleben können. Die am
Arbeitsplatz abgepumpte Milch kann die Betreuungsperson dann mit dem Kind wieder
mitnehmen.
Die freiberuflich tätige Mutter sollte ebenfalls eine Ruhepause von mindestens
45 Minuten für sich einplanen, da sonst die Aufrechterhaltung langfristigen
Stillens wegen mütterlicher Erschöpfung nicht möglich ist. Auf diese Weise ist
es auch für die voll berufstätige Mutter möglich, ein Kind monatelang
ausschließlich von Muttermilch zu ernähren.
4. Co-sleeping
Co-sleeping des Kindes im Bett
der Mutter ist wesentlich, um das Stillen über mehr als nur wenige Wochen hinaus
aufrechtzuerhalten. Vorteile des Co-Sleepings für die berufstätige stillende
Mutter sind:
-
problemlose
Aufrechterhaltung einer adäquaten Milchmenge über längere Zeit,
-
weniger Schlafunterbrechung
für die Mutter (und den Vater), dadurch weniger Erschöpfung,
-
geringeres Risiko für
Milchstau und Mastitis durch häufigeres nächtliches Stillen,
-
ruhigeres Kind durch
direkten Zugang zur Brust, besseres Trinkverhalten des Kindes.
Schlussfolgerung
Stillen und Beruf sind grundsätzlich gut vereinbar. Nicht die Flasche, sondern
das Stillen bringt auch der Mutter größtmögliche Vorteile, Flexibilität und
Freiheit. Es gibt kaum eine berufliche Tätigkeit, die sich mit dem Stillen nicht
vereinbaren lässt. Allerdings braucht die berufstätige stillende Mutter
Selbstbewusstsein und Unterstützung, weil die gesellschaftliche Akzeptanz
vielfach noch zu wünschen übrig lässt.
Quelle:
Bei diesem
Beitrag handelt es sich um eine stark verkürzte Version aus dem Buch "Stillen,
frühkindliche Ernährung und reproduktive Gesundheit", die freundlicherweise vom
Deutschen Ärzte-Verlag zur Veröffentlichung unter
www.rabeneltern.org freigegeben wurde. Bei
Interesse kann das Buch im Buchhandel, beim Deutschen Ärzte-Verlag,
Versandbuchhandlung, Postfach 400244, 50832 Köln, oder unter
http://www.aerzteverlag.de bestellt werden.