FAUSTLOS – Gewaltprävention an Kindergärten und Schulen

FAUSTLOS – Gewaltprävention an Kindergärten und Schulen

 


Gewalt in Schulen und bereits auch in Kindergärten ist eines der Probleme,  mit denen Eltern konfrontiert werden. Zusammen mit anderen Methoden, dagegen vorzugehen (als ein Beispiel seien die Streitschlichterausbildungen an Schulen genannt), gibt es ein erfolgreiches Programm, das bereits an vielen Schulen und Kindergärten durchgeführt wird. Es heißt FAUSTLOS, und wir wollen euch einen Überblick über dieses Programm geben:

Was ist FAUSTLOS?

FAUSTLOS ist ein Lehrprogramm, das impulsives und aggressives Verhalten von Kindern vermindern und ihre soziale Kompetenz erhöhen soll (vgl. Schick & Cierpka, 2003). Das Programm liegt in zwei separaten Versionen vor: Ein Curriculum wurde speziell für den Kindergarten, ein anderes für die Grundschule entwickelt. Beide Curricula basieren auf dem amerikanischen Programm SECOND STEP (Beland, 1988; 1991), das vom Committee for Children in Seattle entwickelt wurde, in den USA seit vielen Jahren erfolgreich Anwendung findet und zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Das Curriculum dient der Prävention aggressiven Verhaltens und kann leicht in die Strukturen von Grundschulen und Kindergärten integriert werden.

Wozu FAUSTLOS?

Forschungsergebnisse der letzten Jahre legen den Schluss nahe, dass es - entgegen dem Augenschein spektakulärer Medienberichte - eher eine Zunahme der Qualität und Schärfe der Gewalttätigkeiten an Schulen als eine Zunahme aggressiver Handlungen an sich gibt. Gleichzeitig scheint die Sensibilität gegenüber gewalttätigem Verhalten in der Öffentlichkeit gewachsen zu sein, wobei die Toleranz- und Belastbarkeitsschwelle von LehrerInnen und ErzieherInnen Befragungen zufolge deutlich überschritten ist.
Die sich abzeichnende Entwicklung verlangt zunehmend nach Lösungen vor allem im Sinne von Prävention, denn Präventionskonzepte scheinen sowohl langfristig erfolgreicher als auch deutlich kostengünstiger zu sein als Interventionsmaßnahmen (für einen Überblick zu Gewaltpräventionsansätzen an und für Grundschulen vgl. Schick & Ott, 2002).
Da aggressives und gewaltbereites Verhalten wesentlich aus einem Mangel an sozialen Kompetenzen resultiert, was eine konstruktive Form der Problem- und Konfliktbewältigung nicht zulässt, haben Maßnahmen zur Steigerung der sozialen Kompetenz von Kindern im Rahmen von Gewaltprävention einen zentralen Stellenwert.

Die Entwicklung prosozialer Verhaltensweisen kann durch einen oder mehrere der folgenden Faktoren beeinträchtigt werden:

  • Die Kinder wissen nicht, was angemessenes Verhalten ist, weil ihnen Modelle für alternative Konfliktlösungen fehlen

  • sie wissen zwar, was angemessenes Verhalten ist, aber ihnen fehlt die Übung, weil sie in ihrem Verhalten nicht adäquat verstärkt werden

  • sie zeigen emotionale Reaktionen wie Ärger, Furcht oder Angst in einer Ausprägung, die sie in der Entwicklung des gewünschten Verhaltens behindert

  • sie können Aggressionen nur unzutreffend einschätzen

  • sie zeigen Entwicklungsverzögerungen (diese können entweder genetisch bedingt, oder durch andere Ursachen, z.B. Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft, aufgetreten sein

Durch FAUSTLOS lernen Kinder prosoziale Verhaltensweisen auf die gleiche Weise, wie sie lernten, sich unsozial zu verhalten, nämlich über Vorbilder, Erfahrung und Verstärkung. Verstärkungen - sowohl "beabsichtigte" (Lob, Belohnungen) als auch "natürliche" (erfolgreiche Problemlösungen) - fördern das Lernen dieser Fähigkeiten.

Wie ist FAUSTLOS aufgebaut?

FAUSTLOS vermittelt alters- und entwicklungsadäquate prosoziale Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen Empathie, Impulskontrolle und Umgang mit Ärger und Wut. Diese drei Bereiche bzw. Einheiten sind in Lektionen unterteilt, die aufeinander aufbauend unterrichtet werden. Das Grundschul-Curriculum umfasst 51 Lektionen, das Kindergarten-Curriculum besteht aus 28 Lektionen.

Empathie: FAUSTLOS versteht Empathie als ein "Set von Fähigkeiten und Fertigkeiten", das die Fähigkeit, die Gefühle anderer wahrzunehmen, zu verstehen und zu beantworten, einschließt. Empathie ist weder eine Tugend, noch eine rein geschlechtstypische Charaktereigenschaft. Sie kann zum großen Teil vermittelt werden.

Impulskontrolle: FAUSTLOS bezieht sich hierbei im wesentlichen auf zwei Strategien:
Interpersonelles kognitives Problemlösen und das Training sozialer Verhaltensfertigkeiten.
Problemlösen erfolgt durch die Vermittlung systematischer Gedankenschritte, die in sozialen Situationen eingesetzt werden. Das Training sozialer Verhaltensfertigkeiten vermittelt Verhaltensweisen wie "sich entschuldigen" oder "mitmachen", die in verschiedenen sozialen Situationen angewendet werden können.

Umgang mit Ärger und Wut: FAUSTLOS zielt darauf ab, die Wahrnehmung der Auslöser von Ärger mit dem Gebrauch positiver Selbst-Verstärkungen und Beruhigungstechniken zu verbinden. Es werden z.B. mit Hilfe von Handpuppen Rollenspiele durchgeführt, frustrierende Erlebnisse nachempfunden, „friedliche“ Lösungen gesucht, sensibleres Verhalten eingeübt.  So können Wutanfälle verhindert werden, und die Kinder haben die Möglichkeit, über den Vorfall nachzudenken, der den Ärger ausgelöst hat.

Ergebnisse zur Effektivität von FAUSTLOS

Die Effektivität des englischsprachigen Original-Curriculums SECOND STEP wurde erstmals 1988 im Schulbezirk von Seattle untersucht (vgl. Beland, 1988). Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder, die mit SECOND STEP unterrichtet wurden, empathischer waren und deutlich bessere Problemlösefähigkeiten hatten als Kinder, die nicht am Programm teilgenommen hatten (vgl. auch Frey, Hirschstein & Guzzo, 2000).
Grossman et al. (1997) untersuchten die Auswirkungen von SECOND STEP auf das prosoziale und das aggressive Verhalten von Kindern und konnten zeigen, dass durch die SECOND STEP-Lektionen die körperlichen Aggressionen der Kinder zurückgingen und sie deutlich mehr prosoziale Verhaltensweisen zeigten als Kinder, die nicht mit SECOND STEP unterrichtet worden waren. Diese Effekte blieben auch sechs Monate nach Beendigung des Curriculums stabil (vgl. auch McMahon, Washburn, Felix, Yakin & Childrey, 2000).

Erste Versionen der FAUSTLOS-Curricula wurden 1996/97 im Rahmen einer einjährigen Pilotphase an 11 Göttinger Grundschulen und sieben Göttinger Kindergärten erprobt. In dieser Studie zeigten die FAUSTLOS-Kinder bereits nach vier Monaten eine deutliche Steigerung ihrer sozialen Kompetenz und eine verstärkte Ablehnung aggressiver Verhaltensweisen (vgl. Hahlweg et al., 1998). Auch die von November 1998 bis Dezember 2001 im Auftrag des Ministeriums für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg an 21 Heidelberger und Mannheimer Grundschulen durchgeführte Evaluationsstudie belegt die gewaltpräventive und soziale Kompetenz fördernde Wirkung von FAUSTLOS (vgl. Schick & Cierpka, 2003).

Was ist das Besondere an FAUSTLOS?

  • FAUSTLOS ist mehr als Gewaltprävention, da allgemeine soziale Verhaltensfertigkeiten gelernt und geübt werden

  • FAUSTLOS richtet sich an alle Kinder einer Klasse bzw. Gruppe, so dass potentielle Täter und potentielle Opfer profitieren und niemand stigmatisiert wird

  • FAUSTLOS anerkennt die LehrerInnen bzw. ErzieherInnen als ExpertInnen für die Umsetzung des Curriculums

  • Die ErzieherInnen bzw. LehrerInnen werden durch eine Fortbildung auf das Unterrichten von FAUSTLOS vorbereitet

  • FAUSTLOS verstärkt die erzielten Verhaltensänderungen durch seine kontinuierliche Anwendung und die Betonung des Transfers in den Alltag

  • FAUSTLOS zeichnet sich durch eine gute didaktische Aufbereitung und die Systematik der aufeinander aufbauenden Lerneinheiten aus

  • FAUSTLOS berücksichtigt die entwicklungspsychologischen Veränderungen im Kindesalter durch spezifische Curricula für Kindergärten und Grundschulen mit jeweils altersspezifischen Lektionen

  • Die FAUSTLOS-Einheiten bauen auf entwicklungspsychologischen Forschungsbefunden zu den Ursachen von aggressivem Verhalten auf

  • Die Effektivität von FAUSTLOS wurde in mehreren Studien belegt.

  • Qualitätssicherung ist integrativer Bestandteil der FAUSTLOS-Curricula

 

Literatur

Beland, K. (1988). Second Step. A violence-prevention curriculum. Grades 1-3. Seattle: Committee for Children.

Beland, K. (1991). Second Step. A violence-prevention curriculum. Preschoolkindergarten. Seattle: Committee for Children.

Cierpka, M. (Hrsg.) (2001). FAUSTLOS. Ein Curriculum zur Prävention von aggressivem und gewaltbereitem Verhalten bei Kindern der Klassen 1 bis 3. Göttingen: Hogrefe.

Frey, K. S., Hirschstein, M. K. & Guzzo, B. A. (2000). Second Step: Preventing aggression by promoting social competence. Journal of Emotional and Behavioral Disorders, 8(2), 102-112.

Grossman, D. C., Neckerman, H. J., Koepsel, T. D., Liu, P.-Y., Asher, K. N., Beland, K., Frey, K. & Rivara, F. P. (1997). Effectiveness of a violence prevention curriculum among children in elementary school. Journal of the American Medical Association, 277(20), 1605-1611.

Hahlweg, K., Hoyer, H., Naumann, S. & Ruschke, A. (1998). Evaluative Begleitforschung zum Modellprojekt "Beratung für Familien mit einem gewaltbereiten Kind oder Jugendlichen“. Abschlußbericht, Technische Universität Braunschweig.

McMahon, S.D., Washburn, J., Felix, E.D., Yakin, J. & Childrey, G. (2000). Violence prevention: Program effects on urban preschool and kindergarten children. Applied & Preventive Psychology, 9, 271-281.

Schick, A. & Cierpka, M. (2003). Faustlos – Aufbau und Evaluation eines Curriculums zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen. In M. Dörr & R. Göppel (Hrsg.), Bildung der Gefühle. Innovation? Illusion? Intrusion? (S. 146-162). Gießen: Psychosozial-Verlag.

Schick, A. & Cierpka, M. (2003). Faustlos: Evaluation eines Curriculums zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und zur Gewaltprävention in der Grundschule. Kindheit und Entwicklung, 12, 100-110.

Schick, A. & Ott, I. (2002). Gewaltprävention an Schulen – Ansätze und Ergebnisse. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 51(10), 766-791.

 

Rabeneltern.org, 2004

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