Pädagogisches Konzept des Waldkindergartens

Der Waldkindergarten wird oft als "Kindergarten ohne Türen und Wände" bezeichnet. Das ist der auf den ersten Blick augenfälligste Unterschied zu einem Regelkindergarten: Es gibt meistens kein festes Gebäude. Die meisten Waldkindergärten benutzen Bauwägen zur Lagerung von Materialien, Spielutensilien und Unterlagen. An besonders kalten oder nassen Tagen wird der Bauwagen zum Schutz umfunktioniert – jedoch bleiben die meisten Kinder nur kurz im Trockenen und spielen draußen im Regen weiter. Bei Sturm- und Unwetterwarnung darf der Wald zwar nicht betreten werden, jedoch haben die Waldkindergärten dann ein Notfallprogramm in petto.

Waldkinder1 (Foto: Gregor Sticker) Waldkinder 4 (Foto: Gregor Sticker)

Die Kinder dürfen die Natur zu allen Jahreszeiten erleben (in der heutigen Zeit und je nach Lage im Regelkindergarten nur schwer umzusetzen), auch Regen, Nebel oder kalte Wintertage gehören zu ihrem Programm. Die Kinder erleben hautnah die Veränderungen in der Natur: An einem Tag ist der Baumstamm, auf dem sie balanciert haben, trocken und schuppig, am anderen Tag ist er feucht und federnd.

Auf ihrem Weg durch den Wald zu einem bestimmten Ort fängt das Abenteuer Waldkindergarten an: Man balanciert, man beobachtet die Natur, die Tiere, es werden Lieder gesungen und sich an dem Tempo der langsamsten Waldkinder angepasst.
Das gemeinsame Frühstück findet draußen statt, die Hände werden mit mitgebrachten Waschlappen gereinigt, man isst sein mitgebrachtes Brot, Früchte, Nüsse und trinkt Tee, Wasser und Brühe im Freien. Da kann schon mal eine Spinne über den Fuß krabbeln – das macht den Waldkindern auch nicht viel aus. Zusammen wird dann das Lied vom „Spinnenpeterchen“ gesungen und einfach weitergegessen.

Waldkinder 2 (Foto: Gregor Sticker)

Der Wald bietet ideale Möglichkeiten um dem Bewegungsdrang der Kinder nachzukommen. Beim Klettern und Balancieren auf Bäumen, dem Auskundschaften neuer Wege und Plätze im Wald und im Umgang mit Matsch und Regenpfützen erfahren sie viel über ihre eigenen Fähigkeiten und lernen ihre Grenzen einzuschätzen, was sich wiederum positiv auf das Selbstbewusstsein der Kinder auswirkt.

Waldkindergärten verzichten auf vorgefertigtes Spielzeug, da der Wald alles das bietet. Blätter, Eicheln, Kastanien, Stöcke, Erde, Rinden, Hölzer, Beeren bieten sehr viel Bastelmaterial – die Erzieher geben dann das Werkzeug, um das Material zu bearbeiten. Dreijährige werden zum Schnitzen und zum Sägen ermuntert, es werden Eichel- und Kastanienketten und –männchen gebastelt oder wunderschöne Blumen mit Blättern gelegt. Manche Kinder möchten aber nur ein Buch vorgelesen bekommen – auch das ist natürlich im Wald möglich.

Durch die Spielzeugfreiheit im Waldkindergarten werden konfliktträchtige Spielabläufe vermieden, die Kinder lernen sich zu behaupten, ihren eigenen Fähigkeiten zu vertrauen (Selbstwirksamkeit). Dank des vielen Freiraumes können die Kinder eigene, innere Grenzen besser erleben und ausdrücken.

Beim gemeinsamen Bau eines Tannenhauses oder Tipis z.B. können die Kinder gemeinsam planen und ausführen, sich gegenseitig helfen und Rücksicht nehmen. Dadurch wird die Hilfsbereitschaft und Geduld miteinander, sowie die emotionale Nähe jedes Kindes zur gemeinsamen Gruppe stark gefordert (sich in eine andere Person hineinversetzten Empathie und Perspektivenübernahme). Teamfähigkeit wird entwickelt.

Waldkinder 3 (Foto: Gregor Sticker)Im Wald wird auf einzigartige Weise die Phantasie der Kinder geweckt. Ein Stock wird zur Nebelfee oder zum edlen Ritter, Rollenspiele und Phantasiefreunde sind tägliche Begleiter im Waldkindergarten. Hierbei ist Sprache ein wichtiges Medium, die Kinder lernen u.a., anschaulich ihre Ideen und Gedanken zu erklären, anderen zuzuhören und Erlebtes für andere verständlich zu erzählen. Aber auch, sich durchzusetzen und eine eigene Meinung zu vertreten.

Durch das waldpädagogische Konzept agieren Kinder zwar rollentypisch, aber nicht in dem Maße, wie man das sonst beobachten kann. Mädchen verhalten sich im Wald oft genauso wild wie Jungs. Und auch phantasievolle Spiele sind bei den Jungen beliebt. Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien und viele eigene Experimentiermöglichkeiten geben jedem Kind die Erfahrung des eigenen Könnens, die Selbstbestätigung der eigenen Person, die Sicherheit, auf Neues mutig und neugierig zugehen zu können.

Der Wald bietet viel Ruhe. Er nimmt die Kinderstimmen auf und der Schall wird weniger stark zurückgeworfen. So kann die Horde auch mal wild schreiend einen Abhang runterrennen ohne, dass man als Waldbesucher sofort taub wird.
Kontakte mit Spaziergängern, Reitern oder Hunden macht den Waldkindergarten obendrein noch zu was Besonderen. Waldarbeiter lassen die Kinder gerne als Beobachter zu und so wird ein ganz normaler Tag plötzlich spontan neu gestaltet. Dadurch erweitert sich die Lebenskompetenz der Kinder und ErzieherInnen.

Schwerpunkt im Umgang mit der Natur sind insbesondere die Schulung der Sinne, der Phantasie, der Kreativität, sowie der Grob- und Feinmotorik. Dies vermittelt den Kindern wichtige Schlüsselqualifikationen und fördert ihre Selbstständigkeit. Sie sind es gewohnt, über Stock und Stein zu springen, anstatt davor zu halten, das hilft den Kindern Hindernisse im Leben mutig zu nehmen.

Ausflüge, Besuche vom Waldpädagogen mit seinen Greifvögeln, Lieder- und Spielrunden mit den Eltern, Besuche vom Musikpädagogen oder von einer Künstlerin mit einem Theaterspiel sind dann die I-Tüpfelchen im Kindergartenjahr.

Erfahrungsberichte von ehemaligen Waldkindergarteneltern, deren Kinder schon auf die weiterführende Schule gehen lehren uns, dass die Kinder sich mit Eintritt in die Schule im Wald wahrlich ausgetobt haben, sich auf die neue Herausforderung Schule freuten und nun es genossen, sich in einem Raum aufhalten zu können. Zwar haben einige Waldkindergartenkinder Schwierigkeiten, sich an die Lautstärke in Klassenräumen zu gewöhnen, jedoch kann das als das kleinere Übel angesehen werden.

Ceddysmam für Rabeneltern.org


Quelle:
www.wakiga.de

Fotos: Gregor Sticker, Waldkindergarten Düsseldorf e.V.

Literatur:
Ingrid Miklitz,
Der Waldkindergarten
Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes
Beltz
ISBN 3407562608


Hans-Georg Schede,
Der Waldkindergarten auf einen Blick
Herder, Freiburg 2000
ISBN: 3451274035


Regina Michael-Hagedorn, Katharina Freiesleben,
Kinder unterm Blätterdach
Verlag Modernes Lernen 1999
ISBN: 3861451840

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