Was ist gewaltfreie Erziehung?

FamilienbildGewaltfreie Erziehung bedeutet, auf körperliche Strafen zu verzichten: Kein kleiner Klaps, keine Ohrfeige, keine Tracht Prügel. Das ist das Minimum, das in Deutschland Kindern auch gesetzlich garantiert werden soll: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzuässig“, heißt es im Bürgerlichen Gesetzbuch, §1631.

Gewaltfreie Erziehung bedeutet darüber hinaus: Verzicht auf verbale Gewalt, auf Anschreien und Beleidigen, und Verzicht auf Strafen überhaupt, also auf das klassische Fernsehverbot oder den überholten Hausarrest, auf den stillen Stuhl oder Ansätze wie Triple P, auf Liebesentzug und emotionale Erpressung („Wenn du nicht lieb bist, bin ich ganz traurig!“).

Denn Strafen funktionieren ohnehin nicht. Natürlich sollen Kinder sich an Familien- und andere Regeln halten lernen, aber das geht auch ohne Strafen, das passiert von ganz allein, wenn Menschen miteinander leben und ihre jeweiligen Grenzen deutlich machen.

Die Drohung mit Liebesentzug ist für ein Kind verheerend, weil es zu 100% auf seine Eltern und ihr Wohlwollen angewiesen ist. Das weiß das Kind auch. Dass die Eltern es nicht mehr liebhaben könnten, ist für das Kind extrem bedrohlich, macht es hilflos und schädigt sein Selbstwertgefühl.

Aber warum auch kein Stiller Stuhl? Der Stille Stuhl, also das erzwungene Stillsitzen des Kindes abseits von den anderen, bis es sich wieder vernünftig benimmt, grenzt das Kind aus. Das führt nicht zu einem Überdenken der Situation, sondern beschämt das Kind und sorgt bestenfalls für eine bessere Anpassung, aber nicht für Respekt oder dafür, dass das Kind die persönlichen Grenzen anderer Menschen besser achten lernt.

Gewaltfreie Erziehung gelingt, wenn Eltern ihr Kind wirklich wahrnehmen und Alternativen zur Bestrafung suchen. Wenn Eltern in einem Konflikt, wenn das Kind scheinbar grundlos tobt, nicht über das – austauschbare – Thema diskutieren, sondern wahrnehmen, was gerade das eigentliche Thema ist. Da ist es dann vielleicht nicht der Kampf um mehr Süßigkeiten, sondern darum, nicht zu kurz zu kommen. Werden solche Bedürfnisse gesehen und anerkannt, nimmt das viel Spannung aus der Situation. Und wenn es wirklich nur um z.B. die Süßigkeiten geht, ohne dass ein anderes Bedürfnis dahintersteckt, dann muss der Frust auch einfach mal sein dürfen und ausgehalten werden, ohne dass das Kind dafür bestraft wird.

In jeder Familie wird es Ausrutscher geben. Vielleicht werden die Eltern laut, wenn sie sich überfordert fühlen, oder sie schimpfen übermäßig, oder sie wissen sich nicht anders als mit einer Strafe zu helfen. Solange das Familienklima davon nicht dauerhaft geprägt ist, werden Eltern und Kinder mit der Zeit und entsprechendem Bemühen vor allem der Eltern lernen, konstruktiver mit Streit umzugehen. Das Familienklima liegt in der Verantwortung der Eltern, und deren ehrliches Bemühen ist wichtiger als dass es perfekt gelingt.

Gewaltfreie Erziehung bedeutet, das Kind ernst zu nehmen: Es weder grenzenlos tun zu lassen, was es will, wenn es die Grenzen anderer verletzt – denn es ist auch eine Missachtung des Kindes, wenn es nie mit ehrlich vertretenen Grenzen konfrontiert wird –, noch es als reinen Befehlsempfänger zu sehen. Das Kind ernst zu nehmen heißt dabei auch, es Kind sein zu lassen und ihm nicht Entscheidungen zu überlassen, die es noch nicht überblicken kann und die es überfordern.

Ehrliche Zuwendung, Gefühle wahrnehmen, glaubwürdiges Vorbild sein sind nicht nur für die Kleinkindzeit, sondern auch für größere Kinder die Grundlage für ein gewaltfreies Miteinander. Denn gewaltfreie Erziehung hört natürlich nicht auf, wenn es erst wirklich anspruchsvoll wird, weil das Kind in die Pubertät kommt. Eine gute, vertrauensvolle Beziehung ist dann als Basis aber umso notwendiger, denn Druck und Strafe erreichen das Kind irgendwann nicht mehr.

Je älter das Kind wird und je mehr Vernunft von ihm erwartet wird, desto eher kann es passieren, dass Eltern ängstlich werden: „Wenn ich ihn jetzt nicht strafe, wird er mir aus dem Ruder laufen!“ „Sie muss spüren, dass es so nicht geht, wo soll das sonst enden?“ Es kann dann sein, dass Eltern meinen, bei älteren Kindern reiche schimpfen eben nicht mehr aus, sondern es müssten Strafen her. Aber:Das funktioniert wenn, dann nur kurzfristig. Das Kind bleibt kein Kind, und der oder die Jugendliche wird mit Strafen nicht dauerhaft zu einem friedlichen Miteinander gezwungen werden können, von Respekt gar nicht erst zu reden. Die Strafen allerdings haben dann vorher schon die Basis gegenseitigen Vertrauens angegriffen, auf der das Kind noch zu erreichen wäre.

Wenn sich also der Eindruck breitmacht, das Kind müsse „jetzt aber endlich einmal lernen, dass...!“ oder „wäre doch nun wirklich alt genug...!“ oder die Eltern müssten sich jetzt „endlich mal durchsetzen“... dann ist Strafe der einfacherere, aber nicht der beste Weg. Die Herausforderung für gewaltfrei erziehende Eltern ist, mit dem größer gewordenen Kind, das sich trotzdem manchmal kleinkindhaft verhält, zu einem neuen Verständnis zu kommen und die in den Jahren zuvor angelegte Vertrauensbasis nochmals zu kräftigen. Manchmal hilft dabei ein Blick von außen, sei es über Literatur oder Beratungsangebote, zum Beispiel anonym in unserem Beratungsforum oder bei einer örtlichen Beratungsstelle. Wie bei der medizinischen Ersten Hilfe gilt auch hier: Ruhe bewahren. Ansehen – Zuhören – (Mit)Fühlen. Und anders als bei der Ersten Hilfe: Im Zweifel erstmal abwarten, die Gemüter abkühlen lassen, nicht noch wütend versuchen, zu siegen. Bei gewaltfreier Erziehung geht es um liebevolle Beziehung. Das ist je nach Lebensalter des Kindes weniger oder mehr Arbeit, aber es lohnt sich immer.

Weitere Informationen