Warum Strafen nicht funktionieren

Kinder brauchen nichts mehr, als wirklich gesehen und wahrgenommen zu werden. Wenn ein Kind für unerwünschtes Verhalten bestraft wird, wird aber in der Regel nicht geschaut, woher das problematische Verhalten kommt. Das Kind wird also mit seinen Bedürfnissen und Schwierigkeiten nicht wirklich gesehen. Auch die Eltern lernen nichts für sich aus dem unerwünschten Verhalten des Kindes: über schädliche Dynamiken in der Familie, oder darüber dass manche Regeln übertreten werden, weil sie unangemessen sind oder, und das ist das wichtigste, über eine seelische Not des Kindes.

Oft ist einem Kind, das etwas anstellt, vollkommen klar, dass es eine Grenze überschreitet - dann braucht es die Bestätigung, dass es gesehen wurde und dass die Grenze immer noch gilt. Oft benötigt das Kind einfach Aufmerksamkeit, z.B. aus Langeweile, Über- oder Unterforderung, Einsamkeitsgefühlen, oder weil es in Kindergarten oder Schule schwierige Situationen erlebt hat. Mit grenzüberschreitendem Verhalten fordert es diese Aufmerksamkeit ein – denn auch negative Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit. Wenn es dann bestraft wird, liegt der Fokus aber auf dem unerwünschten Verhalten, nicht auf dem Kind und das Kind erfährt keine Hilfe.

Wenn Ausbrüche von Wut und Aggression zu Bestrafung statt zu Dialog und Konfliktlösung führen, lernt das Kind, negative Gefühle nicht zu zeigen. Es lernt, dass diese Persönlichkeitsanteile abgelehnt werden, und kann sie daher schlechter in ein positives Selbstbild integrieren. Sein Selbstwertgefühl und sein Selbstvertrauen werden beschädigt.
Durch Bestrafung lernt das Kind auch: Bei Konflikten bestraft der Stärkere. Da Strafen demütigend und beschämend sind, und nicht zu Konfliktlösung, sondern zu Unterordnung führen, lernt das Kind dadurch nicht Selbstverantwortung und soziales Verhalten. Bestrafung führt zu Angst vor der Strafe, aber nicht zu Einsicht. Unerwünschtes Verhalten findet dann möglicherweise heimlich statt und das Vertrauen des Kindes zu seinen Eltern leidet. Wenn es etwas angestellt hat, wird es sich damit aus Furcht vor der Strafe nicht an die Eltern wenden.

Auch sogenannte "Auszeiten" oder der „Stille Stuhl“ sind Bestrafungen. Gemeint ist damit die verordnete Isolation des Kindes, bis es sich (wieder) einfügt. Soziale Isolation ist eine Strafe, die vor allem Kleinkinder sehr hart trifft. Sie führt zu großer Verunsicherung, Angst, Wut und Beschämung, nicht zu Einfühlungsvermögen und der Fähigkeit zur Rücksichtnahme und zum Kompromiss.

Generell wird das soziale Lernen durch Strafen behindert. Das Kind lernt nur: Ich tue etwas Falsches, werde dafür bestraft und sofort ist alles wieder gut. Manche Kinder rechnen das mit ein, tun etwas Unerwünschtes und nehmen sich dann selbst die Auszeit. Sie lernen so nicht, ihr Verhalten zu ändern, sondern nur, die „Wieder-gut-Option“ direkt anzuwenden. Erwiesenermaßen haben junge Erwachsene, in deren Elternhäuser viel über Regeln diskutiert wurde, höhere moralische Maßstäbe als junge Erwachsene aus Elternhäusern mit striktem Regelwerk und wenig Verhandlungsspielraum. Ein gesundes Selbstwertgefühl ermöglicht souveränes soziales Verhalten, ängstliche Unterordnung führt bestenfalls zu Anpassung.

Die Verbindung zwischen Kindern und Eltern wird durch Strafen schwächer, die Eltern verlieren an Einfluss. Wenn aber in der frühen Kindheit keine funktionierenden Kommunikationsstrategien zwischen Eltern und Kindern aufgebaut und gepflegt werden, kann das in der Pubertät nur sehr schwer nachgeholt werden.
Strafen wie z.B. Auszeiten können bei Jugendlichen nicht mehr angewendet werden, da sie sich einfach darüber hinwegsetzen können. Wenn es keine funktionierende Kommunikation zwischen Eltern und Jugendlichen gibt, müssen also entweder härtere Strafen her, oder es ist keine Einflussnahme der Eltern mehr möglich. Oder es kommt dazu, dass die notwendige Ablösung der Jugendlichen von den Eltern erschwert oder verhindert wird, da die Jugendlichen gelernt haben, dass ihre Eltern immer Recht haben und bestrafen dürfen. Die Folgen für diese jungen Erwachsenen sind gravierend, häufig wehren sie sich viel später durch einen kompletten Kontaktabbruch, weil sie als eigenständige Erwachsenen nicht neben ihren Eltern bestehen können.

Der Verzicht auf Strafen fällt Eltern besonders schwer, wenn sie selbst mit Strafen aufgewachsen sind. Es lohnt sich aber, eine andere Kultur der Konfliktlösung in der eigenen Familie zu erlernen. Anregungen findest Du hier:
Hinter das Verhalten schauen, Brauchen Kinder Grenzen?, Alternativen zur Bestrafung
Und als ein Beispiel für ein Erziehungssystem, das Strafen einkalkuliert: Triple P - kritisch betrachtet

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