Robertas Tragegeschichte

Mit dem Tragen habe ich gute Erfahrungen gemacht: Es hat das Kind, mich und sogar den eifersüchtigen großen Bruder zufrieden gestellt, so paradox das klingt.

Als ich mit meinem ersten Sohn schwanger war, hatte ich neben vielen anderen Dingen eine Babytrage von meiner Schwester geerbt. Aus heutiger Sicht betrachte ich das Teil mit Grausen, weil es weder dem Baby eine korrekte Position ermöglichte noch dem Tragenden das Tragen erleichterte. Für ein Neugeborenes war diese Trage ohnehin völlig ungeeignet. (Einen Glückskäfersack hatte ich in Betracht gezogen, wollte dann aber doch nicht so viel Geld ausgeben.) Ohne viel darüber nachgedacht oder mich mit dem Tragen, seinen Grundlagen, Vorteilen und der praktischen Handhabung beschäftigt zu haben, plante ich doch, mein Baby sobald als möglich öfter mal zu tragen. Meine Schwester meinte, so ab 2 Monaten sei dies möglich. Auf den Kinderwagen wollte ich dabei allerdings nicht verzichten, dachte mir das Tragen eher so als angenehme Abwechslung und praktische Hilfe auf kurzen Wegen.

Als Gabriel auf die Welt kam, rückte das Tragen gedanklich erstmal in weite Ferne. Er hatte Hüftdysplasie und musste die nächsten 10 Wochen rund um die Uhr in Bandagen bzw. Schienen fixiert verbringen. In dieser Froschstellung konnte ich ihn noch nicht einmal in einen Pucksack hineinbekommen, geschweige denn in diese Babytrage. Als er dann endlich "befreit" war, hat es noch ein Weilchen gedauert, bis ich mich der Trage erinnert habe. Bis dahin war Gabriel ein echtes Kinderwagenkind geworden… Ich habe die Trage aber doch immer wieder mal benutzt, besonders gerne zum Einkaufen (habe dann immer einen Rollwagen mitgenommen), weil ich mir so das Gekurve durch die engen Gänge sparen konnte. Mit 9 Monaten war Gabriel dann aber zu schwer geworden, zumal die Trage nicht gerade rückenschonend war.
Als mein zweiter Sohn unterwegs war, wusste ich schon mehr übers Tragen und hatte vor allem eine Frau kennengelernt, die im ersten Lebensjahr ihres Kindes gar keinen Kinderwagen besessen hatte. Sie hatte mir angeboten, mir ihr Tragetuch zu leihen. Kurz vor der Geburt hatte ich dann doch einen Glückskäfersack (die neue Variante mit Schnallen) gekauft, weil ich so schnell wie möglich mit dem Tragen anfangen wollte und mir nicht zutraute, das Binden schnell zu erlernen. Ivo war etwa zwei Wochen alt, als ich ihn das erste Mal trug - und wir waren beide sehr glücklich damit. Nur mit dem Sack war ich nicht so glücklich, denn eine Puppe im Laden ist eben nicht dasselbe wie ein fast 4 kg schweres Baby. Ich musste feststellen, dass die Träger sehr eng an meinem Hals verliefen und ich den daraus resultierenden Druck nur schwer ertragen konnte. Außerdem bekam ich nach spätestens einer Stunde Tragen Rückenschmerzen. Ich glaube, Ivo war fünf Wochen alt, als ich mich dann doch dazu entschloss, das Tuch meiner Bekannten auszuleihen. Sie hat mir die Kreuztrage vorgemacht und nach zwei, dreimal Üben hatte ich das Binden raus. Von da an blieb der Kinderwagen vor der Haustür stehen… Inzwischen hatte ich auch Zugang zum Internet und habe mir dort Informationen beschafft und sehr bald auch ein eigenes, langes Tuch von der bekannten Marke bestellt, weil ich unbedingt die Wickelkreuztrage ausprobieren wollte, die für die ganz Kleinen doch schonender ist. Und auch ich selbst habe deutlich die Entlastung durch die dreifache Tuchführung bemerkt. Von da an bis er 11 Monate alt war, habe ich Ivo fast ausschließlich getragen. Damals musste ich wegen einer Knieverletzung das Tragen, was Dauer und Häufigkeit betrifft, erheblich einschränken.

 
Nach einigen Wochen hatte ich mir über das Internet noch ein gebrauchtes, aber neuwertiges Tuch besorgt, das neutral im Design war (und einfach zum Wechseln), und als Ivo 7-8 Monate alt war, kaufte ich noch zwei sogenannte Babyslings, also fertig genähte, an der Ober- und Unterkante gepolsterte Tücher mit einer Schnalle, die geradezu ideal für den Hüftsitz sind. (Umhängen, Kind reinsetzen, Tuchende anziehen, fertig). Da kam ich mir geradezu tuchsüchtig vor! Einen der Slings habe ich übrigens auch heute noch (Ivo ist jetzt 2 Jahre alt) immer im Kinderwagen dabei. Wenn er mal müde und quengelig ist, trage ich ihn darin streckenweise, wenn wir Hindernisse wie Treppen überwinden müssen, setze ich ihn ins Tuch und kann dann den Wagen einfach hinunterholpern lassen oder hinaufziehen, wenn ich ihn nicht allein im Wagen sitzen lassen will, während ich beim Busfahrer die Fahrkarte kaufe, kommt er ins Tuch… Vor kurzem, als er die Grippe hatte und es ihm sehr schlecht ging, habe ich sogar mein langes Tuch wieder hervorgeholt und ihn wieder in der Wickelkreuztrage getragen. Das war die einzige Möglichkeit, die unbedingt erforderlichen Wege zu schaffen, weil er sich im Wachzustand nicht eine Minute von meinem Körper trennen wollte.

Die Zeit des ständigen Tragens war eine Zeit des Wohlgefühls für Mutter und Kind.
Es war ein so schönes Gefühl, mit meinem Baby so eng verbunden zu sein! In der ersten Zeit schlief es natürlich die meiste Zeit beim Tragen, völlig geborgen und entspannt, und ich liebte es, in sein schlafendes Gesichtchen zu schauen und immer, wenn ich es wollte, seinen zarten Duft zu riechen. Und ich wollte oft! Es gab mir auch die Möglichkeit, mit ihm zu schmusen, ohne seinen in heftiger Eifersucht entbrannten Bruder noch weiter zu verletzen. Tatsächlich vergaß Gabriel die Existenz seines Bruders, sobald dieser im Tragetuch war, völlig - und mir ging es manchmal genauso… Wir führten unsere Gespräche, z.B. auf dem Weg zum Kindergarten, und ganz plötzlich erinnerte ich mich an das Baby, das ich mit mir herumtrug! Ich konnte ihm die Nähe geben, die es brauchte, und trotzdem ganz für seinen grossen Bruder da sein. Weil ich lange Zeit die Wickelkreuztrage verwandte, überlegte ich, ob Ivo sich durch das Tragen nicht in seiner Beweglichkeit zu sehr eingeschränkt fühlte - aber er ließ sich immer gern tragen, war es wohl auch einfach so gewöhnt. Es schmerzte mich, als ich das Tragen wegen meiner Verletzung schließlich einschränken musste, und er für lange Strecken auch einfach zu schwer wurde. Zwar war ich eine Zeitlang entschlossen, auch die Rückentrageweisen zu erlernen, die rückenschonender sind, aber unsere Versuche waren nicht von Erfolg gekrönt und ich wohl auch einfach nicht konsequent genug beim Probieren. Immerhin war Ivo 11 Monate alt, als die Zeit des nahezu ausschließlichen Tragens zu Ende ging, und ich glaube, dass dieser Zeitraum die wichtigste Tragezeit ist. Für ihn schien es auch in Ordnung zu sein, nun auf den Sportwagen umzusteigen.


Ich bin übrigens niemals angegangen oder scheel angesehen worden wegen des Tragens. Viele waren begeistert ("so gut möchte ich es auch noch mal haben"), einige machten sich Sorgen wegen meines Rückens, und das Negativste, was ich zu hören bekam, war: "Kriegt das Kind denn auch genug Luft?" Ein sehr angenehmer Nebeneffekt war übrigens das Kennenlernen netter Mütter, die ihre Kinder ebenfalls im Tragetuch trugen! Das Tuch war sozusagen ein Erkennungszeichen für eine bestimmte Einstellung gegenüber Kindern und ihren Bedürfnissen. So habe ich auch Eulalie hier von den Rabeneltern kennen gelernt, worüber ich mich bis heute herzlich freue!

 

Roberta mit Gabriel (8/97) und Ivo (2/01)

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