Zu wenig Milch

Ich sitze im Stillzimmer im Krankenhaus. Drei Tage ist meine Tochter nun alt und zuppelt an meiner Brust herum. Sie hat Gelbsucht, aber nur ein bisschen. Und ein bisschen hab ich auch Sorgen. Weil ich irgendwie das unbestimmte Gefühl habe, dass sie gar nicht so richtig Milch abbekommt. Anfängerin prallt auf Anfängerin und gemeinsam versuchen sie was auf die Beine zu stellen... ist wohl normal das sich jede Mutter erstmal doof anstellt. Jedenfalls tun das alle anderen Erstlingsmütter die ich in diesem Raum getroffen habe. Aber dennoch.... „Ich weiß nicht ob sie wirklich was schluckt. Ich hör das nicht.“ sage ich der Säuglingsschwester. Sie setzt sich vor mich hin, weckt behutsam meine Tochter auf, die nach drei Zügen immer wieder aufs Neue einschläft und horcht. „Das nächste Mal wiegen wir sie vorher und nachher.“ Das wird auch gemacht und sie wiegt hinterher genauso viel wie vorher,. Und nun beginnt es.

Alle vier Stunden begebe ich mich nach unten. Abpumpen. Mit der Spritze ins kleine Mäulchen. Bisschen HA-Pre mit Sonde (an den Finger geklebt) hinterher. Mit mir im Raum, im gleichen Abpumprhythmus sitzt noch eine andere Frau. Die hat Milch. Und wie sie die hat. Wie eine Kuh. Sie pumpt ab, weil es ihr mit der Brust zu umständlich ist. Abpumpen, ab ins Fläschchen und rein ins Kind. Da lagert auch schon eine Menge auf Vorrat. Ich sitze da und freue mich wenn meine Milch wenigstens den Boden des blöden Fläschchens bedeckt. Ich fühl mich scheiße. Ich bin müde und genervt und fühle mich hochprozentig unattraktiv. Hab überhaupt gar keine Lust dazusitzen und meine Brüste in diese Melkdinger zu halten. Hab keine Lust angeguckt zu werden. Hab noch weniger Lust mit meiner mageren Ausbeute zur Säuglingsschwester zu gehen, wenn die Kuh ihre vollen Flaschen dahinträgt. Die Schwestern sind aber lieb. Während die eine sich ein schreiendes Kind, dessen Mutter gerade duschen gegangen ist ins Tragetuch bindet, erklärt sie mir vollkommen ruhig, dass ich mir keinen Kopf machen soll. Verspäteter Milcheinschuss ist nicht so selten, dass kommt schon noch.

Zu Hause. Die Gelbsucht ist weg und die Milch ist mehr geworden. Aber glücklich bin ich nicht. Mehr als 50ml wird das niemals. Ich habe angefangen Tabelle zu führen. Tag, Uhrzeit, Menge. Links und rechts. Immer noch alle vier Stunden abpumpen. Immer noch zufüttern mit Sonde am Finger. Immer noch schläft das Kind an der Brust ein und scheint sich an ihr wohlzufühlen. Aber wenn es Hunger hat, dann reicht das nicht. Die Milchkuh aus dem Krankenhaus würde sich wahrscheinlich freuen wenn es ihr gehen würde wie mir. Dann müsste sie sich nicht auch noch den Umstand des Abpumpens machen. Ich brauche diese Gedanken, sie richten die Wut, die ich auf mich selbst empfinde auf eine Person, die ich nicht kenne und der es nicht weh tut. Blöde Trulla. (Hundsgemein, das wusste ich auch damals schon, aber das war einfach nur Tunnelblick mit purem Neid.)

Diese fiesen Gedanken. Warum kann ich mein Kind nicht stillen? Warum wird das nicht mehr? Andere können es doch auch?! Ich bin eine Versagerin... Es ist drei Uhr Nachts und mein Kind schreit. Ich habe es angelegt und es hat kräftig gesaugt. Ist wieder eingeschlafen. Wird bald wieder aufwachen und dann muss ich das Pulver anrühren weil ich zu doof bin. Und ganz tief unten, ganz ganz tief unten, da lauert ein Gedanke der mir immer nur um diese Uhrzeit kommt...vielleicht willst du dein Kind nicht stillen!... Vielleicht nervt es dich weil es dich weckt. Vielleicht bist du unterbewusst sauer und genervt und deswegen geht es nicht. Der Gedanke nagt und knallt dann schließlich wie eine Ohrfeige: VIELLEICHT LIEBST DU DEIN KIND NICHT GENUG! Eigentlich bin ich kein Familienmensch. Aber ich liebe doch meine Tochter und würde sie nie mehr hergeben. Oder...vielleicht... habe ich doch nicht genug Mutterliebe? Bin ich so verkümmert? Ich zieh mir die Decke über den Kopf und heul ein bisschen.

Meine nachbetreuende Hebamme ist ein Knaller. Sie selbst hat keine Kinder, aber eine ebenso große Klappe wie ich. Wir verstehen uns. Sie arbeitet in dem Krankenhaus, in dem ich entbunden habe und hat somit alles von Anfang an mitbekommen. Nun hat sie sich das seit etwa eineinhalb Wochen angeschaut, weder bei mir noch beim Kind einen Fehler erkannt („Ihr macht das beide richtig“), sich nochmal mit Kolleginnen beraten und in ihrer Fachliteratur geblättert. Diagnose: wahrscheinlich zu wenig Milchdrüsen. Passt. Passt dazu dass einfach nicht mehr Milch kommt. Passt dazu dass ich so einzelne verhärtete Stellen an der Brust hatte, an denen sich Milch ausstreichen ließ. Passt dazu, dass meine Brüste sonst immer so weich wie eh und je waren. „Deiner Tochter geht es gut, sie ist kerngesund. Du kannst sie halt nicht voll stillen, aber das ist kein Drama. Du weißt wie das mit dem Zufüttern geht. Bring das Gerät zurück in die Apotheke und finde euren eigenen Rhythmus. Hör auf dir Stress zu machen.“

Und auf einmal ist alles gut. Keine Trauer mehr um jeden einzelnen Tropfen der in der Kleidung versiegt. Keine Zweifel mehr. Und die Milchkuh ist mir auch egal geworden. Ich nehme mir den Stress und bin entspannter. Der Tag wird nicht mehr durch den Abpumprhythmus bestimmt. Die fiesen Stimmen verschwinden. Wir finden unseren Rhythmus. Ich fange an abwechselnd die Flasche und die Brust zu geben. Erstmal schön mit der Sonde, um das arme Würmchen nicht zu verwirren. Mit zwei Monaten zappelt sie mir die Konstruktion aus der Hand und ich gehe auf Flasche über. Ich achte immer darauf, wenigstens einmal mehr die Brust zu geben als die Flasche, oder es zumindest gleichwertig zu halten.

Heute bekommt sie Beikost. Die „Guten-Morgen-Brust“ ist geblieben, das „Gute-Nacht-Fläschchen“ auch. Mit der Beikost konnte ich zuerst einmal Flasche durch Brust, dann durch nichts ersetzen. Kam einfach so, denn das Zappeltierchen hat einen irren Spaß daran, „echtes“ Essen zu entdecken. Ich weiß genau, dass der Inhalt meiner Brust nicht mehr ist als ein kleine Snack zwischendurch. Aber ich weiß auch, dass meine Tochter ab und zu nach diesem Snack verlangt und verwehre es ihr auch nicht. Besonders wenn sie etwas neues gegessen oder erlebt hat, braucht sie die Rückkehr zu "Mama total". (Ausdruck meiner Hebamme)

Meine Mutter hatte übrigens auch Stillprobleme. Die gleichen wie ich. Nur das sie damals, Anfang der 80er Jahre, einfach nur eine Flasche in die Hand gedrückt bekam. Sie wurde eh schon so schräg angeguckt, weil sie überhaupt voll stillen wollte.

Wie sicher zu erlesen ist, habe ich meine anfänglichen Gefühle und Gedanken nicht vergessen. Es wäre wichtig für mich gewesen, Austausch mit anderen Frauen zu haben, denen es geht wie mir. Den hatte ich nicht (ich kannte auch die Rabeneltern damals noch nicht). In so fern kann meine Stillgeschichte gerne eine Anregung zu einem Austausch sein, aber hoffentlich auf jeden Fall eine Hilfe für Frauen, die wissen wovon ich eben erzählt habe und noch denken sie seien damit allein, aus welchen Gründen auch immer (!!) nicht voll stillen zu können.