Sensomotorische Integrationsstörung

Vorweg möchte ich sagen, dass ich bei Verdacht auf eine sensomotorische Integrationsstörung auf jeden Fall nicht allein auf den Rat einer/s Kinderärztin/-arzt vertrauen, sondern mich um einen Termin bei einem sozialpädiatrischen Zentrum bemühen würde. Diese Zentren gibt es in den meisten Großstädten. Gerade wenn Eltern das Gefühl haben, dass die Ärzte eher zögerlich sind und auf die Selbstheilungskräfte der Kinder vertrauen wollen. Nach meiner Erfahrung heilt sich nämlich oft gar nichts von selbst, sondern es müssen Entwicklungen angebahnt werden. Ich bin heilfroh, dass ich mit Gabriel rechtzeitig Rat und Hilfe gesucht habe und sauer auf unseren ersten Kinderarzt, weil wir noch fast ein ganzes Jahr früher hätten anfangen können - wenn er uns richtig informiert hätte.

Die Verarbeitung von Sinnesreizen und die Eigenwahrnehmung des Körpers haben viel mit der Gehirnentwicklung zu tun - und je früher da eingegriffen wird, wenn sich Probleme zeigen, desto besser. Das ist zumindest meine Meinung. Obwohl ich oft über die Fahrten zu den verschiedenen Therapien (zeitweise 2 gleichzeitig) geflucht habe. Aber es hat sich gelohnt, ich habe vor allem in den letzten anderthalb Jahren enorme Entwicklungsfortschritte bei Gabriel festgestellt, die ich durchaus auf die Therapie zurückführe. Er ist viel mutiger, geschickter und ganz allgemein körperlich aktiver geworden und wird nicht mehr so leicht aus der Bahn geworfen. Er braucht zwar weiterhin die Therapie, weil er noch immer grobmotorische Defizite hat (er hat Schwierigkeiten, auf der Stelle oder gar auf einem Bein zu hüpfen und allgemein noch Gleichgewichtsprobleme), außerdem wird er zeitlebens hypoton bleiben und sicher nie eine Sportskanone werden. Aber darauf kommt es mir gar nicht an, sondern darauf, dass er endlich Freude an der Bewegung gefunden hat.

Gabriel ist mit einer mittelschweren Hüftdysplasie geboren worden, die am 4.Lebenstag bei einem besonderen Screening entdeckt wurde (ein Grund, warum ich froh war über die Entscheidung zur Geburt gerade in diesem Krankenhaus). 9 Wochen lang wurde er mit einer Pavlik-Bandage bzw. in den letzten 4 1/2 Wochen mit einer Tübinger Hüftbeugeschiene therapiert, die rund um die Uhr getragen werden mussten. Das hat seine Beweglichkeit natürlich sehr eingeschränkt, weil sein Beine in der Spreiz-Anhock-Stellung fixiert waren - er sah aus wie ein kleiner Frosch. Dafür war die Therapie aber auch nach 9 Wochen erfolgreich abgeschlossen und Gipsbetten oder gar eine OP sind uns erspart geblieben. Mir ist aber aufgefallen, dass Gabriel sich danach und noch bis vor etwa 1 1/2 bis 2 Jahren sehr gegen alle körperlichen Eingriffe (Wickeln, Fiebermessen, Nasenspray geben) gesträubt hat.
Als er zwei Jahre alt war (U 7) wurden bei ihm hyperlaxe (also sehr überdehnbare) Gelenke festgestellt. Tatsächlich hat Gabriel stets mit dem Popo zwischen den Knien gesessen und dies ist auch heute noch sein Lieblingssitz. Einen Hinweis auf eine mögliche Förderung haben wir jedoch nicht bekommen.

Mit 2 1/4 ist Gabriel dann zu einer anderen Tagesmutter gekommen, die mehrere Kinder in der gleichen Altersgruppe betreute. Sie hat mich nach ein paar Monaten darauf hingewiesen, dass Gabriel auffällig ungeschickt war (er ist oft gestolpert, mit anderen Kindern zusammengeprallt und an Laternenmasten gestoßen) und einige besondere Vorlieben hatte (so liebte er es, sich über lange Zeit wie ein Derwisch zu drehen, das war seine Art zu tanzen). Mit 3 Jahren habe ich ihn daher zunächst einer kindererfahrenen Krankengymnastin vorgestellt, die mir dann wiederum einen auf Kinder spezialisierten Orthopäden empfohlen hat. Der hat dann zur Kontrolle 8 x Krankengymnastik und zur Therapie seines Knickfusses Korkkeilchen in den Schuhen verordnet. Seiner Auskunft nach war Gabriel damals 1 Jahr in der motorischen Entwicklung zurück. Er konnte z.B. noch gar nicht hüpfen und zeigte körperlich eher wenig Mut. Am liebsten spielte er im Sitzen, auf dem Spielplatz blieb er in der Sandkiste, anstatt zu rutschen, zu toben, zu klettern. Oft sagte er: das kann ich nicht, ich bin müde oder legte sich sogar auf den Boden, wenn er keine Lust hatte, etwas zu tun oder glaubte, es sowieso nicht zu können.
Wegen Krankheiten zogen sich die Termine bei der KG sehr in die Länge. Im Juli 2001, also einen Monat vor seinem 4.Geburtstag, stellte ich ihn dann bei uns im Zentrum für Kindesentwicklung (ZfK) vor, wegen seiner motorischen Entwicklungsverzögerung und wegen der Wutanfälle. Er war weiterhin zu ungeschickt für sein Alter und unlustig, hatte viele kleine "Unfälle". Phasenweise biss er mich, war gegen über seinem kleinen Bruder (damals 4 Monate alt) sehr aggressiv. Der Arzt im ZfK hat ihm niedrigen Muskeltonus und Probleme im vestibulären und koordinativen Bereich (Wahrnehmungsintegrationsstörungen) attestiert und ihm Ergotherapie verordnet. Ein Jahr lang hat er die Ergo besucht, parallel dazu hatten wir auch mit Logopädie begonnen. Nach einem dreiviertel Jahr wurde uns dann die Fortsetzung der Therapie in einer Gruppe (Psychomotorik) empfohlen, was wir nach einigen Monaten auch getan haben. Diese Kleingruppentherapie, die vom Zentrum selbst angeboten wird (sonst finanzieren die Krankenkassen sie nicht mehr), hat meiner Meinung nach die besten Erfolge gebracht.

Alle Therapien waren für Gabriel keine Belastung, sondern eine große Freude, er ist immer gern hingegangen. Das mag aber auch an seinem aufgeschlossenen, kontaktfreudigen Typus liegen und daran, dass wir nette Therapeutinnen empfohlen bekommen hatten, die auch ihn gern hatten. Die Psychomotorik macht ein männlicher Therapeut, mit dem Gabriel ebenfalls bestens klar kommt.

Bei uns sah die Überweisung folgendermaßen aus:

  1. Orthopäde -> Krankengymnastik, später: Sozialpädiatrisches Zentrum
    Sozialpädiatrisches Zentrum: Ergotherapie, später: Psychomotorik
  2. Kinderärztin -> Pädaudiologe -> Logopädie


Roberta, September 2003

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