Eine kurze Schwangerschaft


Meine zweite Schwangerschaft war nur kurz. Leider.
Ich bin nicht glücklich über das frühe Ende, aber ich bin dankbar, wie ich dieses Ende erleben durfte.

4. SSW:

Ich fühle, ich bin schwanger und freue mich sehr. Sehrsüchtig warte ich auf den Tag, an dem ich endlich den Test machen kann. Positiv!

6.SSW:

Zusammen mit Mann und Tochter sind wir beim Arzt. Er macht einen Ultraschall, ist aber nicht so locker und unbeschwert, wie ich ihn aus meiner ersten Schwangerschaft kenne. Ob ich mir bei den Terminen sicher sei? Ja, bestimmt. Aber meine Aussagen passen mit dem Ultraschallbild nicht überein. Ich soll 2 Wochen später wiederkommen, dann will er nochmal schauen. Über einen Geburtstermin wird nicht geredet, mir wird kein Blut abgenommen, nichts. Beim Hinausgehen meint mein Mann, ich sei anscheinend nicht richtig schwanger.
Zu Hause suche ich im Internet schon nach Webseiten zum Thema Fehlgeburt, ich habe kein gutes Gefühl. Die Statistiken sind deutlich, viele Schwangerschaften enden schnell.

8.SSW:

Im Ultraschall ist der Herzschlag zu sehen. Allerdings ist das Kind immer noch zu klein, erst so gross, wie es zwei Wochen zuvor gewesen sein sollte. Sehr vorsichtig sagt uns der Arzt, dass die Schwangerschaft wahrscheinlich nicht mehr lange andauern wird.
Zu Hause wird jeder Gang auf die Toilette eine Zitterpartie. Sind Blutspuren zu sehen? Ich versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass wir doch kein zweites Christkind erwarten dürfen.

9.SSW:

Montag morgen. Oh nein, ich blute. Trotz der Vorgeschichte ein Schock. Ich rufe meinen Mann an, ich rufe beim Arzt an. Schon kurz danach sind wir wieder in der Praxis. Der Ultraschall bestätigt es schnell - das Kind in meinem Bauch lebt nicht mehr.
Zu unserer grossen Überraschung redet mein Arzt nicht von einer Ausschabung. Er will mir Zeit lassen, ich soll Freitag nochmal wiederkommen, dann schaun wir weiter. Mein Körper soll selber das machen, was er machen muss.
Die nächsten Tage sind nicht schön. Ich habe wehenartige Schmerzen, blute, Gewebe wird bröckchenweise abgestossen. Einmal denke ich, es ist die Fruchtblase. "Gute Reise" wünsche ich und ziehe die Spülung. Ein komisches Gefühl.
Mein Mann hat freigenommen und kümmert sich um mich und unsere Tochter. Sie spürt auch, dass etwas los ist, weiss, dass ich Bauchweh habe, ist sehr lieb. Meine Nachbarin ist auch hilfsbereit. Wie gehen rüber, die Kinder spielen, ich hocke in der Ecke und schaue zu, darf reden und darf schweigen.

Danach:

Mein Körper hat innerhalb weniger Tage die Schwangerschaft verarbeitet. Die Traurigkeit hält länger vor, wir weinen viel. Die Statistiken sind mir herzlich egal. Ich habe mein 2. Kind gehen lassen müssen und nur das zählt. Ich bin froh, dass mein Mann ähnliche Gefühle hat. Wir können miteinander trauern, ich fühle mich verstanden.
Zusammen suchen wir nach einem Namen für unser Sternchen und gestalten eine Kerze. Danach setzen wir uns am Abend mit Cocktails und ganz vielen Taschentüchern auf den Balkon, zünden die Kerze an, reden, weinen und feiern unser Sternchen.
Ich möchte erzählen, ich kann unser Kind nicht totschweigen. Mir hilft es, von anderen zu wissen, die selber eine Fehlgeburt erlebt haben. Ich muss nicht erklären, wie es mir geht, sie kennen die Gefühle. Die stille Umarmung einer Freundin tut so gut. Manche Leute wollen nett sein - und geben sehr blöde Kommentare von sich. Andere sind mitfühlender, hören gerne zu und finden angemessene Worte, schaffen es Trost zu spenden.
Ich kann mich für alle freuen, die selber ihr kleines Wunder in den Armen halten dürfen. Dennoch bin ich immer wieder traurig und manchmal auch ein wenig neideisch, wenn ich von anderen Schwangerschaften oder Geburten in meinem Umfeld höre.
Nun warte ich schon seit einigen Monaten auf die nächste Schwangerschaft. Hoffentlich wird alles gut!

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