Garnelius

Als mein Mann und ich im Oktober 2008 beschlossen, nicht mehr zu verhüten, hätten wir nie damit gerechnet, dass wir bis Anfang Juni 2009 auf einen positiven Schwangerschaftstest warten würden. Umso größer war die Aufregung, als meine immer sehr pünktliche Regel dann endlich auf sich warten ließ! Ein erster Test war zwar negativ, nachdem alle anderen Zeichen (spannende Brüste, seltsamer Appetit, leichtes Ziehen im Unterleib) aber bestehen blieben, wiederholte ich den Test ein paar Tage später. Es bildete sich tatsächlich ein zweiter rosa Strich! Genau so, wie ich mir das immer vorgestellt hatte legte ich meine Hände auf meinen Bauch und hieß das Kind willkommen.
Voller Freude und Aufregung machte ich einen Termin beim Frauenarzt und stellte jede Menge Berechnungen und Recherchen an, wann das Baby geboren werden würde und wie groß es bereits war. Weil ich irgendwo gelesen hatte, dass es gerade in seiner Form einer Garnele ähnelte, tauften wir es „Garnelius“.

Zwei Tage vor meinem Frauenarzttermin (nach meiner Berechnung in der 6. Schwangerschaftswoche) setzte eine leichte, braune Schmierblutung ein. Ich war wie gelähmt vor Angst. Obwohl ich wusste, dass das nicht unbedingt das Ende bedeuten muss, hatte ich kein gutes Gefühl. Am zweiten Tag mit Schmierblutung suchte ich völlig panisch meinen Frauenarzt auf. Er konnte auf dem Ultraschall noch gar nichts sehen und erklärte mir, dass sowohl das als auch die Schmierblutung nicht weiter beunruhigend sei und man in der Frühschwangerschaft nur sehr schwer irgendwelche Aussagen machen könne. Also Abwarten.
Das Abwarten war zwei Tage später zu Ende, als aus der Schmierblutung eine sehr starke, hellrote Blutung mit dunkleren Klümpchen wurde. Seltsamerweise war dies (anders als meine Menstruation sonst) komplett schmerzfrei und im ersten Moment war ich fast erleichtert, einfach weil die Unsicherheit vorbei war.

Ich war an diesem Tag unterwegs und es gelang mir notgedrungen, und vielleicht auch weil ich noch nicht wirklich begriffen hatte was passiert war, die Fassung zu bewahren. Abends, in den Armen meines Mannes, flossen meine Tränen dafür umso mehr.
Die folgenden Tage und Wochen verbrachte ich hauptsächlich damit zu weinen, zu schlafen und beim Abbruch eines Hauses zuzusehen, das vor unserem Haus gestanden hatte. Ich hatte Selbstzweifel und Schuldgefühle und fühlte mich extrem einsam, obwohl mein Mann mir immer lieb und tröstend zur Seite stand. Ich konnte nicht über mein Erlebnis sprechen ohne sofort zu weinen. Irgendwie war ich aber der Meinung dass mir so viel Trauer kaum zustand - immerhin war es ja höchstens die sechste Schwangerschaftswoche!

Die starke Blutung dauerte etwas über eine Woche an. Danach geschah einige Tage nichts. Dann setzte wieder eine braune Schmierblutung ein. Weil mein Frauenarzt im Urlaub war ging ich zu seiner Vertretung. Sie verstand sich ganz prächtig darauf, aus gesunden Frauen Patientinnen zu machen und erklärte mir, ich hätte eine Eierstockzyste. Außerdem bestellte sich mich dreimal in einwöchigem Abstand in ihre Praxis um meinen HCG-Wert zu messen. Weil ich selbst auf wiederholte Nachfrage hin keine Erklärung bekam, warum dies nötig sei, beschloss ich beim dritten Mal nicht mehr hinzugehen.

Nach drei Wochen ging meine Schmierblutung wieder in eine frische Blutung über. Statt zu meiner Feindin, der Vertretungsärztin, zu gehen, rief ich meine Mutter an, die schließlich eine befreundete Hebamme fragte. Zum ersten Mal bekam ich Informationen die mir tatsächlich halfen, das Erlebnis einzuordnen. Zusammenfassen lassen sie sich am besten mit: Das ist alles ganz normal und passiert sehr vielen Frauen. Und die neue Blutung ist wahrscheinlich einfach die nächste Menstruation.

Danach ging es bergauf: Die Blutung hörte auf und ich fühlte mich wieder normaler in meinem Körper. „Mein“ Frauenarzt kam endlich aus dem Urlaub zurück, erklärte die Eierstockzystentheorie für blödsinnig („das war der Gelbkörper“) und nahm sich viel Zeit und Ruhe um mir zu erklären, was genau passiert war oder sein könnte. „Wenigstens wissen sie jetzt, dass sie schwanger werden können“, sagte er. Und: „Im Prinzip könnten sie auch jetzt schon wieder schwanger sein, aber es wäre noch zu früh um etwas zu sehen.“
Er sollte Recht behalten: Nicht einmal zwei Monate nach dem Verlust von „Garnelius“ war ich wieder schwanger, im April wird mein Wunderkind ein Jahr alt!

Meine zweite Schwangerschaft verlief von Anfang bis Ende völlig komplikationslos und beschwerdefrei. Die Angst begleitete mich allerdings noch weit über die ersten 12 Wochen hinaus, es fiel mir schwer auf meinen Körper zu vertrauen. Das Baby in meinem Bauch willkommen heißen und begrüßen konnte ich diesmal erst im fünften Monat, nachdem ich noch einmal aus ganzem Herzen um die erste Schwangerschaft geweint und Abschied genommen hatte. „Es ist nie wieder so wie beim ersten Mal“, sagte meine Hebamme.

Obwohl ich auch heute, fast zwei Jahre nach der Fehlgeburt, noch traurig bin über die Liebe, die ich für dieses Kind empfunden habe und ihm nie geben konnte, glaube ich auch dass dieses Erlebnis mein Leben insgesamt bereichert hat. Ich empfinde so viel Achtung und Bewunderung vor Schwangerschaft und Geburt, mir ist so deutlich geworden wie wenig man das Leben planen und vorhersehen kann, und ich bin jeden einzelnen Tag so unendlich dankbar für meinen wunderbaren, fröhlichen, lebendigen kleinen Sohn!

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