Fehlgeburt: Trauer und Verarbeitung

Im Sommer 2010 begannen mein Mann und ich bewußt an unserer Familienplanung zu arbeiten. Unser Sohn war gerade 1 ½ Jahre alt. Da ich noch stillte und mein Zyklus sehr lang und unregelmäßig war, war nicht klar, ob ich überhaupt schwanger werden würde und nach drei Zyklen fing ich an mich zu entspannen und mich darauf einzustellen, dass es noch ein Weilchen dauern würde. Und Schwupp, zur Wintersonnenwende am 21. Dezember war plötzlich mein Test positiv. Auch in der Frauenarzt-Praxis wurde positiv getestet, auch wenn noch nichts auf dem Ultraschall zu sehen war, was ja normal ist für die 5. Schwangerschaftswoche. Am Abend sagte ich es dann meinem Mann und wir freuten uns gemeinsam.
Fünf Tage danach, wir waren gerade dabei mit der Familie meines Mannes Weihnachten zu feiern, setzten leichte Schmierblutungen ein. Da sie aber nicht richtig aufhörten, ging ich am nächsten Tag in die Klinik. Die Ärztin konnte eine Fruchthülle erahnen, aber nicht mit Sicherheit sagen, ob die Schwangerschaft intakt war. Aber erstmal kein Grund zur Beunruhigung, ich solle den Termin bei meiner Frauenärztin in der ersten Januarwoche abwarten.
Das taten wir auch. Die Warterei war schrecklich. Hin und her gerissen zwischen sich auf das Schlimmste einstellen und hoffen, dass doch alles in Ordnung ist, macht keinen Spaß! Zu Silvester haben wir uns noch zu dritt das Feuerweck angesehen und gedacht: „Nächstes Jahr Silvester sind wir schon zu Viert!“ Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch alles möglich war, also auch dass alles in Ordnung ist, war ich sehr ängstlich und verunsichert und fühlte mich seltsam unverbunden mit der Seele, die zu uns kommen wollte. Bei meinem Sohn war das ganz anders, da hatte ich keinerlei Zweifel daran, dass alles ok war.
Einen Tag vor dem ersehnten und gefürchteten Frauenarzt-Termin setzten die Blutungen wieder ein und diesmal waren sie rot, also neues Blut. MeineFrauenärztin  sagte, dass sie da eine Fruchthülle im Ultraschall zu erkennen glaubt, aber nicht klar ist, ob sie sich weiterentwickelt. Nach weiterem Nachhaken von mir – ich fragte, ob da jetzt nicht schon ein Herz zusehen sein müsste – bestätigte sie mir meinen Eindruck und anhand des Zeitpunktes meiner letzten Periode sei eigentlich schon auszuschließen, dass die Schwangerschaft intakt wäre.
Ich stellte noch halbwegs gefasst einige Fragen darüber, wie die nächsten Tage verlaufen würden und sagte auch, dass ich möglichst auf eine Ausschabung verzichten würde.
Als ich dann vor der Arzthelferin stand, die mir ihr Bedauern aussprach, liefen schon die ersten Tränen und angekommen in meinem Auto war dann erst Mal alles vorbei. Ich rief meinen Mann an. Er war traurig, denn er hatte sich auch sehr auf unser Kind gefreut. Aber so tief wie bei mir ging seine Trauer nicht. Trotzdem war und ist er sehr liebevoll und verständnisvoll.
Nach zwei Tagen wurden die Blutungen stärker und hielten ca. 1 ½ Wochen an. Mein Mann war sehr lieb zu mir und kümmerte sich fast rund um die Uhr um unseren Sohn, so dass ich Zeit für mich und zum Abschied nehmen hatte. Es hat mir auch geholfen mit meinem Sohn zu kuscheln und zu spielen. Ich bin so dankbar, dass er bei uns ist!
Glücklicherweise ging alles von allein ab, so dass keine Ausschabung nötig war. Das wäre auch noch ein zusätzlicher Horror gewesen. Ich wollte das lieber zuhause in Ruhe durchleben.
In dieser sehr intensiven Zeit des Abschieds habe ich viel geweint um mein Kind, dass ich niemals im Arm halten werde. Ich habe mich gefragt – und tue es noch immer – warum es nicht zu uns kommen wollte, wo es doch so sehr gewünscht und geliebt ist. Ich war hin und hergerissen von meinem Kopf der mir sagte, dass der Embryo gar nicht entwickelt war, und meinem tiefen Gefühl der Trauer um ein verlorenes Kind. Ich fragte mich, ob ich nicht zu sehr dramatisiere und mich mehr zusammen reißen soll, oder ob ich mir nicht selbst schaden würde, wenn ich mir nicht den Raum für die Trauer nehme. Mir hat es sehr geholfen, mich im Rabenforum auszutauschen. Zu lesen, dass es anderen Frauen ganz genauso geht, hat mich darin bestärkt mir meine Gefühle zuzugestehen. Und auch einfach mal meine Gefühle und Gedanken an einem Ort zu teilen, an dem sie angenommen und verstanden werden, hat mir gut getan. Es war und ist nämlich nicht so einfach darüber zu sprechen, auch mit Menschen, denen man normalerweise sehr viel anvertraut. Ich habe z.B. einer guten Freundin, die gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger ist, vor kurzem gesagt, dass mein errechneter Termin zwei Tage nach ihrem gewesen wäre. Sie hat darauf eigentlich gar nicht reagiert, wir haben dann ziemlich schnell das Thema gewechselt. Ich habe das nicht persönlich genommen, denn ich denke, sie wußte einfach nicht, was sie dazu sagen sollte, aber es hat mich trotzdem irgendwie enttäuscht.
Es sind jetzt knapp drei Monate vergangen. Die Trauer ist nicht mehr so präsent. Ich hatte schon einige Tage an denen ich mich richtig super gefühlt habe und voller Tatendrang, an denen ich fast gar nicht mehr dran gedacht habe. Aber dann kommen wieder Tage, an denen es mich doch ziemlich runterzieht. Die sind aber die Minderheit. Nach den Momenten, an denen ich mich intensiv damit beschäftige, habe ich das Gefühl, dass ich es wieder ein Stückchen mehr verarbeitet habe. Aber eben nur ein bisschen.
Vor Kurzem hatte ich einen Impuls, als ich auf einen Forenbeitrag geantwortet hatte und hatte plötzlich wieder Zugang zu meiner Empathie. Ich konnte die Seele wieder spüren, die zu uns kommen möchte – ich hatte sie vor der Schwangerschaft schon gespürt – und habe verstanden, dass sie ja schon bei mir ist und dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, wann sie physisch wird. Das gibt mir ein sehr warmes, liebevolles Gefühl. Trotzdem wird es, glaube ich, noch eine ganze Weile dauern, bis ich das Geschehene wirklich verarbeitet habe.
Seit der Fehlgeburt hatte ich eine Kehlkopfentzündung, eine Bronchitis und nun eine Nebenhöhlenentzündung. Meine Heilpraktikerin, der ich nur gesagt hatte, dass ich eine Fehlgeburt hatte ohne weitere Infos, sah mich, nachdem sie bei mir nachgefühlt hatte, was los ist, an und ihr Gesicht spiegelte meinen Schmerz wieder und plötzlich kam alles wieder hoch. Sie sagte, dass ein Teil von mir zur Trauer hin strebt um sie zu verarbeiten, ein anderer Teil aber eher praktisch veranlagt ist und sich im Alltag um alles kümmern will wie bisher. Und dass ich deshalb völlig aus meiner Mitte gerissen bin. Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hat mir auf verschiedene Art geholfen wieder meinen Weg zur Mitte zu finden, aber längerfristig muss ich das alleine schaffen. An dem Wie arbeite ich noch...
Ich kann mein Leben, meine Familie und Freunde, meine Aufgaben und einzelne Momente immer noch genießen und mich im Alltag meistens wohlfühlen. Aber diese Erfahrung gehört nun eben auch zu mir und braucht Zeit, um losgelassen zu werden. Ich befürchte auch keine weitere Fehlgeburt, denn mein Gefühl sagt mir, dass beim nächsten Mal alles gut gehen wird. Aber dieses Sternenkind ist nun ein Teil von mir und wird es immer bleiben. Und ich denke die Sehnsucht nach ihm auch.
Wir verhüten weiterhin nicht und ich habe auch meinen Eisprung im Auge, aber ich habe es gerade auch nicht besonders eilig wieder schwanger zu werden. Ich wünsche mir von ganzem Herzen noch ein Kind, aber ich genieße gerade auch die Zeit, die ich mehr für mich habe.

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