Czerny, Sabine: Was wir unseren Kindern in der Schule antun: ...und wie wir das ändern können

Südwest Verlag
ISBN-10: 3517086339
ISBN-13: 978-3517086330
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Dass das deutsche Bildungssystem nicht das beste ist, steht mindestens seit der ersten PISA-Studie fest und seitdem wird eher geflicktschustert als konkrete Reformen wirklich ohne Wenn und Aber umzusetzen.

Sabine Czerny, bayrische Grundschullehrerin, schreibt in ihrem Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun ...und wie wir das ändern können“, was sie unter anderem mit der Schulbehörde Bayerns alles erlebt hat, von Mobbing in der Schule bis zur Strafversetzung – alles, weil sie ihren Unterricht so gestaltet, dass alle Kinder ihre Lernmotivation behalten und in ihrem eigenen Tempo lernen können. Die Lehrerin spricht von einem großen "Mosaikbild", in dem jedes Kind seine eigenen (kleinen) Mosaikteilchen miteinbringt - so ergibt es ein buntes, aber auch einheitliches Gesamtbild.

Es darf nicht sein, was nicht sein kann! Laut Schulbehörde gibt es nun mal dumme Kinder und schlaue Kinder, und diese müssen bereits in der dritten/vierten Klasse „sortiert“ werden; am dreigliedrigen System wird festgehalten.

Die Autorin sieht in den Leistungsbeurteilungen der Kinder mit die größten Schwierigkeiten. Noch vor wenigen Jahren wurden in den ersten Schuljahren Lernstandskontrollen (was können die Kinder schon alles? Wo stehen sie?), nun werden Proben ab dem zweiten Halbjahr 1. Klasse geschrieben – und das ganze Notenspektrum muss/soll im Sinne der Gaußschen Normalverteilung ausgeschöpft werden, d. h. es soll wenige 1er und 2er-Noten geben, viele 3er und 4er und wieder wenige 5er und 6er, so dass der Notenschnitt bei 2,6 – 3,2 liegt. Dazu müssen die Aufgaben der Proben so gestellt werden, dass die guten SchülerInnen die Punkte für ein „sehr gut“ nur bekommen , wenn sie die sogenannte „Transferleistung“ erbringen können (als Beispiel nennt Sabine Czerny eine Aufgabe über Igel, in der dann aber etwas über Bären angefragt wird).


Die Kinder werden aufgrund des Notenschnitts in den drei Hauptfächern (Deutsch/Mathe/Heimat- und Sozialkunde) auf die Haupt- oder Realschule bzw. Gymnasium sortiert. Theoretisch dürften dann auf dem Gymnasium alles nur Einser bzw. Zweierschüler sein - aber viele der SchülerInnen erhalten in den Proben schlechte Noten - es muss auch hier eben 4er, 5er und 6er-Bewertungen geben.


Laut Czerny werden die Kinder in unserem jetzigen Schulsystem gedemütigt und aussortiert – und gerade Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Elternhäusern haben es in Deutschland sehr schwer, eine gute Bildung erlangen zu können, was oftmals daran liegt, dass diese Kinder die Aufgaben in den Proben nicht richtig verstehen und somit dann die falschen Antworten geben, obwohl sie es eigentlich wissen. Es entsteht ein Teufelskreis: Die Kinder (die vielleicht ein, zwei Wochen später in ihrer Entwicklung die Aufgaben hätten richtig lösen können) sehen die Note „Vier“ (= schlecht) und beziehen diese Benotung auf sich selbst und verlieren bei jeder schlechten Note die Motivation, etwas lernen zu wollen, und das Vertrauen in sich selbst, etwas leisten zu können.

Konkrete Vorschläge, wie das deutsche Schulsystem geändert werden muss, damit alle Kinder wirklich die gleichen Chancen erhalten, macht Sabine Czerny auch in ihrem Buch. Dazu gehören der Morgenkreis, die Freiarbeit, die Projektarbeit, aber auch der „gebundener Unterricht“. Die Kinder müssen dort „abgeholt“ werden, wo sie stehen und dürfen nicht demotiviert und kleingemacht werden. Frau Czerny plädiert für eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern ebenso wie für eine Wiedereinführung der Lernstandskontrollen. Die Kinder sollen alle zusammen in „einer Schule für alle“ lernen dürfen und nicht schon zum Ende der vierten Klasse aussortiert werden.

Als sehr interessant und lesenswert empfand ich auch die Zwischenkapitel u. a. zu den Themen „Gehirn“, „Intelligenz“ oder auch „Noten“: Hier hat die Autorin diverse Fakten mit Quellenangaben zusammengetragen. Unter welchen Voraussetzungen lernt das menschliche Gehirn am effektivsten? Warum sind Noten eben nicht objektiv in der Leistungsbeurteilung? Ist Intelligenz von Geburt an eine festgelegte Größe, die nicht veränderbar ist? Wie wird überhaupt die Intelligenz ermittelt?

Ein auf jeden Fall empfehlenswertes Buch, es bekommt von mir

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Beavi

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