Czisch, Fee: Kinder können mehr. Anders lernen in der Grundschule

Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3-88897-387-2
ISBN-13: 978-3888973871
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Bewertung: 5 von 5 Raben

Was für ein ermutigendes Buch! Fee Czisch, ehemalige eher unfreiwillige Grundschullehrerin, wurde zur Vorsitzenden der "Aktion Humane Schule" und arbeitet seit 2002 als Lehrbeauftragte für Grundschulpädagogik und -didaktik an der LMU in München. Sie verfasste dieses Buch, das zunächst den Ist-Zustand an vielen deutschen Schulen porträtiert, und im Anschluss daran Alternativen aufzeichnet. Alternativen, die nicht nur als theoretische Gedankenspiele zu verstehen sind, sondern auf der praktischen Erfahrung der Autorin beruhen, die während ihrer Berufspraxis zu der Erkenntnis kam, dass die "gesamte Schule [...] neu gedacht [hätte] werden müssen, aber so lange konnte ich nicht warten. Deshalb entschied ich mich für meine Reform im Klassenzimmer" (S. 39). Und das ist das Besondere an diesem Buch: Es findet keine Konzentration auf eine reformpädagogische Linie statt, sondern es wird aufgezeigt, wie aus der Fülle der Ansätze Gewinnbringendes im Alltag hier und jetzt umgesetzt werden kann, ohne sich ideologisch festlegen zu müssen.
Ich gebe zu, dass mir als Lehrerin das erste Kapitels stellenweise zu polemisch vorkam. Zu sagen, dass "öffentliche Bloßstellung, Entwürdigung, Demütigung, Beschimpfung und Bestrafung [...], Missachtung, Respekt- und Gefühllosigkeit" (S. 17) den Schulalltag an einer normalen Regelschule prägen, lässt die vielfältigen Bemühungen der Lehrerinnen und Lehrer außer Acht, die im Rahmen ihrer (oft begrenzten) Möglichkeiten doch versuchen, den Kindern gerecht zu werden. Dennoch stimme ich der Autorin zu, dass "Angst vor einander, vor der Lehrerin, vor dem Versagen, vor Ausgrenzung [,] Langeweile und Druck, Unterforderung und Überforderung gleichermaßen" (S. 17) Grunderfahrungen eines jeden Schülers sind und in der Folge oft auch zu den oben genannten Empfindungen führen können.
Alles in allem ein deprimierendes Bild des Status Quo, an dem zwar vielerorts herumgedoktert wird, der aber noch lange nicht als "gesund" zu bezeichnen ist.
Im Folgenden beschreibt Fee Czisch die ersten Schritte, mit welchen sie die Vereinheitlichung unseres Schulsystems in ihrer Klasse aufbrach, sich schrittweise von Frontalunterricht löste und auf diese Weise durch Individualisierung und Differenzierung den Kindern das bot, was sie brauchten. Mit Darlegung ihrer pädagogischen Quellen und anhand vieler konkreter Beispiele aus den Lernbereichen der Grundschule gibt die Autorin Einblicke in einen äußerst lebendigen und mitreißenden Schulalltag, berichtet nicht ohne Stolz von ihren Erfolgen und denen der Kinder und vermittelt eine optimistische Grundeinstellung, die nicht bei dem vielerorts üblichen Klagen über den Pisaschock und seine Ursachen halt macht.
Aus der Fülle der Ansätze und Ideen sei hier nur exemplarisch einiges herausgegriffen, was in dieser Form in Regelschulen eher ungewöhnlich ist: Das Klassenzimmer ähnelt einem Wohnraum, mit Leseecke als Rückzugsraum mit klaren Regeln, Sitzkreis und rundem Teppich für Gespräche, Gruppentischen zum Arbeiten, Aquarium, Pflanzen für die die Kinder verantwortlich sind - und einer Tafel, die nicht im Zentrum steht, sondern um die sich die Kinder nur dann scharen, wenn etwas Neues aufgezeichnet wird.
Dieses Miteinander ohne vorgeschriebene Sitzordnung in lehrerzentriert ausgerichteten Sitzreihen erzeugt kein orientierungsloses Chaos, sondern ermöglicht konzentriertes Arbeiten an weitgehend selbst gewählten Themen. Wochenpläne weisen den Weg: Kinder wissen, was im Lauf der Woche bearbeitet sein muss, wählen sich dazu Übungen und Aufgaben entsprechend ihrer Interessenlage aus Regalen voller attraktiver Arbeitsmaterialien - lernen aber nie im Klingeltakt.
Auch ist es nicht Notendruck, der die Kinder zwingt etwas zu "lernen", sondern sie wollen es aus Interesse und Neugier. Die Autorin beschreibt, wie sie anhand von Aufzeichnungen den Überblick über den Leistungsstand und die Entwicklung der Kinder behält, wie sie versucht, eine Benotung weitgehend zu umgehen und nur im nötigsten Maß so sensibel wie möglich einsetzt.
Ihre Darstellung von Unterrichtsprojekten und Exkursionen ist so lebendig, dass man neidisch und wehmütig an seine eigene Schulzeit zurückdenkt, in der wohl die wenigsten von uns derartige Erfahrungen sammeln konnten.
Und es kommt stellenweise auch so etwas wie ungläubige Skepsis auf, wie all dies wirklich so unproblematisch umgesetzt werden kann. Neben Entschlossenheit, Engagement und Unmengen von Energie ist nicht zuletzt auch die Kooperation von Eltern, Kollegen und Schulleitung von großer Bedeutung - was Fee Czisch dankend anerkennt.
Als Lehrerin in einer weiterführenden Schule kann ich die auf die Grundschule zugeschnittenen Vorschläge nicht eins zu eins übernehmen, dennoch ist das Buch sowohl in seiner Grundeinstellung als auch durch einzelne Denkanstöße inspirierend. Für Eltern ist insbesondere das Plädoyer zur Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule von Interesse. Der Klappentext fasst es eigentlich am treffendsten zusammen: "Wer Kinder - ihre Bedürfnisse wie ihre Fähigkeiten - wirklich ernst nimmt, braucht nicht die (gleichwohl notwendige) große Reform von oben abzuwarten, um ihnen - endlich - eine grundlegend andere Schule anzubieten. - Ein Buch, das Lehrern wie Eltern Mut macht, gleich morgen damit anzufangen."
Molly

Bewertung: 5 von 5 Raben

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