Beuster, Frank: Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht

rororo; Auflage: 4 (1. Februar 2006)
ISBN-10: 3499619970
ISBN-13: 978-3499619977
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Bewertung: 5 von 5 Raben

Kinder, die ohne Mutter aufwachsen sind zu bedauern. Wer würde da widersprechen?! Dürfen Mütter wenigstens zeitweise ihren Interessen nachgehen, ohne Kind am Rockzipfel und ohne dass es psychisch Schaden nimmt? Zuweilen verbissene Diskussionen zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ab welchem Alter Kinder reif für familienergänzende Betreuung sind, finden auch in unserem Rabeneltern-Forum statt. Mütter stehen dabei im Fokus der Kritik, während von Vätern zumeist nur selten die Rede ist, wenn überhaupt. Mütter, ob mit oder ohne Partner, teilen scheinbar gottgegeben  ein gemeinsames Schicksal - sie tragen überwiegend die komplette Verantwortung für den Nachwuchs. In unseren (deutschen (?)) Köpfen ist offenbar auf Gedeih und Verderb verankert - Mutter ist die Beste! Kommt da dieses Buch gerade zur rechten Zeit?

Für Frank Beuster, Lehrer in Hamburg und Vater von zwei Söhnen, steht vor allem die Welt der Jungs Kopf. Sein Buch ist ein Buch über Kinder und ihre Väter. Alle Kinder brauchen Mutter UND Vater, betont Frank Beuster. Das Dieses Buch thematisiert jedoch ausdrücklich die Situation der Jungs.

Um euch einen Eindruck von den angesprochenen Themen zu vermitteln, zitiere ich einfach die Hauptüberschriften:

Männliche Sozialisation bei Männermangel

Fast ausschließlich Frauen sind es, die sich um Kinder kümmern - die Mutter, die Tagesmutter, die Erzieherin, die Lehrerin -  bis Mädchen und Jungen in die weiterführende Schule kommen. Das ist keine neue Erkenntnis. Was aber bedeutet diese einseitige Ausrichtung auf das Weibliche für Jungs?

Wann ist ein Mann ein Mann?

Frank Beuster geht davon aus, dass Jungs wissen wollen, wie Männer ticken (genauso wie Mädchen analog dazu sich am Weiblichen orientieren). Dazu gehört Alltägliches wie das Pflegen des Körpers, die Rasur, das Einkleiden, das Verhalten von Männern unter Männern, der Umgang mit Frauen und, ganz wesentlich, wie reagieren Männer auf Stress und Konflikte, was ist mit Gefühlen? Jungs brauchen positive männliche Vorbilder. Der erste Mann auch im Leben von Jungen ist der eigene Vater!  Jungs brauchen, und das können Mütter beim besten Willen nicht leisten,: z. B.

  • starke aktive Väter
  • Väter mit Haltung, an denen sie sich reiben können
  • eine verständnisvolle männliche Aufsicht über ihr Leben
  • Herausforderungen
  • Grenzen
  • Orte für Männer

Erster, Zweiter, Loser

Jungs lieben es, sich zu messen. Erster zu sein scheint ihnen überlebenswichtig. Doch wie werden sie darin unterstützt, auch mal verlieren zu können, ohne ihre ganze Person damit in Frage zu stellen oder sich mit Fäusten zu wehren statt mit Worten?

Welche Rolle in welcher Welt?

Kinder erleben ihre Väter häufig als den Mann, der die Familie verlassen hat (oder von Müttern rausgeschmissen wurde, die keine Lust hatten, ein weiteres "Riesenbaby" versorgen zu müssen) oder der sich in den Job flüchtet und nur als Wochenendvater präsent ist oder - obwohl er Zeit hätte - der sich lieber um seine eigenen Interessen kümmert. Frank Beuster sieht die Zukunft von Jungs in einem düsteren Licht. Weil Schule sich nicht auf die Bedürfnisse von Jungs einstellt, nämlich ihnen Zeit und Raum gibt, um z. B. ihrem Bewegungsdrang nachgehen zu können, werden Jungs oft als Unruhestifter, Klassenclowns oder ganz einfach desinteressiert, nicht zu bändigen oder gar ohne Grund gewalttätig von ihren zumeist Lehrerinnen wahrgenommen. Unbewusst wird ihnen ankreidet, wofür sie selber gar nichts können. Sie haben relativ zu den Mädchen durch die gesamte Schullaufbahn hinweg die schlechteren Noten. Insbesondere ihre Lesekompetenz  lässt häufig zu wünschen übrig. Doch, wie sollen Jungs zu kritischen und verantwortungsbewussten Männern heranwachsen, wenn sie die immer komplexere Welt nicht mehr verstehen? Auch soziale Kompetenzen werden in der Welt von morgen eine noch größere Rolle spielen als heute schon. Mädchen, die aufgrund ihrer Sozialisation diese Fähigkeiten praktisch von klein auf bereits beigebracht bekommen, sind für die Zukunft gewappnet. Und die Jungs?

Diagnose Junge - und die Medizin?

Zum Schluss des Buches versucht Frank Beuster Wege aus der Katastrophe aufzuzeigen und listet alt bewährte "Hausmittel" auf, wie z. B. gemeinsame Tischzeiten mit der ganzen Familie oder echtes Interesse der Eltern am Alltag ihrer Jungs. Er denkt aber auch über neue Wege nach, wie z. B. den Männermangel im Leben von Jungen mit Paten zu beheben wäre, die Zeit und Herz für Jungs haben - im Sportverein, in Nachmittagsangeboten verschiedener Träger.
Auch muss Schule an die Bedürfnisse von Jungs angepasst werden u. a. muss ihr Bewegungsdrang adäquat berücksichtigt werden.
Statt Wehrpflicht - Einführung eines sozialen Jahres.

Im Anhang nennt Frank Beuster eine Auswahl von Anlaufstellen in den Bundesländern, die mit Jungen arbeiten und eine Linkliste.

Fazit

Frank Beuster appelliert in diesem Buch vor allem eindringlich an Väter und Politik: lasst Jungen nicht alleine, kümmert euch. Sofort!

Ich bin Mutter zweier Söhne. Meine Jungs haben einen Vater, der sich kümmert. Viele ihrer Freunde und Klassenkameraden aber haben solche Väter nicht. Bei der Lektüre des Buches wurde ich zunehmend deprimierter. Mir war, als würde ich wie im Schleudergang einer Waschmaschine an die Wand gedrückt. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, so wie die Botschaft dieses Buchs - die Verlierer der Zukunft sind Jungs, Jungs, Jungs -  etwa auch meine? Na und, sagen viele Mädchenmütter - das wäre endlich mal gerecht. Wäre es das?
5 Raben von eulalie

Bewertung: 5 von 5 Raben

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