bellybutton: Das große Babybuch

Alles für das erste Jahr.
Rowohlt Verlag
ISBN: 3805208162

Bewertung: ungeeignet  

 

Die Idee von bellybutton, ein Buch über Babys "von Müttern für Mütter" zu schreiben ist genial (allerdings sie ist von den Rabeneltern geklaut ;-) ). Die Gestaltung des Buchs gefällt mir - ansprechender Einband, schöne (private) Fotos, übersichtliche Gliederung, wichtige Informationen sind im Text farblich hervorgehoben, mit Hilfe des Index findet man schnell, wonach man sucht. Das Buch wird höchstwahrscheinlich bald auf den Präsenttischen zur Geburt überall unter deutschen Dächern bereit liegen. Viele Eltern werden sich darüber freuen und es gerne lesen. Es ist einfach zu schön oder sagte ich das bereits?  Preislich liegt es mit 22,90 Euro auf gehobenem Niveau. Und inhaltlich? Nun, inhaltlich verlange ich mehr für das Geld. Wer möchte sich schon von unausgegorenen Informationen Zeit rauben und die typischen Anfängerfehler frei Haus liefern lassen?

Bei der Lektüre war ich stellenweise völlig perplex und irritiert. Wieso bin ich in der Lage gewesen, mein Wissen rund um Babys erstes Jahr auf den aktuellen und sachlich richtigen Stand  zu bringen? Warum war das den bellybutton-Müttern nicht möglich? Offenbar wurde ich länger gestillt und bin deswegen intelligenter! Und noch dazu ein guter Mensch. Denn ich könnte ja auch sagen - was gehen mich junge Eltern an? Sollen die doch selber sehen, wie sie mit den "guten" Ratschlägen der bellybuttons klar kommen. 

Gute Ratschläge, die gibt es - trotz aller Kritik - tatsächlich. Gefallen hat mir das Kapitel "Was Sie auch noch übers Stillen wissen sollten" - (abgesehen von ein paar Verbesserungsvorschlägen). Farblich hervorgehoben wird aufgelistet, was insbesondere Erstlingsmütter oder Mütter, die zum ersten Mal stillen, auch praktisch hilft, den Stillalltag zu meistern. Und Pluspunkte haben die bellybuttons bei mir auch gesammelt, weil sie abgepumpte Muttermilch der Gabe von künstlicher Säuglingsnahrung vorziehen. Das ist immerhin die zweitbeste Alternative und in vielen Fällen auch gar nicht anders machbar, z. B. dann, wenn Mütter während der Vollstillzeit in den Beruf zurückkehren. Ein wenig blieb aber der Nachgeschmack hängen, Muttermilch aus der Flasche würde das Leben einer Mutter grundsätzlich bequemer machen, weil es ja so praktisch sei. Ursula Karven ist beispielsweise nachts zum Abpumpen aufgestanden. Alle Achtung! Ich grübele allerdings immer noch nach dem Sinn dieser nächtlichen Pumpaktionen und komme zu keinem vernünftigen Ergebnis. Im Halbschlaf stillen und gleich wieder einschlafen - das nenn ich bequem.

Warum kein Wort fällt zur Gefahr der Saugverwirrung bei der Verwendung von künstlichen Saugern (zum Schnuller gibt es sogar ein eigenes Kapitel, das die Welt nicht braucht!) und der Folge, dass ein Stillstreik daraus resultieren könnte?  Hätte ich das bei meinem ersten Sohn gewusst, ich hätte ihm niemals einen Schnuller gegeben (den er eh nicht unbedingt wollte). Hätte er sich abgestillt, ich wäre todunglücklich gewesen. Und weil ich annehme, dass es anderen Müttern ganz genauso gehen könnte, mag ich mich mit Informationen, die kein Wort über mögliche negative Folgen enthalten, nicht abfinden.

Und warum in aller Welt ist es so schwer, die Stillempfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO korrekt wiederzugeben? Lesekompetenzschwierigkeiten im Hause bellybutton? Es stimmt nun mal nicht, dass nur 6 Stillmonate empfohlen werden. Ursula Karven schreibt, sie hätte sogar 8 Monate gestillt. Glückwunsch, immerhin nur 16 Monate zu wenig!  Die WHO empfiehlt nämlich parallel zur Beikosteinführung wenigstens bis Ende des zweiten Lebensjahres weiter zu stillen. Grund?  Ganz einfach, weil es gesund ist für Kind UND Mutter!

Beikosteinführung. Auch ein Thema, das die Beziehung zum Baby gründlich verderben kann.  Kinderärzte würden empfehlen, frühestens zwischen dem fünften und sechsten Monat den ersten Brei zu servieren. Hm, wie alt ist das Baby dann denn nun? Vier Monate? Wie steht das im Zusammenhang mit der Aussage einige Seiten vorher, mindestens 6 Monate voll zu stillen? Das Thema wird unreflektiert wie das Amen in der Kirche weiter gegeben an junge Eltern, die voller Sorge um ihr Kind gerade Informationen über Beikost aufsaugen wie ein Schwamm.
Ein paar Zeilen später muss ich lesen: "Lassen Sie sich nicht verunsichern, wenn Ihr Baby anfangs versucht, das fremde Zeug wieder loszuwerden. Das ist nur ein Reflex auf das Unbekannte." Kein Wort davon, dass dieser Zungenreflex eins der klaren Anzeichen ist, dass das Baby für Beikost noch nicht bereit ist. Hätte ich diese Information bei meinem ersten Sohn gehabt, uns wäre viel Leid erspart geblieben. So habe ich mein Kind gequält und unser gutes Verhältnis aufs Spiel gesetzt. Muss ich extra erwähnen, dass sich das "Expertenteam" der bellybutton-Mütter sklavisch an die Ernährungspläne zur Einführung von Beikost hält? Doch ich muss. Ruckzuck werden Stillmahlzeiten ersetzt und ein Breirezept folgt dem nächsten. Oder, dass Ursula Karven in einem Erfahrungsbericht erzählt, dass jeder Löffel für ihren Sohn Liam ein Kampf war und dass er bis heute kein guter Esser ist. Muss ich dazu einen Kommentar abgeben? Nee, muss ich nicht!

Das Thema Schlafen ist auch eins, vielleicht das wichtigste, das junge Eltern umtreibt. Werden sie jemals wieder durchschlafen können? Was raten die bellybuttons Gutes dazu?  Nachts abpumpen *g* ...  und schreien lassen.  Astrid Schulte erzählt, wie ihr Mann sie regelrecht zwingen musste, ihr Kind auch mal weinen zu lassen. Traurig, so was lesen zu müssen!
Dass Professor Ferber sein "Schlafprogramm"  erst nach dem ersten Lebensjahr anzuwenden empfiehlt und das auch begründet,  haben die bellybuttons entweder ignoriert oder überlesen oder sind der Meinung wie Karlsson vom Dach, das störe keinen großen Geist? Keine Ahnung. Fakt ist, Eltern werden nicht umfassend und sachgerecht informiert, sondern - platt gesagt - überfahren. Sich eine eigene Meinung zu bilden, ist so nicht möglich. Denn es gäbe gute Gründe für das Familienbett. Vor allem, weil es erholsamen Schlaf für alle bringen kann. Ich wäre dankbar gewesen, wenn ich das rechtzeitig erfahren hätte und nicht erst nach drei langen Wochen, in denen mein Neugeborenes allein in seinem Bettchen schlief. Und ich aus lauter Sorge um sein Wohlergehen kein Auge zu gemacht habe.

Wenn Babys Schlaf thematisiert wird, dürfen natürlich die präventiven Maßnahmen zum plötzlichen Kindstod (Sudden Infants Death Syndrom = SIDS) nicht fehlen. Auch hier allerdings wieder nur Halbwahrheiten: "Rauchen Sie nicht. Legen Sie das Kind im Schlafsack in der Rückenlage in sein Bettchen und sorgen Sie für eine angemessene Zimmertemperatur." Und - Schnullern schütze vor dem plötzlichen Kindstod. Dazu muss meiner Meinung jedoch ergänzt werden, dass diese Vermutung wahrscheinlich nur dann zutrifft, wenn Kinder nicht gestillt werden und im eigenen Zimmer schlafen. Diese wichtige Information bleibt bei den bellybuttons unerwähnt. Insgesamt betrachtet sind die Informationen zu den Präventionsmaßnahmen gegenüber SIDS im Vergleich zu den  aktuellen Empfehlungen der Gesundheitsbehörden in Deutschland unvollständig. Wer mehr dazu wissen möchte, lese bitte hier: Wissenswertes über den plötzlichen Kindstod

Das Thema Tragen hat keine eigene Überschrift. Es findet sich als Stichwort im Index wieder, das zum Kapitel "Unterwegs mit dem Kinderwagen" führt. Ich finde allerdings, Tragen ist Körperkontakt und ebenso ein Grundbedürfnis von Babys wie Stillen und Schlafen. Dass Tragen in einem Kapitel über Kinderwagen untergeht, kann ich deswegen nicht positiv sehen. Immerhin werden kurz ein paar rudimentäre Infos zum Tragen aufgeführt und auf eine Internetadresse zu weiteren Infos verwiesen. Der Rest des Kapitels beschäftigt sich mit den Vorteilen von  Kinderwagen-/Jogger-/Buggymodellen. Und Schleichwerbung gehört wohl zum guten bellybutton Stil: "Wir finden den Kinderwagen von Hartan ganz toll."

Ohne Zweifel enthält das Buch auch viele gute und für junge Eltern interessante Informationen, wenn auch nach meinem Geschmack teilweise zu kurz und oberflächlich. Beispiele (Kapitelüberschriften): Finanzielle Hilfen (wobei das Kapitel "Erziehungsgeld" bereits Schnee von gestern ist), Working Mum, Ganz der Vater (gut finde ich den ehrlichen Hinweis, dass es in vielen Partnerschaften erstmal kriselt, wenn das Baby da ist), Single-Mütter und -Väter, Krankheiten von A - Z mit Infos, was warum und wann nach STIKO geimpft werden sollte, Entwicklungskalender, Spielen mit dem Baby.

Fazit

Kein Buch, das Eltern als Nachfragende von sachlich korrektem Wissen, wirklich ernst nimmt. Versetze ich mich in die Lage junger Eltern, dann würde ich gerne ein Buch über Babys erstes Jahr lesen, dessen Konzept tipptopp durchdacht ist. Ich erwarte von einem "Expertenteam" (so die Bezeichnung auf dem Buchrücken), dass es sachlich richtige Informationen liefert, den Gesamtzusammenhang herstellt, also über Ursachen und Folgen aufklärt,  und den Blick für das Wesentliche schärft.
Diesen zugegeben hohen Anspruch zu erfüllen, ist den bellybutton-Müttern aus meiner Sicht misslungen. Darüber hinaus finde ich insbesondere die Empfehlung des  "Schlaftrainings" von Prof. Ferber inakzeptabel. Sie lässt sich mit dem Rabeneltern-Verständnis von respekt- und liebevollem Umgang mit Kindern nicht vereinbaren. Aus meiner Sicht alles in allem ein minderwertiges Buch und mit solchen Büchern halte ich es wie die Mutter von Annette Bode mit Kindern: "Das wichtigste Gebot für ein einfaches Leben ist Konsequenz". Ab damit auf die rote Bücherliste!
eulalie

Bewertung: ungeeignet

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