Cramm, Dagmar von: Kochen für Babys

Gräfe & Unzer (2004)
ISBN-10: 3774219567
ISBN-13: 978-3774219564
Die Autorin ist Ökotrophologin, freie Mitarbeiterin der Zeitschrift Eltern, Mutter von 3 Söhnen; Verlag GU (Gräfe und Unzer)

Bewertung: ungeeignet

Um es gleich vorweg zu nehmen, dieses Buch ist ein wildes Gemisch aus sachlich richtiger Information und zahlreichen Ammenmärchen. Kurz war ich versucht, es in unserer grünen Liste aufzunehmen und mit 1 - 2 Sternchen zu bewerten. Doch nach gründlicher Überlegung kann ich das nicht mit gutem Gewissen verantworten, obwohl Stillen nach Bedarf empfohlen wird und ebenso - "nehmen Sie ihr Baby zu sich ins Bett". Der Hinweis, Kontakt zu einer Stillgruppe aufzunehmen, sei hier ebenfalls positiv erwähnt. Auch andere Informationen z. B. welche Nährstoffe, wo enthalten sind oder die löbliche Einstellung selber zu kochen, statt auf Fertigfutter zurückzugreifen oder, dass Dauernuckeln am Fläschchen, auch wenn nur Wasser enthalten ist, Karies verursachen kann, sind fundiert und hilfreich für junge Eltern.
Doch quasi im selben Atemzug werden diese guten Ansätze sogleich zu Nichte gemacht und zwar gründlich.

Hier einige Beispiele, mit denen ich meine Bewertung begründen möchte.
Titelbild - ein Baby, das aus dem Fläschchen trinkt. Dicker Minuspunkt. Mich nerven diese Fotos. Wir können gerne eine Diskussion darüber führen - herzlich gerne in unserem Forum!
Gleich auf Seite 3 ist dann klar wie Kloßbrei, wo der Hasi hinläuft - dank des farbenfrohen Ernährungsschemas: nach Vollendung des 4. Monats gibt's mittags einen Gemüsebrei und im Rezeptteil sind Sage und Schreibe 6 verschiedene Anfangsbreie aufgeführt. Zur Gewöhnung an die Beikost gibt's den Tipp von Vorgestern: zwischen den Milchmahlzeiten den guten alten Karottenmus zu füttern (Was gibt's daran auszusetzen? Schaut mal in unsere Rubrik Ernährung/Wissenswertes). Und nach Vollendung des 5. Monats wird das Baby abends mit einen Vollmilchbrei vollgestopft (es sei denn, das Kind ist allergiegefährdet. Diese wichtige Information wird erst am Ende des Buches auf Seite 56 wieder aufgegriffen "Allergie - was ist das?", allerdings muss man nach Kuhmilch schon gezielt suchen). Und dann wieder das Ammenmärchen schlechthin - "Doch wenn Ihr Kind nachts immer noch viel Hunger hat, Sie regelmäßig weckt und Sie davon allzu erschöpft sind, dann können Sie diesen Brei schon ab dem 5. Monat geben."

Obwohl Vollstillen befürwortet wird, gibt's sowohl ein Rezept für einen Magentee, ab dem 1. Tag und einen Beruhigungstee, ab dem 1. Monat. Da scheint es doch eine Problem mit der Begriffsdefinition bei Frau v. Cramm zu geben. Ganz abgesehen davon, dass die Gabe von Tee einen Rattenschwanz von Stillproblemen nach sich ziehen kann.

Ein weiteres Ammenmärchen, das mich persönlich wahnsinnig ärgert, weil es die persönliche Meinung der Autorin widerspiegelt, die - wie allgemein üblich zu sein scheint unter zwielichtigem Expertentum - NICHT als solche gekennzeichnet ist: "Jahrelanges Stillen ist nicht schädlich (...). Doch Ihr Kind löst sich um so schwerer und Sie selbst werden körperlich geradezu ausgelaugt." Und an anderer Stelle im Zusammenhang zur Einführung von Beikost: "Schließlich sollte sich auch der ausschließliche Bezug zur Mutter langsam lockern." Mal eben kurz vom Hocker behauptet, also doch schädlich? Und wo ist die wissenschaftliche Grundlage dafür? Fehlanzeige! Schadensausmaß: nicht wieder gut zu machen!!

Weiterhin ist Frau v. Cramm der Meinung, ein gesunder Essrhythmus bereits ab einem Alter von zarten 9 Monaten wäre ebenfalls wichtiger Eckpunkt der gesunden Ernährung. Na ja, darüber ließe sich bei älteren Kindern vielleicht streiten, bei Babys ist es meiner Ansicht nach Quatsch. Auch der Tipp, die Kinder abzulenken mit - "Huhu, da kommt ein (Löffel)-Flugzeug geflogen" oder ähnliche Spielchen, halte ich für eine ganz miese Tour, um ein Kind zum Essen zu bewegen.

Ach so, ich vergaß es fast, auf Seite 6 ist die Gewichtskurve, die auch im gelben Vorsorgeuntersuchungsheft enthalten ist, abgebildet. Nach Frau v. Cramm MUSS das Gewicht innerhalb der Kurven liegen, sonst ist das Kind zu leicht oder zu schwer. Also schon wieder - Ammenmärchen lässt grüßen. Welche unerfahrenen Eltern würden sich hier nicht totale Sorgen machen? Meist unnötige!!! Schaut mal in unserer Rubrik unter Elternsein/Dies&Das - Somatogramm.

Mein Fazit: Babys im ersten Lebensjahr sind Säuglinge, am liebsten nach Bedarf gestillte. Sie brauchen keinen abwechslungsreichen Speiseplan, schon gar nicht bereits ab dem 4. Monat! Einfache Beikost (ca. nach dem 6. Monat, für viele Babys auch erst wesentlich später) möglichst nur wenige sorgfältig ausgewählte Nahrungsmittel, damit u. a. Unverträglichkeiten leichter herausgefunden werden können, der Nährstoffbedarf insbesondere bei nicht gestillten Kindern aber gedeckt ist, und Stillen nach Bedarf oder für nicht gestillte Säuglinge, künstliche Säuglingsnahrung (sog. Folgenahrung ist nicht notwendig!) - und ein gesundes Baby gedeiht prächtig.
Die Vielzahl der Rezepte in diesem Buch, teilweise aufwendig vor- und zuzubereiten, erweckt den Anschein, als wären Babys egozentrische Gourmets, die am liebsten außer Haus in 5 Sterne Restaurants die Speisekarten rauf und runter futtern würden. Hinzu kommen die vielen fragwürdigen Tipps und sachlich falschen Informationen, die dieses Buch so überflüssig wie ein Kropf machen. Deswegen, nicht so viel Zeit mit Kochbücherlesen für Babys - schon gar nicht mit diesem! - oder gar Kochen selbst verschwenden, lieber eine Runde zusammen mit dem Baby Mittagsschlaf machen.

Bewertung von eulalie: Durchgefallen!

Bewertung: ungeeignet


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