Kunze, Petra, Keudel, Helmut: Schlafen lernen - Sanfte Wege für Ihr Kind

Gräfe & Unzer, 5. Aufl. (August 2004)
ISBN-10: 3774265852
ISBN-13: 978-3774265851

Bewertung: ungeeignet

Jedes Mal, wenn ich einen Schlafratgeber in die Hand nehme, habe ich die Hoffnung auf eine deutsche Version von Sears' "Schlafen und Wachen" noch nicht aufgegeben. Aber bis jetzt wurde ich immer enttäuscht. So auch dieses Mal (trotz des vielversprechenden Titels!!).

Zwar wird im Gegensatz zum Machwerk von Kast-Zahn / Morgenroth ständig wiederholt, dass die Eltern ihren eigene Weg finden sollen, aber Grundhaltung ist trotz allem: Das Kind muss allein einschlafen. Und das so früh wie möglich. Das Familienbett wird zwar nicht 100%ig abgelehnt, aber praktische Tipps sucht man fast vergeblich (kein Erläuterung zum Babybalkon o.ä.). Zudem vermeine ich den Unterton zu wahrzunehmen: "Sie können ja - wenn Sie unbedingt wollen - Ihr Kind bei sich im Bett schlafen lassen, aber die nötige Erziehung zur Selbstständigkeit erreichen Sie so nicht!"

Wenn alle sanften Wege, die das selbstständige Einschlafen bewerkstelligen sollen, nicht helfen, dann schlagen auch diese Autoren zwei von Prof. Ferber abgeleitete Methoden vor: die so harmlos klingende "Einschlafübung" und die "Freiburger Sanduhrmethode". Dieses kontrollierte Schreienlassen soll ab dem siebten Monat keine Schäden hervorrufen, obwohl zu diesem Zeitpunkt die kognitive Fähigkeit zur Objektpermanenz (ein Ding / eine Person ist auch dann noch da, wenn ich sie nicht mehr sehen kann) noch nicht ausgebildet ist.

Mich wundert, dass den Autoren nicht auffällt, wie sehr sie die Bedürfnisse von Kindern ignorieren: Da wird z.B. für Geschwister in gemeinsames Schlafzimmer vorgeschlagen - mit der Begründung, dass sie dann zueinander krabbeln und somit nicht mehr die Eltern in ihrer Nachtruhe stören würden. Arme Einzelkinder, die dann ja nach Ansicht der Autoren zwangsläufig nachts auf menschliche Wärme und Geborgenheit verzichten müssen.

Auch die Beobachtung, dass "die Trennung von Trinken und Einschlafen nur bei den wenigsten Familien ohne Probleme" (S. 58) gelingt, lässt die Autoren nicht zu dem Schluss kommen, dass z.B. das Stillen eine natürliche Einschlafhilfe ist, die ihre Vorteile hat. Ein Kapitel zum Thema "Wie schläft ein Kind in fremder Umgebung" ist unnötig für die meisten Mütter, die ihre Kinder so in den Schlaf begleiten. Die Autoren scheinen sowieso keine große Kenntnis vom Stillen zu besitzen: Stillen im Liegen sollte man vermeiden. Und auch das Ammenmärchen, dass Kinder ab sechs Monaten auf die nächtliche Mahlzeit verzichten können, wird geäußert.

Die Autoren lassen jeglichen Blick über den eigenen Tellerrand vermissen. So fehlen z.B. Informationen darüber, wie Menschen in anderen Kulturen ihre Kinder in den Schlaf begleiten.
Vor diesem Hintergrund bekommen auch die an sich hilfreichen Tipps zu Ritualen und Gestaltung des Tagesablaufs einen faden Beigeschmack: Weil es eben nicht um die Interessen der Kinder geht, sondern darum, wie sich Kinder am besten in den Tagesablauf der Eltern einfügen.

Aus diesem Grund: Ab auf die Rote Bücherliste!!

Astrid Ahlers für Rabeneltern.org

Bewertung: ungeeignet

 

Weitere Informationen