Stellungnahme zum Schnuller „baby–nova“
bzw. Dentimaxx (jetzt dentistar)
(bezieht sich auf die Homepage von Dr. Brockhaus von 2005)
von Gudrun von der Ohe, Ärztin, Still- und
Laktationsberaterin, IBCLC
Eventuell ist dieser Schnuller (siehe die Webseite des Herstellers
www.beruhigungssauger.de ) weniger schlecht als manch andere,
wie z. B. der NUK–Sauger. Doch über mehrere Stunden täglich
angewendet, kommt es ebenfalls zu Fehlentwicklungen von Funktionen
und Formen, da es relativ unerheblich ist, welche Größe
durch die Zahnleisten in den Mundraum geführt wird.
Somit ist er nicht besser als andere auch, selbst wenn der gewinkelte
dünne Stufenschaft zunächst positiv erscheint. Es stimmt,
dass große Größen überflüssig sind,
da der Gaumen nicht so stark wächst, wie uns andere Schnullerhersteller
glauben machen wollen.
Alles andere sind Märchen, in den Falsches, Halbwahres und
Richtiges miteinander vermixt wird, so dass nur Fachleute das
Ganze durchschauen können. Eltern werden im Sinne der Vermarktung
und Marktverdrängung anderer Schnuller mit dieser Mixtur
manipuliert!
Auch dieser Schnuller bleibt ein Schnuller mit allen seinen negativen
Auswirkungen.
Die
versprochenen Studien blieben trotz Nachfrage aus, so Mathilde
Futenbach, Logopädin aus Innsbruck/ Österreich, die schon viele
Jahre am Thema Schuller arbeitet.
Hier eine Zusammenfassung der kritischen Punkte, ausgehend von
den Argumenten von Herrn Dr. Brockhaus:
„Der optimale Sauger lässt der Zunge
maximalen Freiraum, und verdrängt sie nicht. ...“
Es kann gar keinen optimalen Sauger geben. Da der Sauger immer
ein Fremdkörper ist, der so nicht in den Mundraum gehört.
Es geht auch keineswegs darum, ob die Zunge mehr oder weniger
verdrängt wird. Verdrängt wird die Zunge auch bei der
Aufnahme von Speisen.
Unmittelbar nach der Aufnahme von Speisen in den Mund verändert
sich die Zungenaktivität. Zunächst ist sie maßgeblich
daran beteiligt, die Speise schluckfähig aufzubereiten und
anschließend leitet sie den Schluckakt ein. Beim Schlucken
formt sich die Zunge so, dass die geformte Speise umschlossen
ist und zum Rachen geführt werden kann. Nach dem Schlucken
nimmt die Zunge eine für sie typische Ruhestellung ein, bei
der die Zungenspitze nach oben gerichtet ist und den Gaumen berührt.
Dort verbleibt sie (auch nachts), bis wieder etwas in den Mund
gelangt oder sie sich z.B. an der Bildung von Sprechlauten beteiligt.
Auch der Schnuller wird während seiner Anwendungsdauer mit
der Zunge bearbeitet, bleibt aber im Unterschied zu den Speisen
stets im Mundraum präsent, weil er schließlich nicht
zum herunterschlucken vorgesehen ist. Die Zunge verbleibt also
stets so, wie bei der Speisenbearbeitung. Es ist aber keineswegs
so, dass während dieser Zeit nicht geschluckt wird. Das Nuckeln
provoziert sogar im besonderen Maße die Speichelbildung
und dieser wird ständig abgeschluckt. Bei diesen Schluckvorgängen
ist die Zunge jedoch außer Stande, ihre korrekte Position
einzunehmen, weil beim Schlucken der Schnuller auf ihr liegen
bleibt. Schon nach wenigen Stunden der Schnulleranwendung kann
sich dadurch ein falsches Zungenbewegungsmuster einstellen, was
sich auf angrenzenden Muskelfunktionen auswirkt. Mit zahlreiche
Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass so Zahnfehlstellungen,
Kieferverformungen, Atemproblemen (Schnarchen) u.a. verursacht
werden, so der Leiter des ISST-Unna Dr. Brendsen.
„der physiologische, gewinkelte, dünne
Stufenschaft“
Physiologie ist die Wissenschaft von den Grundlagen
des allgemeinen Lebensgeschehens, bes. von den normalen Lebensvorgängen
und Funktionen des menschlichen Organismus. Der Schnuller ist
immer ein Fremdkörper und kann somit nie physiologisch sein.
„Die Saugerform orientiert sich am Leerraum,
sozusagen an der Negativform einer Mundhöhle mit einer Zunge
in Ruhelage“
Hier fehlen die anatomischen Kenntnisse vom Mundraum eines Neugeborenen.
Die Zunge füllt bei einem Neugeborenen den Mundraum völlig
aus. Erst bei größeren Kindern oder Erwachsenen besteht
ein Hohlraum zwischen Zunge und Gaumendach, da die Zunge weniger
stark wächst als der Mundraum. Somit kann sich die Saugerform
nicht am Leerraum orientieren, der – wie oben geschrieben – gar
nicht existiert. Jegliche Art von Schnuller verhindert darüber
hinaus, dass die Zunge ihre physiologische Ruhelage einnehmen kann,
wie oben beschrieben.
Herr Dr. Brockhaus behauptet:
„Die weibliche Mamille (Brustwarze) ist
5 bis 15 mm lang. Durchschnittlich sind es 11 mm. Auch in der
Stillzeit wird sie nicht größer. Aufgrund ihrer Elastizität
wird sie während des Stillens zwar deformiert (länger,
breiter oder flacher), aber diese Deformation bildet sich danach
wieder zurück. Eine echte Volumenzunahme findet nicht statt.“
Richtig ist:
Die Brustwarze wird beim korrekten Saugen zwar länger – der
Übergang von Mamille und Warzenvorhof ist dehnbar – sie wird
aber zu keiner Zeit deformiert. Weder wird sie breiter noch flacher.
Diese Vorstellung hat Dr. Brockhaus wahrscheinlich von NUK übernommen,
die ein Kind untersuchten, das zudem noch falsch angelegt war.
Aus dieser einen einzigen Untersuchung stammt die schräge
Form des NUK-Saugers, die auch beim Dentimaxx übernommen
wurde.
„In Europa werden Babys nach einem strikten
Zeitplan umsorgt: sagen wir alle 4 Stunden zuerst füttern,
dann wickeln, danach schlafen. 4 Stunden später dieselbe
Prozedur von vorn. Dabei wird das Saugbedürfnis des Kindes
aber nicht immer vollends befriedigt. Also füllt es die Lücke
selbst, indem es an etwas nuckelt.“
„In sog. "primitiven Kulturen" dagegen wird das Kind
oft ständig von der Mutter bei sich getragen. Ihm steht die
Mutterbrust jederzeit zur Verfügung, und es kann sein Bedürfnis
stillen. Darum braucht es keinen Nuckel.“
Richtig ist:
In Europa und Deutschland werden die Kinder keineswegs nach einem
strikten 4-stdl. Zeitplan gestillt. Heute sollen die
Babys laut „Klinische Leitlinien zur Etablierung des
ausschließlichen Stillens“ in
den ersten Monaten 8–10 mal täglich gestillt werden (Clusterfeeding
und längere Pausen), so dass das Saugbedürfnis damit
gestillt ist. s. dazu unter
www.stillen.org/deutsch/wissenswertes/wissenswertes.html . Außerdem wird abgeraten, in den ersten vier
bis sechs Wochen dem Baby einen Schnuller anzubieten, damit sich
das Stillen erst einmal etablieren kann.
„Aufpassen: jetzt wird es akademisch“
Was soll diese Anmerkung? Soll dem Leser suggeriert werden, dass
er evtl. zu blöd ist, dies zu verstehen?
„Gemeinsam mit der Firma BABY-NOVA lautete
die Zielsetzung, einen Schnuller zu entwickeln, der eine klinisch
erprobte und erstmals wirklich kiefergerechte Form aufweist, und
einen lutschoffenen Biss durch Dauernuckeln bestmöglich verhindert,
ja sogar rückgängig machen kann.“
Hier wird zwar behauptet, dass erstmals wirklich eine kiefergerechte
Form entwickelt wurde. Wissenschaftliche Belege und Studien fehlen
jedoch völlig. Der Schnuller wurde am Schreibtisch erarbeitet.
Kiefergerecht geformt kann ein Schnuller ohnehin nicht sein, da
es unzählig viele verschiedene Kieferformen gibt. Zur Kieferformung
eignet sich ein Schnuller generell nicht, hierbei wirken völlig
andere Wachstumsreize. Das Schnuller hingegen nicht kieferformend
sondern kieferverformend wirken, konnte hingegen unzählige
Male belegt werden.
„Darüber hinaus konnte nachgewiesen
werden, dass durch den Einsatz von Prototypen des neuen Saugers
sogar bereits bestehende Zahnfehlstellungen wieder behoben werden
konnten! In diesen Fällen war Dauernuckeln von Vorteil! Lutschoffene
Bisse waren innerhalb von 2-3 Monaten restlos geschlossen.“
Es wäre sehr interessant zu erfahren, wer solche Untersuchungen
gemacht hat.
Es ist nicht denkbar, dass irgendein Schnuller keine Deformierung
auslöst und ein geeignetes therapeutisches Instrument ist.
Bei diesen Behauptungen scheinen allein Verkaufsargumente im Vordergrund
zu stehen! Bei Schnullern gilt stets nur die Regel, dass sie möglichst
gar nicht angewendet werden sollen, um die Kinder vor Schäden
zu schützen. Kurze Anwendungszeiten sind entsprechend dieser
Aussage natürlich weniger schädlich als lange.
Vielleicht bezieht die Firma BABY-Nova ihre Aussage ja auch
ausschließlich darauf, dass ihre Schnuller erheblich weniger
angewendet wurden?
Prospektive randomisierte unabhängige Studien liegen bis heute
nicht vor.
„Ein Dentimaxx kann nicht falsch benutzt
werden, weil aufgrund seiner besonderen Gestaltung nur in der
richtigen Position an ihm gesaugt werden kann. Zwar drehen manche
Kinder spielerisch die Sauger locker im Mund herum, jedoch ohne
daran zu nuckeln.“
„...es gibt keine falsche Seite"
Selbstverständlich kann dieser Schnuller wie alle nicht symmetrischen
Schnuller auch verkehrt herum genutzt werden und falsch gesaugt
werden.
„Es wirken nur untergeordnete, biologisch
kaum wirksame Kräfte auf Zahnbögen und Kieferknochen
ein.
- minimaler Kraftaufwand beim Zusammendrücken des Schlauches.“
Da beim Saugen am Schnuller ständig negative Kräfte
im Mundraum wirken, ist der physiologische Ruhezustand nicht gegeben.
So können auch geringe Kräfte über die Zeit gravierende
Auswirkungen auf das Wachstum haben.
Zudem ist – egal wie klein der Schaft ist – ein Schlucken mit
geschlossenem Mund nicht möglich, und die Zunge wird bei
jedem Schluckakt nach vorne geschoben, siehe oben.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 1: Schnullerkinder nehmen auch gern die Brust“
Zum Glück nehmen auch Kinder mit einem Schnuller die Brust.
Doch wird in die Intimsphäre des Kindes direkt eingegriffen.
Wie oben geschrieben, soll in den ersten Wochen auf einen Schnuller
verzichtet werden. Entscheidend für den Milchaufbau über
einen langen Zeitraum sind die ersten Wochen. Untersuchungen haben
zwar belegt, dass mit drei Monaten mit Schnuller die Stillzeit
nicht wesentlich kürzer ist, Untersuchungen zu sechs Monaten
und darüber hinaus fehlen jedoch. Die Untersuchungen müssen
sich aber über die gesamte Stillzeit erstrecken, wenn mit
einem Schnuller nicht die Stillempfehlung verkürzt werden
sollen. Die Stillempfehlungen lauten nach der Globalen Strategie
zur Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern der WHO
von 2002 (auch für Deutschland geltend): Sechs Monate ausschließliches
Stillen. Anschließend sollten Säuglinge angemessene
und sichere Beikost erhalten, um ihre wachsenden Nahrungsbedürfnisse
zu befriedigen, wobei gleichzeitig das Stillen bis zum Alter von
zwei Jahren oder darüber hinaus fortgeführt wird.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 2: sie nehmen keinen Daumen oder Finger mehr“
Stimmt, aber nach Bedarf gestillte Babys benötigen evtl.
auch keinen Schnuller. Es ist nicht gerechtfertigt, aus Angst
vorm Fingerlutschen den Babys einen Schnuller aufzuzwingen.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 3: Schnuller sind weniger schädlich als andere Fremdkörper,
und sie reduzieren Karies“
Schnuller sind weniger schädlich, aber eben doch mit Nebenwirkungen
behaftet. Karies ist nicht durch einen Schnuller sondern vorrangig
durch eine entsprechende Zahn- und Mundhygiene zu verhindern.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 4: sie unterstützen die Gewichtszunahme bei Frühgeborenen“
Das stimmt unter besonderen Bedingungen. Stimmt jedoch nicht,
wenn er genutzt wird, um Hungersignale zu unterdrücken. Bei
Frühgeborenen wird der Schnuller als Therapie eingesetzt.
Den Schnuller einzusetzen wie ein Medikament ist sinnvoll. Doch
wie bei einem Medikament ist es auch hier so, dass nicht alle
ein Medikament/ Schnuller benötigen.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 5: sie helfen, Schmerzen besser zu ertragen“
Das kann unter Umständen stimmen. Doch auch hier gilt, dass
nicht prophylaktisch gegen Schmerz ertragen gearbeitet werden
muss. Besser als ein Schnuller wirkt zudem das Saugen an der Brust
gegen Schmerzen, da zu dem Saugen auch noch die Muttermilchwirkung
hinzukommt.
„Argumente für einen Schnuller
Pro 6: sie retten Leben ... dass beim Gebrauch eines Schnullers
das SIDS-Risiko (sudden infant death syndrome) um ca. 50% reduziert
ist"
Dies ist ein sehr gefährliches Argument. Bevor unkritisch
Argumente isoliert genutzt werden, muss man sich mit den Studien
dazu befassen. Der Schnuller scheint nur dann vor SIDS zu
schützen, wenn Kinder separat
in einem Zimmer schlafen und zudem nicht gestillt werden. Sie
scheinen dann nämlich in einen unphysiologischen Tiefschlaf
zu kommen.
Statt den Eltern aus diesem vermeintlichen Grund einen Schnuller
anzupreisen, sollten wir sie über Risiken informieren.
Dazu gehört vor allem ein striktes Vermeiden von Rauchen,
sowie dass die Säuglinge im ersten Lebensjahr
im Elternschlafzimmer schlafen sollten und gestillt werden sollten.
Davon profitieren sie viel mehr. Unsere Aufgabe ist es, die Eltern
über ein physiologisches Schlafverhalten von Säuglingen
aufzuklären, als mit Angst zu arbeiten, um Produkte zu vermarkten.
Mehr Informationen dazu unter:
www.bdl-stillen.de/aktuelles/medizin.htm
Und hier noch einige Punkte, die zusätzlich gegen den Schnullereinsatz
sprechen. Diese
Argumente gelten für alle Formen von Schnullern:
Motorik und Kommunikation:
Durch die monotonen Reize des Schnullers wird die Wachsamkeit
des Zentralnervensystems herabgesetzt. Das ist zwar mit dem Gebrauch
des Schnullers erwünscht, hat aber auch unbeabsichtigte Folgen.
Lernerfahrungen finden nicht statt. Eine Stimulation der Großhirnrinde,
die zur Entwicklung des unreifen Gehirns notwendig ist, unterbleibt.
Der Schnuller stellt nicht nur den Mundbereich still, sondern
er hemmt auch die übrige Motorik. Die im Wachzustand eigentlich
ständigen Bewegungen und das Tätigsein des lebhaften
Kindes werden so unterdrückt, als ob ein Schalter die Motorik
ausgestellt hätte.
Durch die sinkende Spannung im Mundbereich, sinkt die gesamte
Spannung der Muskulatur im Körper. Der Schnuller leistet
einen ersten Beitrag zur Verödung unserer aktiven Sinne.
Er macht mundtot.
Struktur und Umrisse von Gegenständen muss der Säugling
nicht nur mit den Händen, sondern vor allem mit dem Mund
erspüren. Mit dem 4. Lebensmonat beginnt das bewusste Be-
und Ergreifen sowie Erkunden mit dem Mund. Ist ein Säugling
mit dem Schnuller förmlich zugestöpselt, kann er diesen
wichtigen Entwicklungsschritt nur schwer durchlaufen, die ersten
aktiven oralen Erfahrungen als Umwelteroberung verarmen. Der Schnuller
blockiert den Kontakt von Lippen, Haut, Gaumen und Zunge. Die
orale Ertastung anderer Stofflichkeiten bzw. Gegenstände
wird scheinbar bedeutungslos.
Das Kind hört sich selbst weniger, kann von anderen nicht
gehört werden und bekommt somit weniger Ansprache. Auch die
Kommunikation mit der Umwelt findet weniger statt. Das Kind verarmt
an Kommunikation.
Einfluss auf die myofunktionale Entwicklung und die Kieferstellung
Der Muskeltonus des gesamten Körpers bedingt sich gegenseitig.
Wird die Muskulatur der Extremitäten angespannt, ist eine
Entspannung der Gesichtsmuskulatur unmöglich. Ebenso funktioniert
es auch andersherum.
Die Muskeln im Gesichtsbereich arbeiten ebenfalls nicht isoliert,
sondern als Muskelgruppen in verschiedenen Funktionen zusammen.
Beim Saugen bekommt die Muskulatur eine Prägung. Da das Saugen
am Schnuller aber ganz anders als das Melken an der Brust funktioniert,
ist die Prägung der Muskelgruppen eine andere. Besonders
am Muskulus orbicularis oris kann man die unterschiedliche Prägung
erkennen. Beim Melken an der Brust ist er angespannt, beim Saugen
am Schnuller liegt er locker. Da es keine besonderen Saug-, Ess-
oder Sprechmuskeln gibt, ist es naheliegend, dass Muskelfunktionsstörungen
beim Säugling Auswirkungen auf das Kindes- und Erwachsenenalter
haben können. Außerdem formen die Weichteile auch das
Hartgewebe. Störungen zeigen sich besonders deutlich bei
Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, wo u. a. durch das Fehlen der Funktion
des Muskulus orbicularis oris die Führung der Frontzähne
fehlt.
Durch das Schnullerschild wird der Muskulus orbicularis oris geschient.
Wenn Muskeln geschient werden, werden sie schwächer. Das
gilt auch für diese Region. Aus der physiologischen Nasenatmung
wird dadurch eine Mundatmung erleichtert.
Normalerweise sind der Kiefer und die Lippen beim Schlafen locker
verschlossen. Ganz anders ist es, wenn ein Schnuller diesen Schluss
verhindert. Wenn die Säuglinge beim Saugen am Schnuller die
Zunge über die Kieferleisten legen, kommt es zu einer unphysiologischen
Kieferstellung. Während der langen Schlafphasen im Leben
eines Kindes bleibt dann diese unphysiologische Stellung erhalten.
Dies kann nicht ohne Wirkung auf die spätere Entwicklung
des Kiefers bleiben. Kieferfehlstellungen sind die Folge.
Zudem bringt der Schnuller dauerhaft das muskuläre Gleichgewicht
durcheinander. Da im Bereich des Schädels der Ober– und Unterkiefer
das höchste Wachstumspotential besitzen, wird hier empfindlich
das Wachstum beeinträchtigt.
Späteres vermehrtes Schnarchen kann ebenfalls eine Folge
vom Schnullereinsatz sein, durch die Beeinträchtigung des
muskulären Zusammenspiels.
Wachstumsschübe
Die Säuglinge saugen an der Brust, um Nahrung zu bekommen
und hören auf, wenn weniger Milch fließt. Das non-nutrive
Stillen unterbleibt, da das weitere Saugbedürfnis mit dem
Schnuller befriedigt wird. Steigt der Nahrungsbedarf, sind die
Kinder nicht bereit, zur Stimulation vermehrt an der Brust
zu saugen. Erreicht die Mutter die zusätzlich erforderliche
Stimulation nicht durch Abpumpen oder Ausstreichen, wird
sie zufüttern müssen. Der Gebrauch eines Schnullers
kann somit verhindern, dass sich die Menge der Muttermilch einem
erhöhten Bedarf anpasst.
Gewichtszunahme
Befriedigt der Schnuller das Saugbedürfnis der Kinder, verlängern
sich auch die Abstände zwischen den Stillzeiten. Dieser Umstand
ist oft auch beabsichtigt von den Müttern/Eltern. Die Säuglinge
erhalten dadurch weniger Milch und können in eine Art Fastenzustand
geraten.
Da dies schleichend passiert und die Kinder dabei nicht unbedingt
unglücklich wirken, erkennt die Mutter die zu geringe Gewichtszunahme
nicht rechtzeitig. Erst bei routinemäßigen Kontrolluntersuchungen
wird dieser Umstand deutlich. Die Eltern sind dann meist überrascht
und voller Schuldgefühle. Außerdem muss die Mutter
zufüttern, zumindest so lange, bis sich die Milchmenge wieder
gesteigert hat.
Beruhigungssaugen und Stilldauer
Kinder mit Schnuller stillen sich früher ab. Das belegen
immer wieder die verschiedensten Studien. Der Schnuller vermindert
das non-nutrive Stillen an der Brust. Die Brust bedeutet nur noch
Nahrungsaufnahme, aber nicht auch zusätzlich Befriedigung
des Saugbedürfnisses oder Trost. Das Stillen von älteren
Säuglingen wird beeinträchtigt, so dass sie sich eher
abstillen als gleichaltrige Säuglinge ohne Schnuller.
Verschiedene Studien belegen dies.
Milchstau , Mastitis und Soor
Während im späteren Verlauf einer Stillzeit Probleme
mit zu wenig Milch auftreten können, kann es gerade am Anfang
einer Stillbeziehung – mitbedingt durch den Schnuller – zu Milchstaus
und Mastitiden kommen. Lange Intervalle zwischen zwei Stillepisoden
(hinausgezögert durch einen Schnuller) können bewirken,
dass es zur unzureichenden Entleerung der Brüste kommt, aus
denen sich ein Milchstau oder auch eine Mastitis entwickeln kann.
Andererseits kann es – bedingt durch Stillschwierigkeiten – zu
einem vermehrten Einsatz des Schnullers kommen, aus dem dann wiederum
erneute Stillschwierigkeiten entstehen können oder vorhandene
verschlimmert werden, da die Ursachen dieser Stillschwierigkeiten
nicht behoben wurden.
Ebenfalls können Soorinfekte durch den Schnuller unterhalten
werden. Während der Behandlung von Soorerkrankungen sollte
der Schnuller besser vermieden werden. Doch was sollen die Mütter
tun, wenn ihre Kinder daran gewöhnt sind? Generell aber
sollte auf den Schnuller verzichtet werden, wenn gehäuft
Soorinfekte auftreten.
Erhöhte Keimbesiedlung und deren Folgen
Kein Schnuller kann absolut sauber gehalten werden. Besonders
während einer langen Schlafenszeit mit Schnuller (nachts)
werden sich die Keime im Mund und am Schnuller selbst vermehren.
Der Mund ist nicht verschlossen und Mund- sowie Zungenmotorik
sind im Gegensatz zu Säuglingen ohne Schnuller verändert.
Betrachtet man sich die orale Anatomie im Seitenschnitt, wird
deutlich, wie eng Mundhöhle, Rachen und die Ohrtrompete (Eustachische
Röhre) in Verbindung stehen.
Wie weiter unten beschrieben, ist der Mundschluss durch den Schnuller
verhindert. Dadurch wird eine unphysiologische Mundatmung ermöglicht,
die das Immunsystem der Säuglinge negativ beeinflussen kann.
Hypertrophien der Rachen- und Gaumenmandeln sind die Folge, eine
physiologische Nasenatmung ist dann nicht mehr möglich, und
Infekte häufen sich. Entzündliche Erkrankungen der Ohren
kommen bei Kindern häufig vor. Untersuchungen haben bestätigt,
dass gestillte Kinder weniger oft an Mittelohrentzündungen
erkranken. Zusätzlich gibt es auch eine Studie, die belegt,
dass gestillte Kinder ohne Schnuller weniger häufig an Mittelohrentzündungen
erkranken als gestillte Kinder mit Schnuller. Begünstigt
wird das Auftreten der Mittelohrentzündung durch die Kürze
und Weite der Ohrtrompete (Eustachische Röhre), über
die Bakterien vom Rachen her leicht zum Mittelohr vordringen
können. Die hyperplastische Schleimhaut, die bei Neugeborenen
und jungen Säuglingen das Mittelohr auskleidet, begünstigt
ebenfalls das Auftreten von Entzündungen. Eine durch den
Schnuller negativ beeinflusste Immunität durch hypertropheTonsillen,
gestörte Bakterienbesiedlung und eine Schleimhautschwellung
– bedingt durch die Reizung der Schleimhaut durch die Fremdmaterialien
des Schnullers – können bei ohnehin empfindlichen Kindern
zu gehäuft auftretenden Mittelohrentzündungen führen.
Suchtgefahr
Das Stillen bedeutet für die Säuglinge nicht nur Nahrungsaufnahme
sondern auch Befriedigung des Saugbedürfnisses, Geborgenheit
und Trost. Der Schnuller kann dies alles nicht geben. Eine echte
Befriedigung findet bei monotonen Sinnesreizen nicht statt. Isoliert
mit dem Schnuller ist Geborgenheit nicht gegeben. Trost mit dem
Schnuller kombiniert Trost mit einem Gegenstand. Sieht man wegen
dieser frustrierenden und gleichzeitig doch auch sehr prägenden
Erfahrung bei so vielen Menschen ständig die Suche nach Befriedigung
mittels Zigarette, Alkohol, Schokoriegel oder anderem?
Entwöhnen vom Schnuller
Der Schnuller ist im Gegensatz zur Brust immer verfügbar.
Sind die Kinder erst einmal von ihm abhängig gemacht worden,
ist es schwer, sie davon wieder loszubekommen. Entweder wird der
Schnuller dem Kind irgendwann weggenommen (womit ihm aber sein
anerzogenes Bedürfnis danach abgesprochen wird), oder man
muss so lange warten, bis das Kind verständig genug ist,
mit ihm darüber zu reden. Das ist im Kleinkindalter jedoch
meist nicht möglich.
Auf alle Fälle sollte vor dem Schnullereinsatz überlegt
werden, wer den Schnuller benötigt. Meist nicht der Säugling,
sondern der Erwachsene, um den Säugling zu beruhigen.
Mit einem Jahr kann den Kindern Grenzen gesetzt werden. Das heißt,
sie können schnullern oder etwas anderes machen. Auf alle
Fälle nicht beides gleichzeitig: schnullern und spielen,
schnullern und sprechen usw. So kann der Schnuller langsam entwöhnt
werden.
Umgang mit dem Schnuller
Wenn Sie sich für den Gebrauch eines Schnullers entscheiden,
• ist es günstig, auf den Schnuller in den ersten vier bis
sechs Lebenswochen zu verzichten, bis das Stillen sich gut etabliert
hat.
• ist es besser, einen Sauger zu verwenden, der möglichst
weich und anpassungsfähig ist und im Zahn- und Lippenbereich
einen möglichst kleinen Durchmesser hat, um den Mundschluss
und die Zahnentwicklung möglichst wenig zu behindern.
• ist eine flache symmetrische Form zu bevorzugen, nicht die abgeschrägte
Form (wie
z. B. NUK).
• sollte das Lippenschild nicht gebogen den Lippen anliegen, sondern
eher gerade sein.
• empfehle ich, den Schnuller bewusst einzusetzen und ihn bewusst
wieder wegzunehmen, wenn das Kind ihn nicht mehr braucht. Lassen
Sie den Schnuller nicht herumliegen oder an der Schnullerkette
sichtbar herumbaumeln.
• stöpseln Sie Ihr Kind nicht mit dem Schnuller zu, sondern
versuchen Sie, den Ursachen der Unruhe auf den Grund zu gehen
und es durch Zuwendung zu trösten.
• verwenden Sie den Schnuller möglichst wenig und gewöhnen
Sie ihn möglichst früh ab.
Weiteres zum Thema unter www.stillberatung.info
(Startseite -> Aktuelles)
oder als
pdf-Datei „Abtract Schuller
VELB-Kongress 2006
mit freundlicher Genehmigung für Rabeneltern.org von Gudrun
von der Ohe, März 2006