Schilddrüsenfunktion in Schwangerschaft
und Stillzeit
Die Information, dass die Einnahme von Jod und Folsäure in der Zeit eines
Kinderwunsches und während der Schwangerschaft vorteilhaft ist,
hat inzwischen weite Verbreitung gefunden. Weniger bekannt
ist, welch große Bedeutung die Schilddrüse für das Entstehen und
den erfolgreichen Verlauf einer Schwangerschaft hat. Es gibt verschiedene
Schilddrüsenerkrankungen, die jedoch immer mit einer latenten
oder akuten Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse einhergehen.
Leider ist das Wissen über Schilddrüsenerkrankungen und ihre vielfältigen
Symptome auch bei vielen Ärzten nicht ausreichend verbreitet,
so dass es eine nicht unbeträchtliche Zahl unerkannter Erkrankter
geben dürfte. Eine unerkannte Schilddrüsenunterfunktion
z.B. kann aber schon das Entstehen einer Schwangerschaft verhindern
oder deren erfolgreichen Verlauf gefährden. Es ist darum für Frauen,
die längere Zeit einen unerfüllten Kinderwunsch haben, sehr wichtig,
ihre Schilddrüsenfunktion überprüfen zu lassen, da eine (unbehandelte)
Unterfunktion eine deutliche Einschränkung der Fruchtbarkeit zur
Folge haben kann. Bei bereits bestehender und behandelter
Unterfunktion ist es ganz wichtig, dass der Hormonspiegel im Körper
durch die Medikamente (Thyroxin, von außen zugeführtes Schilddrüsenhormon)
richtig eingestellt ist, da eine Unterfunktion in der Schwangerschaft
alle möglichen Komplikationen einschließlich Fehlgeburten und
Frühgeburten zur Folge haben kann.
In der zweiten Schwangerschaftshälfte steigt der Hormonbedarf für gewöhnlich an
und die Dosierung an Thyroxin muss erhöht werden. Andererseits darf die Mutter
auch nicht in eine Überfunktion rutschen, deswegen müssen während der
Schwangerschaft die Blutwerte regelmäßig in dichteren Abständen als sonst
kontrolliert werden (alle 8 Wochen bzw. alle 4 Wochen). Das ist zwar lästig
wegen der zusätzlichen Arzttermine, aber unbedingt erforderlich. Nach der Geburt
kann meist sofort zur vorher eingenommenen Dosierung zurückgekehrt werden. Wegen
der Bedeutung der richtigen Einstellung und weil viele "normale" Ärzte nicht
über genug Fachwissen im Hinblick auf Schilddrüsenkrankheiten verfügen, ist es
sehr empfehlenswert, sich von einem Facharzt betreuen zu lassen (Endokrinologe
oder Internist mit endokrinologischem Schwerpunkt). Bei häufigem Arztwechsel ist
aber darauf zu achten, dass die Blutuntersuchungen eigentlich immer im selben
Labor durchgeführt werden, weil die Analysewerte derselben Probe von Labor zu
Labor schwanken können und deshalb nicht unbedingt vergleichbar sind.
Die Schilddrüsenüberfunktion in einer Schwangerschaft ist zum Glück sehr
selten (1-2 Promille), denn ihre Behandlung ist wesentlich problematischer als
die einer Unterfunktion. Das liegt daran, dass die notwendigen Medikamente (Thyreostatika),
die die Überfunktion der mütterlichen Schilddrüse bremsen müssen - im Gegensatz
zu eingenommenen Schilddrüsenhormonen - die Plazentaschranke passieren und in
den kindlichen Kreislauf übergehen. Bei hohen Dosierungen kann die kindliche
Schilddrüse dermaßen abgebremst werden, dass eine Schilddrüsenunterfunktion des
Ungeborenen die Folge ist, was für dessen geistige und motorische Entwicklung
absolut schädlich ist. Bei einer Einhaltung bzw. Unterschreitung bestimmter
Dosisgrenzen aber bleiben die Effekte auf die kindliche Schilddrüse aus.
Behandelt werden muss die Schilddrüsenüberfunktion einer Schwangeren aber auf
jeden Fall, weil auch diese – abgesehen vom Krankheitsbild der Mutter – mit
einer erheblichen Häufung von Komplikationen des Schwangerschaftsverlaufes
einhergeht (Fehl- und Frühgeburten, vorzeitige Plazentalösung, etc.). Die
Behandlung einer Schilddrüsenüberfunktion gehört also unbedingt in die Hände
eines Facharztes (Endokrinologe), da eine möglichst niedrig dosierte
thyreostatische Behandlung und eine ebenfalls engmaschige Kontrolle der
Schilddrüsenwerte und der kindlichen Entwicklung erfolgen muss. Eine solche
Schwangerschaft erfordert in jedem Fall eine enge Zusammenarbeit zwischen dem
Gynäkologen, einem Endokrinologen und später einem Kinderarzt.
Zur Einnahme von Jod in der Schwangerschaft sei noch gesagt, dass der Bedarf
einer Schwangeren mit etwa 260 µg Jod täglich deutlich höher als der einer
nicht-schwangeren Frau liegt. Da Deutschland ein Jodmangelgebiet ist, empfiehlt
sich die Einnahme von Jodid-Tabletten während der Schwangerschaft, wie sie ja
inzwischen auch von fast allen Gynäkologen verordnet wird.
Stillzeit
In der Stillzeit ist die weitere Einnahme von Jodid, das ja über die
Muttermilch weitergegeben wird, für das Kind wünschenswert. Abgewogen werden
sollte die Einnahme von Jod in der Stillzeit im Falle von autoimmunen
Schilddrüsenerkrankungen wie der Hashimoto-Thyreoiditis, da die Einnahme von Jod
für die erkrankte Mutter nicht unbedingt empfehlenswert ist: Sie kann den
Entzündungsprozess weiter anheizen und die unwiderrufliche Zerstörung der
Schilddrüse beschleunigen. Bestehende Unter- bzw. Überfunktionen der Schilddrüse
müssen in der Stillzeit selbstverständlich weiterbehandelt werden, wobei die
Einnahme von SD-Hormonen wiederum völlig unbedenklich ist, da diese Einnahme ja
dazu dient, den „Normalzustand“ herzustellen, die Einnahme von Thyreostatika
aber weiterhin möglichst niedrig dosiert werden muss und bestimmte Präparate
bevorzugt werden sollten, da der Transfer in die Muttermilch bei ihnen geringer
ist als bei anderen Produkten. In jedem Fall muss bei einer Behandlung der
Mutter mit SD-Überfunktion auch beim Kind in regelmäßigen Abständen eine
Untersuchung des Blutes auf SD-Hormone und das schilddrüsenstimulierende Hormon
TSH durchgeführt werden.
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass es gar nicht so selten
vorkommt, dass während oder nach einer Schwangerschaft – die ja beträchtliche
hormonelle Umwälzungen mit sich bringt - eine Schilddrüsenerkrankung zum
Ausbruch kommt bzw. entdeckt wird. Frauen sollten darum in dieser Zeit besonders
sensibel sein für etwaige Anzeichen von Über- oder Unterfunktionen der
Schilddrüse.
Interessierten möchte ich noch einen Link ans Herz legen, der neben vielen
Informationen und Links zu Schilddrüsenkrankheiten auch ein kompetentes
Selbsthilfe-Forum bietet, in dem man seine Fragen stellen kann:
http://www.hashimotothyreoiditis.de
Roberta für rabeneltern.org, 2004