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Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
Regina
Masaracchia
Das generelle Risiko einer angeborenen Fehlbildung liegt in der
Bevölkerung bei 3 %. Jedes 500ste Baby wird mit einer Spaltfehlbildung
geboren, was bedeutet, dass diese Fehlbildung die 2.häufigste
ist und gleich nach den Herzfehlern kommt. Die daraus resultierende
Behinderung ist meist vorübergehend, da sie reparabel ist.
Sie kann jeden treffen, denn nur zu 15 % tritt die Spaltfehlbildung
in Familien auf, wo bereits Spalten vorgekommen sind. Bei jedem
5. Kind besteht eine familiäre Vorbelastung, die auch Generationen
zurückliegen kann.
Insgesamt werden in Deutschland ca. 1500 - 1800 Kinder im Jahr mit
der Spaltfehlbildung geboren. Am häufigsten (80 %) sind die
einseitigen, durchgehenden Spalten, wo die Lippe, der Kiefer und
der Gaumen betroffen sind (im Volksmund "Hasenscharte"
genannt. Mittelalterlicher Sprachgebrauch, mit Vergleichen aus der
Tierwelt ist für Betroffene jedoch diskriminierend und sollte
unbedingt vermieden werden!). Die Spalte kann auch beidseitig und
durchgehend sein, manchmal ist auch nur die Lippe, Lippe plus Kiefer
oder isoliert der Gaumen betroffen, die Mikroform ist das gespaltene
Zäpfchen.
Die genauen Ursachen sind noch ungeklärt, man vermutet jedoch
die wachsende Umweltverschmutzung, Rauchen, Drogen, Medikamente
und Alkohol in der Schwangerschaft, schwerer Stress und Vitaminmangel,
eine Durchblutungsstörung im Bereich der betroffenen Region
in der Frühschwangerschaft im Mutterleib oder Infektionskrankheiten
der Schwangeren, die für das Auftreten der Fehlbildung verantwortlich
sein könnten. Es müssen aber erst mehrere Faktoren zusammen
kommen (multifaktorielle Vererbung), damit sich eine Spaltfehlbildung
manifestiert.
Eine gewisse Vorbeugung für Schwangere ist die Einnahme von
Folsäure und Vitaminpräparaten, möglichst noch bevor
die Schwangerschaft eintritt, sowie eine gesunde Ernährung
und die Vermeidung der Risikofaktoren.
Besonders wichtig, sowohl für das Neugeborene mit einer Spaltfehlbildung,
als auch für die Mutter ist, dass Mutter und Kind nach der
Geburt nicht getrennt werden, damit sofort eine enge Mutter-Kind-Bindung
entstehen kann. Generell gilt: wenn das Baby keine anderen Fehlbildungen,
Krankheiten oder ein Syndrom hat, ist es ein ganz normales, gesundes
Neugeborenes und muss auch so behandelt werden! Genau wie jedes
andere Baby muss es sofort nach der Geburt, in einer leicht aufrechten
Lagerung an die Brust gelegt werden. Aspirationsgefahr besteht im
Allgemeinen nicht, Magensonden sind meist ebenfalls überflüssig.
Auch, wenn das Kind evtl. Schwierigkeiten hat die Brust zu erfassen,
so ist doch dieser Anfang wichtig, denn hier findet eine Prägung
statt. Das Stillen ist gerade für spaltfehlgebildete Babys
sehr wichtig! Oft ist das Gesundheitspersonal wenig informiert und
sowohl das Personal, als auch die Mutter ist bei den oft schwer
fehlgebildeten Mündchen verunsichert. Dabei hat, sowohl die
Muttermilch, als auch das Stillen an sich, viele Vorteile für
das Kind, denn nur Muttermilch hat eine ideale Nährstoffzusammensetzung
und Antikörper, die das Baby vor Infektionen schützt.
Der einzigartige Kontakt, der nur das Stillen bietet, fördert
die gerade hier so wichtige Mutter-Kind-Bindung und nur die Brust
passt sich ideal den veränderten Mundverhältnissen an.
Außerdem wird die Mundmuskulatur durch Stillen gestärkt,
was jedoch einige Wochen dauern kann. Besonders wenn der Gaumen
betroffen ist, muss die Mutter angeleitet werden, Ihre Milch, so
schnell wie möglich nach der Geburt abzupumpen, damit die Milchbildung
möglichst schnell angeregt wird, da das Baby häufig nicht
fähig ist das durch ausreichend starkes Saugen selber zu schaffen.
Die alle 2 Stunden abgepumpte Muttermilch kann dann einfach, WAEHREND
das Baby an der Brust liegt durch einen „Fingerfeeder“ (eine Spritze
mit speziellem Ernähungsaufsatz) in den Mundwinkel des Babys
geträufelt werden. Auch das Brusternährungsset ist hilfreich.
Mit diesen Methoden der Zufütterung an der Brust ist eine ausreichende
Nahrungsmenge, sein Wohlbefinden und die ausreichende Gewichtszunahme
gewährleistet und gleichzeitig verbindet das Baby die Mutterbrust
mit Wohlbefinden und Sättigung und wird sie somit als Nahrungsquelle
akzeptieren. Falls Ihr Kind Schwierigkeiten hat die Brust zu erfassen,
können Sie ihm durch bestimmte Handgriffe und Stillpositionen
dabei helfen. Der sofortige Kontakt zu einer Stillberaterin IBCLC
ist ratsam (www.stillen.org). Selbstverständlich gilt auch
hier, wie bei allen Neugeborenen, eine Saugverwirrung durch den
Schnuller und Flaschensauger zu vermeiden! Effektives Saugen an
der Brust kann nur gelernt werden, wenn dem Kind keine anderen Vergleichsmöglichkeiten
angeboten werden und es AN der Brust üben kann (was einige
Wochen dauern kann). Seien Sie deshalb entspannt und geduldig! Außerdem
sollte möglichst noch am Geburtstag vom Kieferorthopäden
oder vom Chirurgen eine Gaumenplatte, auch Mund-Nasen-Trenn-Platte
genannt, angepasst werden, die vor allem die Zunge in ihre physiologische
Position zurückbringt und auch beim Stillen hilfreich ist.
Die Spaltfehlbildung ist reparabel und wird operativ geschlossen.
Es gibt unterschiedliche Operationsverfahren. Beim mehrzeitigen
Konzept wird die Spalte, entweder von Innen nach Außen, oder
von Außen nach Innen in unterschiedlichen Lebensmonaten und
–jahren geschlossen. Die zweite, neuere Möglichkeit des Spaltverschlusses
ist das einzeitige Konzept, auch „Basler Konzept“ genannt, wo die
gesamte Spalte, um den sechsten Lebensmonat herum komplett geschlossen
wird (www.lkg-ade.ch).
In Deutschland wird dieses Verfahren von Prof. Dr. Dr. Robert Sader
mit seinem Team im Universitätsklinikum Frankfurt durchgeführt.
Trotz viel Polemik zu diesem Konzept, beweist eine Eurostudie, dass
alle existierenden Operationskonzepte zu gleich guten Ergebnissen
führen! Deshalb ist es wichtig, dass betroffene Eltern, die
immer das Beste für ihre Kinder wollen, sich im Vorfeld gut
informieren, sich ein persönliches Bild von Arzt und Klinik
machen und dann ihre persönliche Entscheidung treffen.
Was das Hören und die Sprachentwicklung angeht, so verläuft
diese meist ganz normal. Manchmal ist punktuell logopädische
Unterstützung und das Einsetzen von Paukenröhrchen ins
Trommelfell nötig, um eine bessere Ohrbelüftung zu erreichen.
Der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe ist empfehlenswert (Selbsthilfevereinigung
für Lippen-Gaumenfehlbildungen e.V. Wolfgang-Rosenthal-Gesellschaft,
www.lkg-selbsthilfe.de)
©2005 Regina
Masaracchia mit freundlicher Genehmigung für
Rabeneltern.org
Buch-Tipp: Gespaltene
Gefühle, Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten von Regina
Masaracchia
Der Ratgeber hat die Auszeichnung der „Initiative Stillfreundliches
Krankenhaus“ von WHO und UNICEF erhalten. |