Gelbe Babys - Was ist die physiologische
Neugeborenengelbsucht?
Etwa ein Drittel aller (kaukasischen) Neugeborenen entwickelt in den
ersten Lebenstagen eine physiologische Neugeborenengelbsucht. Bei einigen
Völkern wie zum Beispiel Indianern, Eskimos und Koreanern tritt die
Neugeborenengelbsucht noch häufiger und mit höheren Werten auf. Für die Eltern
kann das "Gelbwerden" des Babys mit Beunruhigung und Sorge verbunden sein, doch
die physiologische Gelbsucht ist keine Erkrankung, sondern ein Zeichen für
Anpassungsvorgänge nach
der Geburt.
Denise Both, IBCLC
Bei vielen Neugeborenen verändert sich die Hautfarbe etwa ab dem dritten
Lebenstag ins Gelbliche. Auch das Weiss der Augäpfel verfärbt sich gelb. Dabei
handelt es sich um einen normalen Vorgang, der mit der Anpassung des Babys an
das Leben ausserhalb
des Mutterleibes in Zusammenhang steht. Deshalb wird diese Form der Gelbsucht
"physiologisch", das bedeutet "normal" genannt. Die physiologische
Neugeborenengelbsucht ist nicht ansteckend und darf nicht mit anderen,
krankhaften Formen von Gelbsucht verwechselt werden. Sie hat keinerlei Folgen,
vorausgesetzt, die Bilirubinwerte des Babys werden nicht zu hoch.
Während der Schwangerschaft wird das Kind über die Plazenta mit allem versorgt,
was es braucht, auch mit Sauerstoff. Um den Sauerstoffbedarf zu
decken braucht das Ungeborene mehr rote Blutkörperchen, als nach
der Geburt, wenn das Baby selbstständig atmet und so der Lungenkreislauf
aktiv wird, zum Sauerstofftransport benötigt werden. Diese zusätzlichen
roten Blutkörperchen werden nach der Geburt abgebaut und müssen
aus dem Körper ausgeschieden werden. Ein Abbauprodukt der roten
Blutkörperchen ist das gelbe Bilirubin. Die Neugeborenengelbsucht
entsteht dann, wenn sich das überschüssige Bilirubin im Blut anreichert
und in Haut, Muskeln und Schleimhäuten abgelagert wird. Das Baby
sieht gelb aus.
Zu dieser Anreicherung des Bilirubins im Blut kommt aufgrund folgender
Ursachen: die erhöhte Bildung von Bilirubin (ein Neugeborenes produziert beim
Hämoglobinabbau mehr als doppelt soviel Bilirubin pro Kilogramm Körpergewicht
wie ein Erwachsener), die noch eingeschränkte Fähigkeit der kindlichen Leber,
grosse Mengen an Bilirubin zu verarbeiten und die erhöhte Aufnahmefähigkeit des
Darmes für Bilirubin, wenn die Gallenflüssigkeit in den Darm gelangt, von wo es
dann wieder rückabsorbiert werden kann.
Weil Bilirubin zunächst wasserunlöslich ist (indirektes Bilirubin), kann es
weder in Blut noch Urin gelöst werden. Es muss erst an wasserlösliche Eiweisse
im Blut gebunden und von der Leber zu wasserlöslichem Bilirubin (direktes
Bilirubin) umgewandelt werden. Über die Galle gelangt das direkte Bilirubin in
den Darm und wird dann mit dem Stuhl ausgeschieden.
Der normale Verlauf der Neugeborenengelbsucht sieht so aus, dass um den
dritten Lebenstag die Gelbfärbung beginnt, sichtbar zu werden, die Werte bis zum
fünften, sechsten Tag ansteigen und dann wieder deutlich absinken. Bei
gestillten Babys kann die Neugeborenengelbsucht im Vergleich zu nicht gestillten
Babys etwas stärker sein und länger anhalten. Es ist noch nicht sicher geklärt,
warum dies so ist, doch es lässt sich ein Zusammenhang mit einem ungünstigen
Stillmanagement in den ersten Lebenstagen herstellen. Wird das Baby in den
ersten drei Tagen nicht häufig und nicht lange genug angelegt, verliert es mehr
Gewicht und scheidet unter Umständen das Mekonium (Kindspech) verzögert aus. Die
Folge kann unter anderem eine verstärkte
Rückabsorption des Bilirubins aus dem Darm in die Blutbahn sein.
Die Tatsache, dass gestillte Kinder gelegentlich eine stärkere oder länger
anhaltende Gelbfärbung zeigen als nicht gestillte Kinder ist kein Grund, nicht
zu stillen. Alle Massnahmen, die das Stillen fördern, verringern die Entwicklung
der Neugeborenengelbsucht.
Es ist bekannt, dass Bilirubin ein wichtiges, natürliches Antioxidans ist und
so gibt es Diskussionen darüber, dass die physiologische Neugeborenengelbsucht
für das Kind von Vorteil ist.
Die Neugeborenengelbsucht erfordert in den meisten Fällen keine besondere
Behandlung. Steigen die Werte jedoch zu stark an, wird fast immer mit einer
Behandlung begonnen, denn Bilirubin ist in sehr hoher Konzentration ein
Zellgift, das zu Schäden beim Kind führen kann. Hier besteht insbesondere die
Angst vor einer Schädigung des Gehirns, dem sogenannten Kerninkterus oder
Bilirubinenzephalopathie, da im Gegensatz zu den meisten anderen Zellen, durch
Bilirubin zerstörte Gehirnzellen nicht wieder nachwachsen.
Um zu vermeiden, dass es zu einer solchen Komplikation kommt, wird das Baby
in der Klinik bzw. von der Nachsorgehebamme untersucht und beobachtet und
gegebenenfalls wird der Bilirubinwert im Blut (mehrfach) bestimmt, damit
rechtzeitig mit einer Therapie begonnen werden kann, falls es erforderlich sein
sollte.
Bisher wurde jedoch in keinem einzigen Fall von einer
Bilirubinenzephalopathie berichtet, die ausschlich auf das Stillen oder die
Ernährung mit Muttermilch zurückgeführt werden konnte und durch die heute
übliche Überwachung und die zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten,
ist der Kernikterus extrem selten geworden.
In seltenen Fällen kann der erhöhte Bilirubinwert andere Ursachen als die
normale Neugeborenengelbsucht haben. Hier sind vor allem
Blutgruppenunverträglichkeiten (Rhesusfaktor, ABO-Unverträglichkeit),
Stoffwechselerkrankungen und Infektionen zu nennen. Die dann notwendigen
Behandlungen sind B von Ausnahmen abgesehen - kein Grund, das Stillen zu
unterbrechen.
Behandlungsmöglichkeiten bei Neugeborenengelbsucht
Bei einer milden bis mässigen Gelbsucht ist meist keine Behandlung
erforderlich. Steigen die Werte jedoch zu sehr oder zu schnell, sollte als
erstes das Stillmanagement überprüft werden. Das Baby sollte zu häufigerem
Stillen angeregt werden. Erhöhte Bilirubinwerte können das Kind müde machen. Die
Mutter sollte ein schläfriges Baby unbedingt dazu anregen, häufig und lange
genug an der Brust zu trinken. Das Kind braucht Kalorien, damit der Darm
angeregt wird. Die Gabe von Tee oder Glukoselösung
ist daher nicht sinnvoll.
Bilirubin wird in der Haut durch die Einwirkung von Licht abgebaut. Daher
kann indirektes Sonnenlicht helfen, die Werte zu senken. Die Mutter muss darauf
achten, dass das Kind dabei weder überhitzt wird, noch zu sehr auskühlt. Bei der
Fototherapie, wird ebenfalls die Fähigkeit des Lichtes ausgenutzt, Bilirubin
durch die Haut abzubauen.
Eine Fototherapie muss nicht die Trennung von Mutter und Kind bedeuten.
In bestimmten Situationen kann das Zufüttern von künstlicher Säuglingsnahrung
erforderlich werden. In diesem Fall sollte die Mutter über alternative
Fütterungsmethoden informiert werden, um eine Saugverwirrung zu vermeiden.
Als letztes Mittel kann eine Blutaustauschtransfusion in Betracht kommen.
Blutaustauschtransfusionen sind jedoch nur selten notwendig.