Der Babyhopser und das Lauflerngerät
„Gehfrei“
von Catrin, Physiotherapeutin, für Rabeneltern.org,
März 2006
Von Herstellern werden diese Geräte ab dem fünften bwz.
siebten Lebensmonat empfohlen. Das Werbeposter zeigt einen vor
Freude juchzenden Säugling und lächelnde Eltern, na,
wenn das mal nichts ist. In der Beschreibung taucht es nicht explizit
auf, aber die Bilder sollen den Eltern suggerieren, das Gerät
bereite dem Kind nicht nur unbändige Freude, sondern es werde
auch in der Fähigkeit des Stehens und des Gleichgewichts
gefördert. Ist das so? Was passiert mit einem Säugling
in diesen Geräten?
Die wenigsten Kinder sind mit fünf Monaten reif dafür,
hingesetzt zu werden. Sie besitzen noch nicht die Rumpfstabilität,
die sie brauchen, um das Gleichgewicht im Sitzen aktiv zu halten.
Die meisten Kinder setzen sich im Alter zwischen sieben und elf
Monaten selbständig hin. Sie tun dies, weil ihr Bewegungsapparat
(vor allem ihre Wirbelsäule) nun für diese Position
ausgereift ist. Ein Kind vorher hinzusetzen (vom kurzen Sitzen
auf dem Schoß oder zum Füttern abgesehen) nimmt ihm
nicht nur die Möglichkeit, sich den Weg in die Sitzposition
selber zu erarbeiten, sondern belastet auch die Wirbelsäule
unnötig.
Aber nicht nur für den Haltungsapparat stellen Hopser und
Gehfrei eine Gefahr dar: Der sog. Fußgreifreflex ist ein
angeborener Reflex. Streicht man einem jungen Säugling über
die Fußsohle, wird er reflektorisch die Zehen zusammenkrallen.
Zum Beginn des zweiten Lebenshalbjahres schwächt sich dieser
Reflex zunehmend ab. Zeitgleich beginnt das Kind von sich aus,
die Füße zu belasten. Die Fähigkeit, das eigene
Körpergewicht zu tragen und das Verschwinden des Fußgreifreflexes
verlaufen beim gesunden Säugling parallel.
Die o.g. Geräte nehmen dem Kind das Körpergewicht weg,
das Kind „sitzt“ („hängt“ trifft es in den meisten Fällen
besser) also in dem Gerät und hat in der Regel nur Kontakt
mit dem Boden, so dass das Kind nicht lernen kann, auf dem ganzen
Fuß zu stehen. Es bleibt im Zehenstand. Viele Kinder krallen
die Zehen sogar noch zusammen, verharren also im Muster des Fußgreifreflexes.
Das kindliche Gehirn bekommt über die Fußsohle falsche
Informationen zur Stellung seiner Füße. Das Aufsetzen
des ganzen Fußes wird behindert, was zur Folge haben kann,
dass das Kind z.B. die Füße beim späteren Gehen
nicht mehr physiologisch abrollen kann. So kann es zu einem krankhaften,
behandlungsbedürftigen Gangbild, zu Fußfehlstellungen
und Muskelverkürzungen kommen.
Die meisten Kinder stellen sich gegen Ende des ersten Lebensjahres
hin. Unermüdlich ziehen sie sich hoch, stehen einige Augenblicke,
schwanken ein wenig hin und her und fallen wieder um. Jedes Aufstehen
ist für ein Kind eine Übungssequenz. Betrachtet man
ein Baby bei seinen ersten Stehversuchen genauer, so kann man
das komplexe Zusammenspiel der gesamten Fuß- und Beinmuskulatur
beobachten. Sogar beim Fallen lernt ein Kind, es übt, sich
abzufangen und sich abzurollen. Es bekommt ein Gefühl dafür,
wie schnell es fällt und erfährt, wie und wie schnell
es reagieren muss, um sein Gleichgewicht wieder zu finden oder
sich zumindest nicht zu verletzen.
Es lernt, seine Füße zu belasten, sich im Raum zu orientieren,
den Rumpf in alle Richtungen im Raum auszubalancieren. Es trainiert
durch das ständige Auf- und Ab seine Beinmuskulatur.
Nichts davon ist in einem Babyhopser oder in einem Gehfrei möglich.
Beim Lauflerngerät kommt zu den genannten Nachteilen für
die motorische Entwicklung noch eine nicht unerhebliche Gefahr
hinzu. Jedes Jahr verunglücken in Deutschland nach Angaben
des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte etwa 6000
Kinder, weil sie mit einem Gehfrei die Treppe herunter gefallen
sind oder darin umgefallen sind. Wenn die Kinder dann sogar noch
festgeschnallt in diesen Geräten sitzen, haben sie nicht
einmal mehr die Möglichkeit, sich physiologisch abzurollen.
Die meisten Kinder erleiden hierbei Kopfverletzungen, die in vielen
Fällen sogar lebensbedrohlich sein können. Hierzu kommen
Unfälle durch den erweiterten Bewegungsradius der Kinder:
Im Gehfrei kommen sie oft an den Tisch heran und können z.B.
Tassen mit heißem Kaffee herunterreißen. Allein aufgrund
der Unfallgefahr fordern Kinderärzte schon seit langem ein
Verbot von Lauflerngeräten, wie es in anderen Ländern(z.B.
Kanada) auch besteht.
Der Preis für das auf dem Werbeposter angepriesene Babylächeln
ist viel höher, als es den Anschein hat. Von mir daher ein
klares: FINGER WEG!
Quellen:
B.Zukunft-Huber: Moderne Säuglingsgymnastik
I. Flehmig: Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen
V. Vojta: Die zerebralen Bewegungsstörungen im Säuglingsalter-
Frühdiagnose und Frühtherapie
Weitere Informationen unter:
http://www.kindersicherheit.de/html/lauflernhilfe.html
und
http://www.aerztezeitung.de/docs/2001/06/01/101a0404.asp?cat=