Hoffnung
aus dem Eisfach
Stammzellen aus der Nabelschnur werden für
später eingefroren. Lohnt sich das?
Von Angelika Franz
Wollen Sie, dass Ihr Kind immer gesund bleibt? Diese Suggestivfrage
wird derzeit werdenden Eltern in Broschüren und auf Informationsabenden
gestellt. Wer mit ja antwortet – wer täte das nicht?
–, bekommt ein verführerisches Heilsversprechen präsentiert:
Aus dem Blut der Nabelschnur des Neugeborenen könne man wertvolle
Stammzellen gewinnen, diese einfrieren lassen und für alle
Zeiten aufbewahren. Leidet der dann groß gewordene Mensch
an irgendeiner schweren Krankheit, würden die Stammzellen aufgetaut
und eingespritzt. Da es körpereigene Zellen sind, müsse
man nicht einmal eine Abstoßungsreaktion befürchten –
der Mensch greife sozusagen auf sein eigenes Ersatzteillager zurück.
Diese einstweilige Verfügung gegen spätere Leiden, quasi
eine Lebensversicherung in minus 196 Grad Celsius kaltem Stickstoff,
bieten in Deutschland bereits vier Unternehmen an. Doch bislang
ist es nur eine bloße Hoffnung, die werdende Eltern kaufen
können. Ein illusorisches Pflaster gegen die Angst für
die nicht unbeträchtliche Summe von 1500 bis 2000 Euro.
Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit beginnt schon bei der
Logistik: Wie kommt das Blut aus der Nabelschnur in den Tiefkühlbehälter?
Die Qualität des Zellpräparats ist umso besser, je weniger
Zeit bis zur Einlagerung verstreicht. Doch die Reise kann lang sein:
In der Regel vergehen bis zu 24, manchmal auch 48 Stunden, bis das
Blut an der »Endlagerstätte« eintrifft. Die Blutbeutel
des Anbieters Vita 34 kommen nach Leipzig, die von BasicCell ins
Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen nach Bad Oeynhausen.
Die wertvolle Fracht der beiden anderen Firmen, Cryo-Save und Cryo-Care,
wird ins Ausland geschafft. Mit Grenzübertritt unterliegt sie
jedoch nicht mehr der deutschen Gesetzgebung und ist im Ernstfall
– zum Beispiel bei einer Insolvenz der Firma – dem Zugriff
entzogen.
Auch an der Technik des Einfrierens scheiden sich die Geister.
Die einen schwören auf Vollblut, die anderen trennen Stammzellen
und übrige Blutbestandteile. Welchen Weg man auch wählt,
ob er die Zellen so schützt, dass sie auch in 20, 40 oder gar
60 Jahren noch für eine Anwendung als Heilmittel brauchbar
sind, ist keinesfalls erwiesen. Langzeitstudien in Sachen Kältekonservierung
von Stammzellen haben gerade erst begonnen.
Aber räumen wir alle Zweifel beiseite und nehmen an, Transport
und Konservierung von Stammzellen seien dereinst gesichert. Was
lässt sich mit Stammzellen aus der Nabelschnur ausrichten?
In Mäusen viel. Im Menschen noch herzlich wenig. Weltweit liegen
über 300000 private Nabelschnurblut-Präparate auf Eis.
Damit konnten seit 1999 weltweit lediglich fünf Kinder geheilt
werden. Etwas öfter hat die Spende von Nabelschnurblut Familienangehörigen
geholfen: Knapp 60-mal retteten die Stammzellen eines Neugeborenen
einen engen Verwandten. In all diesen Fällen aber lagen die
Präparate nur wenige Monate auf Eis. Ob auf diese Weise auch
eine Eigentherapie gelänge, mit Zellen, die jahrzehntelang
im Stickstoff warteten, weiß niemand.
Üblich und erprobt ist heute die Entnahme von Stammzellen
aus dem Knochenmark vor einer Chemotherapie, damit diese dem Patienten
nach der Behandlung wieder zugeführt werden und die bei der
Therapie abgestorbenen Zellen ersetzen können. Aber im Knochenmark
leben adulte Stammzellen. Jene aus der Nabelschnur bewegen sich
in der Grenzwelt zwischen adult und embryonal, haben also andere
– bislang noch wenig erforschte – Eigenschaften. Bisher
ist beispielsweise nicht geklärt, ob sie, wie die embryonalen
Stammzellen, zur Tumorbildung neigen.
Ein derzeit heißes Forschungsfeld ist das so genannte Tissue
Engineering, der Bau von neuem Gewebe, bei dem Stammzellen als Ausgangsmaterial
dienen können. Auch in Deutschland wird daran geforscht: an
der TU München unter der Leitung von Erich Wintermantel. Er
verwendet Stammzellen direkt aus dem Gewebe der Nabelschnur. Die
Wissenschaftler um Wintermantel experimentieren an der genauen Rezeptur
der »Powernahrung«, die Stammzellen brauchen, um gewünschte
Folgezellen zu produzieren, etwa Knochen-, Knorpel- oder Fettzellen.
Der Leiter des Teams glaubt an die Zukunft des Tissue Engineering.
»Wir möchten uns die Leber vornehmen, wir möchten
ans Herz gehen«, visiert er seine – fernen – Ziele
an.
Die Meldungen aus den Labors, in denen an der Züchtung neuen
Gewebes aus Stammzellen geforscht wird, klingen oft enthusiastisch,
basieren aber hauptsächlich auf Mutmaßungen. Bisher ist
es lediglich gelungen, Vorläuferzellen für verschiedenartiges
Gewebe aus embryonalen Stammzellen zu züchten. Die Zellen wirklich
zu beherrschen ist schwer.
Was also tun mit der Nabelschnur? In den Abfall werfen, wie es
bislang die übliche Praxis war? Die bislang sinnvollste Alternative
ist die Spende an eine öffentliche Nabelschnurblutbank, von
der aus die Stammzellen denen zugänglich sind, die sie wirklich
brauchen: Menschen, die zum jetzigen Zeitpunkt todkrank sind und
keine eigenen Stammzellen aus ihrem Knochenmark ziehen können.
Ihnen kann diese Spende das Leben retten. Weltweit wurden bisher
über 5000 Patienten fremde Stammzellen aus Nabelschnurblut
transplantiert. Oder man übereignet die Nabelschnur der Forschung
– in der Hoffnung, dass sich das Einfrieren wenigstens für
die Enkelkinder lohnt.
(c) DIE ZEIT Nr. 53/ 2004 vom 22.12.2004
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin |