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Das nächste Mal bitte zu Hause...
Ich hatte eine wunderschöne Schwangerschaft,
kaum Beschwerden, war mir die ganze Zeit sicher, dass es meinem
Baby gut geht, und so erhoffte ich mir auch für die Geburt,
dass es eine schöne und wertvolle Erfahrung sein würde.
Selbst als ich über dem ET (errechneter Entbindungstermin)
war, machte ich mir keine Sorgen, da ich wusste: Jedes Kind braucht
seine Zeit und entscheidet selbst, wann es raus will.
Nach ET musste ich jeden zweiten Tag zu meiner Frauenärztin
zum CTG, was mich sehr nervte, vor allem weil ich merkte, dass mein
Kind dabei jedes mal sehr unruhig wurde (ich wagte jedoch nicht,
den Anordnungen der Ärztin Widerspruch zu leisten, die ja schließlich
die "Fachfrau" ist).
Am 5. Tag nach ET (ein Montag) war wieder ein CTG-Termin, währenddessen
plötzlich für etwa 10 Sekunden die Herztöne meines
Babys auf nur 80 Schläge/min runter gingen. Ich war etwas überrascht,
dachte mir aber nicht viel dabei, da sich die Herztöne von
allein wieder normalisierten. Ganz anders meine Gynäkologin.
Sie war sofort besorgt (obwohl bis dahin immer alles bilderbuchmäßig
verlaufen war). Das CTG wurde verlängert, was ich als noch
nerviger für mich und mein Baby empfand, aber zum Glück
kam kein auffälliger Befund mehr.
Trotzdem sagte die Ärztin, dass sie mich so nicht mehr ohne
weiteres nach Hause gehen lassen könne. Bei Erstgebärenden
sei sie da besonders vorsichtig.
Ich sollte mich am selben Nachmittag noch auf den Weg in die Klinik
zum Wehenbelastungstest (WBT) machen und damit rechnen, dass evtl.
am nächsten Tag die Geburt eingeleitet werden müsse. Paff!
Jetzt wurde ich zum ersten mal in diesen 10 Monaten nervös
(wenn man vom Moment des positiven Schwangerschaftstests mal absieht).
Ebenso mein Mann, den ich auf dem Weg nach Hause per Handy informierte.
Wir fuhren also mit gepackter Tasche in die von mir ausgewählte
Entbindungsklinik. Der WBT war dann aber in Ordnung, wir scherzten
mit den Hebammen und Ärztinnen herum und die künstlichen
Wehen waren gut auszuhalten. Man schickte uns für zwei Stunden
weg. Die diensthabende Ärztin meinte, wir sollen was essen
gehen und ein Gläschen Rotwein trinken, das helfe bekanntlich
in manchen Fällen geburtsfördernd.
Wir gingen also los zu einem türkischen Restaurant, welches
leider sehr voll und verraucht, das Essen aber sehr gut war. Den
Wein hab ich dann doch lieber gelassen. Mir war noch so gar nicht
nach Geburt. Das ging mir alles zu schnell. Schließlich wollte
ich den Zeitpunkt meiner Kleinen im Bauch überlassen und sah
auch jetzt noch keinen Grund, sie aus ihrer wohligen Behausung zu
vertreiben. Aber irgendwie habe ich mich völlig passiv in mein
Schicksal(?) gefügt und war noch immer zu keinem Widerspruch
fähig.
Wieder zurück in der Klinik wurde ein Kontroll-CTG gemacht,
welches leider nicht mehr so gut war. Die Herzfrequenz der Kleinen
war viel zu hoch und beruhigte sich nicht. Ich denke heute, es waren
meine Nervosität und Angespanntheit, die sich aufs Kind übertragen
hatten. Man brachte mir viel Wasser zu trinken, ich bekam zusätzlich
noch eine Infusion...nach etwa einer Stunde wurden die Herztöne
mal langsamer. Vom Kreissaalteam wurde beschlossen, dass ich so
nicht mehr nach Hause konnte, sondern die Nacht im Kreissaal zur
Beobachtung bleiben sollte. Meinen Mann schickte man heim. Zum Schlafen
kam ich leider die ganze Nacht nicht, da bei mir immer wieder CTGs
geschrieben wurden und nebenan von Zeit zu Zeit Frauen entbanden.
So lag ich also in einem riesigen Futonbett in einem der sechs hübsch
dekorierten Kreissäle und döste und grübelte vor
mich hin.
Am nächsten Morgen bekam ich wie versprochen Prostaglandin-Gel
in den Muttermund massiert (Auaaa!). Man bereitete mich gleich darauf
vor, dass es meist erst bei der zweiten Gabe Wirkung zeige, diese
dürfe aber erst nach acht Stunden erfolgen. So war es dann
auch. Die Wehen setzten langsam ein, ich bekam einen Wehentropf
zusätzlich. Mit der Zeit wurden die Wehen immer unerträglicher.
Ich war ganz neben mir, zum Glück war mein Liebster immer an
meiner Seite. Wir mussten alle paar Stunden den Kreissaal wechseln,
warum auch immer. Die meiste Zeit aber durfte ich nicht aufstehen
wegen des Gels und der CTGs, dabei hätte Bewegung den Geburtsvorgang
sicher beschleunigt. Immer wieder CTGs, Wehentropf mal hoch, mal
runter, irgendwann nahm ich kaum noch etwas um mich herum wahr.
Die zweite Nacht brach an. Nichts passierte. Der Muttermund wollte
einfach nicht aufgehen. Die Wehen wurden noch unerträglicher.
Aber ich wollte durchhalten. Leider war mein Baby immer wieder zwischendurch
so aufgeregt (kein Wunder!), dass ich sehr oft am CTG "hing"
und somit ziemlich immobil war. Wenn gerade mal kein CTG geschrieben
wurde, lief ich zwischen Kreissaal und Wochenstation umher - die
ganze Nacht ging das so. An Schafen war überhaupt nicht zu
denken, aber ich wollte durchhalten. Noch ging es irgendwie.
Bei jeder Untersuchung der niederschmetternde Befund, dass sich
am Muttermund noch immer nicht viel getan hätte.
Nebenan in den anderen Kreissälen ging das Gebären weiter;
die Frauen kamen, schrieen, die Hebammen leierten die immer selben
Sprüche runter (die ich inzwischen alle auswendig konnte),
irgendwann ein Glucksen und dann ein erstes Weinen des Babys...dann
die glücklichen Stimmen der Eltern, Telefonate mit den eben
gewordenen Großeltern...ich konnte es nicht mehr ertragen!
Etwa um Mitternacht ging ich (wieder mal) zur Toilette. Auf dem
Weg zurück ins Kreisbett knackte es so komisch in meinem Bauch.
Ich verlor Flüssigkeit und lief zu den Hebammen, die dann feststellten,
dass die Fruchtblase wohl ein wenig gesprungen sei. Eine Hebamme
untersuchte mich und erklärte mir, dass nun auch der Rest vom
Schleimpfropf weg sei. Aha, dachte ich, das ist doch mal was. Ich
sah Licht am Ende des Tunnels, schließlich war nun der Muttermund
wenigstens fingerdurchlässig.
So verging noch der Rest der Nacht. Gegen 6 Uhr hielt ich es nicht
mehr aus, ich wollte nicht mehr allein sein, rief meinen Mann an,
der eine Stunde später da war.
Ich war so am Ende, dass ich heulte. Ich ließ mich zu einer
intramuskulären Schmerzmittelinjektion überreden. Von
der riesigen Spritzenkanüle merkte ich nicht das geringste.
Meinem Mann wurde schon vom Zuschauen schlecht. Die Spritze half
ein klein wenig, die Wehen besser zu ertragen, wenn auch der Schmerz
nur etwas gelindert war. Aber immerhin hatte ich so etwas mehr Kraft.
Die Stunden vergingen, nicht viel passierte, außer, dass meine
Energie sich immer mehr in Nichts auflöste. Ich war nun seit
über 36 Std. in dieser Klinik... Wir "wanderten"
wieder durch die Kreissäle, bis schließlich ein hellblau
angestrichener der letzte sein sollte. (Wieso tut man so was? Dieses
ständige Zimmerwechseln ist jedes Mal eine Unterbrechung, die
sich ungünstig auf die Geburt auswirken kann, da sie nicht
aus dem Impuls der Gebärenden, sondern von außen erfolgt
und außerdem die mühsam aufgebaute Atmosphäre zerstört.)
Irgendwann war mir alles egal und ich ließ mich zu einer PDA
"überreden". Diese wirkte zum Glück auch. Ich
fühlte mich plötzlich wieder wie ein Mensch, merkte, dass
ich Hunger bekam und konnte wieder lachen. Mittlerweile war Mittwoch,
ca. 17 Uhr, also Stunde 48 nach erstmaligem Betreten der Klinik.
Das Personal stellte Schätzungen an, wann mein Baby endlich
da sein würde - sie wollten mich wohl trösten. Mittlerweile
kannten wir so ziemlich alle Hebammen und Ärzte. Ich versuchte
trotz tauber Beine verschiedene Geburtsstellungen (nach Anweisung!
Wo war nur meine Selbständigkeit geblieben?), so gut es ging.
Irgendwann erhöhte man wieder den Wehentropf und verringerte
die PDA. So langsam aber sicher musste doch mal was passieren.
Es passierte aber nichts. Geburtsstillstand!? Ich hatte keinerlei
Energie mehr, irgendwann schwand auch das letzte Fünkchen Motivation.
Ich fühlte, wie ich nicht mehr dazu in der Lage war, irgend
etwas mitzubestimmen. Es war, als gehöre mein Körper nicht
mehr mir, sondern dem Krankenhauspersonal. Ich ließ alles
über mich ergehen. Je später der Abend, desto unruhiger
wurden Hebamme und Ärztin. Irgendwann sollte ich pressen, doch
WIE OHNE PRESSWEHEN???? Wehen waren da, aber KEIN Drang zu pressen,
kein Gefühl, das irgendwas "nach unten drückt"...Babys
Köpfchen stand tief, aber es wollte nicht weiter. Ich hatte
Angst. Und dann fing die eine Hebamme an, auf meinem Bauch herumzudrücken.
Ich brüllte - es war wie im Dschungel. So einen Ton hatte ich
mein Leben lang noch nicht herausgebracht. Ich brüllte, weil
der Druck auf Bauch, Rippen und Lunge so groß war. Das konnte
doch nicht die Lösung sein?! Und meine Angst wurde immer stärker.
Ich weiß nicht mehr, wie lang das so ging, wie lang ich presste
und presste, die anderen mir Dinge zuriefen, die ich allesamt vergessen
habe... Irgendwann kam der Oberarzt - er flüsterte zur Ärztin
(ich hörte es trotzdem): "Warum kein Kaiserschnitt???"
die Ärztin: "der Kopf ist schon zu tief". Nun fing
auch noch dieser große, kräftige Mann an, sich auf meinen
Bauch zu legen und von oben zu pressen, während ich mitpressen
sollte. Und wieder kam dieses grollende Brüllen aus mir heraus.
Ich jammerte in den Pausen, wünschte zu platzen, damit mein
Baby endlich raus kann, denn scheinbar war es auf normalem Wege
unmöglich. Ich hatte solche Angst um die Kleine, dass ihr was
passiert. Was, wenn sie das nicht überlebt??? Mein Körper
war mir völlig egal, nur dieses Pressen von außen konnte
ich nicht tolerieren. Das war zuviel.
Kurze Verschnaufpause.
Dann machten sie einen Dammschnitt und nahmen die Zange. Als ich
dieses komische Gerät sah, hatte ich noch mehr Angst um mein
Kind. Mein Mann hielt meinen Kopf fest umschlungen, drückte
seinen an mich. Er war auch am Ende. Wir wollten doch nur unser
Baby. Ich hatte geglaubt, dass die Natur das schon alles regeln
wird, die Natur, mein Baby und mein Körper in gemeinschaftlicher
Arbeit. Doch es war alles andere, es war unmenschlich.
Dann, einen Augenblick bevor ich bereit war zu sterben, zogen sie
mit nervöser Hektik den Kopf der Kleinen heraus. Der Rest flutschte
irgendwie so hinterher.
Als ich ihren kleinen, von Käseschmiere verzierten Körper
sah, rief ich: "Guck, da is' sie!"
Sie legten sie mir auf den Bauch und ich spürte die große
Erleichterung aller Anwesenden.
23.02 Uhr. Unser Baby hatte es hinter sich und war geboren. Ich
hatte für mich nicht das Gefühl, dass ich es geschafft
hatte, wir alle hatten es irgendwie geschafft.
Und dann lag sie da, dieses kleine fremde und doch so vertraute
Wesen, schaute still mit ihren großen, dunklen Augen umher.
Ich hielt sie fest, ihre Haut war wunderbar weich und warm. Ihr
Papa lief um mich herum, um sie sich anzuschauen. Er sagte: "Och,
Du siehst ja aus wie ein Opa!"
Die Ärztin nähte noch über eine Stunde an meinen
Wunden. Die Kleine wurde etwas gesäubert und angezogen (ich
hatte mir eigentlich gewünscht, dass man sie so lässt,
wie sie ist, bis ich sie selber versorgen kann), gemessen etc. und
dann durfte ihr Papa sie in den Arm nehmen - dieses kleine Bündel,
eingewickelt in ein gelbes Handtuch. Als meine Wunden versorgt waren,
bekam ich meine Kleine zum Stillen, was auch gut klappte.
Jetzt könnte man denken, ein Happy End, alles in Ordnung,
das Leben mit Baby kann beginnen. Doch der glücklichste aller
Momente dauerte nicht mal 24 Stunden. Ich hatte keine Zeit, mich
von den Strapazen zu erholen, geschweige denn, mein Baby einmal
richtig anzuschauen, kennen zu lernen und zu genießen. Aufgrund
eines erhöhten Entzündungswertes in ihrem Blut bestand
der Verdacht auf eine Infektion (wohl von der langen Zeitspanne
zwischen Blasensprung und Geburt herrührend). Die kleine Maus
sollte Antibiotika über Infusionen bekommen. Die Ärzte
informierten mich vormittags über diese Tatsache. Es bedeutete,
dass meine Kleine auf die Neugeborenenintensivstation ins gegenüberliegende
Krankenhaus gebracht werden musste. Sofort rief ich meinen Mann
an, der gerade bei der Arbeit war, aber sofort dort weg durfte.
Das nächste Mal, als er seine Tochter sah, lag sie in einem
Wärmebettchen und war mit EKG-Elektroden verkabelt.
Der Moment, als die Rettungssanitäter mit dem Inkubator kamen,
um sie zu holen, war, als würde ich für irgendetwas bestraft.
Ich lag im Bett, mein Baby schlief gerade auf meinem Bauch, als
die Krankenschwester mir sagte, dass ich mich nun verabschieden
müsse. Ich hielt mein Töchterchen so fest, ich schluchzte,
ich heulte, ich hätte schreien können. Nach all dem will
man mir mein Baby nehmen??? Man hätte mir stattdessen beide
Beine amputieren können, das wäre lang nicht so schlimm
gewesen. Aber mein Baby? Ich wäre MIT ihr zusammen überall
hingegangen, aber sie OHNE mich???
Dieses Gefühl ist so unbeschreiblich. Da ist ein Band zwischen
Mutter und Kind, dass man nicht zertrennen darf. Und trotzdem musste
ich sie hergeben. Es sollte doch nur zu ihrem Besten sein... Aber
bin ich denn nicht das Beste, das sie in diesem Moment hatte? Warum
konnten sie ihr diese Infusionen nicht geben, während sie weiter
bei mir war? Warum konnten diese Kinderärzte nicht auf die
Wochenstation kommen? Oh, in dieser Hinsicht muss sich noch soviel
ändern. So was darf man Mutter und Kind einfach nicht antun!
Unsere Tochter war insgesamt eine Woche in der Kinderklinik (sie
wurde nach einem Tag von der Neugeborenenintensiv in die Kinderklinik
verlegt, weil sie ja nicht krank war und den Platz frei machen musste.
Leider war die Kinderklinik weiter weg). Ich pendelte die ersten
Tage zwischen den Kliniken, bekam Taxibeförderungsscheine von
den Ärzten ausgestellt, pumpte die Milch ab und brachte sie
meiner Kleinen, auch wenn es anfänglich nur 2ml, dann 5ml,
dann 10ml und dann immer mehr wurde.
Ich brach in dieser Zeit so oft in Tränen aus...als man sie
von der Neugeborenenintensiv mit dem Krankenwagen in die Kinderklinik
fuhr und ich nicht mitfahren durfte...als ich sie in der Kinderklinik
in ihrem Plastikbettchen liegen sah, als ich zusah, wie man sie
untersuchte, ihr Infusionen in ihre kleine Hand und später
am Kopf gab...wie sie schrie, als man ihr Blut abnahm...ich saß
bei der Ärztin im Sprechzimmer und heulte ihren Schreibtisch
voll. Mein Kind war eigentlich gesund und musste prophylaktisch
Antibiotika bekommen, durfte nicht rund um die Uhr bei mir sein...
Dann ließ ich mich aus der Entbindungsklinik entlassen, weil
ich die ganzen frischgebackenen Mütter mit ihren Babys nicht
mehr ertragen konnte. Ich wollte nach Hause, auch wenn es dort traurig
war - die ganzen Babysachen und kein Baby. Mein Mann versuchte in
dieser Woche, mir Mut zuzureden, meinte, dass die Kleine das alles
noch nicht so mitkriege, dass sie es schnell vergesse...aber ich
glaubte nicht daran.
Ich war tagsüber stundenlang bei ihr, stillte sie, so lange
sie mochte, auch wenn sie manchmal über eine Stunde an mir
nuckelte, dabei immer wieder einschlief und mir die Kinderkrankenschwestern
erstaunt sagten, ich solle nicht so lange stillen (grrr). Ich ließ
sie auf meinem Bauch schlafen. Eigentlich hätte ich zu Hause
im Bett liegen sollen. Das viele Umherlaufen und auf harten Stühlen
sitzen tat meiner Dammschnittwunde nicht gut. Ich hatte Abends Wasser
in den Beinen, was selbst in der Schwangerschaft nicht einmal der
Fall gewesen war. Aber jeder Spuk geht irgendwann einmal vorbei
und so holten wir unsere kleine Tochter nach einer Woche endlich
nach Hause.
Wie sehr leiden Eltern, deren Kinder zu früh geboren werden
oder gar krank sind und längere Zeit nicht nach Hause können...
Und wie wirkt sich das alles überhaupt auf die Kinder aus?
Das, was ich mitbekam, war schon schlimm genug - diese Isolation,
der die Kleinen ausgeliefert sind, die ganzen Monitoralarme, ständig
fremde Personen, Gerüche, Geräusche, (ohne hier medizinische
Notwendigkeiten in Frage zu stellen - das ist ein anderes Thema)
...meistens, wenn ich morgens in die Klinik kam, sagte mir eine
Schwester: "Wie gut, dass sie kommen, ihre Kleine hat sich
schon heftig zu Wort gemeldet." Tja, wie gerne wäre ich
die ganze Zeit bei ihr geblieben, aber ich konnte doch nicht eine
Woche lang auf einem Stuhl übernachten? Diese Kinderklinik
weigerte sich, mich als Wöchnerin mit aufzunehmen, mit der
Begründung, dass sie nicht für die Pflege von Wöchnerinnen
ausgestattet seien. Mir erscheint diese Begründung etwas zweifelhaft,
denn aufs Wochenbett hätte ich zugunsten meiner Tochter gern
verzichtet, zumal ich dies sowieso schon tat, durch meine ständige
Anwesenheit in der Kinderklinik tagsüber.
Eines habe ich mir geschworen: Ich werde nie wieder alles so sehr
fremden Händen überlassen, wenn es um meinen Körper
und vor allem mein Baby darin geht. Für das nächste Kind
wünsche ich mir sehnlichst, dass es zu Hause zur Welt kommen
darf - ohne Chemie, ohne Zwang und ganz in Ruhe.
Oktober 2002
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Nachtrag Juni 2006:
Mittlerweile ist meine Tochter vier Jahre alt und bekommt im September
diesen Jahres ein Geschwisterchen. Trotz des schwierigen Anfangs
hatten wir eine sehr schöne und harmonische Stillzeit, deren
Ende noch nicht in Sicht ist. Das heißt, bis zu meiner jetzigen
Schwangerschaft stillte meine Tochter gewöhnlich noch 2-3 Mal
am Tag, hauptsächlich (mit seltenen Ausnahmen) abends zum Einschlafen.
Viel Muttermilch trank sie nicht mehr, es beschränkte sich
meist auf kurzes Nuckeln und ein paar Schluck bzw. höchstens
eine ausgiebige Stillmahlzeit pro Tag. Mit fortlaufender Schwangerschaft
wurde die Muttermilch immer weniger und veränderte ihren Geschmack,
was mir meine Tochter auch mitteilte: „Die Mimi schmeckt salzig“,
„Da kommen ja nur noch ein paar Tropfen“.
Dies führte jedoch bisher nicht zum Abstillen, scheinbar braucht
sie das abendliche Nuckeln noch, um abzuschalten, um „Mama
zu tanken“ etc.. Wenn es mir unangenehm ist (die Brust ist
durch die Schwangerschaft empfindlich geworden), sage ich ihr das
und bitte sie, vorsichtig zu sein bzw. ganz aufzuhören, was
sie sehr gut akzeptieren kann. Schließlich schläft sie
immer öfter auch mit Kuscheln, durch Rückenstreicheln,
den Arm um sie legen oder ganz von alleine ein.
Wir sprechen natürlich oft vom Baby und davon, was es für
Veränderungen mit sich bringen wird. Ich habe meiner „Großen“
erklärt, dass nach der Geburt die Mamamilch in erster Linie
fürs Baby da ist, sie aber trotzdem weiter mittrinken darf,
wenn sie das möchte. Ebenso habe ich ihr erzählt, dass
die Milch dann vielleicht wieder anders schmecken und am Anfang
sehr viel Milch da sein wird, sodass sie auf jeden Fall auch genug
abbekommen wird. Nun, sie freut sich darauf, „die Mimi“
mit dem Baby zu teilen. Ich finde die Vorstellung davon sehr schön,
denn so kann meine Tochter ganz bewusst ihrer kleinen Schwester
etwas abgeben, was ihr sehr wichtig ist und muss nicht das Gefühl
haben, selbst kein Recht mehr darauf zu haben. Und ich bin schon
sehr gespannt darauf, wie sich das alles entwickelt und wann der
Zeitpunkt kommt, an dem meine große Tochter ihrer persönlichen
Stillzeit völlig entwachsen ist.
Für mein zweites Kind ist übrigens eine Hausgeburt geplant.
Ich habe seit Beginn der Schwangerschaft Kontakt zu einer Hebamme
mit Hausgeburtserfahrung, lasse sämtliche Vorsorgeuntersuchungen
bei ihr machen und gehe lediglich zu den drei Ultraschall-Screenings
zu einer Gynäkologin, die einer Hausgeburt gegenüber sehr
aufgeschlossen ist. Damit fühle ich mich sehr gut betreut und
empfinde die gesamte Vorsorge wesentlich angenehmer als beim letzten
Mal.
Nana mit Töchterchen (*April '02)
Exkurs zum mehrjährigen Stillen:
· Dass ich nun ein vierjähriges Kind stille, war für
mich nicht zu erwarten. Von so lang gestillten Kindern hatte ich
früher zwar schon gehört/gelesen, doch für mich selbst
konnte ich mir das nicht vorstellen. Nun war meine Tochter ein Kind,
dass sehr lange Beikost nur zum Probieren interessant fand, zum
Hungerstillen war ihr Mamamilch bis weit ins zweite Lebensjahr hinein
das Liebste. Auch als sie anfing, ihren Hunger durch andere Lebensmittel
zu stillen, war das Stillen ihr noch sehr wichtig. Ich hatte kein
Problem damit, weil ich merkte, dass es ihr gut tat und sie es brauchte.
So wuchs ich nach und nach ins „Langzeitstillen“ hinein.
· Eine Situation, die viele Mütter mit älteren
Stillkindern kennen: Das Kind ist quengelig, irgendwas wurmt es,
es ist vielleicht müde, doch gerade keine Zeit zum Schlafen.
Das Kind stillt für wenige Minuten und ist plötzlich wie
ausgewechselt, strahlt, ist wieder fröhlich, voller Tatendrang
und die Situation entspannt sich.
· Mit zunehmendem Alter des Kindes entwickelt sich das Stillen
zu einer Zweierbeziehung, die immer weniger nur vom Bedürfnis
und der Abhängigkeit des Kindes bestimmt wird, sondern genauso
vom Empfinden der Mutter. Damit meine ich, dass es mehr und mehr
darum geht, auszusondieren, was hinter dem Stillwunsch des Kindes
steckt, denn nicht jeder Stillwunsch ist ein primärer. Ebenso
gibt es Situationen, in denen eine Mutter gerade nicht Stillen möchte
und dies mit dem Kind verhandeln muss, sprich: Das Kind lernt, auch
die Bedürfnisse der Mutter zu respektieren und zu akzeptieren.
Dieser Lernprozess ist natürlich nicht nur aufs Stillen beschränkt,
stellt sich hierbei aber sehr deutlich hervor.
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