 |
Mollys Geburtsbericht
Teil 1: Die Kliniksuche
Bei der Wahl des Krankenhauses war ich zunächst sehr pragmatisch.
Meine Theorie lautete: Man sollte sich da nicht übermäßig
verrückt machen, denn verglichen mit den Rahmenbedingungen,
die unsere Mütter vorfanden, ist es heutzutage überall
traumhaft. Zu der Zeit, in der man sich laut Ratgeber in den Kliniken
umsehen sollte, machte ich mich also auf den Weg zur Klinik in unserer
Stadt. Außer mir waren da noch etwa 10 Schwangere zur Besichtigung
und geführt wurden wir von einer Hebamme. Die war etwas ruppig
und offenbar auch genervt von jeglichen Fragen - aber mein Gott!
- jeder kann mal einen schlechten Tag haben.
Die Räumlichkeiten fand ich so lala, aber ich wollte da ja
nicht wegen des Ambientes hin, sondern einfach nur zum Entbinden.
Und wichtig war mir "ein bisschen tickende Technik im Hintergrund,
damit ich mich in Sicherheit fühle." Und die gab's da.
Der Gedanke an eine Wassergeburt hat mich gereizt und die Hebamme
zeigte uns auch das Becken, gab aber mit allen ihr zur Verfügung
stehenden Mitteln zu erkennen, dass sie von diesem neumodischen
Hokuspokus gar nichts hielt und unterstrich das noch mit der Information,
dass die meisten Mütter, die das probieren, auch nicht damit
zurecht kommen und sich sehr quälen würden, wenn sie dann
mitten unter den Wehen aus der Wanne steigen müssten.
Eine andere Mutter, die sehr aufgeklärt wirkte, fragte nach,
wie es in dieser Klinik mit den obligatorischen Augentropfen gehandhabt
würde. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie von derartigen
Augentropfen gehört, aber in Gedanken urteilte ich diese Mutter
als hyperhysterische Wichtigtuerin ab. Die Ärzte und Hebammen
würden doch schon wissen, ob Augentropfen nötig sind oder
nicht.
Gut, der Infonachmittag war nicht berauschend, aber es sprach für
mich auch nichts eindeutig gegen diese Klinik. Als gewissenhafte
werdende Mutter besuchte ich dann noch den Infoabend, an dem sich
Ärzte und Hebammen genauer vorstellen wollten. Ein paar Fragen
stellte ich auch. Zum Beispiel verwirrte es mich, dass laut Prospekt
Akupunktur zur Schmerzbekämpfung angeboten wurde, die Hebamme
aus der ersten Führung aber eher verwirrt schaute, als ich
danach fragte, und meinte, das könne nicht jede. Also fragte
ich den Oberarzt bei der Plenumsdiskussion danach und der versicherte
mir, dass das natürlich jederzeit möglich sei. Ich stellte
mir dann vor, wie ich in Wehen liegend nach meiner mir versprochenen
Akupunktur schreie. Vielleicht noch während meiner Wassergeburt.
Irgendwie war ich nicht überzeugt.
Was mich noch sehr interessierte, war das Rooming-in. Die Schwester
erklärte daraufhin, dass das durchaus von vielen Müttern
gewünscht würde, und natürlich auch möglich
wäre. Aber ich würde schon sehen, dass man die Gelegenheit
gerne wahrnehmen würde, das Kind ins Babyzimmer zu bringen,
wo es optimal überwacht würde. Da kämen sowohl ich
als auch meine Zimmergenossin zu mehr Schlaf.
Der Abend hinterließ das leichte Gefühl des Zweifels,
aber sollte ich wirklich eine andere Klinik suchen, womöglich
mit längerer Anfahrtszeit, ohne angeschlossene Kinderklinik?
Mit den paar Kleinigkeiten würde ich auch so fertig werden...
Dann in etwa der 32. Woche ging ich zur persönlichen Vorstellung.
CTG, Daten aus dem Mutterpass übertragen lassen, alles Routine,
um die Aufnahme zu erleichtern. Die untersuchende Hebamme, die nicht
sehr gut gelaunt schien - aber mein Gott! Jeder kann mal einen schlechten
Tag haben! - stellte fest, dass mein Baby verkehrt herum lag (Steißlage).
"Machen Sie den Termin für den Kaiserschnitt in etwa 4
Wochen aus."
Wie - Kaiserschnitt??? Warum???
Das war's. Das war der Tropfen für das Fass. Ich hab ja nichts
gegen Kaiserschnitt. Ich wäre die letzte, die sich da anmaßt,
gerade beim ersten Mal risikofreudig zu sein und ärztliche
Ratschläge in den Wind zu schlagen. Aber es wurde ja nicht
einmal in Erwägung gezogen, dass mein Kind sich noch umdreht
(was es übrigens getan hat!) oder dass es noch andere Möglichkeiten
gäbe!
Hinzu kamen noch ein paar Geschichten, die ich auf Nachfrage im
Bekanntenkreis zu hören bekam: Von Müttern, die sich bevormundet
fühlten, Müttern, die einen Hebammenwechsel erlebten,
gerade als das Köpfchen des Kindes zum Vorschein kam, Müttern,
die das Kind in der ersten Viertelstunde kaum zu sehen bekamen (obwohl
ihm nichts fehlte), Müttern, die kaum Hilfe beim ersten Anlegen
des Babys bekamen, Müttern, denen sofort Stillhütchen
verordnet wurden und die dadurch Stillprobleme bekamen und und und...
Nun ja: Ich begab mich also auf die Suche nach einer Alternative.
Für Geburtshaus war ich zu feige. Ein bisschen "alternativ"
sollte es aber doch sein.
Eine gute halbe Stunde Fahrzeit von unserem Wohnort entfernt fand
ich eine Klinik, wo ich von einer netten Hebamme empfangen wurde
- aber mein Gott, jeder kann einmal einen guten Tag haben! Sie sagte
lauter Dinge wie: Bringen Sie sich ihre Lieblingsmusik mit, das
entspannt während der Wehen! Wo sie entbinden wollen, werden
sie schon sehen. Das kann man nie vorher wissen. Aber ein Wechsel
von Wanne auf Kreißbett ist kein großes Problem. Mit
Akupunktur kennen sich einige unserer Hebammen aus, da müssen
Sie fragen. Klar haben wir Rooming-in - Durchschlafen können
Sie sich mit Baby sowieso abschminken.
Der Kreißsaal war geräumig, hell und freundlich eingerichtet.
Und auch, wenn ich da eigentlich gar nicht wegen des Ambientes hinwollte,
so war ich mir nach diesem Besuch sicher, dass ich da hinwollte.
Lange Rede - kurzer Sinn: Ich war am Anfang durchaus offen und
bestimmt nicht allzu fordernd. Ich war bereit, verschiedene Routinedinge
des Alltags zu tolerieren, ohne meine Erwartungen zu hoch zu schrauben.
Aber der geballte Eindruck, dass eine Klinik mit einem Hochglanzprospekt
Leute anlocken will und Dinge verspricht, die sie nicht halten kann,
vermengt mit dem Gefühl, als Mensch gar nicht ernst genommen
zu werden, sondern eher in der Rolle einer unerfahrenen, eher lästigen
Patientin dort aufzutauchen, die sich einer Hebamme zu unterwerfen
hat, die vielleicht gerade dann, wenn ich entbinden will, ihren
schlechten Tag hat - all das hat mich dann doch dazu bewogen, mich
auf die Suche zu begeben.
Wichtig war mir einfach das Gefühl, dass die Leute, die mich
während der Entbindung umgeben würden, sich in ihren Haltungen
und Vorstellungen nicht grundlegend von meinen unterscheiden. Denn
zu Diskussionen würde ich während der Geburt weder Lust
noch Energie aufbringen können. Ich wollte ihnen voll vertrauen.
Wenn es geheißen hätte: Wir müssen einen Kaiserschnitt
machen, hätte ich das Gefühl haben wollen: "Ja, ich
vertraue euch, dass diese Entscheidung richtig ist!" - Nicht
das Gefühl: "Braucht ihr das jetzt für eure Statistik
oder will die Hebamme noch vor Schichtende fertig werden und hat
keine Zeit mehr? Hilfe! Wer ist ehrlich zu mir?"
Teil 2: Die Entbindung
Ich saß spätabends noch vorm Computer, surfte in irgendeinem
Schwangerenforum und bemerkte, dass die Schmerzen im Bauch doch
einigermaßen regelmäßig schienen. Ich notierte
die Zeiten: Es waren alle zehn bis elf Minuten, dann wieder eine
Viertelstunde.
Ratgeber gewälzt, Infobroschüren geblättert: alle
schienen eher entwarnend, nach dem Motto: Wenn es so beginnt, legen
Sie sich erst noch einmal hin. Das kann noch dauern.
Das war nachts um 11, einen Tag nach meinem errechneten Entbindungstermin.
Ich bin also ins Bett gegangen und verlebte eine eher unangenehme
Nacht, in der ich zumindest 20-minütlich wach wurde. Ich weckte
ab und zu meinen Mann, aber so richtig begriff er auch nicht, was
ich wollte.
Am nächsten Morgen stand ich um 6 Uhr endgültig auf, sah
zum x-ten Mal meine Kliniktasche durch, ging Duschen und schminkte
mich - vorausschauend wie ich war - mit wasserfestem Augen-Make-up:
Wenn es noch heute zur Entbindung kommen sollte, dann wollte ich
auf dem Foto danach nicht aussehen, wie jemand, der sich selbst
vernachlässigt...
Die Schmerzen kamen immer noch recht regelmäßig, aber
nicht häufiger als viertelstündlich.
Um 8 Uhr rief ich meine Hebamme an, schilderte ihr die Situation.
Sie wirkte eher skeptisch, empfahl mir ein warmes Bad. Da wir nur
eine Dusche hatten, probierte ich es mit einer warmen Wärmflasche,
kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis.
Mittlerweile hatte ich auch meinem Mann geweckt, der überhaupt
nicht mitbekommen hatte, dass ich die ganze Nacht schon Wehen gehabt
hatte. Wir beschlossen, einfach zur Klinik zu fahren, es würde
sich schon zeigen, was los war.
Etwa um 9 fuhren wir los, 40 Minuten später waren wir dort.
Die Wehen waren mittlerweile unangenehm, so dass ich an der Anmeldung
kaum stehen konnte.
CTG, Untersuchungen, skeptische Blicke, Empfehlung spazieren zu
gehen.
Also machten wir eine Runde durch den Park, fuhren dann noch zu
einer Tankstelle, um Schokolade zu kaufen, gingen um einen See spazieren
und kamen zurück zur Untersuchung. Wieder skeptische Blicke.
Hätten wir nicht eine relativ lange Anfahrtszeit hinter uns
gehabt, hätten sie uns gleich heimgeschickt, aber so empfahl
man uns noch eine Runde im Park.
Diese Prozedur wiederholte sich und ich fand Entbinden zu diesem
Zeitpunkt bereits höchst langweilig. Alle sechs bis zehn Minuten
hatte ich doch recht unangenehme Schmerzen, musste mich krümen
und dann weiterlaufen. Mein Mann moserte, dass er an seinem freien
Tag (es war Sonntag) gerne mit den Renovierungsarbeiten fürs
Bad vorangekommen wäre. Die ganze Veranstaltung hier wirkte
doch etwas unproduktiv.
Nach stundenlangen Spaziergängen dann nachmittags um 3 die
erlösende Nachricht: Es geht los. Der Muttermund war einige
Zentimeter geöffnet, ich wurde endlich ernst genommen!!!
Noch ein paar Spaziergänge, Untersuchungen und CTGs später,
abends um 6, durfte ich mich umziehen, bekam einen Einlauf (optional,
wollte ich aber) und durfte in die Wanne. Das war der erste entspannte
Moment des Tages. Das warme Wasser schien wie eine Erlösung,
wobei ich aber der Ehrlichkeit halber zugeben muss, dass die Wehen
selbst immer schlimmer wurden. Ob das am Wasser lag oder am Stadium
der Geburt weiß ich natürlich nicht.
Die Eröffnungsphase ging relativ zügig voran. Ich bekam
auch Akupunktur, war aber nicht so begeistert von ihr (wobei ich
wiederum nicht weiß, wie es ohne gewesen wäre). (Ergänzung:
Ich hatte während der Geburtsvorbereitung schon Akupunktur,
was vielleicht der Grund dafür ist, dass die Eröffnungsphase
so schnell ging).
Die Wehen waren schmerzhaft. Aber das Zählen half mir, da
ich immer wusste: Ab jetzt wird's wieder besser. Allerdings kamen
sie sehr häufig und ich bemerkte, dass ich auch zunehmend den
Spaß an der Sache verlor. Ach ja, ich alternativer Öko
hatte noch Bachblütentropfen dabei. Ob's Einbildung ist, weiß
ich nicht, aber die halfen echt. Wobei ich wohl die ganze Flasche
auf einmal reingeschüttet hätte, wenn mein Mann sie aus
der Hand gegeben hätte.
Ab circa 7 Uhr abends hatte ich Presswehen. Die sind dann wirklich
nicht mehr lustig. Ich presste was das Zeug hielt, war mir sicher,
beim nächsten Blick sämtliche Innereien in der Badewanne
zu finden, um in der kurzen Erholungspause meine Hebamme zu hören:
"Das war schon sehr gut. Aber das nächste Mal presst du
wirklich fest!" Hätte ich die Kraft gehabt, wäre
ich ihr ins Gesicht gesprungen.
Meine Hebamme, die abgesehen von ihren Presstipps übrigens
genau so war, wie ich es wollte (unaufdringlich, weise und einfach
da!) meinte auf mein drängendes Fragen hin (obwohl sie sich
wirklich nicht zu einer Zeitangabe hinreißen lassen wollte),
dass das Baby wohl noch in ihrer Schicht geboren werden würde.
Ihre Schicht würde um halb neun enden. Eine Stunde würde
ich das noch aushalten. Doch doch.
Irgendwann kam jemand herein und stellte sich als neue Hebamme
vor. Ich dachte ich spinne. Schichtwechsel und bei mir immer noch
keine Veränderung! Ich war seit eineinhalb Stunden am Pressen
und fertig mit der Welt.
Nach einer halben Stunde meinte die neue Hebamme, wir sollten es
auf dem Bett probieren. Zu diesem Zeitpunkt war mir alles egal.
In einer Wehenpause krabbelte ich irgendwie aus der Wanne. Auf dem
Kreißbett probierte ich Seitenlage, Hocken, Handstand (na
ja, das nicht!). Am Ende befand ich mich in halbaufrechter Rückenlage
(mehr oder weniger die traditionelle Position). Der Arzt schaute
immer wieder vorbei, aber ich gebe zu: Ich bekam nichts mehr mit.
Mein intelligentester Kommentar war, dass ich -bitte, bitte - nur
eine Stunde Pause möchte. Ein bisschen Ausschlafen. Danach
könnten wir ruhig weitermachen.
Was ich im Nachhinein beängstigend finde: Ich dachte fast keine
Sekunde ans Baby. Doch, als sie noch in der Wanne die Kopfschwartenelektrode
einsetzten, sorgte ich mich, dass dem Kind das wohl weh tun würde.
Aber das war's schon. Dass der Arzt immer wieder vorbeischaute wegen
der Herztöne, erzählte mir mein Mann erst danach. Dass
neben dem Kreißbett die Saugglocke bereit gemacht wurde, bemerkte
ich nicht. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ach
ja, und als ich noch in der Wanne lag, brachte die erste Hebamme
kurz das Baby vorbei, das am Nachmittag geboren worden war und zeigte
es mir, sozusagen als Ermunterung. Aber ich konnte damit nichts
anfangen. Das war alles sehr weit weg und ich brachte die Schmerzen
nicht einmal entfernt mit einem Baby, das ich jemals in Händen
halten würde, in Verbindung. Auch als mich die Hebamme noch
in der Wanne anleitete, das Köpfchen meines Babys zu fühlen
(und ich fühlte es!) war das irgendwie noch endlos weit weg
von mir.
Nun lag ich also auf diesem Kreißbett und hatte mittlerweile
alle meine Vorstellungen von einer ästhetischen Geburt aufgegeben.
Ich stöhnte abartig laut herum, genau so wie es Frauen in Geburtsfilmen
tun und wozu ich mir immer dachte: "Das muss ja nicht sein.
Davon wird's auch nicht besser und die Umwelt leidet unnötig
mit!" Aber ALLE sollten leiden oder zumindest an meinem Leiden
teilhaben. Und wenn's nur akustisch war! Außerdem half es
echt. Also stöhnte ich, was das Zeug hielt, sah mittlerweile
wahrscheinlich aus, wie ein Pandabär mit all meinem "wasserfesten"
Make-Up um die Augen.
Und dann wurde der Schmerz so schlimm, dass ich dachte, ich würde
in Stücke reißen. Ich schrie meiner Hebamme zu, dass
das nun wirklich nicht mehr ginge. Und sie meinte, es wäre
soweit.
Alles ging so schnell, dass ich es in der Erinnerung kaum mehr zusammenbekomme:
Nach einer weiteren Wehe hielt sie plötzlich ein Kind in den
Händen. Und obgleich ich gerade knapp vier Stunden Presswehen
hinter mir hatte, war mein erster, fassungsloser Satz: "Was,
schon?!?!"
Das Gefühl kann ich nicht beschreiben. Das war echt ein fertiges
Baby, mit Armen und Beinen und einem beleidigten Gesicht und fast
gar nicht blutig, sondern fast wie frisch aus einer Wanne. Und warm
und weich und wunderschön.
Mein Mann schnitt die Nabelschnur durch, die Hebamme legte mir
meinen Sohn auf die Brust und ich war fassungslos, sprachlos und
richtig kitschig ergriffen.
Der Rest ist fast unwirklich weil ich es wie in Trance erlebte
und die Reihenfolge weiß ich auch nicht mehr: Arzt und Hebamme
fragten, ob ich Augentropfen für das Kind wolle, ich fragte
zurück, ob's die bräuchte. Beide drucksten herum und heraus
kam, dass es keine brauchte. Dann wurde mein Sohn neben mir in einem
Badeeimer gebadet (eher nur in warmes Wasser getaucht), während
der Arzt meinen Dammriss nähte. Vorher war wohl noch die Plazenta
herausgekommen, die man mir unbedingt in allen Details zeigen wollte,
aber irgendwie fand ich das Teil im Vergleich zu meinem Baby doch
eher uninteressant J
Ach ja, und vorm Baden hat die Hebamme mir noch gezeigt, wie ich
meinen Sohn anlegen kann, aber der tat nur ein paar Höflichkeitsschlucke.
Ich hatte schrecklichen Hunger, bekam noch ein verspätetes
Abendessen und wurde zur Beobachtung erst mal in ein Nebenzimmer
verfrachtet, wo ich anfing meinen Sohn zu bestaunen (was ich die
nächsten 24 Stunden nonstop tun würde), während mein
Mann in komatösen Tiefschlaf fiel.
Die Hebamme sorgte dann noch dafür, dass er (mein Mann) über
Nacht bei uns bleiben dürfte, da in meinem Zimmer eh noch niemand
außer uns lag. Es war schon ein Uhr und die Fahrt nach Hause
wäre doch relativ lang gewesen. Auch in diesem Bett schlief
mein Mann sofort ein, doch ich konnte kein Auge zumachen, denn da
lag doch wirklich ein kleines Baby neben mir, das ganz echt und
meins war.
Ich werde hier jetzt keinen weiter langweilen, mit meinen hormongetränkten
Gefühlen der ersten Tage.
Nur abschließend zur Entbindung noch so viel: Woran es lag,
dass ich so lange Presswehen hatte, weiß ich nicht. Es war
bestimmt nicht schön. Aber es war sofort vergessen (wirklich!)
und so sehr ich während der Entbindung dachte, ich würde
es nicht überleben, so gut aufgehoben fühlte ich mich
doch auch.
Übrigens habe ich im Nachhinein erfahren, dass ich in einer
anderen Klinik (u.a. der, die ich zunächst ausgesucht hatte)
nach spätestens zwei Stunden einem Notkaiserschnitt unterzogen
worden wäre. Angeblich ist es neben erfahrenem Personal auch
der Kopfschwartenelektrode zu verdanken, weil diese eine eindeutigere
Überprüfung des Kindes ermöglicht und den Ärzten
und Hebammen mehr Sicherheit gibt.
Molly, September 2003 |