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Die Geburt von Annalena
Am 30.11.2001 wurde ich um vier Uhr morgens von einem deutlich
spürbaren Ziehen im Bauch geweckt. Das überraschte mich
erst einmal nicht wirklich, denn ich hatte in den letzten Wochen
viele gut zu merkende Übungs- und/oder Senkwehen gehabt (bei
denen sich mein Mann anfangs nur unter Androhung von Scheidung davon
abhalten ließ, mich sofort ins Krankenhaus zu fahren). Die
Übungswehen hatten mich aber nie geweckt und waren für
diese Tageszeit eher ungewohnt. Mein Bauch wurde also schön
hart, und ich wartete gespannt darauf, wie es weitergehen würde.
An Schlafen war nicht mehr zu denken. Ich war inzwischen 5 Tage
über dem Termin und es so richtig leid. Als es nun ernst zu
werden drohte, war mir allerdings doch etwas feierlich zumute.
Eine Stunde später saß ich in der Badewanne. Schließlich
soll das der ultimative Wehentest sein und siehe da, die Wehen blieben.
Also würde wohl heute unsere Tochter geboren. Ich sah der Dauer
relativ gelassen entgegen, war mein Beckenboden dank des Genusses
von Himbeerblättertee und der Anwendung von Heublumendampfbädern
so weich, geschmeidig und dehnbar wie der schöne Geburtskanal
aus Stoff aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Meine Eröffnungsphase
war durch die Akupunktur bei der Hebamme quasi unabänderbar
aus sich heraus eine verkürzte. Um acht Uhr hatte ich sowieso
einen Arzttermin. Mein Mann blieb direkt zuhause (wir waren in der
komfortablen Situation, auf Abruf ins Wochenbett gehen zu können)
und fuhr mit. Am CTG angeschlossen kehrte natürlich Ruhe ein.
Die Ärztin untersuchte mich noch vaginal, sagte, der Muttermund
sei einen Zentimeter geöffnet und prophezeite mir eine Geburt
für den folgenden Tag. Aber doch nicht bei mir! Ich bin eine
eher flotte Erstgebärende. Es steht ja auch in vielen Büchern:
1 cm pro Stunde. Dann kommt noch die Übergangsphase vor den
Presswehen und - flutsch - nach Adam Riese kommen wir dann auf 12
bis 14 Stunden und damit auf eine Geburt am heutigen Tage. Außerdem
kamen die Wehen durchaus alle 10 bis 15 Minuten und waren nicht
unerträglich, aber immerhin so, dass ich stehen bleiben und
tief atmen musste. Gelassen wehte ich nach Hause.
Leider hatte die Ärztin angeordnet, dass ich mittags in die
Entbindungsklinik sollte, um noch einmal ein CTG zu schreiben. Das
trug zu meiner Begeisterung (aber vor allem zur Begeisterung der
diensthabenden Hebamme) bei. Das CTG schrieb Wehen. Der Muttermund
war 1 cm geöffnet. Wie jetzt? Es lagen doch 9 Stunden hinter
mir! Ich befragte die Hebamme zu ihrer Meinung in bezug auf den
Wehencocktail, denn die Zutaten hatte ich für den Fall des
irgendwann drohenden Wehenbelastungstests bereits eingekauft. Sie
gab grünes Licht dafür.
Um drei Uhr nachmittags trank ich diesen geschmacklich fragwürdigen
Mix und hatte von dem bisschen Sekt darin direkt einen kleinen Schwips.
Die Wehen wurden immer stärker und der Pezzi-Ball leistete
mir gute Dienste. Um 19 Uhr fuhren wir ins Krankenhaus, weil die
Wehen sehr stark und sehr regelmäßig waren. Innerlich
waren wir auf einen Fehlstart eingestellt, ich war nur wegen der
Dauer ein bisschen verunsichert und wollte eben "da unten"
noch mal gucken lassen. Zum Glück lag die Entbindungsklinik
nur wenige Minuten von uns entfernt. The same procedure as every
time, Ergebnis: 2 cm. Ich muss sagen, dass mir das wirklich einen
Dämpfer verpasste, denn ich war eigentlich der Meinung, ein
ganz gutes Körpergefühl zu haben, und - unabhängig
von Büchern und Statistiken: Ich hatte starke, schmerzhafte
Wehen, die nur leider nicht besonders auf den Muttermund zu wirken
schienen. Aber was würde denn dann auf mich zukommen, wenn
sie wirkten? Für so extrem schmerzempfindlich hatte ich mich
gar nicht gehalten. Um 20 Uhr waren wir wieder zuhause, und bereits
um kurz nach zehn blies ich erneut zum Aufbruch. Es war einfach
sehr heftig, und ich fühlte mich zuhause nicht mehr sicher.
Im Krankenhaus angekommen: 3 cm. Es war gerade Schichtwechsel, und
die Nacht-Hebamme bot uns das sogenannte Wehen-Zimmer an, ein sehr
gemütliches Zimmer unmittelbar vor dem Kreißsaal-Bereich
mit einem breiten Bett, Musik, was zu Lesen und auf Wunsch auch
etwas zu Trinken. Allerdings war schien sie nicht sehr begeistert
davon, uns dazubehalten, weil ihr das mit 3 cm schlicht noch zu
früh erschien. In dem Moment galt ich aber lieber als hysterische
Erstgebärende, als noch einmal nach Hause zu fahren. Gegen
Mitternacht wurde dann ausnahmsweise mal wieder ein CTG geschrieben.
Ich hatte starke Schmerzen, wollte aber auf keinen Fall eine PDA
haben (nicht, um den Heldentod zu sterben, sondern weil der Gedanke
an eine lange Hohlnadel, in einer unberechenbaren Wehenpause zwischen
meine Wirbel geschoben, mir entschieden mehr Angst machte als der
an eine Geburt). Die Hebamme bot mir ein Prospan-Zäpfchen an
(ja, richtig: Prospan löst auch Hustenkrämpfe! Die Wirksamkeit
bei Wehen mag man sich leicht vorstellen. Ich glaube, sie wollte
mir einfach einen Placebo verpassen, was ich in Ordnung finde als
kleine Streicheleinheit für die wehende Seele.). Da ich um
einen Einlauf gebeten hatte, wurde das Zäpfchen vertagt. Der
Einlauf kam (mein erster: sehr harmlos! Es fühlt sich einfach
an wie Durchfall.) und anschließend erfolgte erneut eine vaginale
Untersuchung: 5 cm um halb eins nachts. Es stand 1:0 für meine
Gynäkologin.
Die Hebamme fragte, ob ich mir ein Bad zur Entspannung vorstellen
könnte, und ich nickte begeistert, denn ich hatte schon die
halbe Schwangerschaft in der Badewanne verbacht. Es war eine sehr
große Badewanne, und als sie endlich vollgelaufen war, kam
die Übergangsphase. Deren Beginn erwischte mich noch im Wehenzimmer.
Mir wurde vom einen auf den anderen Moment speiübel, und ich
schaffe es gerade noch zum Waschbecken. Gleichzeitig konnte ich
kein Wasser mehr halten, weil ich einen unbeschreiblichen Druck
nach unten (ach?) verspürte. Ich sagte ein kleines Dankgebet
in Sachen Einlauf! Irgendwie schaffte mein Mann es, mich in den
Kreißsaal zu befördern und auszuziehen, denn ich konnte
diese Wehen nur auf den Knien auf dem Boden kauernd aushalten. Im
Kreißsaal wurde ich mal wieder untersucht: Muttermund offen!
Also hatte mich mein Gefühl doch nicht so ganz getrogen, denn
die letzten 5 cm gingen immerhin in nur einer Stunde auf. Gut, dass
ich nicht mehr nach Hause gefahren war.
Irgendwie saß ich dann in der Wanne und wurde gefragt, ob
ich mir eine Wassergeburt vorstellen könnte. Ich konnte und
freute mich sehr darüber, denn Wasser ist mein liebstes Element.
In der Wanne durchlebte ich also die Austreibungsphase und hatte
jedes Zeitgefühl verloren. Die Wehen zu beschreiben ist unmöglich.
Es macht einfach. Mit dem Veratmen hatte ich leider keinerlei Erfolge,
aber in den Wehenpausen ging es mir prächtig. Zu unserem großen
Glück waren wir in einer Vollmondnacht vollkommen alleine mit
der Nacht-Hebamme, die sehr nett und sehr zurückhaltend, aber
immer präsent war. Ja, und irgendwann kam dann der magische
Moment: "Ich kann das Köpfchen sehen! Möchten Sie
fühlen?" sagte die Hebamme. Ich strahlte und fühlte
Annalenas Haare. Der nachtdiensthabende und schlafende Gynäkologe
wurde angerufen. Als der eintrudelte, war leider weiter nichts geschehen,
was seine Stimmung sehr hob. Ich presste und presste und presste...ich
habe nicht gezählt, wie oft, aber sehr oft. Der Arzt schlug
vor, in den Kreißsaal umzuziehen. Ich schob das auf die Tatsache,
dass wir ihn in einer Tiefschlafphase erwischt hatten und wies dieses
Vorhaben ins Reich der Utopien. Er muffelte vor sich hin, dass das
keine Frage der Lust der Mutter sein, sondern eine der Gefahr für
das Kind. Ich bin natürlich kein Profi und habe zugegebenerweise
auch nicht die ganze Zeit konzentriert den Herztönen aus dem
CTG gelauscht, aber eine dramatische Verschlechterung war mir entgangen.
Ich fragte nach weiteren Vorschlägen (in der Wanne rumgeturnt
war ich bereits erfolglos). Die Hebamme schlug vor zu schneiden.
Das war natürlich nicht das, was ich hören wollte, aber
die Hebamme guckte nur bedauernd und die Vorstellung, die Kleine
auf dem Flur zu gebären, weil mich die endgültige Presswehe
vielleicht dort überkommen würde, erschien mir als die
schlechtere Alternative. Und so schnitt die Hebamme unter Wasser
und ich schwöre, der Schmerz fiel im Geburtsgetümmel nicht
weiter auf (das angeblich unangenehme ratschende Geräusch entfiel
wegen Wasser). Prompt kam Annelena. Es war 3.42 Uhr, also 24 Stunden
nach Beginn der Wehen. Sie wurde mir sofort auf den Bauch gelegt
und umschloss den kleinen Finger meines Mannes mit ihrer Hand. Mir
fällt es ganz schwer mich zu erinnern, welche Gefühle
ich hatte. Irgendwie kam es mir so vor, als würde das alles
einer ganz anderen passieren; ich stand ein bisschen außerhalb
des Geschehens. Die erwarteten Tränen der Rührung blieben
aus, aber ich weiß heute noch, wie sich der kleine, weiche
Po von Annalena in meinen Händen anfühlte.
In diesem Krankenhaus bekam man routinemäßig eine Oxytozin-Spritze
für die Nachgeburt; ich hatte schon im Vorfeld beschlossen,
mich deswegen nicht zu streiten (sondern mir das Streiten für
den Umgang mit Annalena aufzuheben, aber das war dann gar nicht
nötig). Allerdings fand ich es dann doch unmöglich, dass
der Arzt kommentarlos meinen Arm abband und die Spritze zückte.
Einer Erwähnung hätte ich es doch für wert gehalten,
und so fragte ich eben nach. Als die Nachgeburt kam, war die Wanne
natürlich ausgelassen und Annalena lag, mit Handtüchern
bedeckt, immer noch auf meinem Bauch. Anschließend musste
ich, was wirklich ein wenig unpraktisch war, in den Kreißsaal
umziehen. So tappte ich dann also, mir Vorlagen zwischen die Beine
haltend, über den Flur und hinterließ wahrscheinlich
eine kleine Spur, aber darum kümmerte ich mich nicht. Im Kreißsaal
bekam ich die Kleine sofort wieder und wurde gleichzeitig genäht
(Der Arzt sagte, es sei alles narkotisiert, aber ich glaube, es
war seine kleine Rache für das Wecken ;-).). Das Nähen
war unangenehm, aber auszuhalten und dank der präzisen Unterwasserarbeit
der Hebamme, ich hatte wirkliche einen Mini-Schnitt, nur eine Sache
von zehn Minuten. Ansonsten lagen wir da in völliger Ruhe und
betrachteten unsere wunderschöne Tochter, die auch sehr wach
zurückguckte. Mit Hilfe der Hebamme legte ich Annalena direkt
an. Um sechs, halb sieben zogen wir wieder ins Wehenzimmer, wo wir
ein schönes Frühstück serviert bekamen. Ich konnte
mich duschen, und als ich zurückkam, schliefen Annalena und
mein Mann aneinander gekuschelt. Um elf Uhr fuhren wir mit unserer
Tochter nach Hause und es begann das Abenteuer Wochenbett.
Im Nachhinein klingt die Dauer von 24 Stunden schlimmer, als es
tatsächlich war. Mehr als die Dauer hat mir zu schaffen gemacht,
dass ich zwischendurch an meinem Körpergefühl sehr gezweifelt
habe. Eine Geburt ist ohne jeden Zweifel schmerzhaft. Aber ich finde,
Annalenas Geburt ist wirklich wundervoll, und vor allem vollkommen
komplikationsfrei, abgelaufen. Und dass ich sie im Wasser gebären
durfte, empfand ich als absolutes Sahnehäubchen. Gerne wieder.
Bianca |