Stillen, Zufüttern und Allergieprophylaxe
von
Maria Laschinger
Wie bekannt haben Schwangere und Stillende einen erhöhten
Energie- und Nährstoffbedarf. Stillende Mütter sollten mindestens 2,5 l am Tag
trinken. Ein besserer Tagesüberblick ergibt sich, wenn die Frau morgens die
Gesamttrinkmenge bereitstellt. Oberstes Gebot ist eine ausgewogene und
abwechslungsreiche Kost. Im Schnitt braucht eine stillende Frau 500 kcal mehr am
Tag.
Ein Zuwenig an Kalzium und Eisen geht auf Kosten der Mutter,
da dies in gleichbleibenden Mengen ans Kind geht. Stillende Mütter sollten also
genug Milch(-produkte), grüne Gemüse, Kräuter, Mandeln, Sonnenblumenkerne und
Nüsse, mageres Fleisch, Hirse, Fenchel, Haferflocken zu sich nehmen. Vitamin C
reiche Nahrung verbessert die Eisenresorption. Auch auf eine ausreichende
Proteinzufuhr ist zu achten (z.B. Ei, mageres Fleisch, Fisch, Vollkorngetreide
wie Quinoa und Amaranth, Kartoffeln). Der Bedarf an Vitaminen ist schon in der
Schwangerschaft doppelt so hoch wie normal und steigt in der Stillzeit noch
einmal an. Auch Mineralstoffe, hochwertige Fette und Kohlehydrate sind sehr
wichtig. Gesunde Mischkost ist zu bevorzugen. Produkte aus intensiv
bewirtschafteter Landwirtschaft und Massentierhaltung zu meiden.
Allergien sind auf dem Vormarsch. An die 25 Mio. Menschen,
darunter immer mehr Säuglinge und Kleinkinder, sind in Deutschland von
allergischen Erkrankungen betroffen. Eine bewusste und konsequente Vorbeugung
kann das Allergierisiko immerhin um ca. die Hälfte in den ersten 5 Lebensjahren
vermindern. Wir Hebammen können durch eine entsprechende Beratung und Aufklärung
während Schwangerschaft und Stillzeit zur Vermeidung allergischer Erkrankungen
bei kleinen Kindern beitragen.
Unsere Nahrung enthält eine große Vielfalt von potentiell
allergenen Stoffen. Verdächtige Lebensmittel sind vor allem:
- Kuhmilch
- Hühnerei
- Obst: Zitrusfrüchte, Stein- und Kernobst,
Bananen, Erdbeeren
- Gemüse: Sellerie, Fenchel, Karotten,
Hülsenfrüchte, Paprika und Tomaten
- Weizen
- Fisch
- Schokolade
- Soja
- Mais
- Nüsse: Erdnüsse, Haselnüsse, Mandeln, Walnüsse,
Cashewnüsse, Paranüsse
- Gewürze und Kräuter: Anis, Kümmel, Fenchelsamen,
Sellerie, Dill, Koriander, Kamille, Schnittlauch, Pfeffer, Thymian, Salbei,
Basilikum, Liebstöckl, Zitronenmelisse
90% der Nahrungsmittelallergien sind auf die ersten 5 Punkte
zurückzuführen. Nach der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel können Beschwerden
wie Durchfall. Blähungen, Erbrechen, Bauchschmerzen, Verstopfung, Nesselfieber,
Ekzem, Augenjucken und Liderschwellungen, Lippenschwellungen, Schnupfen und
Atembeschwerden auftreten. Schwieriger ist es, der Ursache auf den Grund zu
gehen, wenn Beschwerden erst nach Stunden oder Tagen eintreten. Hier hilft
zunächst nur eine genaue Selbstbeobachtung oder Beobachtung des Kinde, um die
allergische Reaktion auf ein bestimmtes Nahrungsmittel zurückzuführen. Am besten
legt man ein Allergietagebuch an, in dem der Nahrungskonsum konsequent
protokolliert wird. Selbstverständlich können auch Haut- und Bluttests
durchgeführt werden, die aber keine 100%ige Sicherheit über den Auslöser geben.
Um das Allergierisiko zu bewerten, muss zunächst die
familiäre Belastung ermittelt werden.
Das Risiko eines Neugeborenen, eine allergische Erkrankung
zu entwickeln, liegt bei
- 5 - 15% kein Familienmitglied allergisch
- 25 - 30% eines der Geschwister allergisch
- 20 - 40% ein Elternteil allergisch
- 40 - 60% beide Elternteile allergisch
- 60 - 80% beide Elternteile allergisch mit
gleicher Manifestation (denselben Symptomen)
Allergie und Atopie
Das Neugeborene wird nicht mit einer Allergie geboren. Die
Allergie wird erst mit der Zeit erworben. Das geschieht vor allem durch einen
wiederholten Kontakt mit den Allergenen und zusätzlichen negativen
Umwelteinflüssen. Der Mehrzahl der Allergiker ist eine Überempfindlichkeit
angeboren, und hier wird auch von Atopie gesprochen. Atopien sind allergische
Überempfindlichkeitsreaktionen, die durch entsprechende Veranlagung in ihrer
Entstehung gefördert werden. Dazu gehören allergisches Asthma bronchiale,
atopische Dermatitis (Neurodermitis), allergische Rhinitis (Heuschnupfen) und
Nahrungsmittelallergien (nicht Milchzuckerunverträglichkeit).
Ihre Merkmale können sein:
- Milchschorf im Säuglingsalter
- doppelte Augenlidfalte
- pelzmützenartiger Haaransatz
- Lichtung der seitlichen Augenbrauenpartien
- auffallend blasse Gesichtsfarbe und Schatten
unter den Augen
- trockene Haut, Empfindlichkeit gegenüber Wolle
- auffallend viele kleine Hautfalten in der
Hautfläche
- negativer Dermographismus: beim Atopiker
verfärbt sich die Haut beim Kratzen mit dem Fingernagel nicht rot, sondern weiß.
Diese Anzeichen sind jedoch nicht in jedem Fall vorhanden
und keinesfalls alle gleichzeitig. Die angeborene Überempfindlichkeit kann ein
ganzes Leben "stumm" bleiben, eine Erkrankung aber auch durch negative
Belastungen ausgelöst werden wie durch:
- Infektionskrankheiten
- Impfungen
- falsche Ernährung (z.B. mit zu viel Süßigkeiten
oder Fertigprodukten bei stillender Frau)
- psychische Belastungen
- Umwelteinflüsse wie Tabakrauch, Hausstaub
Eine atopische Veranlagung sollte schon in der
Frühschwangerschaft bei der Anamnese erfragt werden. Wenn die Mutter aufgrund
einer oder mehrere Nahrungsmittelallergien auf bestimmte Speisen verzichten
muss, ist eine ausgewogene Ernährung besonders wichtig. Eine Rotationsdiät, bei
der die verträglichen Nahrungsmittel in Abständen von drei Tagen abwechselnd
verzehrt werden, schützen Mutter und Kind vor Mangelerscheinungen und beugen
einer Provokation von neuen Allergien vor.
Da es über die Plazenta bei vorbelasteten Müttern zu einer
Sensibilisierung des Ungeborenen kommen kann, muss abgewogen werden, ob es
sinnvoll ist, im letzten Schwangerschaftsdrittel z. B. auf Milch zu verzichten.
Eine Ernährung ohne Eier, Fisch und Milchprodukten kann zu Mangelerscheinungen
führen, wobei eher auf Eier und Milch als auf Fisch verzichtet werden kann. Es
ist vor allem wichtig, dass die Mutter bereits bekannte Nahrungsmittelallergene
strikt meidet. Sollte gegen Milch selbst keine Unverträglichkeit bestehen, so
kann sie in nicht zu großen Mengen verzehrt werden.
Ein Allergie - Anamnesefragebogen ist aussagekräftiger als
die IgE-Bestimmung im Nabelschnurblut. Dies wurde durch wissenschaftliche
Erkenntnisse belegt.
Generell ist Muttermilch das beste Mittel, das
Allergierisiko des Kindes zu senken. Allerdings kann durch ausschließliches
Stillen das Auftreten von Allergien nicht immer verhindert werden.
Empfohlen wird, möglichst 6 Monate ohne zufüttern, besser 8
- 9 Monate zu stillen. Erstens werden durch das Stillen Schutzstoffe übertragen,
die die Ausbildung einer Allergie hemmen, und zweitens wird Kuhmilch vermieden,
welche der häufigste Auslöser einer Neurodermitis im Säuglingsalter ist.
Außerdem sind die Nährstoffe so aufbereitet und "gefiltert".
In allergiebelasteten Familien ist in der Stillzeit eine
abwechslungsreiche Kost besonders wichtig, denn eine einseitige Ernährung kann
zur Sensibilisierung des Säuglings auf diese Nahrungsmittel führen. Die Mütter
sollten hochpotente allergene Nahrungsmittel meiden oder nur in geringen Mengen
zu sich nehmen. Die allergieauslösende Substanz ist immer das Eiweiß, das in
allergisch wirksamer Form in die Muttermilch übergehen kann. Milch ist meist nur
in Form von Trinkmilch allergieauslösend, bei Milchprodukten wie Käse, Joghurt,
Topfen ist das Eiweiß denaturiert, sie können in kleinen Mengen ausgetestet
werden.
Hypoallergene Säuglingsnahrungen haben nur eine sehr geringe
allergene Wirkung, da durch Teilhydrolyse die Eiweißstoffe in Bruchstücke
zerlegt sind. Liegt schon eine Nahrungsmittelallergie bzw. eine
nahrungsmittelbedingte Neurodermitis vor, ist die normale HA-Nahrung nicht
geeignet. Hier muss auf eine Vollhydrolysatnahrung umgestiegen werden.
Es ist ratsam, bei allergiegefährdeten Kindern im ersten
Lebensjahr auf Kuhmilch, Soja, Zitrusfrüchte, Eier, Nüsse, Schokolade,
Schweinefleisch, Weizenmehl und Fisch zu verzichten. Eier, Nüsse und Fisch
sollten auch noch im 2. Lebensjahr gemieden werden.
Die Verwendung von Sojamilch bei vorliegenden allergischen
Reaktionen auf Säuglingsmilchnahrung auf Kuhmilchbasis ist nicht ausschließlich
zu empfehlen. Denn das Sojaprotein wirkt ebenfalls stark allergen. 30 bis 70%
der Kinder, die Kuhmilcheiweiß nicht vertragen, reagieren ebenfalls auf
Sojaeiweiß. Sojamilch sollte immer auf seine Verträglichkeit geprüft werden.
Milch von Ziegen, Schafen oder Stuten ist als Kuhmilchersatz
geeignet, jedoch abgekocht und nicht vor dem 6. Lebensmonat, wenn nicht mehr
ausschließlich Flaschennahrung gefüttert wird. Auch hier gilt die allgemeine
Milcheinführung, d.h. die Milch wird erst als Halb-, dann Dreiviertel- und
schließlich als Vollmilch gereicht. Eine Allergie gegen Kasein ist jedoch
auszuschließen - Kaseinunverträglichkeit ist nicht artspezifisch.
Es ist wichtig, immer nur eine Stillmahlzeiten jeweils im
Abstand von mindestens 3 - 4 Wochen durch einen Brei oder eventuell durch eine
Flasche zu ersetzen. Der kindliche Organismus benötigt ausreichend Zeit, sich an
die neue Kostform zu gewöhnen.
Als erste Grundsatzregel gilt, bei der Umstellung von Brust
oder Flasche keine Gläschenkost zu geben, da diese meist Zusätze wie
Bindemittel, Ascorbinsäure, Honig oder Gewürze enthalten, die zu einer
Sensibilisierung beitragen können. Beikost sollte selbst zubereitet und in
reiner Form verabreicht werden. Eine Anreicherung durch Butter und Öl sollte
zunächst vermieden werden.
Um eine allergische Reaktion sofort erkennen zu können,
sollte jedes Nahrungsmittel in wöchentlichen Abständen in die Ernährung
integriert werden. Weizen sollte besser bis über das erste Lebensjahr hinaus
nicht gegeben werden. Am besten eignen sich glutenfreie Getreidearten wie
Reis/Reisschleim, Maisgrieß, Hirse (ganz, geschrotet oder als Flocken), Amaranth
und Quinoa. Haferflocken sind meist auch gut verträglich.
Verträgliche Obstsorten sind z.B. Birne, Banane oder Melone.
Als Gemüse eignen sich Fenchel, Zucchini, Kohlrabi,
Kartoffeln, Spinat, Broccoli, Karfiol, Topinambur. Tomaten, Paprika und Sellerie
sind nicht geeignet. Häufig entwickelt sich gegen Karotten eine
Unverträglichkeit, vermutlich weil Säuglinge so gut wie täglich damit gefüttert
werden und sich deshalb eine frühzeitige Sensibilisierung herausbilden kann.
Eine Gemüsesorte sollte 5-7 Tage hintereinander gegeben werden. Wenn es sich als
verträglich herausgestellt hat, kann das Gemüse mit einer weiteren erprobten
Sorte gemischt werden. Kartoffeln können auch täglich gegeben werden, bewährte
Obst-, Gemüse- und Getreidesorten sollten nach Einführung konsequent gewechselt
werden.
Quelle:
Maria Laschinger hat auf dem Hebammenkongress in Bremen im
Mai 1998 über Ernährung für Schwangere, Wöchnerinnen und Stillende und
Allergievorbeugung referiert.
Dorothea Rüb hat ihre interessanten Tipps für die
Österreichische Hebammenzeitung, Archiv: 5.Jg, Ausg. 1/99, Feb. 99
zusammengefasst.
Veröffentlicht bei Rabeneltern.org mit freundlicher
Genehmigung der Chefredaktion